Die Besetzer des Einhorns forderten günstigen Wohnraum in der Stadt Luzern.
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Die Besetzer des Einhorns forderten günstigen Wohnraum in der Stadt Luzern. (Bild: Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

40 Jahre Einhorn-Besetzung in Luzern «Problem mit bezahlbarem Wohnraum hat sich zugespitzt»

7 min Lesezeit 17.10.2021, 19:07 Uhr

Eine Gruppe junger Menschen leidet unter Wohnungsnot und kämpft deswegen für günstigere Mieten in der Stadt Luzern: Deshalb besetzte Werner Heller im Frühling 1981, also vor 40 Jahren, ein leerstehendes Restaurant an der Luzerner Hertensteinstrasse. Das damalige Problem sei heute noch aktueller denn je.

Er arbeitet als Elektroplaner, hat drei erwachsene Kinder und wohnt seit einiger Zeit im Luzerner Maihofquartier – zur Miete natürlich. Das ist Werner Heller heute. Uninteressant ist sein Leben noch längst nicht. Doch vor genau vierzig Jahren – so klingen zumindest seine Erzählungen – sah sein Alltag um einiges wilder aus.

Die WG an der Baselstrasse

Der 18-jährige Werner Heller lebt 1981 mit drei Freunden in einer Wohngemeinschaft an der Luzerner Baselstrasse. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, «Züri brännt» schon länger und auch in Luzern ist der Drang nach Freiheit und Freiraum unter Jungen gross. Wohnpartnern, organisiert Heller eine Demo, um auf die Problematik der fehlenden Freiräume und Musik-Probelokale für Junge aufmerksam zu machen. Die Stadt Luzern lenkte aber schon vor der Demo ein und gab das ehemalige Gefängnis Sedel als Probebetrieb frei. So wurde aus der geplanten Demo kurzerhand ein Dankeskonzert auf dem Rathausplatz.

«Etwas über 280 Franken hat unsere Vierzimmerwohnung damals gekostet. Eine neue Wohnung zu finden, die ähnlich gut bezahlbar sein würde, war beinahe unmöglich.»

Werner Heller, ehemaliger Einhorn-Hausbesetzer

Werner Heller, einst und heute. Links bei der Sedel-Demo auf dem Rathausplatz, rechts ein Portraitbild aus der heutigen Zeit. (Bilder: zVg)

Heller war sich bewusst, dass in diesem Probebetrieb irgendjemand für etwas Ordnung und für die Öffnung und Schliessung der Türen sorgen musste. Also entschied er sich dafür, den Hauswartsjob zu übernehmen. Mitte April 1981 sollte es losgehen, Heller wird in den Sedel ziehen und dort seinen neuen Wohnsitz einrichten.

Also kündigte er seine Wohnung, wo er Hauptmieter war. Dies bedeutete für seine drei Wohngenossen: Sie mussten raus. «Etwas über 280 Franken hat unsere Vierzimmerwohnung damals gekostet. Eine neue Wohnung zu finden, die weiterhin gut bezahlbar sein würde, war beinahe unmöglich.» Die vier Jungs, alle politisch engagiert oder zumindest interessiert, hatten damals wenig Geld.

Frühmorgens, bevor die Leute bei der Migros einkaufen gingen, hingen schon die ersten Transparente an den Fenstern. (Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

Geldnot und politischer Wille

Auch damals wurden in Luzern neue Gebäude geplant, sodass alte, günstig bewohnbare Häuser teuren Neubauten weichen mussten. «Aus eigener Not, aber auch aus Überzeugung haben wir uns dazu entschieden, öffentlich für den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum einzustehen», sagt Heller.

«Es ging nicht lange, bis wir das erste Mal überfallen wurden.»

Werner Heller, ehemaliger Einhorn-Hausbesetzer

Wenige Tage später, als Mobiliar und eigenes Hab und Gut aus der Wohnung an der Baselstrasse geräumt, beziehungsweise aus dem Fenster geworfen waren, verschanzte sich die Gruppe im leerstehenden ehemaligen Restaurant Einhorn an der Hertensteinstrasse: Ein Haus, das in naher Zukunft einem neuen weichen soll, ist besetzt.

Die ersten Aktivisten. Ein Reporter schoss das Foto, weshalb es in der ganzen Schweiz bekannt wurde. (Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

Als die Besetzer das Einhorn verbarrikadierten, stand plötzlich ein Reporter im Haus und fotografierte sie. «Durch das Abhören unserer Funkgeräte wusste er bereits im voraus von der Besetzung», so Heller. Als dann auch die ersten Transparente an der Fassade des Hauses der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), der heutigen Credit Suisse, herunterhingen, ging der grosse Pressesturm los. «Und es ging auch nicht lange, bis wir das erste Mal überfallen wurden», meint Heller schmunzelnd. Denn: Der zweite unangenehme Besuch im besetzten Haus wurde nicht etwa von der Luzerner Stadtpolizei abgestattet, sondern von muskelbepackten jungen Männern aus dem Luzerner Hinterland.

Die Kämpfe und das Ende

Sie waren die Ersten, die sich an der neuen Besetzung in Luzern störten und dies handgreiflich kundtaten. Kurzerhand schlugen die Männer die Besetzer zusammen und forderten sie zum Verlassen des Hauses auf. Doch damit gab sich die Besetzer-Gruppierung nicht geschlagen. Somit verbarrikadierten sie das Haus so, dass keine unerwünschten Personen mehr ins Haus gelangen konnten. Und: «Wir bewaffneten uns mit im Haus herumstehenden Staubfeuerlöschern.»

