Politik

Luzernerinnen an der Frauensession
«Wir dürfen uns nicht mit dem Erreichten zufriedengeben»

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An den Kommissionssitzungen haben die Frauen rund zwei Dutzend Forderungen erarbeitet. (Bild: zvg)

Heute und morgen gehört das Bundeshaus den Frauen: An der zweiten Frauensession in der Geschichte stehen zahlreiche Forderungen auf dem Programm. Es kämen andere Themen aufs Tapet, wenn Frauen politisierten, sagen drei Luzernerinnen, die dabei sind. Und das sei nach wie vor bitter nötig.

Gleiche Löhne für gleiche Arbeit? Ja.

Bessere Kinderbetreuung? Ja.

Mehr Mittel für den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt? Ja, klar.

Aber: Die Frauensession geht weit über die bekanntesten Forderungen der Gleichstellungspolitik hinaus. Heute und morgen diskutieren im Bundeshaus 246 Teilnehmerinnen zahlreiche Anträge, welche die Kommissionen in den letzten Wochen ausgearbeitet haben (siehe Box).

Was in der Öffentlichkeit wenig zur Sprache kommt

Denn es gebe noch viele Baustellen, sagt Pia Ammann. Sie setzt sich seit Jahren mit viel Herzblut für Gleichberechtigung ein. «Die Frauensession ist eine einmalige Gelegenheit, auf nationaler Ebene auf Anliegen der Frauen aufmerksam zu machen», sagt Ammann, die zu den 200 auserwählten Teilnehmerinnen gehört.

«Frauen legen einen anderen Fokus, weil sie eine andere Lebenswelt und teilweise andere Herangehensweisen bei Problemen haben.»

Pia Ammann, Teilnehmerin Frauensession

Sie engagiert sich für ein Thema, das oft nicht so prominent in den Medien erscheint: Frauen in der Wissenschaft. «Frauen sind grossartige Wissenschaftlerinnen und kompetente Expertinnen. Doch noch immer sind sie als solche untervertreten: in der Forschung, an Podien, in den Medien, in den Universitätsleitungen», sagt Ammann, welche die Fachstelle für Chancengleichheit an der Universität Luzern leitet, sich aber im Rahmen ihrer Freizeit für die Frauensession engagiert.

Denn obwohl viele Frauen ein Studium in Angriff nehmen, nimmt ihr Anteil auf jeder Hierarchiestufe ab. Auf Stufe Professur machen sie gerade mal 24 Prozent aus. «Diese Untervertretung schmälert ganz entscheidend die Vielfalt und die Qualität der Schweizer Forschung, weil spezifische Perspektiven und Fragestellungen fehlen», sagt Ammann.

Die Frauen geben den Ton an: Ab heute findet die zweite Frauensession der Geschichte im Bundeshaus statt.

Die Kommission für Wissenschaft, der sie angehört, fordert darum, dass die Finanzierung der Hochschulen und die Drittmittelvergabe an gleichstellungspolitische Standards gekoppelt wird. Mit mehr Festanstellungen soll zudem verhindert werden, dass Frauen den akademischen Karriereweg verlassen.

Andere Lebenswelten, andere Themen

Pia Ammann ist überzeugt, dass die Frauensession Themen aufgreift, die im «herkömmlichen» Politbetrieb seltener aufs Tapet kommen. «Frauen legen einen anderen Fokus, weil sie eine andere Lebenswelt und teilweise andere Herangehensweisen bei Problemen haben. Es ist wichtig, dass sich dies in der Politik widerspiegelt.» 

Diese Ansicht teilt auch Trix Dettling. Die ehemalige Luzerner SP-Kantonsrätin nimmt ebenfalls an der Frauensession teil, sie präsidiert die Kommission für Wissenschaft. «Im Courant normal haben diese Themen oft nicht die höchste Priorität – nichtsdestotrotz besteht vielerorts noch Handlungsbedarf», sagt sie.

Hier kannst Du die Frauensession live mitverfolgen:

Die Kommissionssitzungen erlebte sie als sehr intensiv und konstruktiv. «Es gab weniger Ego-Spiele als in der Politik sonst üblich, denn den Frauen geht es um die Sache.» 

