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«Pornobildchen mit Kreuzstichen – auch das ist Medienkunst»
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Andres Wanner in den Räumlichkeiten, wo er bald unterrichten wird: «Ich verstehe das Digitale als Handwerk.»   (Bild: jwy)

Hochschule Luzern: Designer lernen programmieren «Pornobildchen mit Kreuzstichen – auch das ist Medienkunst»

9 min Lesezeit 05.09.2016, 17:38 Uhr

Wenn nächste Woche an der Hochschule Luzern das neue Semester startet, machen Informatiker und Kunststudenten erstmals gemeinsame Sache: Der neue Studiengang «Digital Ideation» ist ein schweizweites Novum. Der Medienkünstler Andres Wanner sagt, wieso Roboter zeichnen lernen – und wie ästhetisch Bits und Bytes sind.

Zwischen Basel, Rotkreuz und Emmenbrücke, zwischen Informatik und Kunst – und momentan noch zwischen Zügelkisten: Andres Wanner fällt etwas zwischen Stuhl und Bank. Er ist ein Pendler zwischen Disziplinen und Orten. Er lebt in Basel und baute an der Hochschule Luzern einen neuen Studiengang auf: «Digital Ideation» (zentralplus berichtete).

Das Studium soll Technik-Geeks genauso ansprechen wie kreative Hirne, es ist ein Hybrid zwischen den Departementen Informatik sowie Design & Kunst. Ein vergleichbares Angebot gibt es in der Schweiz bisher nicht.

Andres Wanner scheint prädestiniert für diesen Job: Er bewegt sich zwischen Medienkunst, Robotik, Design und Physik. Wir haben ihn an seinem neuen Arbeitsort auf dem Viscose-Areal in Emmen getroffen. Der nüchterne Industriecharme im frisch umgebauten Bau 745 (zentralplus berichtete) und in einem Nebengebäude passt gut zum Startup-Charakter von «Digital Ideation».

zentralplus: Haben Sie oft Schwierigkeiten, Ihren Beruf zu erklären?

Andres Wanner: Ja, sehr oft (lacht). Das gehört dazu, weil es ein neues Gebiet ist und es noch keine etablierten Bezeichnungen gibt. «Ideation Expert» etwa oder «Interaction Designer» werden noch am häufigsten verstanden.

zentralplus: Und was sagen Sie, wenn jemand fragt?

Wanner: Ich stelle mich meistens als Interaction Designer vor. Aber ich muss dann noch erklären, was es alles beinhaltet: Websites, Apps und künstlerische Installationen. Oder ich bezeichne mich als Medienkünstler, das ist ein zweiter Fuss, der sich teilweise mit dem eher Funktionalen überlappt.

«Das Interessante an der Technik ist, dass sie manchmal sehr rigide Rahmenbedingungen setzt.»

zentralplus: Sehen Sie sich mehr als Techniker oder Kreativer? Also mehr Physiker oder Künstler?

Wanner: Ich schlüpfe in verschiedene Rollen, ich merkte das auch beim Aufbau des Studiengangs. Ich arbeite als Gestalter mit Programmierern zusammen, programmiere aber auch selbst und erhalte Inputs von Gestaltern. Das ist eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, weil man immer eine Reibung hat.

Zur Person

Andres Wanner ist Physiker und Medienkünstler und nennt sich «Interaction Designer». Er lebt in Basel und ist Leiter des neuen Studiengangs «Digital Ideation» der Hochschule Luzern. In seinen künstlerischen Arbeiten befasst sich Wanner mit Eigenschaften von elektrischen Apparaten und der ästhetischen Dimension von Technologie. Er untersucht Spannungsfelder zwischen Kontrolle, Sicherheit und Zufall sowie zwischen Künstler, Werkzeug und Werk. Wanner unterrichtete in Deutschland, Kanada und den USA «digitales Design»: Er hat vier Jahre in Kanada gelebt und war dort an der School of Interactive Art and Technology tätig.

zentralplus: Ursprünglich haben Sie Physik studiert.

Wanner: Ja, aber schon während des Studiums hat mir das Kreative gefehlt. Nach dem Studium Mitte der 90er-Jahre kamen HTML-Websites auf, und ich bin da eingestiegen und fing an, Codes zu schreiben. Die Leute fanden es damals noch sehr komisch, dass man als Physiker so etwas tat.

zentralplus: Als Medienkünstler macht man ja nicht Kunst für Museen, stimmt das?

