Politik

Der Chirurg wird Vorsteher Gesundheit & Soziales
Vitznau: Das sind die Pläne von Thierry Carrel

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Als Gemienderat möchte Thierry Carrel die Bewohnerinnen von Vitznau in die politischen Prozesse einbeziehen. (Bild: USZ)

Der Starchirurg wird ab November in . Nach seinem ersten Versuch, in die einzusteigen, hat er es jetzt in stiller Wahl geschafft. Wird er mit dem Mäzen das Dorf nun ganz umkrempeln? Oder braucht Vitznau den Herzchirurgen zum Ausgleich? zentralplus hat mit ihm gesprochen.

ist einer der Stars der Schweizer Herzchirurgie. Seit 2020 ist der 62-jährige Co-Leiter der Herzklinik am Universitätsspital Zürich. Vor zehn Jahren ist der Fribourger an den Vierwaldstättersee in die Luzerner Gemeinde gezogen. Dort wird er, nach einer ersten misslungenen Kandidatur für den Nationalrat 2011, jetzt überraschend (zentralplus berichtete).

Nicht überraschend übernimmt Carrel in Vitznau ab dem 1. November das Departement Gesundheit und Soziales. Die derzeitige Deparementsleitung, Anita Mehr, tritt ab, da sie mit ihrem Partner in die Region Sursee zieht und einen neuen Lebensabschnitt beginnen möchte.

Die Vitznauer wollen endlich baden

Auf ihre achtjährige Amtszeit blickt sie mit viel Begeisterung zurück: «Vitznau ist sehr im Wandel. viele neue Menschen, die sich engagieren, bringen neuen Wind nach Vitznau.» Das Vertrauen in den Gemeinderat sei in der letzten Zeit deutlich gestiegen. Man sei endlich Altlasten angegangen und habe generierte Mehreinnahmen in den längst nötigen Unterhalt von Infrastruktur investiert. Das sei gut angekommen.

Einige Baustellen müsse sie aber an ihren Nachfolger übergeben, sagt Mehr. So etwa den Aufbau der ausserschulischen Kinderbetreuung und die Neuausrichtung des Alterszentrums Hofmatt. Aber auch der Schulraum, Tempo-30-Zonen und kleinere Projekte wie der Wunsch nach einem Badeplatz am See. zentralplus hat mit dem Nachfolger von Mehr gesprochen und ihn nach seinen Plänen gefragt.

zentralplus: 2011 wollten Sie als Nationalrat die Weichen für das zukünftige stellen. Wie hat sich ihre politische Motivation seither verändert?

Thierry Carrel: Seit 2011 hat sich natürlich einiges verändert. amals war eine Motivation, die Ärzteschaft und das Gesundheitswesen in der zu vertreten. Aber es war mir auch bewusst, dass ich wohl nichts Grösseres hätte bewirken können. Aber mit einer 30-jährigen Erfahrung an der Front wäre es für mich sinnvoll gewesen, an der Diskussion teilzunehmen. Mein jetziges Engagement ist vielmehr einer Bürgerpflicht gleichzusetzen. Es scheint zunehmend schwierig zu sein, Menschen für politische Ämter zu finden. Auch Personen mit viel mehr politischer Erfahrung waren offenbar für das Amt nicht zu motivieren. Heute bin ich überzeugt, dass dieses bescheidene Teilpensum eine gute Gelegenheit wird, die politischen Mechanismen kennenzulernen und etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit zu tun. Als Gemeinderat ist man ja allen Geschäften dabei.

Die Zukunft liegt wohl nicht mehr in der traditionellen Hausarztpraxis mit einem Einzelversorger allein im Dorf, sondern vielmehr in einer Art Gesundheitszentrum mit Arzt, Pflege, Physiotherapie, fachlichen Beratungsstellen zum Beispiel für Diabetes usw., aber auch mit Integration der Spitex und anderer Fachkräfte.

zentralplus: Sie haben ja bisher nur die ganz grossen Herausforderungen gesucht. Was ist für Sie der besondere Reiz an diesem Amt?

