Regionales Leben
Was es mit dem Namen des Knast-Hotels auf sich hat

Ex-Häftling «Barabas» kehrt zurück

Kehrt nach 47 Jahren an den Ort seiner Haft zurück: der Aargauer Künstler Hugo Siegrist. (Bild: zvg)

Das Knasthotel «Barabas» in Luzern erhielt seinen Namen durch ein altes Gemälde im Aufenthaltsraum. Wer hinter dem Gemälde – und damit auch dem Hotelnamen – steckte, war unbekannt. Nun wurde der Namensgeber gefunden. Und «kehrt heim».

Wer am Löwengraben in Luzern entlanggeht, kommt unweigerlich am Haus Nummer 18 vorbei. Die vergitterten Fenster zeugen von der einstigen Funktion des Gebäudes: Hier wurden Gefangene inhaftiert. Das historische Zentralgefängnis von Luzern wurde im Jahre 1862 gebaut und war bis ins Jahr 1998 als solches in Betrieb.

In seiner über 130-jährigen Knastgeschichte haben zahlreiche Straftäter die Zellen des Hauses bewohnt. Eingelocht waren hier unter anderem Hochstapler, Betrüger, Drogenhändler, illegale Grenzübergänger. Auch Frauen wurden vereinzelt inhaftiert.

Einer dieser ehemaligen Häftlinge hat sich künstlerisch im Haus verewigt, mit einem Gemälde, das bis heute im Aufenthaltsraum zu sehen ist. Es zeigt, was Inhaftierte an einem solchen Ort am meisten vermissen: Frauen, Luxus und Wein. Unterzeichnet wurde das Bild mit dem Künstlernamen «Barabas».

Die Signatur des Künstlers ist bis heute gut sichtbar.
Die Signatur des Künstlers ist bis heute gut sichtbar. (Bild: zvg)

Aus dem Knast wird ein Hotel

Nach der Schliessung des Gefängnisses wurde hier 1999 das schweizweit erste Knasthotel eröffnet. Wer schon immer wissen wollte, wie es sich in einer Zelle schläft, konnte sich hier diesen Wunsch erfüllen. 2017 ging das Hotel allerdings Konkurs und schloss seine Türen (zentralplus berichtete). Seit 2018 ist es wieder in Betrieb – unter neuer Flagge.

Als das Hotel 2018 vor der Neu-Eröffnung stand, gab es noch eine Frage zu klären: Wie sollte es heissen? Die neuen Betreiber der Knast AG nahmen die Unterschrift auf dem Gemälde als Inspiration. Der Name des neuen Hotels: «Barabas». Da niemand etwas über die wahre Identität des Künstlers wusste, blieb der Name eine mystische Figur. Bis jetzt.

Der «verschollene Sohn» kehrt zurück

Denn diesen Sommer meldete sich ein Mann beim Hotel, der sich als Schwager von «Barabas» vorstellte. Dieser geheimnisvolle«Barabas» lebe nicht weit, heisse eigentlich Hugo Siegrist. Seit er ihn über den neuen Namen des Hotels informiert habe, würde «Barabas» den Ort sehr gerne wieder einmal besuchen.

So kehrte der einstige Häftling nach Luzern zurück. Intensive Emotionen und alte Geschichten waren sofort wieder präsent und das äussert lebendig.

«Von aussen ist das Gebäude immer noch hässlich», sagt Hugo Siegrist (76), als er die Fassade sieht. «Aber was ihr innen daraus gemacht habt, ist gewaltig», lobt er die aktuellen Besitzer.

Siegrist hat gemalt, was seine Mitgefangenen und ihm fehlten: Sehnsüchte. (Bild: zvg)

Ein «Staatsfeind» richtet sich ein

Hugo Siegrist trat seine Haftstrafe 1975 an. Eingebuchtet wurde er wegen Kriegsdienstverweigerung. Drei Monate war er im Löwengraben inhaftiert, «Ferien», wie er es nennt. Schlimm sei es für ihn nicht gewesen, im Gegenteil. «Ich habe schöne Erinnerungen an die Zeit.» Er hat seine Haft gar genutzt, um endlich abnehmen zu können, wie er schmunzelnd erzählt. Zehn Kilo sei er mit einer selbstauferlegten Diät losgeworden, erinnert er sich.

«Das Gemälde habe ich für all die kleinen Gangster hier gemacht.»

Hugo Siegrist, genannt «Barabas»

Den «Morelli» hatte Siegrist trotzdem. Vor allem, als die Zellentür zum ersten Mal hinter ihm zugeschlagen worden sei. Lieb seien die Wärter zu Beginn nämlich nicht gewesen. «Ich war schliesslich ein Staatsfeind», sagt er lachend.

