Politik

Bauern und Parteien sind besorgt
KVA Ibach Luzern: Ist der Boden verseucht?

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Die KVA Ibach wurde letztes Jahr rückgebaut. (Bild: fag)

Im Moment kann niemand mit Gewissheit sagen, ob die Böden im Umfeld der früheren Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Ibach mit Dioxin verseucht sind oder nicht. Bodenproben hat der Kanton Luzern bisher keine vorgenommen. Dabei ist das Problem in Fachkreisen schon lange bekannt.

Sie stand ganz in der Nähe des Zusammenflusses der Kleinen Emme und der Reuss – unweit des Verkehrsknotenpunkts beim Sedel. Die frühere KVA Ibach. Vor gut einem Jahr wurde mit dem Abriss begonnen, die markante Silhouette aus der Landschaft entfernt. Heute zeugen dort nur noch ein paar Überreste – wie die beiden verfüllten Bunker und das ehemalige Bürogebäude – von der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage.

Aus den Augen, aus dem Sinn – oder doch nicht? Plötzlich steht jetzt nämlich die Frage im Raum, ob diese KVA im Norden der Stadt Luzern allenfalls ganz andere, unsichtbare und unerfreuliche Spuren hinterlassen hat: Mitte Oktober schreckte nämlich schweizweit die Nachricht auf, dass viele Böden in der Stadt Lausanne mit dem hochgefährlichen Schadstoff Dioxin verseucht sind (siehe Box am Textende). Die Lausanner Behörden gehen davon aus, dass das gefundene Gift von der früheren Kehrichtverbrennungsanlage Vallon herrührt, die 1958 in Betrieb genommen wurde.

Ab 1971 in Betrieb

Die schlechten Nachrichten aus Lausanne führten dazu, dass mehrere Kantone umgehend reagierten und im Umfeld ihrer alten KVA teilweise sofortige Bodenanalysen ankündigten. Die KVA alter Bauart stehen besonders im Fokus, weil sie zumindest zu Beginn ihrer Laufzeit jeweils noch nicht mit einer Dioxin zurückhaltenden Reinigungsanlage ausgerüstet waren. Als alte Anlagen gelten vorab jene, die vor 1990 gebaut wurden.

Die Luzerner KVA Ibach war von 1971 bis 2015 in Betrieb. Eine erste Abluftreinigungsanlage, welche die austretenden Dioxine teilweise zurückbehalten konnte, wurde im Jahre 1982 installiert. 1995 wurde ein verbessertes Filtermodell eingebaut.

Die früheren Messungen am Kamin – Aussage «unbrauchbar»

Aktuelle Bodenanalysen rund um die KVA Ibach liegen gemäss dem Kanton nicht vor. Ihm sind allerdings ältere Messungen aus der KVA selber bekannt. Diese stammen aus den frühen 1990er-Jahren, sagt Andreas Wüest, zuständig für Boden und Altlasten bei der Dienststelle und Energie. Es sei dabei um Emissionen, also um Messungen von entweichenden Schadstoffen gegangen. Diese Messungen seien am Kamin der KVA durchgeführt worden.

«Sie zeigen, dass für die damalige Zeit verhältnismässig gute Reinigungswerte erzielt werden konnten», sagt Wüest. Diese Tests waren damals im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung nötig geworden. Die entsprechenden Messungen hatte die KVA-Betreiberin selber extern bei einer Firma in Auftrag gegeben.

Der Chemiker Markus Zennegg von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) bezeichnet die Bewertung «verhältnismässig gut» auf Anfrage als «absolut unbrauchbare Aussage». Es müssten harte Zahlen auf den Tisch, sonst könne dies nicht beurteilt werden. Markus Zennegg macht zudem darauf aufmerksam, dass in den 1990er-Jahren die heutigen 0.1 ng TEQ/m3 als Emissionsgrenzwert einer KVA noch nicht gegolten hatten.

Das Problem ist schon lange bekannt

Fakt bleibt, dass die KVA Ibach über zehn Jahre lang – von 1971 bis 1982 – ganz ohne eine das Dioxin zurückbehaltende Reinigungsanlage arbeitete. Und um die Problematik rund um die alten Kehrichtverbrennungsanlagen weiss man schon lange. Im August dieses Jahres berichtete der «Tagesanzeiger», dass es schon in den späten 1970er-Jahren Hinweise auf erhöhte Dioxinbelastungen bei verschiedenen KVA gab. Ein Sprecherin des Bundesamts für Umwelt bestätigt auf Anfrage diese Aussage. Gemäss «Tagesanzeiger» waren entsprechende Ergebnisse damals einer Expertengruppe des Bundes vorgelegen.

«Wir halten die Bodenproben auf jeden Fall für eine prioritäre Angelegenheit.»

Riccarda Schaller, Co-Präsidentin der GLP Kanton Luzern

Warum hat der Kanton deshalb nicht schon längst in der Vergangenheit entsprechende Beprobungen des Boden veranlasst? «Im chemischen Bodenschutz legte der Kanton Luzern den Fokus bisher auf andere Schadstoffgruppen und Standorte. Mit dem bereits erwähnten Konzept werden die verbliebenen Kenntnislücken aufgezeigt», begründet Andreas Wüest. Diese Kenntnislücken, sagt er weiter, sollen mit anschliessenden Untersuchungen systematisch geschlossen werden.

Die eidgenössische Verordnung über Belastungen des Bodens sieht allerdings vor, dass die Kantone Kontrollen vornehmen müssen, wenn Gefährdungen des Bodens zu erwarten sind. Im Moment ist davon auszugehen, dass Dioxinverseuchungen im Umfeld der alten KVA Ibach zumindest nicht ausgeschlossen werden können.

