Warum Velos bald geblitzt werden könnten

Dieser Luzerner Platz ist gefährlich für Fussgänger

Auf diesem Platz gibt es gefährliche Situationen am Laufmeter. Auf dem Philipp-Anton-von-Segesser-Platz herrscht teilweise ein Chaos. (Bild: PLu)

Wenn du vor dem Bistro Krienbrüggli dein Feierabendbier geniesst, wird dir einiges geboten. Velos und E-Trottis schiessen über den Platz, kurven irgendwie zwischen den Fussgängerinnen durch. Der Stadt ist die Situation bekannt. Es sind jedoch keine Infrastrukturmassnahmen geplant.

«Am Freitagabend oder Samstag chlöpft es hier richtig viel», berichtet uns ein Gastronom, der fast täglich das Geschehen beim Philipp-Anton-von-Segesser-Platz mitbekommt. «Es ist fast eine Show, bei der du dich fragst, was als Nächstes passieren wird.» Während der Gastronom uns seine Beobachtungen schildert, kommt es immer wieder zu potenziell brenzligen Szenen hinter uns. Meistens seien die Unfälle auf dem Platz zum Glück eher klein. Dass sich jemand wirklich verletzt, kommt eher selten vor. «So einmal pro Monat kracht es ein bisschen mehr.»

Stadt kennt das Problem beim Krienbrüggli

Dass der Philipp-Anton-von-Segesser-Platz tatsächlich nicht ungefährlich ist, weiss auch die Stadt Luzern. zentralplus hat mit Simon Steffen gesprochen. Er ist Sicherheitsbeauftragter Strassenverkehr der Stadt. «Man muss bei dieser Thematik differenzieren. Einerseits wie viele Unfälle tatsächlich geschehen und auf der anderen Seite wie sich die Leute fühlen. Das sind beides wichtige Faktoren.» Polizeilich sind laut Steffen nicht übermässig viele Unfälle von diesem Platz bekannt. «Nichtsdestotrotz ist das subjektive Sicherheitsgefühl ein ganz anderes. Das ist vor allem auf Mischverkehrsflächen ein Problem.» Dieses Unsicherheitsgefühl von vielen Leuten nimmt die Stadt ernst.

Simon Steffen ist Beauftragter für Verkehrssicherheit in der Stadt Luzern. (Bild: azi)

Es ist schon ein komisches Gefühl, auf dem Platz zu stehen und rundherum die Velos und E-Trottis um sich flitzen zu lassen. Es kommt uns vor, als ob nervöse Wespen um uns schwirren. Kein wirklich gutes Gefühl. «Die Geschwindigkeitsdifferenz spielt bei dem unsicheren Gefühl eine Rolle», erklärt der Sicherheitsbeauftragte. Wenn du als Fussgänger stehen bleibst und ein Velo mit 20 Sachen an dir vorbeifährt, macht dies Eindruck. «Auch wenn die 20 Kilometer in der Stunde gar nicht so eine hohe Geschwindigkeit sind.»

Eigentlich wären die Regeln klar. «Die Fussgängerinnen haben in der Begegnungszone gegenüber allen andern Vortritt. Und es gilt Höchstgeschwindigkeit 20.» Wirklich 20 Kilometer in der Stunde schnell fahren darf aber nur, wer mit dieser Geschwindigkeit auch jederzeit den Fussgängern den Vortritt geben kann. Das gilt für Autos, wie auch Velos und Trottis. Bei einer vollen Strasse ist dies unmöglich.

Am Donnerstagnachmittag war der Platz im Verhältnis zum Wochenende nicht stark befahren. Trotzdem gab es immer wieder gefährliche Situationen.

Gefährlich unübersichtlich für schnelle Fahrten

Der Gastronom, welcher seit rund fünf Jahren in der Nähe arbeitet, nennt uns ein weiteres Problem. Wenn beispielsweise ein Reisecar vom Naturmuseum her auf den Platz kommt, rechnen die Fahrer nicht damit, dass jemand von der Rütligasse her kommt. «Es ist einfach zu viel los auf dem Platz.» Die Velofahrer, welche von der Rütligasse her zum Bahnhof fahren, hätten Rechtsvortritt. Wenn diese allerdings mit Tempo auf den Platz schiessen, ist es schwer diese rechtzeitig zu sehen.

Dass die Übersicht ein Problem ist, bestätigt auch Simon Steffen. «Es kommen verschiedene Strassen auf diesem Platz zusammen und die alten Gebäude haben harte Winkel, welche die Sicht verdecken.» Und mit Verkehr muss gerechnet werden. Über den Platz führt eine Hauptroute für den Veloverkehr in der Stadt Luzern. Und nicht zuletzt wird das Velo als Verkehrsmittel immer beliebter (zentralplus berichtete).

