Prähistorischer Fund im See: «Die Geschichte der Stadt Luzern darf neu geschrieben werden»
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Taucher der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich suchen den Seegrund nach Artefakten aus längst vergangenen Zeiten ab. (Bild: jru)

3'000 Jahre alte Spuren unserer Vorfahren Prähistorischer Fund im See: «Die Geschichte der Stadt Luzern darf neu geschrieben werden»

6 min Lesezeit 22.04.2021, 18:13 Uhr

Luzerns Geschichte streckt sich um 2’000 Jahre – und zwar auf einen Schlag. Denn ein Forschungsteam hat wegweisende Funde im Luzerner Seebecken gemacht. Eine Geschichte darüber, wie eine banale Baustelle, mit der den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet wird, den Ursprung einer ganzen Stadt ans Licht bringt.

Wir begeben uns ins Jahr 1000 vor Christus. Die Zentralschweiz ist kaum besiedelt. Vor Kehrsiten am Bürgenstock existiert eine kleine Siedlung, Menschen wohnen da. Eigentlich schon speziell, so nahe an der hohen Felswand ein Dörfchen zu bauen. Wieso baut man ausgerechnet da seine Existenz auf? Dies fragen sich Wissenschaftler, die rund 3’000 Jahre später an der Geschichte ihrer Vorfahren forschen werden.

Rund sechs Kilometer nordwestlich leben die Nachbarn der Kehrsitener Dorfgemeinschaft. Zwischen dem drei Jahrtausend später entstehenden Strandbad Lido und dem Richard-Wagner-Museum, mitten im heutigen Luzerner Seebecken, leben die wohl ersten Siedler der Stadt Luzern.

Pfahlbauer hämmern hier, wo 1000 vor Christus noch kein Wasser ist, ihre ersten Pfähle in den Boden, töpfern ihre Koch- und Speiseutensilien. Der See hat einen noch fünf Meter tieferen Wasserspiegel, als er ihn im Jahr 2021 haben wird. Wo dereinst Schiffe auf dem See kreuzen werden, ragen Bäume in die Höhe, spriessen grüne Gräser aus der Erde und fällen die Ureinwohner Luzerns im grünen Dickicht Holz, um die ersten Bauten der Stadt Luzern zu konstruieren.

Zurück in die Gegenwart

Was nach einem neuen Roman klingt, ist eine wahre Geschichte. Eine Geschichte, die noch in keinen Geschichtsbüchern, noch keinen Vorlesungen und noch keinen Museen vorkommt. Bei Aushebungen während Bauarbeiten im Luzerner Seebecken im Auftrag der EWL haben Forscher der Kantonsarchäologie Luzern im Frühling dieses Jahres nämlich unübliche Funde gemacht: Holzpfähle. Und zwar solche, die gemäss Untersuchungen im Labor rund 3’000 Jahre alt sein müssen (zentralplus berichtete).

«Dieser Fund stellt einen Meilenstein für die Geschichte der Stadt Luzern dar.»

Jürg Manser, Kantonsarchäologe des Kantons Luzern

Die Forscherinnen wurden stutzig – mit Unterstützung der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich rund um Leiter Andreas Mäder wurde an Ort und Stelle nach weiteren Objekten gesucht. «Bald darauf kamen weitere Elemente zum Vorschein. Und zwar diese Scherben.»

So schilderte es Anna Kienholz an einer Medienkonferenz vom Donnerstagmorgen, während sie eine kleine Sammlung an Scherben von Keramik- und Tontöpfen in die Höhe hält. Kienholz ist Archäologin und Leiterin des Fachbereichs Ur- und Frühgeschichte bei der Dienststelle Archäologie des Kantons Luzern.

Wenn Bauarbeiten Geheimnisse lüften

Holzpfähle, Keramikvasen und Geschirr – all das schlummert also seit nunmehr 3’000 Jahren im Boden des Luzerner Seebeckens. «Wir begleiten Bauarbeiten im See jeweils archäologisch», erklärt der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser. Dies, weil Aushebungen, die einzig zwecks Wissenschaft getätigt werden, kaum bezahlbar und umsetzbar wären. «Im Luzerner Seebecken konnten wir bisher noch nichts dergleichen finden. Daher stellt dieser Fund einen Meilenstein für die Geschichte der Stadt Luzern dar.»

