Pro Integral: in letzter Minute gerettet – vorerst
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Visualisierung: So hätte das Zentrum in Roggwil aussehen sollen. (Bild: CAS Architekten)

Surseer entgehen wohl knapp Konkurs Pro Integral: in letzter Minute gerettet – vorerst

6 min Lesezeit 15.02.2016, 18:17 Uhr

Am Wochenende machte zentral+ publik, dass es düster steht um die Organisation Pro Integral: Ein geplantes Hirnzentrum steht vor dem Aus, Millionen an Spendengeldern sind weg und die AHV eröffnete ein Konkursverfahren. Am Montag dann Hilfe in letzter Minute – das Verfahren scheint vorerst abgewendet. Doch was ist mit anderen Schulden?

Einmal mehr, muss man sagen. Einmal mehr erhält Pro Integral in buchstäblich letzter Minute Hilfe. «Innert der rechtlichen Beschwerdefrist von zehn Tagen konnte der Betrag vollumfänglich an die Gläubigerin (die AHV, Anm. d. Red.) überwiesen werden», heisst es in einer Mitteilung von Pro Integral vom Montag. Die Beschwerde sei dem zuständigen Gericht fristgerecht übermittelt worden.

Schwieriger Nachweis

Der Konkurs von Pro Integral scheint somit fürs Erste abgewendet: Wenn das Beschwerdeschreiben tatsächlich den Poststempel vom Montag, 15. Februar, trägt, würde es gerade noch reichen – dies bestätigen die Luzerner Gerichte auf Anfrage. Bis am Montag ist die Beschwerde noch nicht beim Gericht eingegangen, definitiv wird man am Dienstag wissen, was Sache ist. In der Beschwerde muss Pro Integral nachweisen, dass die Organisation erstens die Schulden, sprich die fehlenden AHV-Beiträge, bezahlt hat. Und zweitens muss die Stiftung ihre Zahlungsfähigkeit glaubhaft machen.

Seit 2008 plant die Stiftung Pro Integral mit Sitz in Sursee ein Pflegezentrum für Hirnverletzte: ein nationales Kompetenzzentrum mit 75 Plätzen, wo Betroffene eine adäquate Behandlung erhalten – ähnlich wie das Paraplegikerzentrum in Nottwil.

Die Bewilligung für den Bau in Roggwil liegt seit 2013 vor, gebaut wurde bislang aber noch nicht, trotz mehrmaliger Ankündigungen. Auch hat der Kanton Bern eine Betriebsbewilligung für das Zentrum erteilt – jedoch erst eine provisorische (siehe weiter unten).

Zuwendungen von einer Firma

Den Konkurs gegen den Verein Pro Integral hat das Bezirksgericht Willisau am 3. Februar eröffnet – Gläubigerin ist die AHV, die den Konkurs beantragt hat. zentral+ hat das am Samstag exklusiv publik gemacht. Daneben hat Pro Integral bei anderen Lieferanten und Dienstleistern in der Region hohe Schulden, den CAS Architekten etwa schuldet sie einen «immensen Betrag». Um die fehlenden AHV-Beiträge zu zahlen, bekam die Pro Integral laut «Berner Zeitung» Zuwendungen von einer Firma – welche, wollte Stiftungsratspräsident Michel Bätscher nicht sagen. Uns gegenüber sagte Pro Integral am Wochenende, Bätscher sei nicht mehr im Vereinsvorstand.

Der Vorstand der Gönnervereinigung Pro Integral betonte am Montag zudem, dass das beschriebene Konkursverfahren die Gönnervereinigung Pro Integral und nicht die Schweizer Stiftung Pro Integral betreffe. Die Pro Integral glaubt weiterhin an das Projekt in Roggwil, dieses sei davon nicht betroffen.

Wer zahlt den 60-Millionen-Bau?

Fehlende Glaubwürdigkeit und fehlendes Geld: Das sind die Konstanten, wenn man sich durch die leidvolle Geschichte von Pro Integral und ihrem Initianten, dem Stiftungsratspräsidenten Michel Bätscher, liest. Schon 2011 hatte die Organisation Schulden von 300’000 Franken und die damaligen Revisoren warnten – vergeblich – vor Liquiditätsschwierigkeiten und Überschuldung. «Finanziell steht Pro Integral das Wasser bis zum Hals», schrieb die «Berner Zeitung» im Juli 2014. Schon damals stand man angeblich in «Schlussverhandlungen mit einem grossen institutionellen Investor», wie Michel Bätscher sagte.

Die Architekten bauten für Pro Integral sogar ein Modell des geplanten Zentrums – bezahlt wurden sie nicht.

Die Architekten bauten für Pro Integral sogar ein Modell des geplanten Zentrums – bezahlt wurden sie nicht.

(Bild: CAS Architekten)

Man habe Geld zum Fenster rausgeworfen, «es ist unglaublich, was ich da alles gesehen habe», sagte ein ehemaliges Vorstandsmitglied gegenüber zentral+. «Bätscher war absolut beratungsresistent.» Ein Beobachter sprach bei Pro Integral von «Ego-Befriedigung» und ein anderer Ehemaliger: «Wir liefen immer auf dem allerletzten Zacken.»