Luzerner Bauernverband will schnelle Klärung

Unweit von der ehemaligen KVA Ibach befinden sich zwei Landwirtschaftsbetriebe. Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes (LBV), meint: «Ich könnte mir vorstellen, dass aufgrund der Windfahne verschiedene Beprobungen relativ schnell gemacht werden könnten.» Diese würden dann einen ersten Eindruck vermitteln. Der Luzerner Bauernverband sei interessiert daran, dass in dieser Sache möglichst schnell die entsprechenden Abklärungen vorgenommen würden: «Ich gehe davon aus, dass mit ein paar Beprobungen auf den Flächen Klarheit geschaffen werden könnte.»

«Hohe Priorität erscheint zum Beispiel bei Kinderspielplätzen angebracht, also bei Orten mit sensibler Nutzung.»

Martin Forter, Geschäftsleiter der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz

Auch bei den Luzerner Umweltparteien hofft man auf eine schnelle Klärung. Riccarda Schaller, Co-Präsidentin der GLP Kanton Luzern, sagt auf Anfrage: «Wir halten die Bodenproben auf jeden Fall für eine prioritäre Angelegenheit.» Die zuständige kantonale Verwaltungseinheit sollte nach Ansicht der Grünliberalen die potenziell kritischen Parzellen im Kanton Luzern zeitnah auf Dioxin überprüfen. Irina Studhalter, Co-Präsidentin der Luzerner Grünen, sagt, die Belastung der Umwelt durch Schadstoffe wie Pestizide sei den Grünen bekannterweise ein Dorn im Auge. Entsprechend würden die Grünen in dieser Frage eine priorisierte Behandlung unterstützen.

Für Martin Forter, Geschäftsleiter der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass eine allfällige Dioxinbelastung umfassend und systematisch untersucht werden sollte: «Hohe Priorität erscheint zum Beispiel bei Kinderspielplätzen angebracht, also an Orten mit sensibler Nutzung.»

Kanton will zuerst Konzept erarbeiten

«Wir sind momentan an der Erarbeitung eines Konzepts zur Überwachung der Böden. In diesem Konzept hat der chemische Bodenschutz höchste Priorität. Der allfällige Einfluss der KVA Ibach auf die Böden wird in besagtem Konzept berücksichtigt», sagt Andreas Wüest von der Dienststelle Umwelt und Energie des Kantons Luzern. Vor einer tatsächlichen Bodenprobeentnahme bei der KVA Ibach werde zuerst dieses Konzept zur Überwachung der Böden fertiggestellt.

Der Kanton Luzern habe mit der Erarbeitung dieses Konzeptes bereits vor den Erkenntnissen aus Lausanne begonnen. «Teil dieser systematischen Auslegeordnung ist auch die KVA Ibach», sagt Andreas Wüest. Es werde dort sicher zu Bodenproben kommen. Aufgrund der Konzepterarbeitung könne dies jedoch zeitlich nicht abgeschätzt werden. Es werde sicher 2022 werden.

«Es wäre falsch und auch nicht verantwortbar, jegliche mögliche Belastung ohne Messungen einfach auszuschliessen», ergänzt der Teamleiter beim Kanton. Falls die Abklärungen ergeben würden, dass auch bei weiteren Anlagen ein Verdacht auf relevante Dioxin- oder andere Schadstoffemissionen bestehen, so würden die betreffenden Böden ebenfalls untersucht.

Was ist Dioxin?

Dioxine gelten als hochgiftig. Sie stehen im Verdacht, unter anderem das Krebsrisiko zu erhöhen. Dioxine entstehen über Verbrennungsprozesse. Heute gelten unter anderem illegale Abfallverbrennungen als Quelle für Dioxinverseuchungen. Dioxine reichern sich im Boden an und gelten als sehr langlebig. Sie können im Boden mehrere Jahrzehnte überdauern. Dioxin wird oft auch als «Sevesogift» bezeichnet; dies nach der verheerenden Giftwolke von Seveso im Jahre 1976.

In der Stadt Lausanne wurden bereits in diesem Frühjahr auf mehreren Plätzen wie Parks oder Spielplätze entsprechende Warntafeln angebracht. Die örtlichen Behörden riefen die Bevölkerung von Lausanne unter anderem dazu auf, Früchte und Gemüse aus den betroffenen Gebieten gut zu waschen oder zu schälen und Lebensmittel wie Eier oder Kürbisse gar nicht mehr zu essen. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage bestätigt, wurden in Lausanne und Umgebung bei Bodenproben bis zu 640 Nanogramm Dioxine pro Kilogramm Boden gemessen. Werte ab 20 Nanogramm können für Menschen und Tiere eine Gefährdung darstellen. Aufgrund anderweitiger Bodenproben wähnten sich die Lausanner Stadtbehörden im Vorfeld der jetzigen Untersuchungsergebnisse wohl in einer falschen Sicherheit.

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1 Kommentare
  1. Felber Helena, 17.11.2021, 20:30 Uhr

    Das ist wirklich äusserst bedenklich, zumal der Kanton Luzern schon sehr lange um diese Problematik weiss! Die Krebserkrankungen nehmen stetig zu, bin selbst an zwei versch. erkrankt. In dem Haus, in dem ich bis vor kurzem noch lebte, gab es ca. 8 versch. Krebserkrankungen in den letzten 7 Jahren ohne einen ersichtlichen Grund. Einfach schrecklich! Wohnort, ziemlich nahe von Ibach!

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