Das Besprechungszimmer. Die Fenster wurden abgesichert gegen die Bedrohung von aussen. (Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

So ging das während einiger Zeit weiter. «Eines Tages schalteten sich auch die Teds ein, eine Luzerner Rockergruppe, der unser Vorhaben ebenfalls nicht gefiel. Immer wieder sind wir aneinandergeraten. Die Polizei musste uns sogar verteidigen und die Teds vom Platz verweisen.» Dies, weil die Polizei damals das Haus nicht räumen musste und konnte, solange die SKA nicht Anzeige erstatten würde. Weshalb dies während der ganzen Besetzung nie geschehen ist, kann auch Heller nicht genau sagen.

Doch die Hausbesetzer hatten nicht nur Gegner, sondern auch Freunde. So hat beispielsweise die damals aktive Partei Poch, die sich am linken Flügel des politischen Spektrums befand, die Gruppierung unterstützt und gemeinsam mit ihnen besprochen, wie sie denn die Aktion unterstützen könnten. «Zum Beispiel ist daraus eine Demonstration auf Luzerns Strassen mit Rückendeckung der Poch entstanden», erzählt Heller.

«Das Problem mit dem bezahlbaren Wohnraum ist nicht ein Problem vergangener Zeit. Nein, es hat sich sogar noch massiv zugespitzt.»

Werner Heller, ehemaliger Einhorn-Hausbesetzer

«Nach zwei Wochen hat sich die Situation verschärft und die Stadt hat uns einen Unterschlupf im Geissenstein offeriert. Daraufhin haben wir dann die Besetzung beendet und uns in den neuen, uns angebotenen Räumlichkeiten niedergelassen. Gewisse aus unserer Gruppe haben dann weitere Gebäude besetzt, wie etwa ein leerstehendes Wohnhaus im Moosmattquartier.» Heller zog es dann in den Sedel, wo er seine Rolle als Abwart und Person der ersten Stunde wahrgenommen hat.

Nach der ersten Woche wurde am Wochenende eine Demo gegen die Wohnungsnot in Luzern organisiert. (Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

Situation hat sich weiter verschlechtert

«Das war schon eine verrückte Zeit» – dies würden wohl noch manche sagen, die die damalige Zeit miterlebt haben. «Wir haben in Form von Aktionen, also Hausbesetzungen und Demonstrationen, zum Ausdruck gebracht, was uns beschäftigte und auch direkt betraf», so Heller. Auch wenn es sich damals um eine etwas andere Zeit handelte, gelten diese Anliegen auch heute noch: «Das Problem mit dem bezahlbaren Wohnraum ist nicht ein Problem vergangener Zeit. Nein, es hat sich sogar noch massiv zugespitzt.»

«Die Mieten steigen weiter – und zwar meist aus haarsträubenden Gründen.»

Werner Heller, ehemaliger Einhorn-Hausbesetzer

«Die Mieten steigen weiter – und zwar meist aus haarsträubenden Gründen.» Als Beispiel nennt Heller Bauprojekte im Bruchquartier, wo er lange wohnhaft war. Damals besichtigte er eine Wohnung, die für 950 Franken vermietet wurde. Als die Wohnungen immer beliebter wurden verlangte der Vermieter auf einmal 1250 Franken. «Und dies ohne irgendwelche handfesten Gründe!», erklärt Heller.

Weitere Bespiele, die den Rückgang von günstigem Wohnraum verbildlichen wären wohl die verschiedenen neuen Wohn- und Gewerbeflächen, die am Krienser Mattenhof entstehen. Dabei handelt es sich zwar nicht um bestehende Häuser, die abgerissen und neu gebaut werden. Dennoch geht durch den Bau neuer, teurer und vor allem zu einem Teil überflüssiger Wohnungen indirekt günstiger Wohnraum verloren. Der Grund: Immer wieder steigen die Mieten rundherum durch gentrifizierungsähnliche Umstände.

Die Besetzung sorgte über die Stadtgrenzen hinaus für Aufregung. (Bild: Stadtarchiv Luzern / Fotograf unbekannt)

Renaissance oder Tempi passati?

Auf die Frage, ob Werner Heller auch heute noch durch eine Besetzung ein Zeichen für günstigen Wohnraum setzen würde, meint er lachend: «Ja! Unter Umständen schon.» Gleichzeitig gibt er aber auch zu bedenken: «Das war aber auch echt anstrengend. Tagsüber arbeiten und am Abend ein Haus besetzen – das war schon nicht einfach. Heute könnte ich wohl nur noch Wochenendbesetzer werden, doch das würde ja schliesslich nichts bringen.» Es wird gelacht.

«Gerne aber versuche ich die heutigen Aktivistinnen zu unterstützen, die sich solcher Projekte annehmen. Sei es an Demonstrationen oder an sogenannten Solidaritätskonzerten. Da bin ich immer gerne mit dabei.»

Werner Heller und seine Gruppe haben mit ihrer Besetzung des «Einhorns» vor vierzig Jahren für günstigen Wohnraum gekämpft und damit die Strasse für die Fahrtrichtung vieler Junger geebnet. Die Besetzung eines Hauses ist zwar rechtswidrig und gefällt noch manchem nicht. Doch sie standen ein für ein Thema, das auch heute mehr denn je von hoher Relevanz ist – und oft wenig Gehör in der Luzerner Politik findet.

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