Politik
Wahlplakatverhunzungen im Kanton Zug

Wenn Politiker plötzlich einen Schnauz tragen

Er hat eine volle Ladung an Schmierereien auf seinem Wahlplakat abgekriegt: SVP-Gemeinderatskandidat Roland Müller in Unterägeri.

(Bild: zvg)

Ein Schnauz der eindeutigen Art. Eine dicke Monobraue. Eine Zahnlücke. Ein Pickel auf der Stirn. Auf solche und ähnliche Weise werden Wahlplakate von Kandidaten in Zug verschandelt. Ist das spontaner und lustiger Protest gegen bestimmte Politiker? Oder ist das wirklich böse gemeint?

Auf den ersten Blick mögen es nur wenige Wahlplakate im Kanton Zug sein, die man verunstaltet sieht: Politiker, die gewählt werden wollen, haben plötzlich Bärte oder Pickel im Gesicht. Oder tragen gar einen Hitler-Schnauz.

Das heisst jedoch nicht, dass dieser Eindruck der Wahrheit entspricht. Denn die Parteien haben längst ihre Konsequenzen gezogen und auf die Plakatschmierereien reagiert.

«Wir tauschen die Plakate aus. Da spielen wir mit den Vandalen Igel und Hase.»

Daniel Staffelbach, Wahlkampfmanager der Zuger SVP

Daniel Staffelbach, Wahlkampfleiter der kantonalen Zuger SVP, verrät nämlich: «Wir tauschen die Plakate aus. Da spielen wir mit den Vandalen Igel und Hase.» Am Anfang würde man sich über solche Verhunzungen auf den Konterfeis der Kandidaten aufregen. «Je mehr Wahlkämpfe man mitgemacht hat, umso gleichmütiger nimmt man dies aber hin», sagt Staffelbach.

Wobei einem auffällt, dass es nicht selten SVP-Plakate sind, die von Unbekannten verunstaltet werden. Ein subjektiver Eindruck?

SVP stellt mehr Plakate auf als andere Parteien

«Alle Parteien leiden darunter, dass Wahlplakate verunstaltet werden. Das gehört leider zum Wahlkampf», versichert Staffelbach. Dass es subjektiv betrachtet mehr SVP-Plakate sind, die verschmiert werden, könne auch damit zusammenhängen, «dass wir einfach mehr Plakate aufgestellt haben».

Dabei gehen die Macher der SVP-Abstimmungsplakate auch nicht immer gerade zimperlich damit um, wenn gewisse politische Botschaften an den Mann oder die Frau gebracht werden sollen. Stichwort: schwarze Schafe. Doch Staffelbach sieht das anders.

«Es macht nichts, wenn Plakate bei Abstimmungen drastisch sind, sonst muss man ja keine aufhängen. Hingegen sind unsere Wahlplakate immer zurückhaltend. Da geht es um Personen und nicht um Themen.»

«Für mich ist so etwas in erster Linie ein Lausbubenstreich.»

Thomas Werner, SVP-Kantonsratskandidat Unterägeri

Doch wie gehen die betroffenen Politiker damit um, wenn ihr Gesicht auf einem Wahlplakat verunstaltet wurde? Nehmen sie das persönlich? Zeigen sie sich betroffen?

Was der Strich über die Augenbrauen wohl bedeuten soll? Thomas Werner: «Für mich ist das in erster Linie ein Lausbubenstreich.»

Was der Strich über den Augenbrauen wohl bedeuten soll? Thomas Werner: «Für mich ist das in erster Linie ein Lausbubenstreich.»

(Bild: ewy)

Thomas Werner aus Unterägeri etwa kandidiert erneut für den Zuger Kantonsrat. Auf dem Wahlplakat, das am Ufer des Ägerisees aufgestellt ist und auf dem man ihn zusammen mit Ralph Ryser und Esther Monney-Roggenmoser abgebildet sieht, zieht sich ein dicker schwarzer Strich über seine Augenbrauen – ebenso wie über diejenigen seiner beiden Mitkandidaten. Was das wohl zu bedeuten hat? Soll das etwa ein Brett vor dem Kopf darstellen?

«Für mich ist so etwas in erster Linie ein Lausbubenstreich», sagt Werner gegenüber zentralplus und nimmt’s gelassen. Es sei das erste Mal, dass ihm so etwas auf einem Wahlplakat widerfahre. «Ich nehme das überhaupt nicht persönlich», versichert Werner.

«Mehr junge linke Aktivisten»

Auf den Hinweis, dass man immer wieder SVP-Plakate mit solchen Verunzierungen zu sehen bekomme, bemerkt Werner: «Es gibt eben mehr junge linke Aktivisten, die auf diese Weise ihrer Meinung gegenüber gutbürgerlichen Bürgern Ausdruck verleihen.» Aber es gibt doch auch rechte Parteijugendorganisationen, machen die so etwas nicht? «Nein, die sind anständig.»

