Profitgier? Bauherrschaft der Scheibenhäuser von Inwil wehrt sich
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Diese Blöcke sollen bald der Vergangenheit angehören. (Bild: wia)

Sanieren sei unverhältnismässig Profitgier? Bauherrschaft der Scheibenhäuser von Inwil wehrt sich

7 min Lesezeit 2 Kommentare 21.01.2021, 05:00 Uhr

Die Nachricht, dass die Scheibenhäuser in Inwil bei Baar in wenigen Jahren abgerissen werden, hat bei deren Mietern für Kummer gesorgt. Und für einige Vorwürfe gegenüber der Eigentümerschaft. zentralplus hat diese deshalb zum Interview getroffen.

Man sieht sie schon aus weiter Ferne, die Inwiler Scheibenhäuser. Vier Kolosse von Gebäuden, die in den 1960er-Jahren in Windeseile erstellt wurden und für rund 200 Wohnparteien günstige Wohnungen bieten, anfangs insbesondere für Mitarbeiter der V-Zug und der Landis & Gyr. Nur, die Wohnblöcke haben ihren Zenit überschritten, sind sanierungsbedürftig geworden.

Die Eigentümerinnen, die Pensionskasse der V-Zug AG und die Zürcher Pensionskasse BVK, haben deshalb beschlossen, die Blöcke zu «erneuern», heisst, abzureissen und neu zu bauen. Ein Vorhaben, das vielen Bewohnern Sorgen bereitet (zentralplus berichtete). Auch wurden Vorwürfe gegenüber der Bauherrschaft laut.

zentralplus traf darum Christoph Graf, den zuständigen Projektleiter der Pensionskasse der V-Zug, sowie Werner Schaeppi, den Kommunikationsbeauftragten des Projekts, zum Interview.

zentralplus: Herr Graf, das Projekt, mit dem in Inwil die bestehenden Scheibenhäuser ersetzt werden sollen, ist noch nicht sonderlich konkret. Können Sie uns dennoch ungefähr sagen, wie ein künftiges Quartier aussehen könnte?

Christoph Graf: Gemäss Planung dürften die künftigen Häuser moderat grösser ausfallen als die bestehenden. Es soll eine Verdichtung stattfinden. Dadurch kann ein Viertel mehr Wohnungen entstehen als heute, diese sollen unterschiedliche Grössen aufweisen. Die Häuser werden vermutlich nicht alle gleich aussehen. Insbesondere deshalb, weil sie von verschiedenen Architekten geplant werden.

Ausserdem kann es sein, dass statt der heutigen vier grossen Häuser mehrere kleinere Volumina gebaut werden. Gleichzeitig ist uns qualitativ hochwertiger, grosszügiger Aussenraum ein Anliegen. Diese städtebaulichen Fragen zu klären ist Teil des laufenden Studienauftrags. Interessanterweise hat sich bei Gesprächen mit heutigen Mietern herauskristallisiert, dass sie sich nicht vor einem allfälligen Bau von Hochhäusern fürchten.

zentralplus: Zu solchen zählen die heutigen Blöcke nicht?

Graf: Nein. Sie sind knapp unter 30 Meter hoch und fallen damit knapp nicht unter die Kategorie Hochhäuser.

«Die Massnahmen, die wir ergreifen müssten, wären nicht verhältnismässig.»

Christoph Graf, Projektverantwortlicher

zentralplus: Sie möchten die Neubauten in Etappen realisieren. Können Sie dazu Genaueres sagen?

Graf: Tatsächlich möchten wir anfangs nur einen Block abreissen und die weiteren drei Gebäude nach und nach erneuern. Damit soll es möglich werden, dass viele von denen, die im Quartier bleiben möchten, auch während der Bauzeit dort wohnen können. Wie bereits erwähnt, kann es sein, dass auf dem Areal mehr Gebäude entstehen als heute vorhanden sind. Wenn als Erstes auf der aktuellen Freifläche ein Neubau entsteht, können die Mieter dort einziehen, wenn ihr Haus abgerissen wird.

Christoph Graf, mitverantwortlicher Projektleiter

zentralplus: Für die Eigentümerschaft der vier Häuser scheint es klar zu sein, dass neu gebaut werden muss. Für die Bewohner der bestehenden Blöcke liegt das weniger auf der Hand. Waren Sanierungen kein Thema?