Wanner: Es ist schwer ausstellbar, ja. Man muss Medienkunst im Zusammenhang mit performativen Künsten sehen, vielleicht sogar eher mit Theater, Film und elektronischer Musik – es sind alles Kunstformen, die von Elektrizität abhängen. Darum ist das Museum oft nicht der geeignete Ort.

zentralplus: Muss man für Ihren Beruf oder das Studium eine gewisse Ästhetik hinter der Technologie erkennen? Die Schönheit hinter Bits und Bytes?

Wanner: Ich glaube schon. Aber ästhetisch heisst nicht einfach schön. Das Interessante an der Technik ist, dass sie manchmal sehr rigide Rahmenbedingungen setzt, wie früher, als Handys noch verpixelte Schwarz-weiss-Bildschirme hatten. Aus der Beschränkung lässt sich produktiv etwas entwickeln.

Und letztlich ist Ästhetik einer der Aspekte, der entscheidet, wie ein Mensch auf ein Produkt reagiert und ob eine Technik Akzeptanz findet. Einige erfolgreiche Internetdienste wurden durch Ästhetik erfolgreich, Airbnb wird als Beispiel genannt.

zentralplus: Inwiefern?

Wanner: Bei jemandem zu wohnen, den man nicht kennt, ist potenziell gefährlich. In Amerika war die Hürde aufgrund der Assoziation «Stranger danger» gross. Diese Angst überwindet man, indem man eine angenehme, luftige Ästhetik schafft, in die man Vertrauen hat.

zentralplus: Sie haben einen Zeichenroboter entwickelt, der Menschen in 30 Sekunden porträtiert. Ist das nicht eher eine Gefahr für den Künstler?

Wanner: Ja natürlich, es ist auch eine Provokation. Das hat Tradition: Schon Tinguely hat diese Art von Provokation genutzt. Es wirft die Frage auf, aus was denn Kunst besteht. Letztlich geht es in dieser Konzeptkunst darum, dass der Wert mehr in der Idee besteht als in der Ausführung. Der amerikanische Konzeptkünstler Sol LeWitt hat einmal gesagt, es sei nicht so entscheidend, wie etwas ausgeführt wird, das könne auch ein Handwerker machen.

Andres Wanner hat einen Zeichenroboter entwickelt.

Andres Wanner hat einen Zeichenroboter entwickelt.

(Bild: PD/Minttu Maari Mäntynen)

zentralplus: Sie haben schon in Kanada und in den USA unterrichtet, was bewog Sie, nach Luzern zu kommen?

Wanner: Die Stelle war ausgeschrieben. Ich habe an der HSLU bereits in der Forschung gearbeitet, ich kenne sie schon lange und es ist meine Lieblingsgestaltungsschule durch die Verwurzelung im Handwerk. Ich schätze die Tradition von Illustration und Animation sehr, die hier in der Stadt spürbar ist.

«Es wird dort interessant, wo das Digitale materiell greifbar wird. Das interessiert mich persönlich auch an Robotern.»

zentralplus: Und worin besteht die Verbindung vom Handwerk zum Digitalen?

Wanner: Wir verstehen auch das Digitale als Handwerk. Handwerk, weil es es etwas ist, das man selber gern macht, weil man ein Erlebnis hat und Freude daran, dass etwas Schönes entsteht. Das lässt sich auch auf das Programmieren übertragen. Und es gibt inhaltliche Bezüge: Man verwendet Illustrationen für das Design von Games.

zentralplus: Sie sagen, in Ihrem neuen Studiengang sitzt man nicht einfach nur am Computer, sondern arbeitet auch physisch?

Wanner: Ja, das ist mein Verständnis von der digitalen Welt. Klar wird sehr viel virtuell und immateriell gearbeitet, aber letztlich sind wir Menschen materielle Wesen, und wir leben in einer materiellen Welt. Es wird dort interessant, wo das Digitale wieder materiell greifbar wird. Das interessiert mich persönlich auch an Robotern, weil ich plötzlich etwas schrauben muss.

Hier studieren bald Informatiker und Kunststudenten.  (Bild: jwy)

Hier studieren bald Informatiker und Kunststudenten. (Bild: jwy)

zentralplus: Bauen Sie diese Roboter selber?

