Luzerner Stadtrat stellt Millionen in Aussicht

Sozialarbeiter sollen mehr Zeit für ihre Klienten haben

Der Stadtrat möchte Geld investieren – um langfristig Kosten zu sparen. (Bild: Adobe Stock)

Der Luzerner Stadtrat will Millionen investieren, um die Betreuungsqualität für Sozialhilfebezüger und Personen mit Beistand zu erhöhen. Die Stadt erhofft sich so langfristig Einsparungen – unter anderem, indem mehr Personen von der Sozialhilfe wegkommen.

Der Kinder- und Jugendschutz sowie der Erwachsenenschutz der Stadt Luzern begleiten Personen, die hilfs- und schutzbedürftig sind und nicht selbst für ihr Wohlergehen sorgen können. Dazu setzt die Stadt Luzern professionelle Beistandspersonen ein – rund 1'750 Personen haben einen solchen Beistand in der Stadt.

Das Problem: Die Arbeitsbelastung pro Beistandsperson ist laut Experten zu gross. Der Stadtrat will daher handeln, indem die Anzahl zu betreuender Fälle – die sogenannte Falllast – pro Vollzeitmitarbeiter reduziert wird, wie einem Bericht und Antrag zu entnehmen ist. Dies soll eine bessere Integration der Betroffenen ermöglichen. Die zu hohe Arbeitsbelastung gelte auch für Mitarbeiter in den Sozialen Diensten. Diese führen unter anderem die Anspruchsprüfung und die Ausrichtung der finanziellen Leistungen der Sozialhilfe durch.

Ziel: Bis 24 Prozent weniger Fälle betreuen

Konkret beantragt der Luzerner Stadtrat beim Grossen Stadtrat, bis Ende 2024 die Anzahl zu betreuender Fälle pro Mitarbeiterin im Sozialbereich je nach Abteilung um bis zu 24 Prozent zu senken. Eine Vollzeit arbeitende Sozialarbeiterin müsste so künftig beispielsweise noch 75 Fälle betreuen. Zurzeit sind es 92.

Weniger Klienten pro Mitarbeiter bedeutet im Gegenzug auch mehr Personal. Im Vergleich zum Jahr 2022 sollen bis Ende 2024 rund 21 neue Vollzeitstellen geschaffen werden. Diese Aufstockung kostet Geld: Für das Jahr 2023 beantragt der Stadtrat beim Grossen Stadtrat Nachtragskredite von rund 610'000 Franken. Für die Zeit ab 2024 fordert die Regierung Sonderkredite von jährlich je 2,69 Millionen Franken.

Stadt will bis zu 2,4 Millionen Franken sparen

Mit der Änderung erhofft sich der Stadtrat Verbesserungen in mehreren Bereichen. Er erwartet, dass die Kosten bis 2027 um bis zu 6,7 Prozent pro Sozialhilfefall sinken. Konkret würde dies für die wirtschaftliche Sozialhilfe Einsparungen von etwa 2,4 Millionen Franken gegenüber 2022 bedeuten. Die Stadtregierung hebt hervor, dass eine gute Betreuungsqualität und frühzeitige Interventionen langfristige Fremdplatzierungen mit «immensen Kosten» mindern oder verhindern können.

Gestützt werden diese Erwartungen von Erkenntnissen aus Winterthur, wo im Jahr 2018 die Anzahl Fälle pro Sozialberater stark reduziert wurde. Eine wissenschaftliche Auswertung zeigte, dass die Kosten pro Klient reduziert werden konnten – etwa, indem mehr Personen von der Sozialhilfe wegkommen.

«Es ist aber ein starkes Signal an armutsbetroffene und andere unterstützungsbedürftige Menschen.»

Claudio Soldati, SP-Grossstadtrat

Die Stadt erwartet weniger Personalwechsel

Des Weiteren erhofft sich die Stadt Luzern durch die Senkung der Arbeitsbelastung weniger Krankheitstage und geringere Fluktuationen – letzteres sei in Zeiten des Fachkräftemangels wichtig. Dass man für die Umsetzung der Massnahmen aber mehr Personal benötigt, scheint Sozialdirektor Martin Merki keine Sorgen zu bereiten. Er gibt zu bedenken, dass die Arbeitsbelastung der Sozialarbeiter heute teils höher sei als vorgesehen, was die Stellen unattraktiv mache. «Durch die Senkung der Falllast werden die Stellen in den sozialen Diensten wieder attraktiver», sagt er gegenüber zentralplus.

Die beantragte Senkung der Falllast geht zurück auf ein Postulat der SP-Fraktion aus dem Jahr 2021. Entsprechend erfreut zeigt sich Claudio Soldati, der das Postulat einreichte. «Ich habe mich sehr gefreut, dass es endlich so weit ist. Grundsätzlich sind wir zufrieden. In den Postulaten haben wir gefordert, dass die Anzahl Fälle pro Mitarbeiter um 15 bis 20 Prozent reduziert wird. Diese Vorgabe wurde erfüllt, wenn auch knapp.»

Die Senkung der Falllast sei ein Zeichen an das Personal, dass die Stadt das Problem ernst nehme. «Es ist aber vor allem ein starkes Signal an armutsbetroffene und andere unterstützungsbedürftige Menschen: Die Sozialarbeitenden werden zukünftig mehr Zeit zur Verfügung haben, um sich ihren Anliegen anzunehmen», sagt Soldati.

Der Grosse Stadtrat berät das Geschäft voraussichtlich am 4. Mai.

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4 Kommentare
  • Profilfoto von C. Bucher
    C. Bucher, 14.03.2023, 14:12 Uhr

    Eine Erkenntnis aus der historischen Forschung über den (oft unwürdigen) Umgang mit Menschen in Heimen usw. im 20. Jahrhundert ist, dass die Zuständigen in den Ämtern und in den Institutionen meist strukturell überfordert waren. Siehe die Artikel-Serie in Zentralplus über Zug.

    Es ist deshalb wichtig, dass im Bereich Sozialarbeit, auch in der Schulsozialarbeit, genügend Ressourcen vorhanden sind, und das heisst: maximal eine «Fallzahl» von 75 Personen pro Mitarbeitende – das ist eigentlich immer noch zu viel!

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  • Profilfoto von Armin Tamzarian
    Armin Tamzarian, 14.03.2023, 07:26 Uhr

    Der Beweis, dass die Kosten mit dieser Art der intensivierten Betreuung summa summarum tatsächlich sinken, muss erst erbracht werden! Vorerst sind dies einfach blosse Behauptungen in eine indifferente Zukunft. Es gilt wie immer in solchen Angelegenheiten: Abgerechnet wird zum Schluss.

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  • Profilfoto von Marie-Françoise Arouet
    Marie-Françoise Arouet, 13.03.2023, 18:42 Uhr

    Die Stadtregierung erhofft sich, noch grössere Teile ihrer Klientel im Stadthaus parkieren und abhängig machen zu können. Oder gehen die wieder, wenn wie angeblich erhofft, die Zahl ihrer Schützlinge sinkt?

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    • Profilfoto von Du.Krug.
      Du.Krug., 14.03.2023, 10:52 Uhr

      Eine Armada von neuen Armutsbetroffenen steht bereit, die Lücke sofort wieder zu füllen. Das Angebot bestimmt hier die Nachfrage.
      In diesem Sinne: Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht.

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