Auch wenn die Velos zahlreich um die Fussgänger flitzen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Autos nach wie vor gefährlicher sind. «Von 2021 zehn Jahre zurückgerechnet, hat es in der Stadt Luzern zwischen Velos oder E-Bikes und Fussgängern 51 Unfälle in der Stadt gegeben. In der gleichen Zeitspanne gab es zwischen Autos und Fussgängern 345 Unfälle.» Allerdings werden sehr viele Velo-Unfälle nicht gemeldet. Die Dunkelziffer ist dort dementsprechend hoch.

Auch in der Altstadt sorgen die Velos für rote Köpfe

Nicht nur im Kleinstadt-Quartier kommt es immer wieder zu Konfrontationen zwischen Velos, Trottis und Fussgängern. Auch auf der anderen Reusseite in der Altstadt ist dies seit Jahren ein Thema. Mehrere Velorouten führen quer durch die Luzerner Altstadt und werden auch rege genutzt. Allerdings dürften die Velos nicht einfach überall fahren. Es gibt klare Fahrverbote – theoretisch. So berichtet uns ein Leser, dass er ab und zu am Abend Velofahrer auf der Spreuerbrücke antrifft. Da komme es auch immer wieder zu gefährlichen Szenen mit den Fussgängerinnen. Ausserdem ist die Luzerner Altstadt eine Fussgängerzone. Bedeutet: Es gilt ein Fahrverbot. Fussgängerinnen haben immer Vortritt. Und für alle zugelassenen Ausnahmen gilt Schritttempo als Höchstgeschwindigkeit.

Viele Velofahrer kümmern sich allerdings nicht grossartig um die Regeln. Und das gibt immer wieder zu reden. So wurde dies auch schon mehrfach im Quartierverein Altstadt thematisiert. Erst gerade bei der Generalversammlung des Quartiervereins am 28. Juni wurde Stadtpräsident Beat Züsli mit den Sorgen konfrontiert. Einer der Kritikpunkte an die Stadt war, dass die klaren Verkehrszeichen für Velofahrer fehlen.

Eigentlich sollte es klar sein, wo durchgefahren werden darf und wo nicht. (Grafik: Screenshot Homepage Quartierverein Altstadt)

Die Stadt handelt – und will unter anderem «Velo-Blitzer»

Es gibt viel Handlungsbedarf in der Stadt Luzern. Und diese will auch handeln. In die Hände spielt dem Sicherheitsbeauftragten, dass sich im nationalen Strassenverkehrsrecht etwas seit April 2022 geändert hat. «Seit dann gelten die signalisierten Höchstgeschwindigkeiten auch für Velos, E-Bikes und Co.», sagt Steffen. Das heisst, wer schneller als mit 20 Kilometer pro Stunde beim Krienbrüggli unterwegs ist, kann einen Strafzettel kassieren. Für die Durchsetzung ist jedoch die Polizei zuständig.

Den Philipp-Anton-von-Segesser-Platz baulich anpassen, um die unübersichtlichen Stellen zu eliminieren, geht nicht. Die alten schönen Gebäude in der Klein- oder auch Altstadt müssen also nicht Federn lassen für die Sicherheit. Das sieht beim Xylofonweg anders aus. Eine Initiative will, dass dieser durch bauliche Massnahmen entlastet wird (zentralplus berichtete).

Auch sei eine Kampagne geplant, welche das Miteinander auf der Strasse fördern will. Würden alle Verkehrsteilnehmerinnen Rücksicht nehmen, gäbe es weniger Probleme.

Signalisation der Velorouten in der Altstadt werden überprüft

In der Altstadt wird sich wohl bald etwas ändern. Die Velorouten durch die Altstadt wurden mit dem Gegenvorschlag zur Veloinitiative festgelegt. Sie werden in der Überarbeitung des «Richtplans Veloverkehr» aktuell verfeinert. Auch der Wunsch des Quartiervereins Altstadt nach einer genauen Rechtslage wurde gehört. «Die Signalisation in der Altstadt weist Ungereimtheiten auf. Sie wird überprüft und dann auch bereinigt», sagt der Sicherheitsbeauftragte.

Verwendete Quellen
  • Reportage vor Ort
  • Telefongespräch mit Simon Steffen, Sicherheitsbeauftragter Strassenverkehr Stadt Luzern
  • Newsletter Quartierverein Altstadt zur GV vom 28. Juni
  • Leserreporter

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6 Kommentare
  • Profilfoto von Adaff
    Adaff, 13.07.2022, 10:39 Uhr

    Ich bin selbst Velofahrer und bin mit einigen Kommentaren hier einverstanden, dass mehr Velofahrer für ihr gefährliches Verhalten sollten geahndet werden.
    Wenn ich von Kriens in die Stadt fahre und auf der 30-er-Strecke von E-Bikes überholt werde, die wohl 40 und drüber fahren, dann läuft da etwas falsch. E-Biker, die umsverrecken immer am Limit dessen fahren müssen, was ihr E-Bike hergibt, ist gefährlich für sämtliche Beteiligte.
    Am beschriebenen Platz fahre ich immer Schritttempo (lese «Schlendertempo»), damit ich keine Fussgänger verunsichere und selbst nicht von einem Auto erfasst werden kann, dass mit 30 km/h von rechts oder links über den Platz «brettert», weil bei diesem Platz ist 30 schon richtig waghalsig!
    Ich weiss, dass Schilderwälder gerade nicht hoch im Kurs sind, aber vier Schilder mitten auf der Strasse von jeder Seite her mit Aufschrift «Schritttempo» wären eine kostengünstige und effektive Methode, um nicht nur Unfälle, sondern sogar brenzlige Situationen zu entschärfen.