Doch trotz Konkursverfahren, einem Schuldenberg, schweren Vorwürfen von ehemaligen Beteiligten und Geschäftspartnern (zentral+ berichtete) heisst es: «Wir werden bald bauen» – eine Grossspende stehe unmittelbar bevor, mit der man sowohl ausstehende AHV-Beiträge, weitere Schulden sowie den 60-Millionen-Bau zahlen könne. Das sagte Franz Müller am Wochenende gegenüber zentral+. Er ist Präsident der Gönnervereinigung.

Gemeinde Roggwil sieht keinen Handlungsbedarf

Wie reagiert man in Bern, konkret in Roggwil, wo das Pflegenzentrum dereinst stehen soll? Gemeindepräsidentin Marianne Burkhard sagt auf Anfrage, sie wolle und könne sich zum Konkursverfahren nicht äussern. Das Pflegezentrum für Hirnverletzte sei eine private Initiative, kein Projekt der Gemeinde Roggwil. Sie erwarte, dass sich die Verantwortlichen in den nächsten Tagen bei ihr melden würden, um zu sagen, was Sache ist. Die Gemeinde selbst sieht im Moment keinen Grund, um in dieser Geschichte selbst aktiv zu werden.

Seit 2013 liegt eine Baubewilligung vor – ein konkreter Baustart wurde immer wieder angekündigt, aber stets hinausgeschoben. «Das Warten hält an», schrieb die «Berner Zeitung» letzten August. Erst gab es Widerstand eines Landbesitzers, dann Verwirrung um Verträge zwischen Pro Integral und einem Investor.

Für die Gemeinde Roggwil ist das Wichtigste: der Infrastrukturvertrag, der bereits seit 2011 besteht. Eine Absicherung für die Gemeinde, damit sie nicht dereinst auf einer Bauruine sitzt, und die vor Baubeginn auf dem Areal Geld investieren müsste. Fünf Millionen Franken müsste Pro Integral als Garantie hinterlegen – dieses Geld ist bisher noch nicht in Roggwil eingetroffen.

Wie viel ist von der Zuversicht noch geblieben, welche die Gemeinde jahrelang an den Tag legte? Es tue ihr leid für das Projekt, sagt Burkhard: «Die Idee des Pflegezentrums für Hirnverletzte finde ich nach wie vor sehr gut, es ist ein faszinierendes Projekt.» Auch würde das Zentrum der Gemeinde rund 170 Arbeitsplätze liefern. Burkhard bleibt guten Mutes – Kritik will sie keine anbringen. Fehler sieht sie höchstens in der Kommunikation, dass Pro Integral stets Daten genannt habe, die sie nicht einhalten konnte.

Definitive Bewilligung des Kantons Bern steht noch aus

Eine Bewilligung braucht’s auch von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern. Sie hat das Projekt 2013 vorläufig bewilligt, doch definitiv ist das – entgegen anderslautenden Berichten – noch nicht. So weit ist es erst, wenn Pro Integral tatsächlich einen offiziellen Baustart verkündet. Man sei in einer Warteposition, die definitive Bewilligung erfolge aufgrund von Tatsachen, nicht von Absichten, teilt die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern auf Anfrage mit. Das Dossier werde also nochmals geprüft, bevor in Roggwil tatsächlich die Bagger auffahren.

Anders als der Kanton Bern beurteilte das übrigens 2013 der Kanton Solothurn: Weil das Projekt in Roggwil lange nicht vom Fleck kam, wollte Pro Integral in der ehemaligen Klinik Fridau im solothurnischen Egerkingen eine Zweigstelle einrichten. Der Kanton und später das Verwaltungsgericht Solothurn stoppten jedoch den Pflegebetrieb: Die Finanzierung sei nicht gesichert.

Der Konkurs von Pro Integral ist also vorerst abgewendet. Doch wie will Pro Integral die nötigen 60 Millionen noch auftreiben, um das Zentrum in Roggwil tatsächlich zu bauen? «Wir hoffen, dass wir das Projekt in zwei bis drei Monaten vorantreiben können», sagte Franz Müller am Samstag. Am Montag wollte er sich auf Nachfrage von zentral+ nicht mehr weiter äussern.

Wichtige Fragen bleiben somit unbeantwortet:

  • Ist die versprochene Grossspende inzwischen eingegangen?
  • Wer hat die ausbleibenden AHV-Beiträge bezahlt?
  • Gibt es weitere Betreibungen oder Anzeigen?
  • Wie viel der Spendengelder von mehreren Millionen Franken kam bisher tatsächlich Hirnverletzten zugute – wie viel wurde in den Sand gesetzt?
  • Wie viele Schulden hat Pro Integral insgesamt, neben den 315’000 Franken bei der AHV? Und wie will sie diese bezahlen?
  • Wieso hat Pro Integral die AHV-Beiträge erst in letzter Minute bezahlt?
  • Wie konnte es passieren, dass die Kontrolle derart versagt?
  • Wie reagieren die (geprellten) Gönner auf die Missstände?

 

Lesen Sie zum Thema unseren umfangreichen Bericht: «Verein verlocht Millionen an Spendengeldern»

Und was die Verantwortlichen dazu sagen – namentlich Franz Müller, Präsident der Gönnervereinigung: «Pro Integral glaubt nicht an den Konkurs»

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