Wanner: Ich habe verschiedene, etwa ein Roboterquartett, das synchron zeichnet. Aber ich mache nicht alles selber, ich habe eher zwei linke Hände. Aber ich programmiere und orchestriere sie. Oder ich habe schon bestehende Maschinen anders verwendet, etwa Haushaltmaschinen als Zeichnungsgerät.

«Ein Informatiker kriegt eine Autorenschaft, eine Stimme und will etwas beitragen zu einem gesellschaftlichen Dialog.»

zentralplus: Zum neuen Studiengang: Wieso müssen Künstler heute Informatiker sein?

Wanner: Der Studiengang ist so angelegt, dass man eine Vertiefung wählt. Man muss die andere Seite einfach verstehen und mit ihr reden können. Bei «Digital Ideation» haben wir das Verständnis, dass man einen guten Umgang und Kommunikation mit den Leuten der Technik pflegt. Wir leben in einer digitalen Welt, und wenn jemand Kunst macht und etwas über die Welt sagen will, dann muss er immer mehr auch das Digitale mitverstehen.

zentralplus: Und umgekehrt: Wieso müssen Informatiker besser in Kunst und Design geschult sein?

Wanner: Weil Informatiker zunehmend unsere Gesellschaft prägen. Das bedingt auch eine Verantwortung; Informatiker können nicht nur einfach ausführen, was sich andere überlegen. Ein Informatiker kriegt eine Autorenschaft, eine Stimme und will etwas beitragen zu einem gesellschaftlichen Dialog – und auch kreativ sein.

Und wenn wir von Verantwortung reden, gibt es noch die Ebene der Selbstreflexion. Gerade in der Kunst hat es lange Tradition, dass man über ethische Fragen nachdenkt: Warum mache ich das, was ich mache? Kann ich das verantworten? Was sind die Motive dahinter? In der Praxis der Informatik ist das weniger gängig, aber es könnte eine neue Tradition begründen. 

Der Medienkünstler Andres Wanner in «seinen» neuen Räumen.  (Bild: jwy)

Der Medienkünstler Andres Wanner in «seinen» neuen Räumen. (Bild: jwy)

zentralplus: Die Digitalisierung bietet unzählige Chancen, birgt aber auch Gefahren, Stichwort Big Data, Privatsphäre, Cyberterrorismus. Wie beeinflussen diese Themen die Kunst?

Wanner: Künstler nehmen solche Themen auf und bringen sie in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Es gibt das Thema «Design Fiction», eine Richtung, die kommende Technologien thematisiert: Wie sie uns beeinflussen und was sie für uns bedeuten – solche Fragen. Das finde ich wahnsinnig wertvoll, weil es der Gesellschaft die Chance gibt, darüber zu reden, bevor das Produkt im Regal steht.

«Man muss auch Räume schaffen, wo Effizienz nicht gelten soll. Man darf sich nicht überrollen lassen von den Möglichkeiten.»

zentralplus: Es kommen ja auch nicht mehr alle mit in der Digitalisierung …

Wanner: Ja, der sogenannte «Digital Divide» ist eine mögliche Gefahr. Digitalisierung kommt nur bei einem Teil der Gesellschaft an, Leute werden zurückgelassen. Leute kommen nicht mehr mit, weil sie den Zugang zu Technologien nicht finden. Daran muss man immer auch denken, wenn man die Digitalisierung pusht.

zentralplus: Ist es nicht eine Generationenfrage? Der Anteil an Personen, die ohne Computer aufgewachsen sind, wird verschwinden.

Wanner: Ja, aber wie es auch funktionalen Analphabetismus gibt, gibt es wahrscheinlich funktionalen «An-Digitalismus». Und wenn Digitalisierung nur noch im Dienst der Effizienz steht, muss man sich fragen, ob Effizienz denn alles ist. Man muss auch Räume schaffen, wo Effizienz nicht gelten soll. Man darf sich auch nicht überrollen lassen von den Möglichkeiten. Nur weil man etwas machen kann, heisst es nicht, dass man es machen muss. Im Sog der Digitalisierung muss die Selbstreflexion dazugehören.

zentralplus: Bei Semesterstart werden bei Ihnen zwei Welten aufeinanderprallen: Informatik und Kunst. Wie wird das?