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  • Profilfoto von Rosa Luxemburg
    Rosa Luxemburg, 12.07.2022, 10:59 Uhr

    Fahre praktisch täglich über die Kreuzung und ja, sie ist wirklich gefährlich. Für mich als Velofahrer heisst’s Tempo reduzieren, Augenkontakt suchen und eine Portion Gemütlichkeit mitbringen.

    Das Problem liegt daran, dass es praktisch keine alternative Route gibt. D.h. wenn ich von der Bruchstrasse in Richtung Bahnhof oder Neustadt fahren möchte, muss ich wohl über diese Kreuzung.

    Biege ich ab in Richtung Kesselturm-Parkhaus und möchte von der Burgerstrasse auf den Hirschengraben abbiegen, stosse ich auf ein Verkehrsproblem. Es besteht leider nicht die Möglichkeit (ohne den Verstoss von Verkehrsregeln) auf der Burgerstrasse rechts abzubiegen. Ich muss entweder über das Troitoir fahren/stossen oder auf einer vielbefahrenen Einbahnstrasse kurz durchradeln. Beides ungünstig, unschön und gewährlich.

    Die Konsequenz davon ist, dass die Route hinter der Frankziskaner-Kirche gewählt wird, welche wieder sehr ungünstig für Velofahrer und Fussgänger ist. Hier kreuzen sich beide auf engem Raum, welcher nicht für Fahrräder gemacht ist.

    Das Problem liegt also weniger an der Kreuzung selbst – die könnte wohl entlastet werden, wenn die Velorouten als solche auch geplant würden. Das Velo muss sich in Luzern noch immer einen Platz finden und das sorgt für Zank mit Fussgängern und Autofahrern. Insbesondere die Fussgänger und Velofahrer teilen aber die Interessen. Die Stadt ist zu sehr auf das Auto ausgelegt und die Konsequenz zeigt sich in solchen Beispielen.

    Weiteres Beispiel von heute Morgen – bzw. von zentralplus ebenfalls aufgegriffen. Die vielbefahrere Veloroute geht weiter in Richtung Bahnhof. Auch hier ist’s eng und schlecht geplant. Hinzu kommt der Wochenmarkt, welcher 2x wöchentlich die Pendlerroute lahmlegt. Meiner Meinung nach wäre das ganz okay, wenn es sinnvolle Alternativ-Routen gäbe.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Autofahrer und -lobby eine derartige Sperre auf einer Autostrasse akzeptieren würde. Stellen Sie sich vor, die Zentralstrasse würde 2x pro Woche gesperrt für den Wochenmarkt …

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    Kommentarschreiber, 08.07.2022, 08:55 Uhr

    Der überbordende und alles andere im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite drängende MIV ist das Problem, nicht der Langsamverkehr (LV). Fakt ist, dass der LV in den letzte Jahren massiv zugenommen hat und jetzt selbstverständlich seinen Anspruch und sein Recht auf mehr Verkehrsfläche fordert. Natürlich findet er keinen Platz, da der MIV praktisch die ganze Stadt besetzt hält, abgesegnet durch die seit Jahrzehnten praktizierte Verkehrs- und Städtebauplanung. Logisch kommen sich Velo- und der Fussverkehr in den Weg, die müssen sich ja die restliche noch verbleibende marginale Verkehrsfläche untereinander aufteilen. Natürlich freuen sich am Ende die MIV-Fetischisten, wenn sich der Langsamverkehr gegenseitig beschuldigt und sich konkurrenziert. Darum müssen sich die Teilnehmenden des LV für mehr Verkehrsfläche auf Kosten des MIV einsetzen, anstatt sich gegenseitig zu zerfleischen. Und at last but not least muss sich selbstverständlich auch der LV an die Verkehrsregeln halten, was vermutlich mit mehr Verkehrsfläche einfacher wird, da der LV getrennt werden könnte.

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  • Profilfoto von PSCHT
    PSCHT, 07.07.2022, 23:22 Uhr

    Und dieser enorme Gestank und der Lärm kommen nebst all dem Stau auch noch dazu. Echt nervig.

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  • Profilfoto von Daniel Steiner
    Daniel Steiner, 07.07.2022, 18:50 Uhr

    Was nützen Schilder und Kampagnen. Velofahrer scheren sich seit jeher um Fahrverbote und Regeln

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  • Profilfoto von Hegard
    Hegard, 07.07.2022, 17:23 Uhr

    Ein Wunder???
    Es ist schon lange überfällig, dass verkehrswidrige Velofahrer konsequent gebüsst werden, aber in der ganzen Stadt. NIcht nur in einem Quartier

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