Regionales Leben
Baukultur: Quo vadis Luzerner Theater?

«Nur die Fassade zu erhalten, das wird nicht reichen»

Blick auf die Nord- und die Westfassade des Luzerner Theaters von der anderen Seite der Reuss. (Bild: uus)

Damit das Stadtleben im und um das Theater nicht einschläft, ist ein Neubau und eine Neugestaltung des Theaterplatzes notwendig. Davon ist Dieter Geissbühler überzeugt. Der Experte für Baukultur ist zudem zuversichtlich, dass sich eine optimale Lösung – auch ein Neubau – gegen juristische Widerstände durchsetzen lässt.

Die Luzerner haben schon einmal bewiesen, dass es geht: Im Jahr 1998 eröffneten die Berliner Philharmoniker das KKL. Und dies, obwohl für den Bau von Jean Nouvel das alte Kunstmuseum abgerissen werden musste, das unter Denkmalschutz stand.

Das KKL durfte entstehen, weil vor Gericht deutlich gemacht werden konnte, dass der Mehrwert eines Neubaus grösser ist als der Erhalt des alten Gebäudes. Den Argumenten des Denkmalschutzes könne man entgegengetreten, indem dem man die baukulturellen Werte hervorhebt, sagt Dieter Geissbühler, der an der Hochschule Luzern lehrt.

Dieter Geissbühler. (Bild: zvg) (Bild: )

zentralplus: Dieter Geissbühler, was heisst eigentlich «Baukultur»?

Dieter Geissbühler: Baukultur ist ein offener Begriff. Er meint, die heutigen Ansprüche an die Nutzung des Ortes oder eines Objektes gleich hoch zu gewichten, wie den historischen Wert. Beim Luzerner Theater prallen zwei Sachen aufeinander: Das klassizistische Theatergebäude – dessen historischer Wert nicht unumstritten ist – und die Ansprüche an ein zeitgenössisches Theater.

zentralplus: Von der juristischen Seite her betrachtet scheint ein Abriss des Luzerner Theaters unrealistisch. Zurzeit steht ein Teilabriss im Raum, wenn die «ortsprägende» Nordfassade erhalten würde. Was halten Sie von einem solchen Kompromiss?

Geissbühler: Aus heutiger, baukultureller Sicht, kann ich mir nicht vorstellen, dass der Erhalt einer Fassade reichen wird. Dann würde es wohl eher um den integralen Erhalt gehen: Um die gleiche Struktur, auf die man neu reagieren kann. Alles andere wäre oberflächlich. Zudem ist die Nordfassade vielleicht für das Stadtbild, nicht aber für das Theater die wichtigste – sondern die der Jesuitenkirche zugewandte Westfassade, mit dem Eingang. Doch die steht wiederum einer möglichen Erweiterung gegen die Jesuitenkirche im Weg. Generell gesprochen: Nur einzelne Teile zu belassen, enstpricht nicht der heutigen Haltung von Denkmalpflege und Baukultur.

«Es kann immer noch einem Architekten eine geniale Lösung gelingen, wie der aktuelle Bau erhalten werden kann.»

zentralplus: Wie sieht die Ausgangslage aus?

Die Testplanung unter dem vormaligen Leiter des Theaters hat gezeigt, dass es mit einer Erweiterung gegen Westen nicht getan ist. Wir hätten dann einfach eine Verdoppelung der Räume. Gemessen an den heute formulierten Erwartungen des Theaterbetriebs wird es aber so extrem schwierig, den Ansprüchen gerecht zu werden. Das ist eine schwierige Ausgangslage.

zentralplus: Was spricht aus Ihrer Sicht für den Erhalt oder die Aushöhlung des Gebäudes?

Geissbühler: Wie gesagt, der historische Wert des Gebäudes ist nicht unumstritten, aber diese Einschätzung müssen die Fachleute machen. Es ist nur ein Wert, bei dem es um die städtebauliche Einordnung geht.

Für das Theater wichtiger als die «ortsprägende» Nordfassade: die dem Platz zugewandte Westfassade. (Bild: uus) (Bild: )

zentralplus: Im Gespräch entsteht der Eindruck, dass Sie nicht so sehr an diesem Gebäude hängen. Mal abgesehen von den juristischen Hürden: Was spricht denn baukulturell für einen Abriss?

Geissbühler: Die Einsicht, dass ein gut funktionierendes Theater durch den Erhalt von Teilen oder des ganzen Theaters nicht zu einer vollständig befriedigenden Lösung führt. Der Erhalt des Gebäudes hätte meiner Ansicht nach ein anderes Theater zur Folge, allenfalls mit einem kleineren Betrieb. Diese Diskussion scheint jedoch erledigt. Nur durch einen Abriss kann wohl genügend Raum geschaffen werden für eine optimale Lösung.