Wanner: Das wird sehr spannend. Aber nach meiner Wahrnehmung sind die Leute, die wir aufgenommen haben, gar nicht so unterschiedlich. Es sind kreative junge Leute, die bereits einen Ausbildungsgang durchlaufen haben, etwa die Berufsmatura in Informatik oder den Vorkurs an der Kunsti.

Und so sieht der Bau 745 aus, vor dem Gebäude entsteht der neue Park.  (Bild: zvg/Randy Tischler)

Und so sieht der Bau 745 aus, vor dem Gebäude entsteht der neue Park.  (Bild: zvg/Randy Tischler)

zentralplus: Die Studenten wissen, worauf sie sich einlassen?

Wanner: Wissen wir überhaupt, worauf wir uns einlassen (lacht)? Es wissen sicher alle, dass sie sich auf ein Abenteuer einlassen. Es ist etwas, das alle Beteiligten fordert, weil man das nicht kennt. Das auf die Reihe zu bringen, ist anspruchsvoll.

«Weil unsere Welt immer digitaler und technischer wird, wird es eine Herausforderung für die Kunst sein, darauf zu reagieren.»

zentralplus: Ist es nicht auch ein Fluch der heutigen Zeit, dass man immer mehr spartenübergreifend denken und wirken muss?

Wanner: Klar hat man nicht die gleiche Tiefe, wie wenn man sich 100 Prozent der Zeit auf ein Fach konzentriert. Aber es entspricht der heutigen Welt. Heute muss jemand, der bei einer Website für den gestalterischen Teil zuständig ist, auch die Technik verstehen. Unsere Welt ist komplexer, man kann sich schon wünschen, man wäre in einer monolithischen Bubble. Aber man wird den Herausforderungen der Welt besser gerecht, wenn man sich breit bildet.

zentralplus: Aber den alten Typus Künstler wird es weiterhin geben, der sich in seinem Atelier abschottet und Gemälde malt?

Wanner: Den wird es sicher geben – die Frage ist, was die Funktion eines Künstlers in der Gesellschaft ist. Für mich ist jene Kunst wichtig oder gut, die etwas bewegt oder thematisiert in der Gesellschaft. Das kann auch jemand sein, der mit Farbe malt. Es gibt eine gute Definition von Medienkunst: Medienkunst ist nicht Kunst, die man mit Medien macht. Sondern es ist Kunst, die Bezug nimmt auf ein Zeitalter, das von Medien geprägt ist.

zentralplus: Es lässt also die Form offen?

Wanner: Ja. Wenn zum Beispiel eine Künstlerin Pornobildchen mit Kreuzstichen macht, dann ist das Medienkunst. Obwohl es mit einem haptischen, analogen Material gemacht ist. Und ich glaube, weil die Gesellschaft und unsere Welt immer digitaler und technischer wird, wird es eine Herausforderung für die Kunst sein, darauf zu reagieren – in welcher Form auch immer.

Studiengang «Digital Ideation»: in Emmenbrücke und Rotkreuz

Ab Herbstsemesters gibt es an der Hochschule Luzern ein neues Bachelor-Studium: «Digital Ideation» ist eine Kooperation zwischen den Departementen Informatik und Design & Kunst. Wieso das? Weil Programmierer immer mehr Künstler seien – und Künstler immer mehr Programmierer, so die Hochschule.

Der Studiengang startet klein: mit 16 Studenten – und soll dereinst auf 45 anwachsen. Man legt sich von Anfang an auf einen Fokus fest – Informatik oder Design. Und entsprechend erhält man den Bachelor-Abschluss in Informatik oder in visueller Kommunikation. In dieser Form ist dieser interdisziplinäre Studiengang in der Schweiz ein Novum. Zwei Drittel der Module besuchen die Informatik- und Kunststudenten zusammen, der Rest ist fachliche Ausbildung, also Programmieren und gestalterische Grundlagen.

Mit dem neuen Angebot werden auch zwei neue Campusse eröffnet:

  • Eröffnung des neuen Standorts der Abteilung Design & Kunst: Bau 745 in der Viscosistadt in Emmenbrücke: 23. und 24.9. mit einem öffentlichen Fest
  • Eröffnung des neuen Standorts Departement Informatik, Rotkreuz Suurstoffi-Areal: 19.9.

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