Sieben Kandidaten pro Sitz

Luzerner Kantonsratswahlen: Was hinter dem Rekord steckt

Verhelfen mehr Kandidaten automatisch zu mehr Stimmen? Polit-Analyst Mark Balsiger ist skeptisch. (Bild: zvg)

870 Luzernerinnen – so viele wie noch nie – wollen den Sprung in die Legislative schaffen. Polit-Analyst Mark Balsiger schätzt den Run auf die Kantonsratssitze ein – und erklärt, warum es eben kein «Ansturm» im wirklichen Sinne ist.

Eine Reise nach Jerusalem der Extreme: 120 Sitze stehen im Kantonsparlament zur Verfügung, 870 Luzerner wollen die Plätze füllen (zentralplus berichtete). Zum Vergleich: 1999 haben «nur» 442 Luzernerinnen Interesse an der Legislative bekundet.

Die hohe Zahl mag erstaunen, nimmt doch die Stimmbeteiligung seit langem ab. Auch beklagen die Parteizentralen wiederholt, wie schwer es ist, geeignete Personen für politische Ämter zu finden. Einem Bürger in Buchrain drohte letztes Jahr gar ein Amt wider Willen, weil sich bis kurz vor der Wahl niemand zum Sozialvorsteher aufstellen lassen wollte (zentralplus berichtete).

Mehr Kandidaten für den Kantonsrat – das ist ein nationaler Trend

Nicht überrascht über die vielen Kandidaten ist hingegen Polit-Analyst Mark Balsiger. «Der Trend zu immer mehr Kandidaturen zeigt sich bei Nationalratswahlen schon lange.» Diese Entwicklung zeige sich nun auch im Kanton Luzern. «Die Steigerung um mehr als 8 Prozent im Vergleich zu 2019 ist beachtlich. Aber Achtung: Wir reden nur von der Quantität!»

«Tatsache ist, dass viele Leute überredet wurden, zu kandidieren. Bei ihnen erschöpft sich der Wahlkampf darin, den eigenen Namen zur Verfügung zu stellen.»

Mark Balsiger, Polit-Analyst

Wegem dem Anstieg an Kandidaturen von einem höheren politischen Interesse auszugehen, sei ein Trugschluss. Zwar gebe es phasenweise eine Repolitisierung – etwa wenn auf nationaler Ebene über wichtige Sachvorlagen wie den Kauf von Kampfjets oder das Covid-19-Gesetz abgestimmt wird. Doch ein generell grösseres Interesse an Politik sei nicht festzustellen.

Auch Kleinvieh macht Mist?

Für die vielen Kandidatinnen sieht Balsiger deshalb andere Gründe. «Tatsache ist, dass viele Leute überredet wurden, zu kandidieren. Bei ihnen erschöpft sich der Wahlkampf darin, den eigenen Namen zur Verfügung zu stellen.» Diese Kandidaten würden zwar auf den offiziellen Wahllisten der Parteien aufgeführt, engagieren sich persönlich jedoch kaum.

Gemäss Balsiger stecke dahinter die Überzeugung der Parteistrategen, dass mehr Kandidaturen auch mehr Stimmen bringen. «Um es mit einem Bild zu versuchen: Sie fahren nicht nur mit einem grösseren Schiff, sondern mit vielen kleinen Booten auf den Vierwaldstättersee hinaus und werfen viele Netze aus, weil sie sich so mehr Fische erhoffen.» Dass diese Strategie auch tatsächlich funktioniere, sei wissenschaftlich nicht bewiesen.

So haben beispielsweise Masterstudierende der Universität Zürich 2020 untersucht, ob eine leerere oder vollere Wahlliste einen Effekt auf das Wahlverhalten der St. Galler hatte. Sie konnten jedoch keinen nachweisen.

Nebenlisten zur Unterstützung der «Hauptlisten»

Augenscheinlich ist auch die Zahl der Listen. Die 870 Kandidatinnen treten auf insgesamt 61 Listen an, wie die Staatskanzlei auf ihren bereinigten Listen am Donnerstag ausweist. Gemäss Balsiger zeige sich national der Trend zu mehr Kandidaturen gar noch ausgeprägter bei den Wahllisten.

Bei diesen bestehe jedoch eine klare Hierarchie. «Sogenannte Unterstützerlisten, in der Stadt Luzern heissen diese beispielsweise ‹FDP – Zukunft›, ‹Die Mitte – Wirtschaft und Tourismus› oder ‹noch mehr grüne›, dienen einem Zweck: Sie sollen zusätzliche Stimmen für die Hauptlisten generieren.»

Denn: Bei einer Listenverbindung werden die Stimmen der verbundenen Listen für die Sitzverteilung zusammengerechnet. Damit haben einzelne Parteien höhere Chancen, Kantonsratssitze zu gewinnen. In einem zweiten Schritt werden die erhaltenen Sitze auf die Listenparteien aufgeteilt, und zwar im Verhältnis zu den erhaltenen Stimmen.

Balsiger beschreibt die weiteren Listen als «die kleinen zusätzlichen Fischernetze» im oben beschriebenen Bild. «Die Kandidierenden auf diesen Listen wissen das und zerreissen sich üblicherweise nicht für ihre Partei.» Also ganz nach dem Motto: «Kleinvieh macht auch Mist».

Doch auch erfolgreich? Zwar stellt die SP seit gut zehn Jahren jeweils die meisten oder zweitmeisten Kandidaten – ist aber nach wie vor die viertstärkste Kraft im Kanton. Ob ihre erneut prallgefüllten Listen der Partei zum Sitzgewinn verhelfen, wird sich zeigen.

Verwendete Quellen
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