Politik

Abriss von 223-jährigem Haus in Zug
Schochenmühle muss Strasse weichen, die wohl nie gebaut wird

  • Lesezeit: 5 min
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Erbaut 1799, als die Schweiz in Flammen stand. Das Bauernhaus Schochenmühle, das 2018 teilweise abbrannte. (Bild: mam)

Immer mehr identitätsstiftende alte Häuser in Zug verschwinden. Aber schuld sind nicht immer der Bauboom und der Siedlungsdruck. Beim brandgeschädigten Bauernhaus Schochenmühle verhindert der Kanton mit einer fragwürdigen Politik den Wiederaufbau. Stadtzuger Politiker sparen daher nicht mit bissigen Kommentaren.

Man bedaure den Entscheid, liess der Zuger Stadtrat am Dienstag mitteilen. Doch das brandgeschädigte Bauernhaus Schochenmühle liesse sich nicht wieder aufbauen und müsse abgerissen werden. Stadtrat André Wicki, Vorsteher des Finanzdepartements, sagt: «Der Kantonsrat hat Ende 2020 entschieden, den Autobahn-Halbanschluss Ammansmatt im Richtplan zu belassen. Dieser Richtplaneintrag verunmöglicht nun einen Wiederaufbau oder einen Neubau am bestehenden Standort.»

Der Stadtrat habe auch einen Wiederaufbau an fünf alternativen Standorten geprüft. Diese hätten sich aus städtebaulichen, stadtplanerischen oder finanziellen Gründen – etwa wegen sehr hohen Erschliessungskosten – als nicht geeignet erwiesen.

Damit kommt eine 223-jährige Geschichte zu einem Ende, die vorab im letzten Jahrzehnt einigen Wirbel verursacht hat. 1799 wurde der zweigeschossige Ständerbau bei der Steihuserbrugg auf der Liegenschaft Schochenmühle errichtet. Er befindet sich seit 1949 im Besitz der Stadt Zug, die das Haus allerdings stiefmütterlich behandelte – es einfach als Landreserve betrachtete und nicht in Schuss hielt.

Historisches Bauernhaus war fast gratis

Als sich eine Instandsetzung nicht länger aufschieben liess, beschloss der Stadtrat 2015, es für ein Butterbrot im Baurecht abzugeben – 50’000 Franken wollte er für das alte Gemäuer. Allerdings war es im Inventar der schützenswerten Denkmäler aufgelistet. Bei einem Umbau, der schnell hätte erfolgen müssen, wäre der Denkmalschutz auf der Schwelle gestanden und hätte die Schutzwürdigkeit im Detail abgeklärt und womöglich Vorschriften dazu gemacht.

Damals ging man davon aus, dass der Autobahn-Halbanschluss Ammannsmatt, der im kantonalen Richtplan aufgeführt war, aus der Planung gekippt wird. Dieser Anschluss sollte Steinhausen via das Bauernhaus Schochenmühle mit der General-Guisan-Strasse in Zugs Zentrum verbinden. Der Zuger Regierungsrat hatte eine Streichung dieses Vorhabens beantragt. Denn ein solcher Strassenneubau erscheint – damals wie heute – politisch schlicht nicht machbar. Der Kantonsrat intervenierte jedoch und die Stadt stoppte die Ausschreibung.

«Wir brauchen keine weitere Strasse durch bestes Landwirtschaftsland, um Zug West mit noch mehr Motorfahrzeugverkehr zu belasten.»

Stephan Hodel, Fraktionschef ALG/CSP im GGR

Grundlegendes änderte sich mit dem Brand des Bauernhauses im Jahre 2018. Das Feuer wurde nachts durch einen technischen Defekt ausgelöst und zerstörte gut die Hälfte der Bausubstanz. Nun war das Renovierungsproblem gelöst. Der Denkmalschutz entliess das Gebäude wegen der Schäden aus dem Inventar der schützenswerten Baudenkmäler. Und der Stadtrat überlegte sich, was er sonst mit der Parzelle anfangen sollte. Er dachte an einen Neubau.

