Regionales Leben

Alten Resten eine Chance
Die Fasnachtsromantik der frühen Morgenstunden

  • Lesezeit: 3 min
  • Kommentare: 5
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«Alte Resten eine Chance» – der Song zum Morgen nach dem Güdismontag. (Bild: ber)

Der Duft von Holdrio liegt noch in der Luft, als sich unsere Autorin auf den Weg ins Büro macht. Beobachtungen einer Luzernerin, die im Herzen eine Fasnächtlerin ist, am Güdismontag aber zu Hause blieb.

Der Morgen nach der hat einen besonderen Zauber. Es ist so still, dass es einem fast laut vorkommt. Als wären alle Töne und Geräusche durch die Trompeten, Pauken und Trommeln der letzten Nacht aufgebraucht worden. Die Ohren fühlen sich taub an. Die Strassen sind leergefegt, nur noch vereinzelt sind die Spuren der Ausgelassenheit liegengeblieben. Zwischen den Häusern der Altstadt macht sich eine Leere breit. Und Ernüchterung.

Die Nacht liegt hinter uns. Was würden diese Mauern erzählen, wenn sie sprechen könnten? Geschichten von Euphorie, dramatischen Eifersuchtsszenen, wilden Tänzen, vorsichtigen Annäherungen, sehnsüchtigen Blicken. Ich laufe dem Rathausquai entlang bis unter die Egg, wo sich vor wenigen Stunden noch die Fasnächtler durch die Menschenmassen drückten und die Guuggenmusigen schränzten. Es fühlt sich unwirklich an.

Eine Seeräuberin tanzt mit dem schwarzen Kater

Da ist plötzlich eine Melodie zu hören. Der kalte Wind trägt sie über die Reuss. Neugierig laufe ich über den Rathaussteg. Wo kommt sie her, diese letzte Erinnerung an den Güdismontag? Vor der Jesuitenkirche sind sie. Die letzten Fasnächtler. Sie machen die Nacht zum Tag – oder vielleicht gingen sie auch irgendwie vergessen.

Sie liegen sich in den Armen. Eine Seeräuberin und ein schwarzer Kater. Tanzen oder eher Schwanken zur Melodie, als gäbe es kein Morgen, niemanden ausser sie selbst, keinen Krieg und keine Sorgen. Sie stehen inmitten der Müllberge, als hätten sie einen Hurrikan überlebt. Ein Moment, der sich wie ein Stück ewige Glückseligkeit anfühlen muss.

Da haben sich zwei einsame Herzen gefunden. Ich muss lächeln. Eine Melodie fliegt mir zu. Übertönt in meinem Kopf «Hollywood Hills» von Sunrise Avenue, das aus den Boxen dröhnt. Es ist das Lied «Alten Resten eine Chance» von Element of Crime, das in meinen Kopf schleicht, während ich über die Rütligasse zum Büro laufe.

Vielleicht wird dieser Morgen
Ja doch noch irgendwie charmant
Der Lack ist bei uns beiden zwar schon ab
Doch alten Resten eine Chance, mal sehen, ob es noch klappt
Und was nützt das viele Leiden, wenn man sich nicht auch vergnügt
Die Sünden wiegen schwer, doch begehen kann man nie genug

Die Zeilen gehen mir durch den Kopf, während ich an die Piratin und ihren Kater denke. Sie werden irgendwann in den nächsten Stunden zusammen in die Kissen sinken. Und dann wieder aufwachen als die kaufmännische Angestellte und der Steuerberater, die sie eigentlich sind. Die Romantik verflogen. Die Ernüchterung gross.

Aber, wer weiss … Es soll so manche grosse Liebe an der Luzerner Fasnacht ihren Anfang genommen haben. Vielleicht wird es ja was mit den beiden. Alten Resten eine Chance, würd ich meinen.

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  • Weg zur Arbeit
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5 Kommentare
  1. bürger der stadt luzern, 01.03.2022, 16:10 Uhr

    müll? was für ein müll? gehen sie mal am aschermittwoch rund um das regierungsgebäude das kantons luzern – da können sie vom boden essen, alles blitzblank sauber – wir wollen ja nicht, dass die obrigkeit noch ein konfetti ins gebäude, geschweige denn nach hause bringt… aber das BESTE – es ist von denen eh keiner am mittwoch am arbeitsplatz… ouw, wieder so ein wort ARBEITSsplatz… einfach nicht am platz… sind sie, die gewählte obrigkeit… aber es war ja auch streng, das befohlene lustigsein…

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  2. Michel von der Schwand, 01.03.2022, 13:16 Uhr

    Und plötzlich sind die besoffenen, torkelnden Quartalskiffer romantisch. Selbst der Müll in den Gassen soll es sein. Was für eine Wahrnehmung! Solcher Nonsens führt weiter dazu, dass die Stadt während der Fasnacht zur Begegnungszone feierwütender Quartalssäufer, «Chelbi-Esle» und Trance-Dance-Fetischisten wird. Nicht mehr meine Fasnacht.

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  3. Zunft Meischter, 01.03.2022, 10:25 Uhr

    An der Fasnacht finden mehr Lieben ihr Ende als ihren Anfang!

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  4. Brigitte, 01.03.2022, 09:41 Uhr

    Wer morgens mit dem Velo zur Arbeit fährt, findet die Scherben nicht so romantisch. Schon witzig: das ganze Jahr über wird Litterung verurteilt aber an der Fasnacht ist es ok?

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    1. Sarah Hamerich, 01.03.2022, 14:15 Uhr

      Ob man Fasnacht mag oder nicht.
      Ein schöner Vergleich mit einem wunderbaren Lied. 🙂

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