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Rassismus im Polizeikorps? Das unternimmt die Luzerner Polizei dagegen
  • Gesellschaft
Polizeikommandant Adi Achermann legt grossen Wert auf Weiterbildungen im interkulturellen Bereich. (Bild: bic)

Ausbildung wird angepasst Rassismus im Polizeikorps? Das unternimmt die Luzerner Polizei dagegen

5 min Lesezeit 6 Kommentare 26.06.2020, 14:51 Uhr

Die Luzerner Polizei will sensibler werden im Umgang mit anderen Kulturen. Dafür schafft sie eine neue Stelle ­– und stellt die Ausbildung von Polizeianwärtern um. Ein Augenschein vor Ort zeigt aber: auch im Umgang mit Frauen bestünde Nachholbedarf.

Polizeikommandant Adi Achermann redet nicht lange um den heissen Brei herum. «Sind auch Polizisten in der Schweiz Rassisten? Diese Frage wird im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd rege diskutiert. Es ist also genau der richtige Zeitpunkt, um über Mitarbeiterkompetenz zu sprechen.»

Achermann spricht an diesem Freitag an einer Medienkonferenz zum Thema Aus- und Weiterbildungen bei der Luzerner Polizei. Ein Bild aus der Rekrutierungskampagne hat kurz zuvor für einiges Aufsehen gesorgt. Darauf ist zu sehen, wie eine Polizistin und ein Polizist einen Mann zu Boden drücken. Es erinnert entfernt an die Festnahme, bei der George Floyd sein Leben verlor – und hat entsprechende Reaktionen ausgelöst (zentralplus berichtete).

«Wir haben das Bild aus Respekt gegenüber George Floyd vom Netz genommen», sagt Adi Achermann. Mit der Forderung, dass die Luzerner Polizei im Umgang mit anderen Kulturen sensibler werden müsse, hätten die Kritiker offene Türen eingerannt.

Die Luzerner Polizei geriet wegen einer Szene in ihrem Rekrutierungsvideo in Kritik.

Schulungen im Umgang mit fremden Kulturen

Seit 2016 seien Mitarbeiterkompetenzen und Kultur Dauerthemen, die man gezielt angehe. «Wir haben die Aus- und Weiterbildungen seither massiv verstärkt. 5,5 Prozent der Arbeitszeit verbringen unsere Mitarbeitenden in Weiterbildungen», so Achermann.

Zusätzlich hat Achermann eine neue Stelle geschaffen, die er «Brückenbauer» nennt. Die Aufgabe: Extremismus-Prävention und die Förderung von interkulturellen Kompetenzen innerhalb des Korps. Die Stelle wird im November besetzt. «Wir arbeiten also intensiv an diesen Themen», versichert Achermann.

Alljährlicher Fehlerrapport – um dazuzulernen

Das Jahresziel 2019 für die Mitarbeitenden war die Verbesserung der Fehlerkultur. Dazu gehört unter anderem, dass Adi Achermann einmal im Jahr vor allen Mitarbeitern ein Referat hält. «Wir machen eine Rückschau auf alle Strafverfahren und Beschwerden, die im Laufe des Jahres gegen uns eingegangen sind. Wir streichen die heiklen Fälle raus und lernen daraus, worauf wir achten müssen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.»

Entscheidend sei in Bezug auf die Sozialkompetenz, welche Leute man überhaupt ins Korps hole. «Wir legen in diesem Zusammenhang grossen Wert auf die psychische Belastbarkeit. Wer Polizist werden will, muss eine ausgeglichene Person sein – damit man bei einem schwierigen Kundenkontakt nicht überreagiert. Und das testen wir bewusst vorher.»

«Wenn bei der Rekrutierung einer sagt, er habe Freude an der Machtausübung, dann fliegt er gleich raus.»

Polizeikommandant Adi Achermann

Am Ende des Rekrutierungsprozesses sitzt Adi Achermann persönlich mit den Interessenten zusammen. «Der Umgang mit Gewalt und Macht ist in diesem Gespräch immer ein Thema. Wenn man eine Uniform trägt, ist man Vertreter der Staatsmacht. Den Umgang damit diskutieren wir in der Runde. Und wenn da einer sagt, er habe Freude an der Machtausübung, dann fliegt er gleich raus.»

