Politik
Tampon-Debatte im Luzerner Kantonsrat

«Ritterliche Geste», «Periodenfeiertage» und «nicht menstruierende Regierungsräte»

Eine Frau hat im Durchschnitt 500 Regelbluten in ihrem Leben. Das kostet sie auch ordentlich Geld. (Symbolbild: Adobe Stock) (Bild: )

Auch künftig wird es in öffentlichen Gebäuden des Kantons Luzern keine Gratis-Tampons und -Binden geben. Das Kantonsparlament lehnte einen entsprechenden Vorstoss am Dienstag ab. Die Diskussion der Politiker wollen wir dir jedoch nicht vorenthalten.

Menstruieren geht ins Geld. Doch während allen beispielsweise in Schulen Toilettenpapier zur Verfügung steht, gibt es weder Tampons noch Binden. «Und das, obwohl es sich ebenfalls um einen Grundbedarf handelt. Denn Frauen können es sich nicht aussuchen, ob sie die Regelblutung haben möchten oder nicht», wunderte sich der Luzerner SP-Kantonsrat Hasan Candan ob des Fehlens der Hygieneartikel.

Deswegen reichte er einen Vorstoss ein, mit dem er forderte, dass an öffentlichen Institutionen wie Schulen Gratis-Tampons und -Binden bereitliegen sollen. Ein Argument war, dass solche Hygieneartikel zum Grundbedarf gehörten, ein anderes die Kosten (zentralplus berichtete).

Von Slim-Binden bis extra large und Saugfähigkeit der Tampons

Am Dienstag wurde der Vorstoss im Kantonsparlament diskutiert. Die Debatte sorgte für zahlreiche Voten. GLP-Kantonsrätin Riccarda Schaller findet es laut eigenen Aussagen «schwierig und ehrlich gesagt auch etwas falsch», dass Candan in seinem Vorstoss «mit Gleichstellungs- und Armutsbekämpfungsargumenten hantiert».

«Wäre der nächste Schritt, Gratis-Gesichtsrasierer mit Schaum zur Verfügung zu stellen? So müsse es gemäss der Gleichstellung wohl sein.»

Jasmin Ursprung, SVP

Helen Schurtenberger (FDP) wunderte sich, weswegen ausgerechnet ein Mann sich diesem Thema annimmt: «Ich bin erstaunt, dass ein Mann ein sehr intimes Frauenthema wie die Regelblutung und die damit verbundenen Hygienemassnahmen aufgreift.» Die Forderung nach Gratistampons könne man aus ihrer Sicht aus diversen Gründen nicht unterstützen.

«Zum einen gibt es eine sehr grosse Vielfalt an Produkten – wie Binden Slim bis zum extra large – diverse saugfähige Tampons und Menstruationstassen.» Jede Frau bevorzuge ihre eigenen Produkte. Um allen Bedürfnissen gerecht zu werden, müsse eine riesige Auswahl bereitstehen. Sie selber sei nie auf Gratistampons angewiesen gewesen – weil sie ihre eigenen Produkte bei sich habe.

Gratis-Tampons? Ja, was ist denn nun mit den Männern?

Jasmin Ursprung (SVP) sprach von einer «ritterlichen Geste» Candans. «Doch was ist mit den Bedürfnissen der Männer? Frauen haben ihre Mens – Männer ihe Bärte! Wäre der nächste Schritt, Gratis-Gesichtsrasierer mit Schaum zur Verfügung zu stellen? So müsse es gemäss der Gleichstellung wohl sein.» Sie ist überzeugt: Ersatz-Tampons würden zu jedem «Grundequipment einer Frauenhandtasche» gehören.

«Ich bin auch nicht hysterisch, sondern einfach ein bisschen entsetzt ab gewissen Voten, die ich hier hören muss.»

Sara Muff, SP

Noëlle Bucher (Grüne) sprach Gefühle an, die wohl jede Frau kennt. Wie lange der Tampon hält, ob man von aussen etwas sieht – wann die Menstruation beginnt, ob man Binde und Tampons bereit hat, wenn man unterwegs ist. Sie tauchte ein, in eine Vision einer Welt von menstruierenden Männern. «Es gebe wohl schon längst digitale Uhren, welche die Füllmenge des Tampons anzeigen, eine separate Anzeige für die Wechselzeit, Menstruationsurlaub, Periodenfeiertage – was weiss ich.»

SP-Frauen unterstützten ihren Parteikollegen

Melanie Setz (SP) sprach vom prämenstruellen Syndrom, welches im Volksmund eher bekannt sei als «Mmhh, sie hat wieder einmal ihre Tage». Parteikollegin Sara Muff – welche mit einem Blick zur Regierung diese mit «liebe wohl nicht menstruierende Herrenregierungsräte» begrüsste – sagte: «Ich bin hässig – und nein, ich habe nicht meine Tage.»

Sie fuhr fort: «Ich bin auch nicht hysterisch, sondern einfach ein bisschen entsetzt ab gewissen Voten, die ich hier hören muss.» Man könnte mit Annahme des Vorstosses von Candan viel Druck von Menstruierenden nehmen – psychisch wie finanziell, ist sie überzeugt.

Stephan Schärli (CVP) war hingegen der Ansicht, dass das Kantonsparlament nicht so tief in das operative Geschäft der Regierung eingreifen müsse.

Vorstoss wurde klar abgelehnt

Bereits die Regierung beantragte, das Postulat abzulehnen. Weil es neue Ungleichheiten schaffen würde. Weil in öffentlichen Einrichtungen des Kantons – wie im Kantonsspital oder an der Universität – Gratis-Tampons bereitliegen würden, in privaten oder kommunalen Institutionen hingegen nicht. Dabei unterschlug der Regierungsrat allerdings, dass es in den Frauen-WCs diverser Restaurants und Bars bereits heute verschiedene Hygieneartikel gibt.

SP-Kantonsrat Candan ortete deswegen ein Tabu-Thema bei der Männerregierung, und dass diese schlichtweg mit dem Thema «völlig überfordert» sei. Das Parlament folgte dem Antrag der Regierung und lehnte das Postulat mit 30 zu 73 ab. Gratis-Tampons wird es also auch weiterhin nicht geben.

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