Politik
Zuger Politikerinnen zum Frauenstimmrecht

«Solange es einen Tag der Frau braucht, ist Gleichberechtigung nicht erreicht»

Margrit Spillmann war die erste Zuger Kantons- und Stadträtin. (Bild: zvg / Verein 50 Jahre Frauenstimmrecht)

Pünktlich zum Tag der Frau veröffentlicht der Verein «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht» Videos von fünf Zuger Politikerinnen. Darunter auch der ersten Zuger Kantons- und Stadträtin Margrit Spillmann.

«Solange die Frau hauptverantwortlich ist für die Familie – und das ist sie nach wie vor –, gibt es keine wirkliche Gleichstellung», sagt Margrit Spillmann im Interview des Vereins «50 Jahre Frauenstimmrecht». Die Freisinnige war Juristin und die erste Kantons- und Stadträtin in Zug.

Weiter erklärt die 67-Jährige, dass sie selber ihre politischen Ämter nur deshalb ausüben konnte, weil sie selbst nicht verheiratet sei. Noch immer stuft sie die Belastung für Mütter in der Politik als gross ein.

«Eine Nigerianerin wurde Generaldirektorin der WTO. Unsere Zeitungen schrieben, dass eine Grossmutter nun Direktorin sei. Bei Joe Biden schrieb man nicht, dass ein Grossvater jetzt der Präsident der USA ist. Frauen definiert man schnell über ihre familiären Beziehungen. Bei Frauen spielt das noch heute eine grössere Rolle wie beim Mann.»

Sichtbare Frauen im TV

Auch Barbara Beck-Iselin, die Präsidentin der Alternative-die Grünen äussert sich in einem der Videos, erzählt etwa von den 70ern, als Feministinnen in Zug aktiv waren und etwa mit Kasperlitheater politische Themen aufgezeigt hätten. Es sei eine Zeit gewesen, in der verheiratete Frauen keine Jobs erhalten hätten und das Konkubinat noch verboten war. Sie blickt hoffnungsvoll in die Zukunft, sagt: «Heute sind Frauen sichtbar. Gerade, wenn man den Fernseher anschaltet, fällt mir das auf. So habe ich das Gefühl, man sehe nur Virologinnen beim Thema Covid. Ich denke, ein Kind sieht das alles.»

«Wenn ein Türchen aufgeht, muss man selber hindurchgehen.»

Christine Blättler-Müller, CVP-Gemeinderätin Cham

Christine Blättler-Müller, Chamer CVP-Gemeinderätin, erklärt: «Die Frauensolidarität ist nicht immer da. Plötzlich steht man in gewissen Situationen allein da. Das ist eine Ernüchterung.» Sie kritisiert auch den Kanton. «Dieser hat in seiner Verfassung verankert, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind. Die Gleichstellungskommission hatte ein Budget von 100'000 Franken.» Letztlich wurde die Kommission vom Kantonsrat gestrichen. «Ich war erschüttert.» Für sie steht fest: Frauen müssen sich mehr vernetzen. So wäre es einfacher, im Beruf weiterzukommen. «Und doch: Wenn dann ein Türchen aufgeht, muss man selber hindurchgehen.» Ein Schritt, der Frauen schwerer falle wie Männern.

Laura Dittli wünscht sich aktivere Frauen

Auch jüngere Politikerinnen kommen zu Wort. Die 30-jährige Kantonsrätin Laura Dittli sagt: «Es gibt viele, sehr engagierte, gute Frauen im Bundeshaus. Dazu zählen auch die Bundesrätinnen.» Überhaupt seien Frauen in der Politik mittlerweile gut vertreten. Dennoch käme es heute noch vor, dass Dittli bei Sitzungen heute noch die einzige Frau sei. «Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nie an meinen Fähigkeiten gezweifelt hätte, bevor ich das Amt als CVP-Präsidentin annahm», sagt die Oberägererin, die seit 2019 der Kantonalpartei vorsteht. Umso klarer ist für sie: «Frauen sollen sich stärker politisch engagieren, selber aktiv werden und nicht nur passiv zuschauen in der Hoffnung, dass irgendwann Gleichberechtigung herrsche.»

Tagesschulen und Kinderbetreuung, so findet Dittli, sollen so selbstverständlich sein wie die obligatorische Schule und ausserdem vom Staat finanziert werden.

In den 80ern häufig noch ungehört

Brigitta Kühn-Waller, ehemalige Präsidentin der Frauenzentrale Zug und ehemalige Präsidentin der Bezirkskirchenpflege Zug, Menzingen und Walchwil, erzählt: «Ich war in den frühen 80ern in gewissen Vorständen die einzige Frau: Wenn ich das Votum ergriff, hörte mir niemand zu. Ergriff wenig später ein Mann mit dem gleichen Anliegen das Wort, kam es erst zu einer Diskussion. Das fand ich manchmal schwierig.»

Kühn-Waller ist überzeugt: «Frauen dürfen dort nicht untervertreten sein, wo es um wichtige Entscheidungen geht. Das beinhaltet auch Führungspositionen.» Und weiter: «Solange es einen Tag der Frau braucht, ist die Gleichberechtigung noch nicht erreicht.»

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