Obwohl an der Frauensession mehr linke Stimmen im Bundeshaus zu hören seien als üblicherweise, seien die Anliegen durchaus umstritten, sagt Trix Dettling. Davon zeugen auch mehrere Minderheitsanträge.

Von Gender-Medizin bis zum Ausländer-Stimmrecht

Die Palette der Forderungen ist breit. So verlangt zum Beispiel eine Motion ein Programm für Gender-Medizin, damit nicht mehr einfach der männliche Körper als Standard in Forschung und Behandlung gilt, sondern die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Krankheiten stärker berücksichtigt werden.

Eine weitere Motion will verhindern, dass Algorithmen sexistisch sind und einen Genderbias aufweisen. Und eine ganze Reihe von Anträgen legt das Augenmerk darauf, die rechtliche und soziale Situation von Bäuerinnen zu verbessern.

Sind heute und morgen an der Frauensession (von links): Trix Dettling, Pia Ammann und Cécile Bühlmann.

Etwas aus dem Rahmen fällt die Forderung der Kommission, die von der Luzernerin Cécile Bühlmann gemeinsam mit Ada Marra präsidiert wird. Sie verlangt nämlich, dass alle abstimmen dürfen, die seit fünf Jahren in der Schweiz leben. «Das Frauenstimmrecht hat unsere Demokratie vollständiger gemacht, aber sie ist noch immer nicht vollständig», begründet die ehemalige Nationalrätin der Grünen.

«Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass wir an die Urne dürfen.»

Trix Dettling, ehemalige SP-Kantonsrätin

Obwohl die Forderung Männer und Frauen genauso umfasst, passt sie laut Bühlmann gut in die Frauensession. «Ein Viertel der Bevölkerung – in manchen Städten fast die Hälfte – kann nicht mitbestimmen. Das erinnert fatal an die Situation der Frauen vor 50 Jahren.»

Wieso es 2021 noch eine eigene Session braucht

Auch wenn sich die Situation seither für die Frauen verbessert hat: Die drei Luzernerinnen sind sich einig, dass nach wie vor Handlungsbedarf besteht. «Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass wir an die Urne dürfen. Sondern müssen immer genau hinschauen, wo nach wie vor männliche Lebensentwürfe massgebend sind», sagt Trix Dettling.

Cécile Bühlmann weist darauf hin, dass es im eidgenössischen Parlament bislang nie eine Frauenmehrheit gegeben hat. «Darum werden die Themen, die im Alltag der Frauen relevant sind, immer etwas randständig behandelt.»

Die Pandemie habe die bestehenden Ungleichheiten erbarmungslos sichtbar gemacht, ergänzt Pia Ammann. «Die Frauensession und damit der Kampf gegen Ungleichheit sind daher aktueller denn je.» 

Die Entschlüsse der Frauensession haben keine bindende Kraft. Dennoch erhoffen sich die Teilnehmerinnen davon eine Signalwirkung. «Die Forderungen sind fortschrittlich und entwerfen ein Bild der gleichberechtigten », sagt Cécile Bühlmann. «Sie werden über die zwei Tage hinaus Strahlkraft haben.»

So funktioniert die Frauensession

50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts gehört des Bundeshaus diesen Freitag und Samstag den Frauen. Insgesamt rund 1’400 Interessierte haben sich für die Teilnahme an der Frauensession beworben, 200 wurden gewählt. Dazu kommen 46 aktive Bundespolitikerinnen.

In eigens gebildeten Kommissionen haben sie im Vorfeld rund zwei Dutzend Anträge erarbeitet, über die das Plenum an den zwei Tagen diskutiert und entscheidet. Die konkreten Forderungen werden anschliessend als Petitionen im Bundesparlament eingereicht.

Organisiert wird die Frauensession von Alliance F, dem grössten schweizerischen Frauendachverband, gemeinsam mit den Evangelischen Frauen Schweiz, dem Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband, dem Dachverband Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund und der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen.

Die erste Frauensession fand genau vor 30 Jahren statt. Bis 1996 gab es regelmässig Kongresse von Frauenverbänden.

Hier der erste Sessionstag zum Nachschauen im Video:

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1 Kommentare
  1. lui casutt, 29.10.2021, 08:01 Uhr

    Liebe Frauen, bitte vergesste nicht, wem ihr das zu verdanken habt.
    Schöne Grüsse von den bösen Männern;)

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