In der Ausbildung sind interkulturelle Kompetenzen bereits im ersten Jahr Thema – genau wie Menschenrechte, Ethik und Polizeipsychologie. Im zweiten Jahr werden die neuen Polizistinnen dann bereits im Verkehrs- und Sicherheitsdienst eingesetzt. Dabei haben sie einen Praxisbetreuer an der Seite, der mit ihnen die Fälle und Einsätze im Nachgang bespricht.

Das Ziel: Eine Verbesserung der Kultur

Neu werden die angehenden Polizistinnen im zweiten Jahr nicht mehr auf den ganzen Kanton verteilt. Sie arbeiten künftig alle in einer zentralen Ausbildungsformation an der Reusseggstrasse in Luzern. «Aufgrund der dezentralen Standorte hatten wir es vorher schwer, eine einheitliche Ausbildung und eine einheitliche Kultur zu gewährleisten», erklärt Kilian Arnold, Leiter Aus- und Weiterbildung.

«Wir haben durchaus Mitarbeitende mit Migrationshintergrund in unserem Korps – und das bewährt sich wunderbar.»

Personalchef Martin Jossen

Neu stellt das Kommando also sicher, dass die neuen Polizisten wirklich in seinem Sinne auf ihren künftigen Beruf vorbereitet werden – den einzelnen Polizeiposten im Kanton werden diese Aufgaben entzogen. Die speziell geschulten Praxisbetreuer werden zudem neu von drei Mentoren unterstützt.

Mehr Diversität innerhalb der Korps gefordert

Während die Ausbildung auf März 2021 nun angepasst wird, bleibt bei der Rekrutierung alles wie bisher. Könnte da etwas mehr Diversität nicht auch dazu beitragen, die kulturellen Kompetenzen innerhalb des Korps zu verbessern? SP und Grüne sind davon jedenfalls überzeugt. Sie fordern in einem Postulat, dass künftig auch Ausländerinnen mit C-Ausweis Polizistinnen werden dürfen (zentralplus berichtete).

«Wir haben durchaus Interessenten mit einer Niederlassungsbewilligung, die gerne Polizisten werden würden. Bisher ist es aber so, dass sie das Schweizer Bürgerrecht haben müssen, um die Ausbildung absolvieren zu können», erklärt Personalchef Martin Jossen, der für die Rekrutierung verantwortlich ist. «Wir haben aber durchaus Mitarbeitende mit Migrationshintergrund in unserem Korps – und das bewährt sich wunderbar.»

Blöde Sprüche hängen an der Wand

Auffallend ist, dass der Frauenanteil bei der Luzerner Polizei mit 25 Prozent weit entfernt ist von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis.

Mit einer Werbekampagne gezielt Frauen anzusprechen, ist gemäss Jossen derzeit aber keine Option. «Wir richten uns bewusst an ein breites Publikum», sagt er dazu.

Ob sich die vereinzelten Polizistinnen in der Männerdomäne wohlfühlen? Einfach scheint ihr Stand jedenfalls nicht zu sein. Das zeigt sich bei einer Führung durch das Gebäude des neuen Ausbildungszentrums. Im Business-Hub, wo das Material der Luzerner Polizei gelagert wird, hängt für alle sichtbar ein selbstgebasteltes Plakat. «Schatz, warum hängst du unser Hochzeitsfoto zu den Jagdtrophäen? – Weil das der grösste Bock war, den ich je geschossen habe!», ist darauf zu lesen.

Nur ein doofer Spruch – vielleicht nicht sexistisch, aber sicherlich nicht angebracht.

Wer das liest, kann sich denken, was für Sprüche sich Luzerner Polizistinnen von ihren Arbeitskollegen im Alltag anhören dürfen. Im Umgang mit Frauen scheint es also ebenfalls Verbesserungspotenzial zu geben. Zumindest irritiert ein solches Plakat an einem Arbeitsplatz in der öffentlichen Verwaltung, wenn sich auch Frauen wohlfühlen sollen.