Schnell aber fand sich der Künstler, der schon von klein auf gemalt hat, mit seiner Situation zurecht, gestaltete mit Collagen seine Zelle wohnlicher. Aus seiner Zelle, der Nummer 27, wurde so das Atelier Barabas. Bald bot er dem Direktor an, sein künstlerisches Talent zu nutzen, statt wie die anderen Häftlinge die Arbeitszeit mit Couvert-Kleben zu verbringen. Der Direktor willigte ein. Also malte Siegrist und gestaltete. Im Flur zum Direktorenbüro etwa oder eben im Aufenthaltsraum.

Hugo Siegrist betrachtet das Gemälde, das er 1975 gemalt hat.
«Barabas» betrachtet das Gemälde, das er 1975 gemalt hat. (Bild: zvg)

«Das Gemälde habe ich für all die kleinen Gangster hier gemacht», erinnert er sich, als er nach 47 Jahren wieder vor seiner Schöpfung steht. «Alle, die von Geld, schönen Frauen und Autos geträumt haben.» Leute, die sich nach Freiheit sehnten. Für Leute, wie ihn selber.

Zwischen Schachspielen und Betrügereien

Erinnert er sich an seine Mithäftlinge, fällt ihm gleich der «hochintelligente Professor» ein, den er in einem abendlichen Schachturnier besiegte. Worauf der sprachgewandte «Weltenbürger» fuchsteufelswild geworden sei. Sonst habe es hier auch ein paar «Verrückte» gehabt, ebenso spannende Typen mit interessanten Lebensläufen.

Von Vorschlägen, nach der Haft bei Betrügereien mitzuwirken, wollte Siegrist aber nichts wissen, auch wenn es Angebote in die Richtung gegeben habe. Hugo Siegrist erzählt seine Anekdoten mit viel Schalk und lausbübischem Charme. Er ist nicht nur ein talentierter Maler, an ihm ist auch ein begnadeter Geschichtenerzähler verloren gegangen.

«Dass das Hotel heute Barabas heisst, empfinde ich als Ehre.»

Wenn Siegrist an seine Zeit im Gefängnis zurückdenkt, sind es vor allem Eindrücke, die ihn geprägt haben. Und auch die relative Unbeschwertheit seines Gefängnisalltages, die Gespräche mit den Wärtern, die ihn in der Zelle besucht und mit ihm geplaudert haben. Natürlich war sich Siegrist durchaus bewusst, dass ihm ein paar exklusive Privilegien vergönnt waren, die anderen Gefangenen vorenthalten blieben.

Bei der Besichtigung der Zellen kommen bei Hugo Siegrist viele Erinnerungen hoch.
Bei der Besichtigung der Zellen kommen bei Hugo Siegrist wieder viele Erinnerungen hoch. (Bild: zvg)

Siegrist hat ein unbewusstes Denkmal

Siegrist blieb der Kunst auch nach seiner Haft in Luzern treu, war unter anderem als «Sensations-Maler» aktiv, als Künstler also, der Beschriftungen und Schilder für mobile Kinos, Zirkusse und Chilbis malt. «Ich male das, was die Leute sehen wollen», sagt er in einem SRF-Beitrag vom September 1981. «Autorennen und ein bisschen Sex kommt vor. Wein, Weiber und Gesang», fasst er schmunzelnd zusammen.

Den Beitrag zu Hugo Siegrist gibt's ab Minute 23 zu sehen:

Ein Träumer sei er manchmal schon, nicht immer ganz auf dem Boden. «Ich will die Leute um mich herum fröhlich stimmen», sagt er im Beitrag von 1981 weiter. Das hat Siegrist in der Vergangenheit geschafft – und tut er heute immer noch, wenn man seinen Geschichten lauscht.

Nach 47 Jahren gedanklich und physisch nach Luzern ins einstige Gefängnis zurückzukehren, scheint dem im Aargau lebenden und noch immer als Künstler tätigen Hugo Siegrist Freude zu bereiten. Und ein bisschen Stolz schwingt durchaus mit, wenn er seinen Künstlernamen an der Fassade sieht. «Dass das Hotel heute Barabas heisst, empfinde ich als Ehre.» In den vergangenen Jahren habe er sich zwar überlegt, den «Barabas» als Pseudonym wieder aufleben zu lassen, davon sieht er mittlerweile aber ab.

Denn mit dem Hotel in Luzern wurde ihm – wenn auch unbewusst – bereits ein Denkmal gesetzt.

Verwendete Quellen
  • Interview mit Hugo Sigrist
  • Webseite Hotel Barabas
  • SRF-Beitrag vom 18. September 1981
  • Artikel im «Zofinger Tagblatt» vom 12. Juni 2021
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.