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Puh, ist das heiss! Lass uns also auf den Gletscher fliegen
  • Gesellschaft
Sie freuen sich, denn sie haben es schön kühl auf dem Gletscher. (Bild: Screenshot Tele 1)

Sommerliche Fettnäpfchen in Luzern Puh, ist das heiss! Lass uns also auf den Gletscher fliegen

4 min Lesezeit 06.08.2018, 12:18 Uhr

Ein Gletscher-Zmittag mit dem Helikopter, um der Hitze zu entfliehen. Oder eine Wasserrutschbahn bei akuter Trockenheit. Darf man das? Natürlich, aber man muss sich viele kritische Kommentare gefallen lassen, wie zwei aktuelle Beispiele aus Luzern zeigen. Die Gemüter sind erhitzt.

Aufgepasst: Bei der vorherrschenden Hitzewelle und der anhaltenden Trockenheit ist das nächste Fettnäpfchen nah, die Empörung gross, das Gemüt erhitzt. Zwei aktuelle Beispiele aus Luzern:

1. Bauern dürfen ihre Felder nicht mehr bewässern, während gleichzeitig Hunderttausende Liter Wasser eine Riesenrutschbahn hinunterfliessen. Einfach so zum Spass (zentralplus berichtete).

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2. Vom Hitzekollaps bedrohte Radiohörerinnen werden für ein Zmittag an der Kälte mit dem Heli auf einen Gletscher geflogen.

Ob Wasserrutsche oder Gletscher-Zmittag: Es zeugt schon von beträchtlich fehlendem Fingerspitzengefühl der Verantwortlichen. Klar hat es in der Stadt Luzern im Gegensatz zu anderen Gemeinden genug Wasser, die Brunnen sprudeln munter weiter. Und klar fliegt sowieso die halbe Schweiz in der Weltgeschichte herum, was ändert da ein Helikopterflug mehr oder weniger daran? Nichts, trotzdem gab es viele böse Kommentare zu den beiden Beispielen.

Kalte Schinkenröllchen

Denn die Zeichen sind schon fraglich: Es wird suggeriert, dass es völlig okay ist, für ein paar Schinkenröllchen und ein nettes Selfie auf einen Gletscher zu rattern. Gerade in diesen Tagen, die einen Vorgeschmack darauf geben, auf was sich Mitteleuropa in naher Zukunft gefasst machen muss.

Die Botschaft ist die: Wir sind uns des Klimawandels zwar bewusst, aber am eigenen Verhalten müssen wir nichts ändern. Dass gerade Radio Pilatus und Tele 1, als Platzhirsche im regionalen Radio- und Fernsehgeschäft, ein solches Verhalten für eine Marketingaktion fördern, kommt nicht überall gut an.

Unter einem Tweet zu diesem Thema ist eine interessante Diskussion entbrannt, die sich entlang der gängigen Muster bewegt:


 

Die einen sprechen von Wetterlagen fernab unserer Gletscher – das Problem ist doch gar nicht das Unsrige! Die anderen sagen, dass es Klimaveränderungen schon immer gegeben habe, auch ohne Mensch. Und sowieso müsste man dann gleich alles von Formel 1 bis zum Fleischkonsum verbieten. Und so wird schliesslich jedes Totschlagargument bemüht, bevor überhaupt eine sachliche Diskussion über Sinn und Unsinn stattfinden kann.


 

Auch über die Wasserrutsche wurde rege diskutiert: Einen Boykott des Sponsors forderten die einen gar. Und es gab Kommentare en masse wie: «Ich glaube, ich bin im falschen Film!» oder «Typisch für unsere Wohlstandsgesellschaft. Man will auf nichts verzichten.»

Eine Luzernerin hat das Thema auf einem Facebook-Bild treffend festgehalten: Sie postete einen Artikel über einen Bauern, der wegen Trockenheit bald seine Kühe zum Metzger bringen muss – und gleich darunter: «Rutsche verbraucht 110’000 Liter am Tag.» Sie kommentiert: «Echt traurig, was aus unserer Welt geworden ist.» Der Post wurde über tausend Mal geteilt.

Durstige Kühe und viel Wasser auf der Rutsche: Dieser Facebook-Post wurde rege geteilt.

Durstige Kühe und viel Wasser auf der Rutsche: Dieser Facebook-Post wurde rege geteilt.

(Bild: Screenshot)

Es geht hier nicht um Empörung. Vielleicht war die Abkühlung auf der Wasserrutschbahn tatsächlich vertretbar, Luzern hat genügend Wasser. Aber auch nur dank der schmelzenden Gletscher – und damit sind wir wieder beim Problem: Gletscher wird es in naher Zukunft bald einmal nicht mehr geben. Aber statt unser Verhalten zu hinterfragen, flüchten wir vor der Realität. Auf einen Gletscher. Das ist purer Eskapismus.

Zur Thematik passt ein Artikel von «20 Minuten», der bei dieser Hitze empfiehlt, über das heisse Wochenende in eine kühle Metropole zu fliegen. Blöd nur, dass es von Oslo bis Stockholm diesen Sommer mit der «Afrikahitze» auch viel zu heiss und trocken ist, obendrein brennen die Wälder. Braune Steppen sind auch in Nordeuropa längst Realität.

Zurück nach Luzern: Die Gewinnerin des Gletscher-Zmittags freute sich «mega auf die Abkühlung», weil sie noch nie einen Gletscher gesehen hat. Glück für sie, die nächsten Generationen werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nie einen solchen sehen, mit oder ohne Helikopter. Aber daran denken mag bei dieser Affenhitze grad niemand.

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