Politik
Weniger Druck zur Geschlechtsidentität

Unisex-Toiletten an Schulen: Stadt Luzern prescht vor

Wohin, wenn man sich weder als Mann noch als Frau definiert? (Symbolbild: Adobe Stock) (Bild: )

An Luzerner Schulen soll es künftig Unisex-WCs geben. Der Stadtrat ist überzeugt, dass sich so Trans- und non-binäre Jugendliche wohler fühlen.

Bis jetzt gibt es in den Schulhäusern der Stadt Luzern Toiletten, die explizit für Mädchen, und Toiletten, die explizit für Jungs angeschrieben sind. Jetzt will der Stadtrat Unisex-Toiletten an Schulen einführen.

Die Idee stammt von SP-Grossstadträtin Regula Müller. «Die jetzige Situation an Schulen ist für Trans-Jugendliche oder Jugendliche, die sich weder als Junge noch als Mädchen definieren, unhaltbar, wenn nicht sogar prekär», begründete sie ihren Vorstoss gegenüber zentralplus. «Sie sollten sich nicht für eine geschlechtsspezifische Toilette oder Garderobe entscheiden müssen, wenn sie das nicht können oder wollen.»

Für Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen, ist das stille Örtchen oftmals ein Ort, an dem sie sich ausgegrenzt, unsicher oder gar schikaniert fühlen. Sogenannte All-Gender-WCs oder Unisex-Toiletten an Schulen bieten einen sicheren Ort für diese Menschen. An der Hochschule Luzern wurden bereits 2019 am Departement Soziale Arbeit drei sogenannte All-Gender-Toiletten eingeweiht (zentralplus berichtete).

Stadtrat will aus Behinderten-WCs Unisex-Toiletten machen

Das «berechtigte Anliegen», wie Stadtpräsident Beat Züsli es nennt, trifft beim Stadtrat auf offene Ohren. «Uns ist aufgefallen, dass dem Anliegen nach geschlechtsneutral zugänglichen Toiletten und Garderoben bisher in öffentlichen Gebäuden wenig bis gar keine Beachtung geschenkt wurde», sagt er im Gespräch mit zentralplus.

Der Stadtrat stellt «eine deutliche Zunahme» von Kindern und Jugendlicher mit Problemen hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität fest. Schulen hätten eine Vorbildfunktion und könnten aus Sicht der Stadtregierung die Akzeptanz von Trans-Menschen in der Gesellschaft voranbringen.

Der Stadtrat will deshalb prüfen, ob bestehende Behinderten-WCs einfach und pragmatisch zu Unisex-WCs umfunktioniert werden könnten.

Wo die Unisex-Toiletten platziert werden, muss gut durchdacht sein

Beat Züsli ergänzt auf Anfrage, dass die Wahl des Standorts entscheidend sei. «Unisex-WCs müssen so situiert werden, dass sie gut einsehbar sind. Sodass sie nicht zu Rückzugsorten verkommen, die der sozialen Kontrolle völlig entzogen sind.» Konkret will der Stadtrat verhindern, dass sie zu Treffpunkten für Drogenhandel oder sexuelle Kontakte werden. «Das ist eine Gratwanderung, denn zugleich sollen die Unisex-Toiletten ja auch nicht so platziert werden, dass sich Menschen, die diese WCs nutzen, ausgestellt fühlen.»

Deswegen will der Stadtrat auf abschliessbare Einzelkabinen setzen, die mit einem allgemeinen Toilettenpiktogramm beschriftet sind. Schwieriger dürfte es bei den Unisex-Garderoben werden, weil auch diese Einzelgarderoben sein müssten. Wird ein Schulhaus künftig saniert oder neu gebaut, so soll bei sanitären Anlagen auf den Einbau kombinierter Einzeltoiletten geachtet werden.

Schule der Vielfalt: Hapert's an der Umsetzung?

Die LGBTQ-Thematik an Schulen ist in der Stadt Luzern schon länger Thema. Bereits vor drei Jahren reichten SP, Grüne und Junge Grüne eine Motion dazu sein. «Das schulische Umfeld ist oftmals eine bedeutende Quelle von Diskriminierungen, kann aber auch als Ort der Aufklärung genutzt und ausgebaut werden», hielten sie damals fest.

DIe Forderung: Schulen sollen LGBTQ-Jugendliche darin fördern, selbstbewusst zu sich zu stehen. Und sie sollen die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als gesellschaftliche Realität vermitteln sowie den Respekt gegenüber der Unterschiedlichkeit fördern. Beim Erstellen des Konzepts sollen LGBTQ-Organisationen wie die Milchjugend einbezogen werden.

Mit dem Ergebnis sind die Motionärinnen (noch) nicht zufrieden. Deshalb doppeln sie nun mit einer Motion nach. Sie fordern einen konkreten Planungsbericht, der Massnahmen, Vorgehen und Ressourcen auflistet. Die Stadt soll zeigen, wie die Schulen homo- und transphobes Verhalten bekämpfen und die Suizid-Rate von LGBTQ-Jugendlichen senken.

Mädchen geht nun als Junge zur Schule

Für den Stadtrat ist ein Planungsbericht der falsche Weg. «Wir sind uns einig, den Fokus auf die konsequente und flächendeckende Umsetzung zu legen und unsere Ressourcen auch darin zu investieren. Und nicht in die Erarbeitung einer umfassenden Auslegeordnung», begründet Beat Züsli diesen Schritt.

Schulleiterinnen sollen deshalb im Rahmen der pädagogischen Konferenzen weiter sensibilisiert werden. Auch das Beratungsangebot sei ergänzt worden. So sei beispielsweise das Team der «Milchbar» im Treibhaus eine wichtige Anfragestelle geworden. Verschiedene Schulen hätten Fachpersonen der Beratungsstelle S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz eingeladen.

«Mehrere Schulen erleben und begleiten den Geschlechterrollenwechsel von Kindern oder deren Geschwister», führt der Stadtrat aus. So besucht beispielsweise ein als Mädchen geborenes Kind seit zwei Jahren die Schule als Junge und hat bereits seinen Namen gewechselt. «Die Schule hat den Kontakt zu Fachpersonen hergestellt und mit Aufmerksamkeit sowie gleichzeitig mit Ruhe und Gelassenheit den Umwandlungsprozess begleitet.» In einer anderen Schule hat die Fachstelle Transgender Network Switzerland ein Outing eines Kindes begleitet.

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