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6 Kommentare
  1. Peter Lehmann, 27.06.2020, 10:30 Uhr

    Ich habe mir jetzt wirklich, wirklich Mühe gegeben, bei diesem Spruch einen Funken Sexismus, Frauenfeindlichkeit, oder sonst etwas Anstössiges zu suchen. Wirklich, ich habe mir Mühe gegeben! Ja finde auch, dass bei diesen Themen Fingerspitzengefühl und Selbstreflexion unbedingt nötig sind. Aber bei diesem Spruch? Hä? Goht’s no?
    Sorry, solche Anschuldigungen sind kontraproduktiv und einfach nur Effekthascherei, wenn man ansonsten keine Argumente findet. Da macht die angesprochene „Zielgruppe“ ja gleich alle Schotten dicht und verweigert künftig jegliche Konversation zu einem wichtigen Thema!

    1. Peter Bitterli, 27.06.2020, 15:16 Uhr

      Ich habe der Frau Berger den Witz breitestens erklärt, auch die Funktion eines Witzes an sich und das Nichtvorhandensein irgendwelcher Restbestände von „Sexismus“ in speziell diesem Exemplar. Der Post wurde gelöscht. Und muss es trösten, dass Frau Berger die Sache wohl verstanden hat. So geht Aufklärung.

  2. Peter Bitterli, 26.06.2020, 18:13 Uhr

    Schauen Sie, wenn in einer freien Gesellschaft jemand an einem nichtöffentlichen Ort, der nur von einer geschlossenen Gruppe frequentiert wird, einen wie auch immer gearteten Spruch dort hinhängt, wo jedes Mitglied der Gruppe etwas hinhängen oder auch wieder wegnehmen kann, dann muss der Betrachter von aussen davon ausgehen, dass der Spruch von keinem Mitglied in so einem Mass nicht goutiert wurde, dass er oder sie ihn hätte entfernen wollen, was ja ohne weiteres möglich wäre.
    Schauen Sie, wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als Fotografin oder Schreiberin zur Besichtigung anlässlich der Neueröffnung eines Ortes eingeladen werden, so verbietet es eigentlich schon der Persönlichkeitsschutz, anschliessend Bilder und Texte in ausschliesslich denunziatorischer Absicht und darüber hinaus in reiner Spekulation betreffend des Zusammenhangs zu publizieren.
    Schauen Sie, es wäre der Freiheit in unserer zum Glück im Wesentlichen immer noch freien Gesellschaft sehr gedient, wenn es weniger Menschen darin gäbe, die sich ununterbrochen berufen fühlen, sich stellvertretend für andere Individuen oder ganze Gruppen zu empören, betroffen zu fühlen, beleidigt zu sein, den Opferstatus zu reklamieren. Offenbar ist Ihr Eindruck, dass es sich bei den 25% weiblichen Mitgliedern der Luzerner Polizei um schwache, erniedrigte und beleidigte (Achtung: Zitat) Personen handelt, die nur darauf gewartet haben, dass sich eine Schreibende endlich ihrer annimmt, auf dass ihr Anteil in Zukunft wachse.

  3. Peter Bitterli, 26.06.2020, 16:34 Uhr

    Im Ernst: Die Polizei hat sich in keiner Art und Weise zu hintersinnen oder zu rechtfertigen. Sie ist im Gegenteil vor derlei denunziatorischen, inquisitorischen, heuchlerischen, moralinsauer-überheblichen, infamen Vorwürfen, Unterstellungen und Rabulistiken zu schützen. Gewählte Politikerinnen und Politiker hätten hier aufzutreten und ihre Angestellten zu verteidigen. Oder zurückzutreten.

    1. Silvan Studer, 26.06.2020, 17:10 Uhr

      Herr Bitterli, ich sehe das ganz genau so wie Sie.

    2. olga von der wolga, 26.06.2020, 17:58 Uhr

      ach peter….reg dich nicht so auf…..denk an deinen puls.❤️

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