Politik
Luzerner Kantonsspital muss handeln

Kantonsrat Stephan Schärli: «Unsere Leute brennen aus»

Mitte-Kantonsrat Schärli sagt, dass das Gesundheitspersonal nach 18 Monaten Pandemie ausgebrannt sei. (Symbolbild: Adobe Stock) (Bild: )

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren sie in aller Munde: Die schlechten Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Im November beschäftigt sich die Schweiz an der Urne mit der Pflegeinitiative zu diesem Thema. Der Luzerner Mitte-Kantonsrat Stephan Schärli fordert aber schon jetzt, dass die kantonalen Spitäler attraktivere Arbeitszeitmodelle erarbeiten.

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 standen viele Menschen in der Schweiz auf ihre Balkone, um für das im Dauereinsatz stehende Gesundheitspersonal zu applaudieren. Plötzlich sprach das ganze Land über die anstrengenden Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Mittlerweile ist der Applaus verklungen und auch der gesellschaftliche Diskurs dreht sich vermehrt um Themen wie das Impfen oder das Covid-Zertifikat als um Zusatzschichten in den Spitälern.

Geblieben ist die hohe Arbeitsbelastung im Gesundheitsbereich. Einer, der das an vorderster Front miterlebt, ist Mitte-Kantonsrat Stephan Schärli. Er leitet die Notfallstation am Kantonsspital Wolhusen. «Durch meine Tätigkeit im Gesundheitswesen bin ich am Puls des Problems. Ich sehe, dass das Personal an der Front aufgrund der Arbeitsbelastung leidet.»

Diese Woche hat Schärli deshalb ein Postulat eingereicht, das neue Arbeitszeitmodelle und attraktivere Arbeitsbedingungen am Luzerner Kantonsspital (Luks) und in der Luzerner Psychiatrie (Lups) fordert.

Verschlechterung während der Pandemie

Schärli betont, dass die Belastung schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hoch war. Der Personalmangel hatte sich bereits zu diesem Zeitpunkt abgezeichnet. Doch das Coronavirus habe die Situation im Gesundheitswesen drastisch verschärft: «Der Personalmangel wäre unter normalen Umständen vielleicht noch zu stemmen. Aber seit der Pandemie haben wir eine extreme Ressourcenbelastung im Gesundheitswesen.»

Kommt hinzu, dass sich die Situation seit dem Ausbruch der Pandemie nicht verbessert habe – viel eher sei die Belastung des Personals jetzt in der vierten Welle noch höher als im Frühling 2020. «Es gibt keine Erholungsphase für das Personal», beschreibt Schärli den kritischen Zustand, in dem sich das Gesundheitswesen befindet. «Seit 18 Monaten hat es immer sehr viele Patienten. Über diese lange Dauer ist das extrem anstrengend und brennt die Leute aus.»

Es braucht einen Dialog

Die Sorgen sind bekannt. SP-Kantonsrat David Roth hat bereits im Mai dieses Jahres eine Motion eingereicht, welche eine Lohnerhöhung von fünf Prozent für das Pflegepersonal forderte (zentralplus berichtete). Seine Partei- und Ratskollegin Sara Muff hat in der vergangenen Woche ebenfalls ein Postulat eingereicht, welches strengere und flächendeckende Kontrollen der Arbeitszeiten im Gesundheitswesen verlangt. Und was will nun Stephan Schärli konkret gegen die Überlastung des Gesundheitspersonals unternehmen?

«Es geht darum, dass die grossen Spitäler gemeinsam mit dem Personal nach Lösungen suchen. Es braucht einen direkten Austausch mit den Betroffenen.»

Stephan Schärli, Kantonsrat Die Mitte

Der Mitte-Kantonsrat verlangt, dass die bestehenden Ressourcen im kantonalen Gesundheitswesen optimiert werden, weil nicht einfach hundert zusätzliche Fachkräfte eingestellt werden können: «Wir müssen mit dem bestehenden Personal das Beste machen. Darum braucht es attraktivere Arbeitsmodelle, die den Bedürfnissen des Personals entsprechen.»

Konkrete Vorstellungen, wie diese attraktiven Arbeitsmodelle aussehen sollen, hat Schärli indes nicht. Für ihn ist primär wichtig, dass sich das Gesundheitspersonal in dieser Diskussion einbringen kann. «Es geht darum, dass die grossen Spitäler gemeinsam mit dem Personal nach Lösungen suchen. Es braucht einen direkten Austausch mit den Betroffenen, um deren Bedürfnisse abzuholen», erklärt Schärli die Wichtigkeit des Dialogs zwischen der Spitalleitung und den Angestellten.

Dabei geht es nicht nur darum, attraktivere Arbeitsbedingungen für das Personal am Luks und in der Lups zu schaffen. Eine Überprüfung der Arbeitszeitmodelle an den kantonalen Spitälern und Kliniken könnte auch Schule machen für weitere Gesundheitsinstitutionen. «Die kantonalen Institutionen können eine Vorreiterrolle einnehmen. Kleinere Einrichtungen wie Alters- und Pflegeheime, die auf Gemeindeebene organisiert werden, könnten diese Botschaft dann aufnehmen und nachziehen.»

Nationale Abstimmung zur Pflegeinitiative im November

Schärlis Postulat ist diesen Herbst nicht die einzige politische Diskussion über die Situation des Personals im Gesundheitswesen. Am 28. November stimmt die Schweizer Bevölkerung über die Pflegeinitiative ab, die bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal sowie die Ausbildung zusätzlicher Fachkräfte fordert.

«Wir können es uns nicht leisten, auf die Pflegeinitiative zu warten. Unsere Leute brennen aus. Darum müssen wir jetzt handeln und das Problem mit höchster Priorität angehen.»

Stephan Schärli, Kantonsrat Die Mitte

Obwohl beide politischen Anliegen ein sehr ähnliches Thema bearbeiten, betont Schärli, dass sich sein Postulat und die Initiative nicht überschneiden würden: «Wir können es uns nicht leisten, auf die Pflegeinitiative zu warten. Unsere Leute verbrennen. Darum müssen wir jetzt handeln und das Problem mit höchster Priorität angehen.»

Wie schnell dieser Prozess tatsächlich dauern wird, ist allerdings fraglich. Nachdem Schärli das Postulat diese Woche eingereicht hat, hat der Regierungsrat nun ein halbes Jahr Zeit, um dazu Stellung zu nehmen. In der Folge wird der Kantonsrat über die Forderungen des Postulats diskutieren und abstimmen. Trotz «höchster Priorität» des Problems wird es also – falls überhaupt – noch eine Weile dauern, bis der Kanton effektive Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitszeiten in den kantonalen Spitälern und Kliniken umsetzt.

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