Der Feuerteufel geht in Zug um

Diese Abfolge der Ereignisse kam allerdings einigen Leuten komisch vor, zumal das Bauernhaus seit einiger Zeit unbewohnt war. Ausserdem war kurz zuvor das in Stadtbesitz befindliche Centro Español bei der Chollermühle ebenfalls wegen eines technischen Defekts abgebrannt. Die SVP stellte daher in einer Interpellation fest, «der Feuerteufel» gehe in Zug um und fragte, wie die städtischen Gebäude vor Bränden geschützt würden und wie dies verbessert werden könne.

Die Abbruch- und Neubaupläne der Stadtregierung lehnte eine Mehrheit des Grossen Gemeinderats (GGR) aber ab, weswegen dieser ab dem Sommer 2018 auch den Wiederaufbau des alten Hauses prüfen liess.

2020 beharrte der Zuger Kantonsrat dann darauf, nicht nur den umstrittenen Autobahn-Halbanschluss Rotkreuz Süd im Richtplan zu lassen. CVP, FDP, GLP und SVP sorgten auch dafür, dass das Planungsmonster eines Autobahn-Halbanschlusses bei der Ammannsmatt in Steinhausen behördenverbindlich bleibt (zentralplus berichtete).

Widerstand gegen Asphaltschneise

Darüber regt sich Stephan Hodel, Fraktionssschef der Alternative–die Grünen/CSP im Zuger Stadtparlament, noch heute auf. «Wir brauchen nicht eine weitere Strasse durch bestes Landwirtschaftsland, um das Quartier Zug West noch effizienter mit individuellem Motorfahrzeugverkehr zu belasten.»

Der Abriss des Bauernhauses sei «bedauerlich, aber wohl kaum zu vermeiden». Auch verstehe man, dass eine Zügelaktion der Bausubstanz, welche Mehrkosten von 860’000 Franken mit sich bringen würde, keinen Sinn macht. «Wir fordern jedoch, dass vor dem Abbruch die Kantonsarchäologie das Haus noch genauer unter die Lupe nimmt und sind gespannt auf den Bericht.»

«Der Kanton hätte sich im Fall Schochenmühle nicht demonstrativ steif geben müssen.»

David Meyer, GLP-Fraktionschef im GGR

Ebenfalls Verständnis für den Entscheid der Stadtregierung hat Etienne Schumpf, Fraktionschef der FDP im GGR. Basierend auf einem Gutachten sei es schlüssig dargelegt worden, dass ein Wiederaufbau deutliche Mehrkosten zur Folge hätte und insgesamt wenig Sinn machen würde. «Fraglich ist es aber schon, warum man erst vier Jahre später zu dieser Erkenntnis gekommen ist», findet Schumpf. Ähnlich argumentiert auch David Meyer, GGR-Fraktionschef der Grünliberalen, der einen Wiederaufbau unter den gegebenen Umständen für «wenig sinnvoll» hält.

Provisorium mit günstigen Wohnungen

Allerdings wären mit einem Wiederaufbau ein paar einfache Wohnungen entstanden, die in der Stadt Zug Mangelware sind. Da der Bau des Autobahn-Halbanschluss in den nächsten zwanzig Jahren kaum infrage komme, wäre es für Meyer prüfenswert gewesen, ob man bis dann ein Haus hätte erstellen können, das nicht für die Ewigkeit geplant, aber doch für etliche Jahre günstigen Wohnraum hätte bieten können. «Gebäude lassen sich heute auch verschieben, insbesondere, wenn man sie von Anfang an so plant.»

Wenn er sehe, wie viel der Kanton Zug sonst beim Bauen ausserhalb der Bauzone zulasse, hätte er sich im Fall Schochenmühle «nicht demonstrativ steif geben müssen», kritisiert Meyer, sondern er hätte eine vorbehältliche Bewilligung für den abgebrannten Bau in Aussicht stellen können. Vielleicht habe es der Kanton aber im Hinterkopf, dass er ein Gebäude für den Halbanschluss dereinst zum Quadratmeterpreis einer Bauzone und nicht zu einer Landwirtschaftszone abgelten müsste. «Der Brand hat ihm diese Kosten nun erspart», sagt der GLP-Gemeinderat.

Verwendete Quellen
  • Antworten der Fraktionschefs der ALG/CSP, SP, GLP, FDP, Mitte und SVP im Zuger Stadtparlament auf Anfragen (sofern erteilt).
  • Medienmitteilung der Stadt Zug zum Thema
  • Literaturrecherche in Mediendatenbank
Weitere Quellen
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