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Abgänge beim Verein Abseits – des Geldes wegen?
  • Gesellschaft
Knapp unter 10'000 Menschen haben die Guides des Vereins Abseits Luzern in den letzten zweieinhalb Jahren durch die Gassen geführt.

Neue Guides für Rundgänge durch Luzern gesucht Abgänge beim Verein Abseits – des Geldes wegen?

6 min Lesezeit 01.09.2019, 15:40 Uhr

Bei den «Abseits»-Führungen zeigen «Randständige» die Stadt Luzern. Nun werden neue Guides gesucht, denn einige haben aufgehört. Zu zentralplus sickerte die Meldung durch, dass ein Guide sich beschwerte, dass die Arbeitsbelastung hoch sei – er jedoch kaum etwas vom Geld sehe. Was ist da dran?

«Abseits» heissen die Stadtführungen, welche die Stadt eben abseits der schicken Kapellbrücke und Museggmauer zeigen.

Drogensüchtige, Armutsbetroffene, Obdachlose und Stadtoriginale zeigen die Stadt aus ihrem Blickwinkel (zentralplus berichtete). Sie führen Interessierte in soziale Einrichtungen wie die Gassenküche, die Notschlafstelle oder die Drogen-Abgabestelle «Drop In».

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Nun sucht der Verein Abseits neue Guides. Warum laufen dem Verein die Guides weg?

Einzelkämpfer müssen am selben Strick ziehen

Marco Müller ist Präsident des Vereins Abseits. Er sagt: «Es sind verschiedene Gründe, die zu Abgängen geführt haben. Das Anforderungsprofil an unsere Guides ist hoch und sie durchlaufen bei uns eine Riesen-Entwicklung. Manchmal gelingt das besser – manchmal etwas weniger.»

«Viele von ihnen waren Einzelkämpfer. Einzelkämpfer mit der Einstellung, für sich alleine zu schauen, um zu überleben.»

Marco Müller, Verein Abseits Luzern

Menschen, die «Abseits»-Stadtführungen anbieten, seien allesamt «Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten», wie Müller sagt. Die meisten von ihnen sind über längere Zeit keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen. «Viele von ihnen waren Einzelkämpfer. Einzelkämpfer mit der Einstellung, für sich alleine zu schauen, um zu überleben.» Bei «Abseits» müssen sie sich in ein Team einordnen, in dem es Regeln und Erwartungen gibt. Eine gemeinsame Kultur. «Sie müssen alle an demselben Strick ziehen und nicht mehr nur als Einzelkämpfer agieren», so Müller.

Verschlafen, Geld eingesteckt

Die Guides müssen sozialkompetent sein und vor eine Gruppe von Menschen hinstehen können. Sie können erzählen, aber auch zuhören. Sie legen eine gewisse Stabilität an den Tag, haben ihre Krankheit, ihre Sucht so weit im Griff, dass sie einer Arbeit nachgehen können. Zudem müssen sie zuverlässig und in der Lage sein, unregelmässige Termine in der Agenda einzutragen – um bei den Führungen zur abgemachten Zeit vor Ort zu sein. «Für viele ist das ein wahnsinniger Sprung», so Müller. Denn viele hatten zuvor kaum eine Tagesstruktur. «Es kam vor, dass jemand mehrmals verschlafen und sein Tour-Gspändli versetzt hat.»

Auch sei es vereinzelt vorgekommen, dass ein Guide das Geld, dass die Gäste ihm für die Führung gegeben haben, für sich eingesteckt habe. «Wenn jemand wenig Geld hat und aufs Mal viele Noten in der Hand hält, ist die Versuchung da, das in seine eigene Hosentasche zu stecken», so Müller.

Wenn ein Guide einen Rückschlag erleidet

Wie im Fussball pflegt der Verein Abseits ein Sanktionssystem mit gelben und roten Karten. Eine Tour einmal zu vergessen, sei in Ordnung. Aber wenn es mehrmals geschehe, wird das thematisiert und die gelbe Karte gezückt. Wird es nicht besser, folgt die rote Karte – und somit die Sanktion. Der Guide darf eine Weile keine Führungen mehr machen.

«Der Lohn ist nicht tiefer als von jemanden, der in einem Restaurant im Service arbeitet.»

Marco Müller

Rückschläge gebe es immer wieder. Depressionen, eine Alkoholerkrankung, eine persönliche Krise, die dazu führe, dass jemand erschöpft sei. «Bei der Hälfte der Abgänge waren die Guides nur für eine kurze Zeit bei uns, viele hören bereits nach dem ersten Gespräch oder der ersten Schulung auf.» Beispielsweise wären Interessierte nach dem ersten Gespräch nicht in der Lage gewesen, ein Formular auszufüllen und dieses zurückzusenden. Wenn es beim ersten Mal nicht klappe, sei das Risiko auch da, dass es künftig nicht klappe, so Müller. Denn die Guides müssen nach jeder Tour ein Formular ausfüllen, wie der Rundgang verlaufen ist und wie viele Gäste teilgenommen haben.

