Politik
Sind die Richtlinien diskriminierend?

Triage wegen Corona: Ungeimpfte haben schlechtere Karten

Sind alle Betten auf der Intensivstation belegt, kommt es zur Triage. (Bild: zvg)

In Luzerner Spitälern kommen die Intensivstationen an den Anschlag. Eine Triage zwischen schwerkranken Patienten ist die Konsequenz. Die Triage-Kriterien werfen jedoch Fragen auf: Sind sie tolerant gegenüber Ungeimpften, aber diskriminierend gegenüber Menschen mit einer Behinderung? zentralplus hat nachgefragt.

Das Wort Triage ist derzeit in aller Munde, insbesondere im Kanton Luzern. An einer medienwirksamen Pressekonferenz letzte Woche kündigte der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf an, dass es wohl bald zur Triage auf Luzerner Intensivpflegestationen kommt (zentralplus berichtete). In diesem Fall erhält nicht mehr jede Patientin eine intensivmedizinische Pflege – obwohl sie dies braucht, um zu überleben.

Ein äusserst unschönes, aber absehbares Szenario, wie Graf an der Pressekonferenz erklärte. Für eine Triage gelten die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Der oberste Grundsatz ist, so viele Leben wie möglich zu retten. Die Überlebenschancen eines Patienten spielen also eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist auch der erwartete Aufwand, den ein Patient auf der Intensivstation beansprucht, relevant für den Triage-Entscheid (zentralplus berichtete).

Diese Kriterien werfen jedoch die Frage auf: Sind sie tolerant gegenüber Ungeimpften, aber diskriminierend gegenüber Menschen mit einer Behinderung?

FDP-Präsident und Oncosuisse fordern neue Kriterien

Von verschiedenen Seiten wurde im Dezember gefordert, dass der Impfstatus auch ein Triage-Kriterium sein sollte. So sagte beispielsweise der Präsident der FDP-Schweiz Thierry Burkart gegenüber dem «Blick»: «Sind die Intensivstationen voll, müssen Ungeimpfte hinten anstehen.»

Auch die Krebsorganisation Oncosuisse forderte in einem offenen Brief an die SAMW, dass sie die Triage-Richtlinien bezüglich des Impfstatus überdenken soll. Die aktuellen Richtlinien förderten die Impfbereitschaft der Bevölkerung nicht, argumentiert die Organisation.

«Ungeimpfte Covid-Kranke mit schwersten Verläufen haben schlechte Chancen auf eine intensivmedizinische Betreuung.»

Stellungnahme SAMW zur Forderung von Oncosuisse

Ärzte, Juristinnen sowie Ethiker wollen von diesen Forderungen jedoch nichts wissen (zentralplus berichtete). Sie sind sich einig, dass der Impfstatus einer Person kein Triage-Kriterium sein darf. So schreibt die SAMW in ihrer Stellungnahme auf den offenen Brief von Oncosuisse: «Das Recht auf medizinische Versorgung ist ein Grundrecht. Man kann dieses Grundrecht nicht verlieren, auch nicht durch wissentlich riskantes Verhalten.» Sie lehne die Forderung von Oncosuisse daher «entschieden» ab.

Impfstatus ist kein Kriterium, aber ...

Die SAMW fügt jedoch an, dass der Impfstatus als medizinisches Kriterium «sehr wohl eine Rolle» bei der Triage spiele: Dies im Zusammenhang mit dem zu erwartenden medizinischen Aufwand, den eine Patientin verursacht. Die Betreuung eines Covid-Patienten mit einem schweren Verlauf ist sehr aufwendig. Schätzungsweise rund acht bis zehn Mal höher als die eines Patienten nach einer Herzoperation, wie Prof. Dr. med. Christoph Henzen vom Luzerner Kantonsspital vorrechnet (zentralplus berichtete).

Die SAMW folgert daher: «Wer nicht geimpft ist, hat das höhere Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs. Ungeimpfte Covid-Kranke mit schwersten Verläufen haben unter diesem Aspekt schlechte Chancen auf eine intensivmedizinische Behandlung.»

Diskriminiert die Triage behinderte Menschen?

Dass der Aufwand bei der Betreuung berücksichtigt wird, benachteiligt jedoch nicht nur ungeimpfte Menschen, sondern auch Menschen mit einer Behinderung. Ihre Pflege ist sehr ressourcenintensiv und die meisten von ihnen sind in irgendeiner Form auf externe Hilfe angewiesen.

Die Abhängigkeit von externer Hilfe ist in den SAMW-Richtlinien jedoch ein entscheidendes Kriterium bei einem Triage-Entscheid. Wer stark von externer Hilfe abhängig ist, hat bei der Triage schlechte Karten. Aus diesem Grund haben Behindertenorganisationen bereits während der zweiten Corona-Welle Druck auf die SAMW gemacht, damit diese die Richtlinien anpasst.

Mit Erfolg: Seit rund einem Jahr sind Personen mit einer Behinderung von besagtem Abhängigkeits-Kriterium ausgenommen. Darüber ist Michael Ledergerber erleichtert. Er ist Luzerner SP-Kantonsrat und Geschäftsleiter der Behindertenorganisation Procap Luzern: «Bei Procap freuen wir uns natürlich, dass die SAMW auf die Kritik der Behindertenverbände eingegangen ist», sagt er auf Anfrage.

Michael Ledergerber ist SP-Kantonsrat und Geschäftsleiter der Behindertenorganisation Procap Luzern. (Bild: zvg)

Für Ledergerber ist das nicht nur in seiner Funktion als Geschäftsleiter von Procap Luzern wichtig, sondern auch als Vater. Er hat nämlich selber zwei Töchter mit einer schweren Behinderung. Ursprünglich hatte er sich zwar gar nie überlegt, dass seine Töchter auf der Intensivstation keinen Platz erhalten könnten. Nun, da Teile der SAMW-Richtlinien für Menschen mit einer Behinderung nicht mehr gelten, sagt er aber: «Als Vater spüre ich eine gewisse Erleichterung.»

«Die SAMW-Richtlinien sind nicht verbindlich. Das ist etwas ganz anderes als eine gesetzliche Grundlage.»

Michael Ledergerber, Geschäftsleiter Procap Luzern

Richtlinien sind keine Gesetze

Ledergerber fügt aber sogleich an: «Die SAMW-Richtlinien sind nicht verbindlich. Es sind Empfehlungen, die als Grundlage dienen. Das ist etwas ganz anderes als eine gesetzliche Grundlage.» Darum fordert er, dass der Gesetzgeber in diese Diskussion eingreift und eine verbindliche Rechtsgrundlage schafft. «Diese gäbe uns eine gewisse Sicherheit, dass Menschen mit einer Behinderung bei Triage-Entscheiden nicht diskriminiert werden.»

Vorbildfunktion in dieser Diskussion hat Deutschland. Dort haben neun Menschen mit einer Behinderung beim Bundesverfassungsgericht geklagt, dass sie bei einem Triage-Entscheid womöglich diskriminiert würden. Das Gericht hat ihnen im Dezember recht gegeben. Die aktuelle Rechtsgrundlage zur Triage sei rechtswidrig. Darum fordert das Gericht vom Gesetzgeber eine «unverzügliche» Anpassung der Rechtsgrundlage, wie die «Tagesschau» berichtet.

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