Gähnende Leere im Spielzimmer der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kriens: Die Kinder wurden wegen der Corona-Krise nach Hause geschickt.
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Gähnende Leere im Spielzimmer der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kriens: Die Kinder wurden wegen der Corona-Krise nach Hause geschickt. (Bild: Fabian Feigenblatt, lups)

Luzerner Familien werden am Telefon betreut Psychiatrische Tagesklinik geschlossen – jetzt kommen die Kinder teils als Notfall zurück

3 min Lesezeit 02.04.2020, 05:03 Uhr

Die Tagesklinik des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes in Kriens hat vor zwei Wochen die jungen Patienten wegen der Corona-Krise nach Hause geschickt. Die Betreuung der Familien wird zwar telefonisch aufrechterhalten. Doch das reicht nicht immer.

«Es kommt jetzt so langsam eine gewisse Krisenroutine auf», sagt Oliver Bilke-Hentsch am Telefon. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei der Luzerner Psychiatrie (Lups). Vor zwei Wochen – als der Bundesrat die Schliessung aller Schulen beschloss – sah sich auch die Luzerner Psychiatrie gezwungen, ihre Tagesklinik inklusive der Sonderschule zu schliessen. Ein Schritt des Bundesrates, der Bilke «sehr überraschte», wie er sagt.

Die darauffolgende Woche wurde mit Hochdruck daran gearbeitet, einen Krisenmodus zu definieren. «In der Tagesklinik sind die Kinder vorwiegend wegen schulbezogener Probleme», erklärt Bilke. Das sei der Unterschied zum Jugendbereich, wo die Patientinnen und Patienten vorwiegend wegen Depressionen, Suizidalität, Gewaltausbrüchen oder Drogenproblemen behandelt würden.

In der Krienser Tagesklinik wurden die Kinder halbtags unterrichtet und den Rest des Tages wurden sie behandelt. «Zusammen mit Therapeuten haben sie danach an ihren Auffälligkeiten gearbeitet», sagt Bilke.

Zusätzlicher Druck auf ohnehin gestresste Familien

Dann mussten diese Kinder von einem Tag auf den anderen zu Hause bleiben. Dass dies zu Problemen führen könnte, war Bilke klar. «Das sind teilweise sehr gestresste Familien, die jetzt deutlich enger zusammensitzen.» Natürlich gebe es Kinder, die damit gut zurechtkämen. «Aber es gibt ressourcenarme Familien, die nun unter Druck geraten sind.»

Auf die Schnelle wurde ein neues Betreuungssystem eingeführt. «Wir haben mit den Eltern vereinbart, dass wir sie täglich anrufen», sagt Bilke. Die Umstellung auf die telefonischen Beratungen habe überraschend gut geklappt. «Das Angebot wird sehr geschätzt und genutzt. Die Beratung der Eltern mit pädagogischen Tipps hat schon vorher eine grosse Rolle gespielt, das hat sich nicht geändert.»

Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Problemen

Die Gespräche finden nun häufiger, dafür kürzer statt. Die Mitarbeiter sind alle im Einsatz und jederzeit telefonisch erreichbar. «Das ist für die Bindung und die Unterstützung wichtig», so Bilke. Denn im Moment stellten sich den Eltern viele ganz konkrete Fragen: Soll ich das Kind einfach ausschlafen lassen? Wie lange darf es am Computer gamen? Wie etabliere ich fixe Essenszeiten?

«Schwierig wird es bei Familien, die ihre Probleme völlig verleugnen.»

Chefarzt Oliver Bilke

«Wir haben es mit Familien zu tun, die teilweise mehrere Kinder mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen haben. Da ist vielleicht ein 12-Jähriger, der seit zwei Wochen nur noch am Computer hängt. Daneben ein 16-Jähriger, der konsterniert ist, weil der Betrieb seine Lehre abgebrochen hat. Und in der gleichen Familie hat es dann vielleicht noch eine 18-jährige Maturantin, die stundenlang lernt. Das alles aufzufangen ist schwierig», meint Bilke.

Die Kinder kommen als Notfall zurück

Angebot der Luzerner Psychiatrie

In der Tagesklinik in Kriens werden Kinder und Jugendliche betreut, die aufgrund einer ausgeprägten psychischen Störung vorübergehend eine teilstationäre Behandlung brauchen. Sie bietet Platz für sieben Kinder im Vor- und Primarschulalter sowie acht Plätze für Jugendliche im Alter von ca. 13 bis 18 Jahren.

Telefonische Beratungen reichen da nicht immer aus. «Man darf nicht vergessen: Die Psychiatrie ist für erkrankte Patienten zuständig, nicht für psychologische Alltagsprobleme», sagt Bilke. Einige der Kinder mussten deshalb in den letzten zwei Wochen notfallmässig auf der stationären Kinderstation aufgenommen werden. «Es ist noch nicht die grosse Welle, ich bin gespannt, was da noch auf uns zukommt», sagt der Chefarzt. Die Kinderstation sei gut ausgelastet, man habe in der Lups aber genügend Kapazitäten, um weitere Patienten aufzunehmen, wenn dies nötig sei.

«Wir lassen diese Kinder nicht im Stich.»

Chefarzt Oliver Bilke

«Schwierig wird es bei Familien, die ihre Probleme völlig verleugnen», sagt Bilke. In diesen Fällen seien die Corona-Massnahmen zwar ein zusätzlicher Störfaktor, aber nicht das eigentliche Problem. «Wir lassen diese Kinder aber nicht im Stich. Die Psychiatrie hat die Verpflichtung, sich um diese Patienten zu kümmern, wir ziehen uns daher nicht zurück, sondern entwickeln sehr individuelle Angebote.»

Die Kinderpsychiatrische Therapiestation in Kriens. (Bild: Fabian Feigenblatt, lups)

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