Nun muss sich der Verein neue Guides suchen:

Lohn für die Guides: «Ein Betriebsgeheimnis»

Zu zentralplus sickerte gar die Meldung durch, dass ein Guide aufhörte, weil er zwar viele Rundgänge machte – jedoch kaum etwas vom Geld sah.

«Die Entschädigung ist fair», hält Müller fest. Eine Tour kostet für eine erwachsene Person 30 Franken. Wie viel die Guides konkret verdienen, verrät Müller nicht: «Der Lohn ist ein Betriebsgeheimnis, das haben sich die Guides selbst so gewünscht.»

«Der Lohn ist sicherlich nicht tiefer als der von jemanden, der in einem Restaurant im Service arbeitet.» Zudem bekämen die Guides regelmässig viel Trinkgeld, Geschenke oder würden von den Gästen zum Essen eingeladen. Zudem sind die Guides versichert, Sozialabgaben werden bezahlt.

Müller kann erklären, weshalb dennoch Kritik aufgekommen sein könnte. «Wenn ein Guide während eines Monats acht Führungen macht, hat er am Ende des Tages nicht mehr Geld auf seinem Konto, weil bei einem Verdienst dementsprechend die wirtschaftliche Sozialhilfe gekürzt wird.» Denn viele der Guides würden wirtschaftliche Sozialhilfe beziehen. Doch Müller sieht es positiv: «Sie bestreiten selbst einen Teil ihres Lebensunterhalts, indem sie bei uns ihren Blickwinkel über die Stadt zeigen.»

Und dazu gebe es auch Anreize, wie Müller erklärt. Wer sich bemüht, seine Situation zu verbessern und sich ins Arbeitsleben zu integrieren, erhält von der wirtschaftlichen Sozialhilfe einen Zustupf.

Marco Müller, Präsident des Vereins Abseits.

Guides werden betreut

Doch: Wohin fliesst das Geld? «Hauptkostenpunkt ist die enge Begleitung der Guides durch zwei Sozialpädagogen», so Müller. Der «Abseits»-Präsident spricht von einem «hohen Aufwand, den man zu Beginn unterschätzt» habe. Regelmässig hätten die Guides mit den Pädagogen ein Coaching. «In diesen Schulungen reflektieren die Guides ihre Biografie. Etwa, was sie auf ihren Führungen von sich preisgeben wollen – und was nicht.»

Auch Sozialabgaben werden entrichtet, die Guides sind versichert. Kreditkartenabgaben müssen getätigt werden, da Führungen online gebucht werden können. «Wir sind ein gemeinnütziger Verein», hält Müller fest. Der Verein Abseits finanziert sich zudem über Einnahmen von Spenden und Stiftungen.

Mehr als 10’000 Begegnungen

Die Entwicklung der Persönlichkeiten bei «Abseits» sei ein längerer Prozess, der nie abgeschlossen sei. Immer gebe es Situationen, in denen Guides selbst betroffen und berührt seien von dem, was sie anderen erzählen. Oftmals sind gemischte Gefühle im Spiel. Persönlichkeiten, die über längere Zeit bei «Abseits» seien, würden kein Programm herunterleiern, sagt Müller: «Jeder Guide wird bei jeder Tour erneut mit seiner Vergangenheit konfrontiert.»

«Die Guides schätzen, dass sie bei den Führungen auf Menschen treffen, die sich für sie als Mensch und ihre persönliche Geschichte interessieren.»

Marco Müller

Müller ist überzeugt, dass die Menschen so ein Stück weit ihr Leben verarbeiten können: «Die Guides schätzen, dass sie bei den Führungen auf Menschen treffen, die sich für sie als Person und für ihre persönliche Geschichte interessieren.»

Die Guides müssten aber auch «die Hosen runterlassen». Über ihre Krankheit, Alkohol- oder Drogensucht sprechen. «Es ist definitiv auch eine Gratwanderung. «Abseits» entstand aus dem Ziel, echte Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen, andere Perspektiven zu zeigen.»

In den zweieinhalb Jahren hat der Verein Abseits knapp unter 10’000 Menschen einen anderen Blick in unsere Leuchtenstadt ermöglicht. Müller spricht von einer «ununterbrochenen Nachfrage»: «Manchmal fühlen wir uns etwas vom Erfolg überrannt, es ist eine absolute Erfolgsgeschichte.»

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