Auf einer Fahrt über das Luzerner Seebecken an Bord eines Schiffes der Tauchsportgruppe Poseidon Luzern zeigt sich, wie die Forscher die Erkenntnisse an den Tag legen können. Ein Taucher und eine Taucherin, beide in Vollmontur, sowie zwei weitere Mitarbeiter der Unterwasserarchäologie Zürich erwarten uns mitten auf dem See. Unter der Leitung von Mäder betreibt ein Team aus Forscherinnen im Auftrag der Kantonsarchäologie Luzern nun Untersuchungen auf dem und im Seeboden.

Im Video siehst du, wie die Bergungsarbeiten ablaufen:

Mit moderner Technik und einem Einkaufskorb

Mit modernster und teilweise gar spezialangefertigter Technik wird regelmässig während sechs Stunden täglich getaucht. Da bisher vereinzelte Fragmente gefunden wurden, gehen die Forscher davon aus, dass noch weitere Schätze auf dem Grund des Luzerner Seebeckens ruhen. Sie suchen weiter. Mit GPS-Gerät, Unterwasserkamera und einem Einkaufskorb gefüllt mit verschiedensten Werkzeugen geht es drei Meter unter die Wasseroberfläche, ran an die Materie.

Mäder erklärt: «Sorgfältig suchen wir auf und besonders bis anderthalb Meter unter dem Seeboden nach weiteren Fragmenten von alten Pfahlbausiedlungen.» Dazu gibt es verschiedene Techniken: Eine davon ist ein banaler Handbohrer. Mit ihm werden Bohrungen im Seeboden gemacht, um so weitere Elemente aufspüren zu können. Eine etwas aufwändigere und sensiblere Methode ist jene, die mittels Sonartechnologie getätigt wird.

«Der Meilenstein ist gesetzt. Und die Fortsetzung folgt.»

Anna Kienholz, Archäologin und Leiterin Fachbereich Ur- und Frühgeschichte des Kantons Luzern

Die Funde werden anschliessend dokumentiert, lokalisiert und anschliessend mithilfe eines Vlieses und einer Kiesschicht geschützt. Denn: «Die prähistorischen Funde werden im Kontext des Fundortes nochmals um einiges spannender», so Mäder. Daher werden Funde nicht selten an Ort und Stelle belassen und unter Wasser untersucht.

Doch wofür sollen diese Funde überhaupt gut sein? Tatsächlich kann bei der Analyse der gefundenen Gegenstände mehr als nur die besiedlungstechnische Vergangenheit Luzerns weiter erforscht werden. Natürlich beschreiben die Zeitzeugen das Leben unserer Vorfahren, doch auch klimatische Bedingungen sowie weitere naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die für die Entwicklung der Region von Wichtigkeit sind, sollen damit gemacht werden können.

So erklärte Regierungsrat Marcel Schwerzmann mitten auf dem Vierwaldstättersee: «Mit den neuen Funden im Luzerner Seebecken konnte ein Meilenstein für die Erforschung der Luzerner Geschichte gesetzt werden. Die Geschichte Luzerns dürfte nun wohl um 2’000 Jahre älter werden.»

Vom Seegrund via Labor ins neue Museum

Die involvierten Forscherinnen können kaum stillsitzen und würden am liebsten den ganzen See umpflügen, um die Geschichte der Leuchtenstadt weiter erkunden zu können – so zumindest der Eindruck. Was klar ist: Die bisherigen Funde werden in einem Zürcher Labor umfangreich untersucht und anschliessend konserviert.

Kultur- und Bildungsdirektor Schwerzmann führt weiter aus: «Das Konzept eines neuen Museums in Luzern soll auch beinhalten, dass Funde von solcher historischer Bedeutung bestaunt und von ihnen gelernt werden kann.»

Für die Wissenschaftlerinnen sind neben dem Drang zur Weitersuche zwei Dinge unbestritten: «Der Meilenstein ist gesetzt. Und die Fortsetzung folgt», ordnet Kienholz den Erfolg ein. Und der stellvertretende Kantonsarchäologe Fabian Küng sagt zum Schluss: «Die Geschichte der Stadt Luzern darf schon bald neu geschrieben werden.»

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