Graf: Wir sind uns bewusst, dass es für Laien auf den ersten Blick so wirkt, als seien die Bauten in gutem Zustand. Dem ist aber nicht so. Sie wurden in den Sechzigern in relativ kurzer Zeit erstellt. Das damalige Ziel war es, schnell und günstig zu bauen. Langlebigkeit stand nicht im Fokus. Dennoch haben wir uns durchaus mit der Idee befasst, die vier Blöcke intensiv zu sanieren. Die Massnahmen, die wir ergreifen müssten, wären jedoch nicht verhältnismässig. Vor allem kann die heute geforderte Qualität im Wohnungsbau mit den bestehenden Strukturen nicht erreicht werden. Die Sanierungen wären sehr aufwendig, die Kosten würden in Richtung Neubau gehen, ohne dass jedoch alle Schwächen behoben werden könnten.

«Auch energetisch entsprechen die Gebäude in keiner Weise den heutigen Anforderungen.»

Christoph Graf

zentralplus: Wo bestehen denn aktuelle Mängel?

Graf: Die Bauten entsprechen beispielsweise nicht den heutigen Tragwerknormen. Die Anforderungen an die Erdbebensicherheit und den Brandschutz waren in den 1960er-Jahren ganz andere als heute. Auch energetisch entsprechen die Gebäude in keiner Weise den heutigen Anforderungen. Ein weiteres Thema ist der Lift, den die Mieter selber häufig als ungenügend bezeichnet haben. Dieser müsste komplett erneuert werden, da er immer nur auf Halbetagen hält und daher nicht hindernisfrei ist. Ausserdem wurde das Thema Schallschutz von einigen Mietern bemängelt.

«Der faire Umgang mit den Mietern ist uns ein Anliegen.»

Christoph Graf

zentralplus: Es gibt Stimmen, die behaupten, dass man diese Häuser – sie waren immerhin im Inventar der schützenswerten Bauten – mit den nötigen Sanierungen sehr wohl erhalten könnte und dass man nur neu baue, um möglichst viel Profit zu generieren. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Graf: Als Pensionskasse sind wir sowohl den Rentnern als auch den Mietern verpflichtet. Der faire Umgang mit ihnen ist uns ein Anliegen. Wir müssen einerseits für die Mieter ein gutes, den heutigen Bedürfnissen entsprechendes nachhaltiges Produkt anbieten, anderseits muss eine vernünftige Verzinsung der Pensionskassengelder möglich sein. Die Inwiler Blöcke sind für uns eine wichtige und langfristige Wertanlage, die regelmässig Ertrag für die PK-Versicherten generiert.

«Wir haben bereits eine Beratungs-Hotline in mehreren Sprachen lanciert.»

Werner Schaeppi, Kommunikationsverantwortlicher

Werner Schaeppi: Der Vorwurf ist insbesondere darum ungerechtfertigt, weil wir bereits sehr früh angefangen haben, die betroffenen Personen zu involvieren, und auf deren Bedürfnisse Rücksicht nehmen wollen. Die Erneuerung soll ja frühestens 2025 starten. Doch haben wir bereits eine Beratungs-Hotline in mehreren Sprachen lanciert, Workshops mit Mietern durchgeführt und auch schon die Nachbarschaft informiert. Diese Anspruchsgruppen planen wir auch weiterhin mit einzubeziehen.

zentralplus: In den besagten Workshops letzten Herbst wurden die Mieter gefragt, wo ihre Bedürfnisse und Sorgen liegen. Häufig wurde dabei das Thema Mietzins genannt. Kann man davon ausgehen, dass die Mietpreise in den Neubauten niemals so tief sein können wie die heutigen?

Schaeppi: Tatsächlich ist dies das wichtigste Anliegen der Mieter. Den Eigentümern ist wichtig, dass der Mietermix in den Neubauten ähnlich ist wie in den bestehenden, man also quasi den «modernen Arbeiter» anspricht. Dieser sollte sich auch die künftigen Mietpreise leisten können. Ausserdem plant die Bauherrschaft im Grundsatz möglichst viel kostengünstigen Wohnraum zu schaffen, wovon mindestens 30 Prozent preisgünstiger Wohnraum gemäss den kantonalen Vorgaben realisiert werden sollen.

So sieht es im Quartier heute aus.

Graf: Die Häuser sind nicht an einer Lage für teure Mieten. Das Quartier liegt nicht direkt im Zentrum, der Anschluss an den öffentlichen Verkehr ist nicht perfekt. Die Mieten liegen derzeit auf Marktpreisniveau. Auch wenn vereinzelte Mieter deutlich weniger zahlen, da sie seit Jahrzehnten in ihrer Wohnung leben und die Mieten eher gesenkt als erhöht wurden.

Schaeppi: Einige Mieter sehen die Erneuerung und Aufwertung der Siedlung auch als Chance für die gesunde Entwicklung des Mietermix. Dass aktuell teils von Mietern und Besuchern den Häusern und der Umgebung weniger Sorge getragen werde, schade auch dem Zusammenhalt im Quartier, monieren sie. Tatsächlich schien dieser in früheren Jahren stark vorhanden gewesen zu sein. Das habe sich gemäss den Aussagen einiger Mieter verändert.