«Wahlen sind eindeutig Wertungen: Da liegt es nahe, dass Einzelne dazu neigen, Personen und ihre Werte durch krasse Zeichen zu diffamieren.»

Iwan Rickenbacher, Kommunikationsberater und Politikexperte

Für den bekannten Kommunikationsberater und Politikexperten Iwan Rickenbacher steht indes fest: «Plakate, die vielen Betrachtern eine Stellungnahme vorschlagen, laden zu ablehnenden Bemerkungen oder diffamierenden Symbolen ein – dazu gehören Wahlplakate, Abstimmungsempfehlungen oder Aufrufe sozialer Bewegungen.»

«Zahnlücken als Zeichen des Zerfalls»

Wahlen sind für Rickenbacher auch eindeutig Wertungen – und zwar von Personen oder Programmen. «Da liegt es nahe, dass Einzelne dazu neigen, Personen und ihre Werte durch krasse Zeichen zu diffamieren.» Und diese Zeichen müssten schnell erkennbar sein: Hitler-Schnauz, Hörner, Zahnlücken als Zeichen des Zerfalls und so weiter.
 
Rickenbacher ist davon überzeugt, dass nicht nur die SVP von solchen Diffamierungen betroffen sei. «Keine Partei ist davor gefeit, ‹Plakatopfer› zu werden. Oft werden auch Plakate abgerissen oder umgeworfen.»
 

Wahlkommentar der anderen Art in Baar: Gessler oder Tell? Pulver oder Dzaferi?

Wahlkommentar der anderen Art in Baar: Gessler oder Tell? Pulver oder Dzaferi?

(Bild: Facebook-Fotomontage)

Übrigens – auch Max Colpi, einen der beiden SVP-Kandidaten für den Gemeinderat in Baar, hat ein Unbekannter mit einem Schnauz auf dessen Wahlplakat verunziert. Inzwischen ist dieser zum Teil wieder weggewischt worden.

Charlie-Chaplin-Schnauz?!

«Ich habe keine Malereien auf meinen Plakaten bemerkt», versichert Colpi gegenüber zentralplus. «Schön, dass dies wieder entfernt wurde. Das war doch ein Lausbubenstreich, wie es ihn schon immer gegeben hat.» Und SVP-Wahlkampfleiter Daniel Staffelbach ist überzeugt, dass «Max Colpi für alle wählbar ist – mit oder ohne aufgemaltem Charlie-Chaplin-Schnauz».

Auch Gemeinderatskandidat Josef-Iten Nussbaumer von der CVP Unterägeri hat man ein dezentes Schnäuzchen aufs Gesicht gemalt – das inzwischen schon wieder fast weggewischt worden ist. Dabei trägt dieser von Natur aus schon einen Schnauz.

«Mein verunstaltetes Wahlplakat habe ich noch nicht gesehen. Wenn ein Plakat über längere Zeit an einem vielleicht etwas wenig frequentierten Ort steht, so kann das den einen oder anderen dazu verleiten, etwas daran zu verunstalten», sagt Iten-Nussbaumer. Er seinerseits nehme das nicht so persönlich, «bin jedoch froh, wenn es die absolute Ausnahme bleibt.»

Komplett verschmiert wurde das Wahlplakat von SVP-Gemeinderat Roland Müller aus Unterägeri. Er trägt plötzlich einen Vollbart, hat einen Pickel auf der Stirn, einen Nasenrüssel, eine Zahnlücke, schwarze Pupillen und schwarze Monobrauen.

«Im ersten Moment war ich schon etwas enttäuscht.»

Roland Müller, SVP-Gemeinderatskandidat in Unterägeri

«Ich habe die Plakate einen Tag später beim Durchfahren bemerkt», sagt Roland Müller gegenüber zentralplus. «Im ersten Moment war ich schon etwas enttäuscht, mitunter auch wegen dem Aufwand, welcher das Plakataufstellen mit sich bringt.» Er habe es weder mit Humor noch persönlich genommen. «Ich habe es sozusagen zur Kenntnis genommen und mache mir eigentlich keine weiteren Gedanken darüber. Es gibt in Ägeri auch noch andere Plakate, die angemalt wurden.»

Und was haben die Kinder des vierfachen Familienvaters zu den Schmierereien gesagt? Müller: «Meine älteste Tochter hat mich darauf aufmerksam gemacht. Sogar mein zweijähriger Sohn hat das Mami gefragt, wieso der Papi einen schwarzen Zahn hat.»

Max Colpi von der SVP kandidiert für den Baarer Gemeinderat.

Max Colpi von der SVP kandidiert für den Baarer Gemeinderat.

(Bild: woz)

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.