Carrel: Das hat vielleicht mit Altersweisheit und Lebenserfahrung zu tun. In der Rolle als Gemeinderat werde ich mich mehr für Konsens einsetzen, als wenn ich im Feuer der nationalen Politik stehen würde. Ich habe sehr lange Zeit eine Klinik geleitet und war verpflichtet, in verschiedenen Bereichen das Maximale herauszuholen. Da gab es ja manchmal auch Kämpfe ums Geld, denn alle Klinikchefs haben ja ähnliche Ziele und Vorstellungen für ihr Fachgebiet. Man wurde gemessen und verglichen. Es verlieh mir aber einen breiten Rücken. Das Amt des Gemeinderats bedeutet eine ähnliche Herausforderung, die ich dank meinem breiten Rucksack mit wenig Sorgen aufnehmen werde. In einem kleinen Dorf hat man zwischen den Ressorts wohl eine ähnliche Situation. Auch da geht es ums Geld und schliesslich um einen Konsens und um gute Lösungen für eine möglichst grosse Mehrheit der Einwohner.

zentralplus: In Vitznau spricht man schon seit längerem über eine Hausarztpraxis, obwohl das Pflegezentrum und die Spitex zusammengeführt werden sollen. Wäre eine Hausarztpraxis in so einem kleinen Dorf überhaupt noch zeitgemäss?

Carrel: Ich will erst einmal die Situation in der Region anschauen. Für mich ist eine Hausarztpraxis in Vitznau nicht zwingend, denn es gibt viele Möglichkeiten. Von meiner langjährigen Tätigkeit im Spital und an der Universität habe ich einiges an Erfahrung im Bereich der Ausbildung von jungen Medizinern und Pflegefachkräften. Letztere könnten zukünftig einzelne Funktionen eines Hausarztes übernehmen. Oder man könnte die Versorgung mit jüngeren Medizinern sicherstellen, die in einer Arztgruppe angestellt sind oder teilweise von einem Spital zur Verfügung gestellt werden könnten, auch für die Alters- und Pflegezentren.

zentralplus: Also mehr Zentralisierung?

Carrel: Ja, unsere Bevölkerung muss dies auch verstehen. Wir werden zukünftig nicht genügend Personal haben, um die Kräfte zu verzetteln. Es muss eine Bereitschaft entstehen, die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Regional- oder Kantonsspitälern auszubauen. Damit könnte man auch die Jungen für die Hausarztmedizin gewinnen. Die Zukunft liegt wohl nicht mehr in der traditionellen Hausarztpraxis mit einem Einzelversorger allein im Dorf, sondern vielmehr in einer Art Gesundheitszentrum mit Arzt, Pflege, Physiotherapie, fachliche Beratungsstellen zum Beispiel für Diabetes usw., aber auch mit Integration der Spitex und anderer Fachkräfte. Ein solches Gesundheitszentrum könnte für mehrere Gemeinden da sein.

Wenn eine Person wie visionäre Ideen hat, die sinnvoll sind und Vielen zu Gute kommen, dann sollte man sicher nicht die Türe zu machen.

zentralplus: Mit den Projekten von Peter Pühringer hat Vitznau viele wohlhabende Einwohnerinnen gewonnen. Wie sehen Sie die Spannungen zwischen den sozialen Schichten auch gerade im Hinblick auf Gemeindestrukturen wie eine Arztpraxis.

Carrel: Das betrifft nicht nur die Wohlhabenden, viele Dörfer kämpfen mit der Tatsache, dass sie einen zu kleinen Arbeitsmarkt vor Ort haben und auch weniger Wohlhabende auswärts der Arbeit nachgehen müssen. Aber die Wohlhabenden pendeln wahrscheinlich noch weiter nach Zug oder Zürich. Aber mich interessieren auch die Bauern auf der Rigi. Da liegen die grösseren Herausforderungen, nämlich dass der Gemeinderat sich vernünftig für alle im Dorf einsetzt. Es ist ganz klar ein Balanceakt, die goldene Mitte zu finden zwischen den wohlhabenden Einwohnern, die ja auch da Steuern zahlen, und der angestammten Bevölkerung, die auch davon profitieren soll. Beispielweise musste man vor einigen Jahren das Schulhaus renovieren und erweitern. Einige dachten wohl, das lohne sich nicht, da viele Familien abwandern würden, weil man keine günstigen Wohnungen mehr findet. Aber es ist eher das Gegenteil geschehen. Familien fühlen sich wohl in Vitznau und mittlerweile diskutiert man über eine Erweiterung des Schulhauses.

zentralplus: Peter Pühringer baut aber nicht das Schulhaus. Wie können seine Luxus-Projekte integriert werden (zentralplus berichtete)?

