Popsongs verdrängen Kirchenlieder
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Heute finden kaum mehr Erdbestattungen statt. Ungefähr 90 Prozent der Verstorbenen werden kremiert. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Bestattungskultur in Luzern Popsongs verdrängen Kirchenlieder

4 min Lesezeit 15.02.2015, 05:36 Uhr

Die Bestattungskultur hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Alte Traditionen werden aufgebrochen und machen modernen Ideen Platz. Sei es bei der Bestattung, wie auch beim Ablauf der Trauerfeiern in Bezug auf Text und Musik. Eine Veränderung sehen Experten auch im Umgang mit dem Sterben und  Abschiednehmen.

Die Zahl der Konfessionslosen steigt in Luzern stetig an. Insbesondere nach Ereignissen wie jenes in Bürglen (UR) häufen sich die Kirchenaustritte (zentral+ berichtete). Deshalb hat ein grosser Teil der Bevölkerung im Alltag immer weniger Bezug zur Kirche. Trotzdem bleiben einige Rituale des abendländischen Lebens ganz klar mit der Kirche verbunden. Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen – letztere ganz besonders. Doch im Rahmen dieser lassen sich immer mehr Grenzen ausloten. Auch in der Kirche.

Immer mehr Menschen entscheiden sich bei Trauerfeiern gegen Kirchenlieder, Orgelmusik, Erdbestattung und Bibelverse. Sei es, weil sie sich von 
der Kirche distanziert haben, weil es der Wunsch des Verstorbenen war oder weil sie eine neue Form der Zeremonie suchen. Auch das klassische Reihengrab verschwindet immer mehr. Bei vielen Menschen steigt der Wunsch nach individuellen Bestattungsformen.

Angebot wird angepasst

Bestatter, Friedhöfe und Kirchen reagieren auf diese Entwicklung mit neuen Angeboten. Und durch diese entwickelt sich ein bewussterer und auch unverkrampfterer Umgang mit Bestattungsriten. Denn trotz aller Veränderung sind Rituale in Momenten grosser Veränderung wichtig und werden in verschiedensten Formen gelebt.

«Immer mehr Leute streuen die Asche in der Natur aus.»
Rolf Arnold, Bestatter

«Auffällig ist, dass es seit einigen Jahren immer mehr Kremationen und weniger Erdbestattungen gibt. Ich schätze, es sind mittlerweile ungefähr 90 Prozent Kremationen», sagt Bestatter Rolf Arnold. Und die Asche der Angehörigen werde heute auch immer häufiger mit nach Hause genommen. «Immer mehr Leute wollen keine offizielle Beisetzung der Urne, sondern streuen die Asche in der Natur aus», so Arnold. Das sei heute nichts Ungewöhnliches mehr.

Trotzdem seien Naturbestattungen und das selbstständige Verstreuen der Asche immer noch die Minderheit, relativiert Pfarrer Beat Jung. Aber eine Veränderung finde klar statt. «Es verschiebt sich mehr aus der Kirche auf den Friedhof oder auch einen Waldfriedhof», so Jung.

Bestattungskultur viel individueller

Allgemein sei die Kirche offener geworden, was die Gestaltung der Trauerfeiern angehe, findet Arnold: «Da wird statt Kirchenmusik auch mal ein Popsong gespielt.»

Die Kirche geht damit auf die Wünsche der Angehörigen und der Verstorbenen ein. Jung beobachtet eine allgemeine Entwicklung, welche alle Veränderungen zusammenfasst: «Die Bestattungskultur hat sich sehr individualisiert.» Beinahe alles sei personalisiert. Einen allgemeinen Gottesdienst mit Gebet gäbe es praktisch nicht mehr.«Die Angehörigen haben meist eigene Wünsche zur Musik, den Texten und auch zur Gestaltung», so Jung.

Musikalisch gehen die Wünsche immer mehr in Richtung moderner Musik. «Allgemein ist die CD-Kultur ganz gross im Kommen, also Musik ab Konserve», so Jung. Kirchenmusik sei weniger gefragt als früher. Und auch selbst gesungen werde weniger. «Wenn Kirchenlieder gesungen werden, dann sind es eher die älteren, vertrauten Lieder», so Jung.

Und auch beim Ablauf würden die Angehörigen kaum noch auf den traditionellen Ablauf zurückgreifen. Oft würden Autoren oder Bücher vorgeschlagen, welche den sprachlichen Ablauf bestimmen sollen. «Es ist mir ein Anliegen, dass ein biblischer Text in der Trauerfeier enthalten ist. Oft kommen aber auch Gedichte oder Songtexte vor, die den Angehörigen oder den Verstorbenen sehr nahe sind.» Wichtig sei ihm ein Bezug zum christlichen Glauben. «Bei zeitgenössischer Literatur verbinde ich den Text immer auch mit einem Gedanken aus der Schrift», erklärt Jung.

Sterben in professioneller Umgebung

Doch nicht nur bei Trauerfeiern und Bestattungen sind Veränderungen wahrnehmbar, sondern auch im Umgang mit dem Sterben. Die Tradition des Aufbahrens von Toten bei den Kirchen verschwinde allmählich, erklärt Arnold: «Die Angehörigen wollen heute häufig keine Aufbahrung mehr. Man möchte nicht, dass jeder den Toten anschauen kann.» Trotzdem käme es noch vor. Es gäbe diese Möglichkeit noch beim Friedhof, oder dann auch in Heimen. «Bei Personen, die zuhause verstorben sind, kommt es auch eher vor, dass die Angehörigen die verstorbene Person noch ein zwei Tage dort aufbahren.»

«Früher wurden die Verstorbenen nachts und fast heimlich aus den Wohnhäusern und Heimen getragen.»
Rolf Arnold, Bestatter

Es nehme auch stark zu, dass die Menschen in Spitälern oder Heimen versterben würden, erklärt Arnold: «Immer weniger Leute sterben zuhause. Früher kannte man das noch. Man ging natürlicher mit dem Sterben um.» Heute hätten die Leute mehr Ängste vor dem Tod und würden sich dementsprechend an Personen oder Institutionen wenden, die professionell damit umgehen. «Man weiss nicht wie reagieren und geht deshalb mit dem Sterbenden ins Spital», so Arnold.

Pfarrer Jung fällt dabei auf, dass gerade Heime mittlerweile sehr viel bewusster mit dem Thema Sterben umgehen. Dies sei auch bei den Bestattern der Fall. «Früher wurden die Verstorbenen nachts und fast heimlich aus den Wohnhäusern und Heimen getragen. Heute wird viel bewusster Abschied genommen», so Jung. Oftmals würden Heime heute einen Abschied für die Angehörigen und Bewohner organisieren.

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