Psychische Gesundheit ist bei Ankunft kein Thema

Trauma des Kriegs: viele Flüchtlinge werden allein gelassen

Die psychische Gesundheit von Flüchtlingen aus der Ukraine wird bei der Ankunft nicht untersucht. (Bild: Symbolbild Adobe Stock)

Die Flüchtlinge, die uns aus der Ukraine erreichen, haben Schreckliches hinter sich. Fachstellen schätzen, dass rund 60 Prozent von ihnen traumatisiert sind. Eine Behandlung bekommen aber nur die wenigsten. In der Luzerner Psychiatrie werden derzeit drei Patientinnen behandelt.

Luzernerinnen müssen lange auf eine ambulante Behandlung in der Luzerner Psychiatrie (Lups) warten. Die Wartezeit beträgt teils bis zu sechs Monate (zentralplus berichtete). Lässt sich bei dieser Ausgangslage eine psychiatrische Behandlung von Flüchtlingen aus der Ukraine überhaupt stemmen? Vinzenz Graf, Stabschef kantonaler Führungsstab, räumte bereits Ende März ein, dass der Personalmangel im Bereich Psychiatrie «nicht auf die Schnelle behoben werden kann» (zentralplus berichtete).

Drei Flüchtlinge aus der Ukraine in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Bisher hatte die Flüchtlingswelle allerdings (noch) keine Auswirkungen auf die Wartezeit der Patienten, wie es seitens der Luzerner Psychiatrie auf Anfrage heisst. Derzeit behandelt sie drei Patienten aus der Ukraine ambulant in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wer in einer akuten Krise steckt, wird prioritär behandelt. «Im Notfall gibt es keine Wartezeit», versichert die Lups.

Chefarzt Oliver Bilke weist diesbezüglich darauf hin, dass es 6 bis 12 Wochen dauert, bis nach einem Traumaereignis eine klinische Problematik diagnostiziert werden kann. Seiner Erfahrung nach ist dabei das Auftreten von Depressionen und Angststörungen viel wahrscheinlicher als eine posttraumatische Belastungsstörung.

Nur zehn Prozent bekommen eine Therapie

Verlässliche Zahlen dazu gibt es allerdings nicht. 2018 hat die Luzerner Beratungsfirma Interface im Auftrag des Bundes untersucht, wie es um die psychische Gesundheit der Flüchtlinge in der Schweiz steht. Die Soziologin Franziska Müller stützte sie sich dabei auf eine Befragung von Fachstellen. Demnach leiden bis zu 60 Prozent unter Traumafolgestörungen.

Laut der Studie werden in der Deutschschweiz aber nur etwa 10 Prozent aller Flüchtlinge, die eigentlich eine traumabezogene Therapie benötigten, auch tatsächlich behandelt. Das Problem: fehlende Früherkennung und Diagnose.

In den Bundeszentren wird die psychische Gesundheit der Flüchtlinge nicht systematisch untersucht. Und das ist auch nicht anders, wenn die Betroffenen in Luzern ankommen. «Ein routinemässiger Einbezug – etwa ein «Screening auf Traumatisierung» – ist nicht indiziert», schreibt die Luzerner Psychiatrie dazu. Anders gesagt: man hält es nicht für sinnvoll, ratsam oder zweckmässig.

Es braucht grosses Fachwissen bei der Behandlung

Klar ist: die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen ist eine grosse Herausforderung. «Es braucht viel Fachwissen, sowohl im psychiatrischen als auch im transkulturellen Bereich», sagte die Soziologin Franziska Müller kürzlich in der SRF-Sendung «Puls». «An der Schnittstelle Migration und Gesundheit zeigt sich der Fachkräftemangel noch viel deutlicher.»

Sind in Luzern das nötige Knowhow und die Ressourcen vorhanden? Nach Auskunft der Lups gibt es im stationären Dienst – in der Erwachsenenpsychiatrie – zwar einzelne Mitarbeitende mit einer traumaspezifischen Zusatzausbildung. Es gibt aber keine Mitarbeitende, die auf Traumatherapie spezialisiert wären. Im stationären Kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst gibt es zwei ausgebildete Therapeuten. Im Ambulanten Dienst für Erwachsene gibt es nach Auskunft der Lups 15 ausgebildete Therapeutinnen.

Frühe Therapie wäre wichtig

Schweizweit gibt es fünf Fachstellen, die auf die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen spezialisiert sind. Die Nachfrage ist gross und es gibt auch hier lange Wartefristen. Dabei wäre gemäss Naser Morina, Co-Leiter Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer in Zürich, bei schwersttraumatisierten Menschen eine «möglichst frühe psychotherapeutische Intervention wichtig», wie er gegenüber der «NZZ» sagte.

Morina geht davon aus, dass derzeit noch Ruhe vor dem Sturm herrscht. Und dass es eine zweite Flüchtlingswelle geben wird, wenn Ukrainer eintreffen, die selber kämpften, verwundet wurden und Familienmitglieder sterben sahen. Bei ihnen seien mehr schwere Traumata zu befürchten.

Die Symptome reichen von einfachen Schlafproblemen bis hin zu spezifischen depressiven Symptomen und sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Wer unter PTBS leidet, hat beispielsweise auch Flashbacks. Ein Geräusch oder ein Geruch löst dann bei den betroffenen Personen das Gefühl aus, als würde das traumatische Ereignis jetzt gerade in der Gegenwart wieder passieren.

Es geht dir nicht gut? Hier bekommst du Hilfe

Verwendete Quellen
  • Mailkontakt mit Daniel Müller, Kommunikationsverantwortlicher Luzerner Psychiatrie
  • Studie: Psychische Gesundheit von traumatisierten Asylsuchenden
  • Artikel in der «NZZ»
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