So lief es auf der Friedenskonferenz wirklich

Warum Luzern nicht Genf werden soll

Von der sonnigen Terrasse senden Journalisten ihre Meldungen in alle Welt – hinter ihnen der «Lake Lucerne». (Bild: kok)

zentralplus hat einen Redaktor zwei Tage lang auf die Bürgenstock-Konferenz geschickt. Er durfte viel in einen Bildschirm schauen und fragt: Lohnt sich der Riesenzirkus?

Samstag, 21 Uhr, Neustadt Luzern: Ein glattrasierter Sicherheitsmann im schwarzen Anzug steht auf der Strasse und winkt einen SUV-Fahrer zu sich. Dieser lässt das Fenster runter. Kurz wird geredet, dann ist klar: Der Fahrer soll Platz machen. Wenig später rollen fünf schwarze Wagen durch die schmale Strasse – drei mit Diplomatenkennzeichen.

Diese Szene ist in der Stadt Luzern nicht normal. In Genf wäre sie das. Ebenso unüblich sind die hunderten Journalistinnen und Kameraleute, die zur gleichen Zeit aus dem Bahnhof Luzern strömen. Sie kommen von der Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock, keine zehn Kilometer entfernt. Und werden Sonntagmorgen auf den Staatsgipfel zurückkehren.

17 Stunden später: Wer bereits in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett stand, denkt jetzt daran: Rechts und links der Bundespräsidentin Viola Amherd stehen Menschen, die in den Fernseher gehören. Der kanadische Premierminister Trudeau, die mächtigste Frau der EU von der Leyen und der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski – keine fünf Meter entfernt.

Plötzlich ist die Politprominenz da – und wieder weg

Klein sind sie, das ist der erste Gedanke. Sie tragen Make-up, der zweite. Mann, sind das gute Schauspieler, der dritte. Wie einstudiert werden Reden gehalten. Der Gipfel? Ein grosser Erfolg. Viele Staaten haben sich geeinigt, dass die UN-Charta wichtig ist und ein Krieg schlecht. Das war es aber auch schon.

Die politische Prominenz von ganz nah. (Bild: kok)

Die Abschlusserklärung des Staatsgipfels, der im schicken Bürgenstock-Ressort auf Einladung der Schweiz stattgefunden hat, haben die wichtigsten Staaten nicht unterzeichnet: Indien, Saudi-Arabien, Südafrika. China und Russland waren nicht dabei. Und ein Folgegipfel wurde nicht vereinbart.

Schönreden kann man das nicht. Selbst Viola Amherd sagt: «Wir haben erreicht, was unter den Vorzeichen zu erreichen war.»

Friedenskonferenz ist abgeriegelt – selbst für Journalisten

Samstagfrüh, 9 Uhr, Stans Bahnhof: Noch ist vom enttäuschenden Ende der Konferenz nichts zu spüren. Im Shuttle sitzen Journalisten aus aller Welt. Was für eine Erfahrung, hier dabei sein zu dürfen, finden viele. 500 Journalistinnen haben eine Akkreditierung erhalten. Darunter: auch alte Haudegen.

«Wow, hey James. You are here. When have we seen us? Was that G7 Summit?» In der dicht bestuhlten Pressehalle auf dem Bürgenstock kommt eine eigene Welt zusammen: Journalisten für internationale Berichterstattung. Sie tragen lockere Jacketts, kommen aus London, Hong-Kong oder Washington. Alles hier ist normal – das zeigen sie.

Dabei wirkt nichts normal. Das ist schon im Shuttlebus klar, der von Obbürgen hoch ins Ressort fährt. Soldaten und Kühe wechseln sich entlang der schmalen Strasse ab, Helikopter kreisen, das Bürgenstock-Ressort ist eingezäunt und steht bedrohlich vor einem grauen Himmel. Fast wie im Film Inception, wenn die Helden einen ersten Blick auf das Hauptquartier des Bösen werfen, bevor sie in einer halsbrecherischen Geheimaktion eindringen.

Hier wird Frieden verhandelt. (Bild: kok)

Auf die Friedenskonferenz dringt niemand ein. Nicht einmal die Journalisten selbst. Sie dürfen zwei Tage in einer umfunktionierten Halle sitzen, in der die reichen Gäste der Hotelanlage normalerweise Tennis spielen. Auf grossen Bildschirmen läuft die Konferenz, die nur wenige hundert Meter entfernt stattfindet, sich aber anfühlt, wie am anderen Ende der Welt.

Wie internationale Medien arbeiten

Und dafür sind Journalisten aus Chile, Indien, China, Australien oder Washington um die Welt gereist? Diese Frage drängt sich mehr als einmal auf. Wenn der Staatschef eines Landes auf dem Bildschirm erscheint, eilen Kameraleute aus seinem Land zum Bildschirm und filmen die Rede ab – als wären sie wirklich dabei.

Zweimal ändert sich die Stimmung. Dann, wenn die Wachsfiguren erscheinen. Das ist einmal am Samstag um 14.30 Uhr, als Amherd und Selenski für zehn Minuten auf die kleine Bühne in der Tennishalle treten. Und am Sonntag, als das Scheitern des Staatsgipfels mit einem Lächeln verschleiert wird.

Wenn jemand live im Pressezentrum steht, stürzen sich alle auf ihn. (Bild: kok)

Ansonsten blickt die globale Presse mit Rundnacken in den Laptop, reloaded Live-Ticker von anderen Medien und schreibt sich gegenseitig ab. Gelegentlich dürfen einige Journalisten auf Einladung zum echten Konferenzort. Manche können ein Häppchen Information mitbringen, die meisten nicht. Es wird viel spekuliert, dabei beruft man sich auf «Diplomatenkreise» und «Insider».

Der Türsteher zwischen den Staatsführern und Medienleuten ist erbarmungslos. Er trägt einen schicken Anzug und bewacht eine unscheinbare Glastür neben den Toilettenanlagen. Presseleute wollen ihn immer wieder überreden, reinzukommen. Es fühlt sich an, wie mit 17 vor einem angesagten Club in der Innenstadt zu stehen. Und am Ende doch in der Dönerbude zu landen, in dessen Ecke ein Fernseher flackert.

Schnelles Ende der Bürgenstock-Konferenz – was bleibt?

Plötzlich stehen Cassis und Amherd vor den Medien. Es ist Sonntag, 16.30 Uhr, die Konferenz ist vorbei und die Bundespräsidentin versucht mit dem Aussenminister, den zwei Tagen etwas Gutes abzugewinnen. Dabei erreicht sie, was – um mit ihren Worten zu sprechen – «unter den Vorzeichen» erreichbar ist.

Dann ist alles vorbei. Die Journalistinnen strömen aus. Einige Staatschefs – Macron aus Frankreich, Scholz aus Deutschland oder Harris aus den USA – haben sich schon vor Stunden auf den Rückweg gemacht – in schwarzen Limousinen und Helikoptern. Was bleibt, sind Bilder über Bilder. Ein Armeeeinsatz mit 4000 Soldaten. Wochenlange Spekulationen. Kurzum: ein Riesenzirkus. Wie man ihn in Genf bestens kennt – in Luzern aber zum Glück nicht.

Verwendete Quellen
  • Teilnahme an der Bürgenstock-Konferenz zu Frieden in der Ukraine
  • zentralplus Medienarchiv
  • Media Corner zur Bürgenstock-Konferenz
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