Beat Röschlins ungewöhnlicher Weg

Walchwiler will Präsident von Sedrun sein

Der Walchwiler Beat Röschlin will als Feriengast Gemeindepräsident von Sedrun in der Surselva werden. Es hat geklappt. (Bild: Fotomontage/zvg)

Beat Röschlin lebt seit zwölf Jahren in Walchwil und war viele Jahre lang Manager in grossen Firmen. Jetzt will der 60-Jährige Gemeindepräsident im bündnerischen Sedrun werden. Ganz will sich Röschlin aber nicht aus der Gemeinde am Zugersee verabschieden: Seine Frau bleibt dort wohnen.

Die Liebe zu Sedrun, wo Beat Röschlin seit vielen Jahren seine Ferien verbringt, hat den Walchwiler auf eine überraschende Idee gebracht: Er will sich Anfang März zum Gemeindepräsidenten von Tujetsch wählen lassen. Zwar habe er den Ferienort hauptsächlich zur Erholung besucht, «aber ich habe die Augen nicht vor der Realität verschlossen». Auch Röschlin hat bemerkt, dass es für Gemeinden wie Tujetsch zunehmend schwieriger wird, Personen für politische Ämter zu motivieren.

Der letzte Tujetscher Gemeindepräsident, Pancrazi Berther, wurde im vergangenen Frühling nach neun Amtsjahren abgewählt. Es sei als Gemeindepräsident nicht immer einfach, sagt Tujetschs Vizepräsident André Schmid. Er müsse oft den Kopf hinhalten für Entscheidungen des Gesamtgemeinderates. «An seinem Einsatz lag es sicher nicht», sagt Schmid über die Abwahl Berthers. Er sei einigen wohl zu wenig volksnah gewesen.

Seither ist der Posten vakant. Weil die Gemeinde bisher niemanden finden konnte, beauftragte sie eine externe Firma mit der Evaluation. Es wurden auch Ferienwohnungsbesitzer und langjährige Feriengäste angeschrieben.

Röschlin muss umziehen – aber nicht ganz

So kam Röschlin ins Spiel: «Ich habe mir das zwei Tage lang überlegt und wollte dann mehr darüber wissen. Deshalb habe ich mich mit dem Vizepräsidenten der Gemeinde getroffen und mich lange mit ihm unterhalten.» Dieser habe in ihm das Feuer für das Amt entfacht. Gleich nach dem Gespräch habe er sich für eine Bewerbung entschieden, sagt der 60-Jährige. Seinen Job als Manager bei der Publigroupe hätte er ohnehin auf Ende Januar 2015 aufgegeben. Innerhalb der Gruppe war er auch einige Jahre als CEO des Inseratevermittlers Publicitas tätig.

Röschlin lebt mit seiner Familie seit zwölf Jahren in Walchwil. Die beiden Kinder sind mittlerweile ausgezogen. Röschlin wird seine Schriften zwangsläufig nach Tujetsch verlegen müssen – sonst könnte er dort nicht Gemeindepräsident werden. Ganz von Walchwil verabschieden will er sich dennoch nicht. Denn seine Frau ist dort als Lehrerin tätig. Das bleibt auch künftig so. Doch das ist für Röschlin kein Problem: Er sei mobil und schon früher beruflich viel unterwegs gewesen. Im Sommer brauche man von Walchwil nach Sedrun zudem bloss etwa eineinhalb Stunden. Im Winter dauert die Fahrt über Chur allerdings deutlich länger.

«Im Kanton Zug wird mir zu wenig nachhaltig politisiert»

Beat Röschlin, Walchwil

Im Verkehr liegt denn auch gleich eine seiner wichtigsten Visionen für die Gemeinde: Den Zugang zum Tal von Westen her zu verbessern – vor allem im Winter. Er denkt an einen Tunnel von Sedrun nach Andermatt.