Carrel: Es ist sicher spannend zu sehen, wie man Projekte von Herrn Pühringer in Einklang bringen kann mit dem Dorfbild und den Wünschen der hiesigen Bevölkerung, die seit Generationen in Vitznau wohnt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es für alle auch zukünftig Platz haben wird und dass Vitznau nicht zur exklusiven Steueroase für Wohlhabende wird. Aber man darf dankbar sein, dass die Dorffinanzen dank wolhhabenden Einwohnern gegenwärtig gut aussehen. Und trotzdem muss sich der Gemeinderat auch für kleinere Geschäfte und für die Vereine einsetzen, damit auch der Dorfcharakter behalten werden kann. Es muss ein Anliegen der Gemeinde sein, dass die Bodenpreise nicht explodieren und dass weiterhin Mietobjekten zu vernünftigen Preisen zur Verfügung stehen.

zentralplus: Kommt es nicht zu Konflikten, wenn Peter Pühringer Dienstleistungen der Gemeinde ermöglicht, wie zum Beispiel die Kita, die im neuen Hotelkomplex «Das Morgen» aufgemacht hat (zentralplus berichete)?

Carrel: Das kann ich noch nicht beurteilen. Ich kenne Herr Pühringer nicht wirklich. Aber es ist offensichtlich, dass seine Bauten in einem kleinen Dorf wie Vitznau auffallen. Wenn eine Person wie Peter Pühringer visionäre Ideen hat, die sinnvoll sind und Vielen zu Gute kommen, dann sollte man sicher nicht die Türe zu machen. Ein partnerschaftliches Verhältnis um einige seiner Ideen zu verwirklichen und natürlich auch seine finanzielle Möglichkeiten sinnvoll einzusetzen, wäre eine ideale Voraussetzung.

Es wäre auch schön, wenn man ab und zu auch auf dem Trottoir eine Meinung austauschen darf. Da bin ich gespannt, ob es mir gelingt die Wünsche und Bedürfnisse in Erfahrung zu bringen.

zentralplus: Wie wollen Sie die Bürgerinnen in Vitznau einbeziehen in die strategische Planung?

Carrel: Der Gemeinderat hat hier schon vorgearbeitet: In Vitznau hat es in den letzten Jahren einige Male sogenannte Konsultationen gegeben. Das sind Arbeitsgruppen, die sich unabhängig von der politischen Orientierung bilden und in denen ein sachliches Problem diskutiert wird. Mit solchen Arbeitsgruppen oder Bürgerforen ist es einfacher, Meinungen abzuholen und sich ein Bild zu machen. Je nach Sachlage und Geschäft muss man diejenigen abholen, die es interessiert. Das Thema Kita muss man ja mit den jungen Familien besprechen. Dafür werden sich die Rentner eher weniger interessieren. Es wäre auch schön, wenn man ab und zu auch auf dem Trottoir eine Meinung austauschen darf. Da bin ich gespannt, ob es mir gelingt, die Wünsche und Bedürfnisse in Erfahrung zu bringen.

zentralplus: Haben Sie sich schon mit Anita Mehr ausgetauscht, die Sie ablösen werden?

Carrel: Wir haben einige Termine über den Sommer vereinbart, damit sie mich einführen kann. Vor allem im Sozialbereich muss ich noch einiges lernen. Es bewegt sich gerade viel bei den Zuständigkeiten. Man hat gesehen, dass der Gemeinderat, der für alles das Telefon abnimmt, nicht immer das Sinnvollste ist. Viele Arbeiten erledigen Mitarbeiter in der Verwaltung viel besser. Deshalb ist die Stelle, die ich übernehme, auch reduziert worden. Anita Mehr hat als ausgebildete Sozialarbeiterin einen Teil der Arbeit an der Front übernommen. Das ist lobenswert aber vielleicht nicht immer ideal.

zentralplus: Sind Sie dann ab November einen Tag in Vitznau im Büro?

Carrel: Nein nein, ich bin gar kein Büromensch. Wir haben unsere Gemeinderatssitzungen und Sitzungen die mit diesem Amt in Verbindung stehen. Aber wenn es keine Sitzung gibt, dann bin ich eher draussen. Es gibt übrigens wertvolle Sozialinstitutionen, wie z.B. der Bauernhof im Grubisbalm. Diesen werde ich sicher einmal besuchen. Aus einem Büro heraus kann man häufig die Probleme an der Front nicht verstehen. Da ist es im Spital nicht viel anders

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Thierry Carrel
  • E-Mail-Austausch mit Anita Mehr, Departementsvorsteherin Gesundheit und Soziales, Vitznau
Weitere Quellen
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1 Kommentare
  1. sowas, 01.06.2022, 08:04 Uhr

    Vielleicht schafft es Herr Carrel ja, dass Herr Pühringer den Fokus seines neueröffneten hightech Themen- und Luxushotels «Das Morgen» nicht mehr auf die «Neurologie», sondern auf die «Herzchirurgie» richtet. Zur Erinnerung:
    https://www.zentralplus.ch/news/vitznau-hightech-hotel-oeffnet-seine-tore-2328301/

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