Politik
Gastrede von Sevgil Musayeva in Luzern

Wie eine Journalistin den Ukraine-Krieg erlebt

Sevgil Musayeva, Chefredaktorin der ukrainischen Onlinezeitung «Ukrainska Pravda», trat am Donnerstag vors Luzerner Stadtparlament. (Bild: Wikipedia/Mkip.gov.ua)

Der Grosse Stadtrat in Luzern hatte in der September-Session einen besonderen Gast: die ukrainische Journalistin Sevgil Musayeva. Als Chefredaktorin der Online-Zeitung «Ukrainska Pravda» berichtet sie für vier Millionen Menschen täglich über den Ukraine-Krieg.

In der Ukraine tobt noch immer Krieg. Dieser tobt auch abseits der Schlachtfelder. Nämlich um die «Wahrheit» oder Deutungshoheit über den Krieg. Für Russland ist es eine «militärische Operation zur Befreiung von Russinnen aus einem Land mit einem von Nazis infizierten Regime.» Für die Ukraine ist es nichts weniger als die Verteidigung ihres Landes gegen einen mächtigen Nachbarn mit Expansionsgelüsten. Umso wichtiger sind deshalb unabhängige Nachrichtenquellen.

In Luzern fürs Demokratie-Forum

Genau das liegt Sevgil Musayeva am Herzen. Die 35-Jährige ist Chefredaktorin der «Ukrainska Pravda», was so viel wie «ukrainische Wahrheit» bedeutet. Vorher hatte die Onlinezeitung die Korruption innerhalb der Ukraine angeprangert. Nun hat sie sich zu einer wichtigen Informationsquelle zum Kriegsgeschehen entwickelt. Dabei erreicht sie täglich bis zu vier Millionen Menschen, und zwar nicht nur Ukrainerinnen, sondern auch Interessierte weltweit.

Und damit auch Russen. Im Nachbarland ist die «Ukrainska Pravda» zwar verboten, doch die Seite führt auch einen russischsprachigen Telegram-Kanal. Dessen Abonnentenzahlen sind in den ersten Tagen des Krieges regelrecht explodiert. Kein Wunder, listet das «Time»-Magazin Sevgil Musayeva als eine der 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2022.

Mit ihrem Einsatz für unabhängige journalistische Berichterstattung hat sie auch die Aufmerksamkeit der Schweiz auf sich gezogen. Am derzeit stattfindenden «Global Forum on Modern Direct Democracy» in Luzern hielt Sevgil Musayeva eine Rede über unabhängigen Journalismus und dessen Bedeutung für die Demokratie.

Ukraine will keine Kompromiss-Lösung

Ihr Besuch in Luzern führte sie am Donnerstag auch in den Grossen Stadtrat. Sie habe einen langen Weg hinter sich und viele Städte besucht, erzählte sie. Und in jeder stellen Politiker ihr eine vermeintlich simple Frage: Wäre für die Ukraine kein Kompromiss möglich? Etwa durch das Zugeständnis eines kleinen Gebiets an Russland?

«The answer is no», hält sie fest. «Ich möchte erinnern, was mit der von Russland besetzten Krim passiert ist.» Musayeva, die selbst auf der ukrainischen Halbinsel aufgewachsen ist, ist seit acht Jahren – seit der Annexion durch Russland – nicht mehr dort gewesen. Einst ihre Heimat, wird die Krim nun als Militärstützpunkt genutzt, von dem aus Raketen auf zahlreiche ukrainische Städte geschossen werden.

«Everyone is involved. Civilians, activists, people from every level of society.»

Sevgil Musayeva, Chefredaktorin der ukrainischen Onlinezeitung «Ukrainska Pravda»

Man merkt, die Ausführungen gehen ihr nahe. Ihre Anekdoten und Erklärungen sind von Seufzern durchzogen. Im Parlamentssaal, in dem teils auch während der Voten der Kollegen getuschelt oder gesurft wird, herrscht betroffene Stille. Die Parlamentarier hängen an ihren Lippen.

Journalisten greifen zu Tastatur oder Gewehr

Auf ihrer Redaktion haben sich viele Journalisten überlegt, wie sie im Krieg am effektivsten helfen können. Zwei ihrer Kollegen seien der Armee beigetreten. Sie stellt sich jedoch auf den Standpunkt, dass sie helfe, «die Grausamkeiten des Kriegs aufzudecken.»

Wie etwa das Massaker von Butscha. In der ukrainischen Kleinstadt gibt es nach Abzug russischer Truppen zahlreiche Indizien für Kriegsverbrechen. Die Vorwürfe und Bilder dazu weist Russland von sich, behauptet, sie seien gestellt oder von anderen verübt worden. Umso wichtiger sei es deshalb, die Wahrheit aufzudecken, so die Chefredaktorin.

Was die Schweiz von der Ukraine lernen kann

Nicht nur, um die Wahrheit in die Welt herauszutragen. Sondern auch, um innerhalb der Ukraine einen starken Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Denn das könne die Schweiz von der Ukraine – obwohl auch sie ihre Probleme, beispielsweise Korruption, habe – lernen. «Everyone is involved. Civilians, activists, people from every level of society.»

Und mit diesem Engagement wehren sich die Ukrainer bereits seit über 200 Tagen, wider aller Erwarten. Trotzdem sei die Ukraine auf die Hilfe von Aussen ausgewiesen. Von der Schweiz wünsche sie sich zwei konkrete Hilfestellungen: einerseits die Unterstützung von ukrainischen Flüchtlingen. Viele wollten eigentlich nach Hause, doch in der Ukraine seien viele kritische Infrastrukturen wie Schulen oder Spitäler zerstört.

Auch nach ihrer Gastrede ist das Interesse an der Journalistin gross. (Bild: mik)

Andererseits durch die Kontrolle russischer Oligarchen, die Vermögenswerte in der Schweiz horten (zentralplus berichtete). Sie schlägt vor, deren Geld für den Wiederaufbau der Ukraine zu verwenden. «During the last 20 years, they were part of Putin's system. It's not only Putin's war.» Ein Vorschlag, den auch SP-Nationalräte aufs nationale Polit-Tapet bringen wollen, so die «SonntagsZeitung».

Von der Macht simpler Sätze

Bis dahin kämpfe die Ukraine jedoch weiter. Der Krieg setze vieles in Relation: Oft lösen die simpelsten Nachrichten in ihr die grössten Emotionen aus. So etwa, als ihr ein verschollen geglaubter Kollege nach tagelanger Funkstille in einem Satz von seiner Flucht berichtet. Sie träume jedenfalls davon, ihren geflüchteten ukrainischen Freundinnen eine simple Nachricht schicken zu können: «the war is over.»

Nach den Worten gibt es einen Applaus, sie erhält ein Dankeschön. Kaum ist Sevgil Musayeva aus der Tür und der Applaus verhallt, wechselt Stadtratspräsident Christian Hochstrasser auf Deutsch. Das Parlament widmet sich wieder dem Tagesgeschäft: der Detailberatung des Car-Regimes.

Verwendete Quellen
  • Gastrede von Sevgil Musayeva im Grossen Stadtrat Luzern
  • Eintrag im «Time»-Magazin zu Sevgil Musayeva
  • Wikipedia-Artikel zu Sevgil Musayeva
  • Programm Global Forum on Modern Direct Democracy
  • Artikel «SonntagsZeitung» (hinter Paywall)
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