«Solche Siedlungen haben einen Lebenszyklus.»

Werner Schaeppi

zentralplus: Es gibt jedoch auch Bewohner, die behaupten, dass die Vermieter die Bauten und auch die Umgebung vernachlässigen würden und nötige Sanierungen gar nicht mehr gemacht würden. Beispielsweise ist von einem der beiden ursprünglichen Spielplätze kaum mehr etwas übrig.

Schaeppi: Solche Siedlungen haben einen Lebenszyklus. Der Bedarf an gewissen Anlagen ist nicht immer konstant. Im Grossen jedoch wird der Bestand der Siedlung gepflegt. Eine Person äusserte in unseren Gesprächen beispielsweise den Einwand, dass bei den neuen Aussentreppen keine Handläufe angebracht wurden. Die kommen jedoch noch.

zentralplus: Wo steht man heute und wie geht es nun weiter im Projekt?

Graf: Im Moment läuft der Studienauftrag, bei dem sechs Architektenteams gemeinsam mit den Grundeigentümern und der Gemeinde städtebauliche Eckpfeiler ausarbeiten. Also etwa Fragen wie: Werden es wieder vier Blöcke? Wie soll der Aussenraum gestaltet werden? Wo sind die Erschliessungsachsen? Auf dieser Basis wird ein Richtprojekt sowie ein Bebauungsplan erarbeitet, es folgen die ordentlichen politischen Abläufe.

Danach gibt es einen Wettbewerb, bei dem die Architekten Projekte für je eine bis zwei Parzellen erarbeiten. Aktuell rechnen wir damit, dass dieser 2023 startet. Obwohl die Gebäude nicht identisch sein müssen, sollen sie ein Gesamtbild ergeben und ein Zusammenspiel bilden. 2025 ist voraussichtlich der Baubeginn.

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2 Kommentare
  1. Adrian Hürlimann, 21.01.2021, 16:52 Uhr

    Die Scheibenhäuser in Inwil zu erhalten mache keinen Sinn? Wie sinnvoll und ökologisch ist das denn? Die Bewohner von 220 Wohnungen in Etappen umzusiedeln, mit Versprechungen für preisgünstige – das heisst in Zug: ähnlich teure – Wohnungen in ferner Zukunft? Grosszügige Grünumgebung wegzuverdichten und den totalen Abriss statt Grundriss-Optimierung durchzuboxen? Mit dem Inventar der Schützenswerten geadelte Architektur durch 08/15-Mittelmass zu ersetzen? Mittels PR den Skandal tiefkühlen? Mit dem Segen des Gemeinderats? Ist Vorwarnung bereits ein befriedigender Dialog? Erdbebenschutz statt Budgetierbarkeit für den «modernen Arbeiter»? Der Ausbaustandard genügt heute nicht mehr? Wem genau genügt er nicht mehr? Zufriedene Bewohner*innen brauchen keine Tiefgaragen, damit sich ihr Auto nicht erkältet, keine Zweit-WCs, sondern zahlbaren Wohnraum (mehr als 30 % davon) und etwas Grün. Sanierungen sind teuer und abschreckend? Sie wären grad deswegen ein im Wortsinn lohnendes Ziel für Architekturwettbewerbe. Gutes muss nicht teuer sein, aber Teures bringt mehr. Mehr des schnöden Mammons, damit die dubiose Zürcher BVK ihr vielkritisiertes, rücksichtsloses Geschäftsgebaren auf Zug ausdehnen kann? Die erste Unterfeld-Ablehnung (wegen des mickrigen Anteils an zahlbaren Wohnungen) lässt grüssen. Assoziationen an den bevorstehenden Abriss der Gartenstadt-Wohnblöcke samt Erstgeneration-Gastarbeiterschaft werden wach. Gentrifizierung statt gemeinschaftliches Leben? Ein weiterer Beitrag zur Kommerzialisierung der öffentlich-rechtlichen Immobilienunternehmen? Förderung des Privatverkehrs (die Tangente liegt nahe) statt autofreie Siedlungsplanung? Widerstand tut not. Dieser sinnlose Abriss darf nicht durchkommen!

    Adrian Hürlimann, Zug

    1. kaalro, 23.01.2021, 18:53 Uhr

      Finden Sie diese hässlichen nicht in die Landschaft und Siedlung passenden Blöcke etwa schön, entsprechend ist auch die Qualität. Gelinde gesagt potthässlich und mit Abbruch und Neubau wird alles aufgewertet. Es sind Bausünden von anno dazumal wo gewisse Bauherren meinten die Bäume wachsen in den Himmel. Die wenigsten werden um diese trauern….sicher nicht, die sie anschauen müssen.

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