«In Walchwil hat es nie Klick gemacht»

Warum will Röschlin ausgerechnet im Bündnerischen Sedrun in die Politik einsteigen und nicht an seinem bisherigen Wohnort? Er weicht dieser Frage zuerst aus: «In Walchwil hat es einfach nie Klick gemacht.» Es habe mit seinen Wertvorstellungen zu tun, sagt er dann doch noch. «Im Kanton Zug wird mir zu wenig nachhaltig politisiert.» Mehr wolle er dazu aber nicht sagen.

Walchwils Gemeindepräsident Tobias Hürlimann ist ebenfalls vorsichtig mit einer Aussage zu Röschlins geplantem Umzug. Das sei seine private Angelegenheit, so Hürlimann. Er kenne weder Röschlin noch dessen Ausgangslage. Aber er wünsche ihm viel Glück. «Ist doch schön, dass ein Walchwiler an einem anderen Ort gefragt ist», sagt er mit einem Schmunzeln.

Röschlin spricht viel lieber über seine kommende Aufgabe, sofern er denn gewählt wird. Davon ist allerdings auszugehen, denn eine Alternative haben die Tujetscher nicht. Ein zweiter offizieller Kandidat hat sich wieder zurückgezogen. Der erste Unterländer, der das Gemeindepräsidium in einem Bündner Bergdorf übernimmt, wäre Röschlin im Übrigen nicht. Seit 2010 ist der Stadtzürcher Peter Binz Präsident der Gemeinde Medel/Lucmagn. Diese liegt im gleichen Tal wie Tujetsch im Bezirk Surselva.

Gemeinde wie eine Firma führen

Röschlin war vor vielen Jahren einst FDP-Präsident einer Sektion im Zürcher Unterland; in Tujetsch wolle er aber als Parteiloser arbeiten. «Unabhängig und ohne vorgefasste Meinungen.» Letztlich komme es nicht auf Parteien an, sondern auf Menschen, sagt er. Dass Röschlin keine politische Erfahrung mitbringt, sieht Tujetschs Vizepräsident nicht als Nachteil: «Wir sind überzeugt, dass er für die Aufgabe als Gemeindepräsident ein fähiger Mann ist», sagt Schmid. Er habe beruflich viel Erfahrung und ein grosses Beziehungsnetz.

Dass Röschlin als ehemaliger Manager die Gemeinde wie eine Firma führen könnte, beurteilt Schmid sogar positiv. «Wir haben schon vor einiger Zeit unsere Strukturen geändert und wollen die Gemeinde mehr wie ein Unternehmen leiten.» Röschlin bringe als Aussenstehender zudem neue Ideen ein, so Schmid. Er sei ausserdem kommunikativ gut und könne ein Bindeglied zu den Zweitwohnungsbesitzern werden. Denn die Gemeinde muss das neue Tourismusgesetz umsetzen, das nicht überall auf Gegenliebe stösst.

Jetzt will er Romanisch lernen

Obwohl das Gemeindepräsidium in Sedrun bloss eine 50-Prozent-Stelle ist, will sich Röschlin zumindest am Anfang zu 100 Prozent seiner Aufgabe widmen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Das hat auch mit der Sprache zu tun. Denn Amtssprache in der Surselva ist Romanisch, viele offizielle Dokumente sind nur in der vierten Landessprache vorhanden. Röschlin will einen Kurs besuchen und die Sprache lernen. Zumindest so, dass er ein wenig verstehen und lesen kann.

Röschlin hat beruflich viel erlebt und auch drei Jahre in Südkorea gelebt. Nun will er ein nächstes Abenteuer anpacken – seine Motivation ist deutlich spürbar. Er plange auf die Wahl. «Ich habe schon angedroht, dass ich gleich am 9. März – einen Tag nach der Wahl – auf der Matte stehen werde», sagt er und lacht.

Ein «Fremder» als Gemeindepräsident? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit!

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.
Zeichenanzahl: 0 / 1500.


0 Kommentare
    Apple Store IconGoogle Play Store Icon