«Das Theater ist ein Brennpunkt für lokales Leben – und nicht bloss eine Touristenattraktion.»

zentralplus: Aus juristischer Sicht scheint aber nun gerade das unrealistisch. Wie kann man da nun mit baukulturellen Argumenten dagegenhalten?

Geissbühler: Zunächst: Auch baukulturell hat der Denkmalschutz einen hohen Stellenwert. Den gilt es zu berücksichtigen und entsprechend zu gewichten. Gleichzeitig geht es um einen grossen Eingriff in die Stadt. Das Theater ist ein wichtiger städtebaulicher Baustein. Er soll im Zentrum bleiben – das scheint klar. Das macht die Ausgangslage wieder interessant. Aber man sollte aus meiner Sicht das Ganze anschauen, bevor man Lösungen – wie einen Neubau – ausschliesst.

zentralplus: Inwiefern sollte man «das Ganze» anschauen?

Bei der städtebaulichen Komponente geht es stark auch um den Raum um das Gebäude herum. Das Theater selbst soll ein Gebäude sein, das die Stadt belebt. Das gilt auch für den Freiraum vor dem Gebäude. Das muss heutige Baukultur eben auch liefern. Das zeigt die bisherige Planung auf.

Der Zugang über die Buobematt erschliesst den Theaterplatz nicht in idealer Weise. (Bild: uus) (Bild: )

zentralplus: Sprechen wir doch über den Theaterplatz.

Der Theaterplatz wird seit Jahrzehnten nicht wirklich öffentlich genutzt. Früher war das Areal anders bebaut – teils ganz oder fast bis an die Jesuitenkirche heran. Es ist auch eine Haltung, ob die Jesuitenkirche im Stadtbild freigestellt oder integriert ist. Man könnte auch darüber reden, ob das ganze Gebäude gedreht werden soll. Heute ist der Zugang zum Platz via die Buobenmatt. Allenfalls wäre es interessanter, den Platz und das Gebäude vor der Brücke zu gestalten, mit einem Zugang über den Theatersteg.

zentralplus: Was schlagen Sie vor?

Die Varianten möglichst rasch in einem Wettbewerb ausarbeiten zu lassen. Das würde die Möglichkeiten aufzeigen. Es kann dabei immer noch einem Architekten eine geniale Lösung gelingen, wie der aktuelle Bau zu erhalten sei. Dass sich ein solches Vorgehen lohnt, das hat Luzern mit dem KKL ja schon einmal bewiesen.

zentralplus: Ortsprägend würde natürlich auch ein allfälliger Neubau sein. Können Sie sich dabei eine «neue Prägung» vorstellen oder soll ein Neubau sich in das bestehende Stadtbild einfügen?

Geissbühler: Ich habe im Rahmen eines Projekts an der Hochschule eine Arbeit betreut, die ohne Einschränkungen ein neues Theater gestaltete. Der Studierende liess das Theater in die Höhe wachsen. Es hat sich gezeigt dass eine solche starke Veränderung möglich ist. Aber ich glaube nicht, dass ein solches Projekt politisch Chancen hat. Was nun gefragt ist, sind zielbringende Lösungen. Entscheidend scheint mir, wie gross der Theaterplatz sein muss – oder kann, damit der öffentliche Raum funktioniert.

Das Modell des Luzerner Architekturstudenten Anthony Frank. (Bild: aus der Architekturzeitschrift «Karton»)

zentralplus: Die Diskussionen um das Theater werden zwar geführt, scheinen aber immer noch ergebnisoffen. Die Situation ist komplex. Denken Sie, es ist realistisch, dass Luzern spätestens 2025 ein neues Theater baut?

Wenn Sie 2030 gesagt hätten, würde ich sagen: Ja. Ich hoffe, dass es im Prozess weitergeht und dass man auch etwas wagt. Es ist enorm wichtig für die Stadt, an dieser Stelle den Raum mit einer solch wichtigen Funktion zu nutzen. Die Gefahr besteht, dass der Ort nur noch tagsüber genutzt wird. Dabei ist das Theater ein Brennpunkt für lokales Leben – und nicht bloss eine Touristenattraktion. Ich bin überzeugt, dass man im Diskurs eine gemeinsame Lösung schafft. Dann könnte man diese gemeinsame Position auch gegen juristische Einwände vertreten – und wohl durchsetzen.

Die Skyline am (linken) Reussufer ist geprägt durch die Jesuitenkirche. Das Stadttheater fügt sich unauffällig ein. Dazwischen klafft auch städtebaulich gesehen eine Lücke. (Bild: uus) (Bild: )
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