Politik

Niemand fühlt sich zuständig
In Zug lauert für Vögel vielerorts der Tod

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Gläserne Fassaden, wie sie die Partners Group für ihren Neubau in Baar plant, sind für Vögel eine Gefahr. (Bild: zvg / Fritz Sigg)

Für Vögel gibt es im Kanton Zug zu viele Todesfallen. Das findet ALG-Kantonsrätin Stéphanie Vuichard und fordert vom Kanton Massnahmen. Dieser schiebt den Ball an die Gemeinden weiter.

Mehrere hunderttausend Vögel fliegen in der Schweiz pro Jahr in eine Glasscheibe und sterben wegen des Aufpralls. Die Dunkelziffer liegt gemäss der Vogelwarte Sempach möglicherweise noch deutlich höher.

Viel zu viele, findet die Zuger ALG-Kantonsrätin Stéphanie Vuichard. Sie fordert in einer Motion, dass die Fassaden bei Neu- und Umbauten so gestaltet werden, dass sie «von Vögeln als Hindernisse wahrgenommen werden». Das Bau- und Planungsgesetz des Kantons Zug soll dahingehend angepasst werden.

Kantonsrat diskutiert über Vorstoss

Die Zuger Regierung hat im letzten November einen entsprechenden Bericht und Antrag vorgelegt. An der Kantonsratssitzung vom 27. Januar wird nun auch das Parlament über die Forderung Vuichards beraten. Das nehmen die Zuger Naturschutzorganisationen WWF, Pro Natura und Bird Life zum Anlass, mit einer Medienmitteilung zusätzlich auf das Thema aufmerksam zu machen.

Gemäss den Organisationen gibt es am Zugersee mehrere Todesfallen für Vögel. Dabei ist ihnen insbesondere der Zuger Bahnhof ein Dorn im Auge. Die dortige Lärmschutzwand am Gleis 7 sorge regelmässig für tödliche Unfälle mit Vögeln.

Regelmässig fliegen Vögel in die Lärmschutzwand beim Gleis 7 am Zuger Bahnhof.

In Zug entstehen neue Todesfallen

ALG-Kantonsrätin Mariann Hess hat die Motion mitunterzeichnet. In einem separaten Schreiben zur Mitteilung der Naturschutzorganisationen berichtet sie von mindestens zehn gut sichtbaren Aufprallspuren an der Scheibe beim Gleis 7. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie noch zahlreiche weitere Einschläge. Auch eine Tierärztin in der Nähe habe gegenüber Hess bestätigt, dass ihr regelmässig schwer verletzte Vögel vorbeigebracht würden. Meistens sterben diese in der Folge an inneren Verletzungen. Hess hat die SBB bereits auf das Problem aufmerksam gemacht. Diese bestätigte, dass sie den Fall abklären wolle.

«Die an sich begrüssenswerte Dachbegrünung in Kombination mit dieser Absturzsicherung ist für unsere Vögel fatal und deshalb inakzeptabel.»

Zuger Naturschutzoganisationen WWF, Pro Natura und Bird Life

Eine weitere Todesfalle für Vögel entsteht beim Neubau des Firmensitzes der Partners Group im Baarer Unterfeld (zentralplus berichtete). Geplant ist eine fast durchgehend verglaste Fassade. Die Naturschutzorganisationen haben dafür kein Verständnis. Besonders stossend finden sie die begrünte Dachterrasse, die von einem gläsernen Geländer umgeben ist. «Die an sich begrüssenswerte Dachbegrünung in Kombination mit dieser Absturzsicherung ist für unsere Vögel fatal und deshalb inakzeptabel.»

Den Naturschutzorganisationen ein Dorn im Auge: Der geplante Neubau der Partners Group in Baar.

Ebenfalls problematisch sehen die Naturverbände den geplanten Neubau «Pi» im Zuger Tech-Cluster. Die «riesigen Fensterfronten» und besonders die Eckfenster seien gefährlich für Vögel. Da sich der Tech-Cluster selbst als «Demonstrator für konkret umgesetzte Nachhaltigkeit» bezeichnet, hoffen die Organisationen auf entschärfende Massnahmen beim Neubau zugunsten der Vögel.

Regierung verweist auf Gemeinden

Dass sich die Naturschutzverbände an den beschriebenen Objekten stören, ist wenig überraschend. Doch wie vogelfreundlich ist der Zuger Regierungsrat? In dessen Bericht und Antrag bestätigt er das Problem von Glasflächen für Vögel. Eine entsprechende Politik setze die Baudirektion deshalb bereits um, wie es im Bericht heisst: «Die Baudirektion […] achtet in der Beurteilung von Vorhaben ausserhalb der Bauzonen explizit darauf, grosse Glasflächen, Glasbrüstungen oder spiegelnde Fassaden- und Dachmaterialien zu vermeiden.»

Doch das Problem betreffe viel mehr das Siedlungsgebiet als Bereiche ausserhalb der Bauzone. Und dort sind die Gemeinden für die Gestaltung von Bauten und Freiräumen verantwortlich. Beim Umsetzen vogelfreundlicher Massnahmen sind dem Kanton also die Hände gebunden: «Für derartige Vorschriften sind somit ausdrücklich die Gemeinden zuständig», heisst es im Bericht.

Wie also beurteilt beispielsweise die Gemeinde Baar die Vorwürfe an den Bauplänen der Partners Group? Die Gemeinde ist sich der Problematik nach mehreren Anfragen aus der Bevölkerung bewusst. Doch auch Gemeinderat und Bauvorsteher Jost Arnold leitet die Anfrage weiter. Er verweist auf das zuständige Architektur-Büro. Dieses sei für die Umsetzung vogelfreundlicher Massnahmen zuständig. Die Partners Group selbst liess eine Anfrage unbeantwortet.

Kanton bietet Unterstützung an

Tatenlos will der Kanton jedoch nicht bleiben. Denn in verschiedenen Gemeinden laufen derzeit Ortsplanungsrevisionen. Diese bieten gemäss Regierungsrat eine «grosse Chance», um eine naturnahe Gestaltung des Siedlungsgebiets zu erreichen.

«Könnte man die Massnahmen zur Reduzierung von Vogelkollisionen ohne Einbussen an Ästhetik und Wohnkomfort einfach umsetzen, wäre es längst Standard geworden.»

Regierungsrat Zug

Dazu hat der Kanton die Musterbauordnung für die Gemeinden um eine Bestimmung ergänzt, welche die Gemeinden bei der Ortsplanung übernehmen können. Diese Bestimmung hat exakt den gleichen Wortlaut wie die Forderung von Vuichard. Bei Neu- und Umbauten sollen Glas- und Fassadenflächen so gestaltet werden, dass Vögel diese als Hindernisse wahrnehmen.

Der Kanton weist aber auch auf die Limitationen beim Vogelschutz hin. Beim Glasbau handle es sich um ein «hochkomplexes Gebiet». Befriedigende Massnahmen zum Vogelschutz seien bisher rar. «Könnte man dies ohne Einbussen an Ästhetik und Wohnkomfort einfach umsetzen, wäre es längst Standard geworden», schliesst der Regierungsrat.

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2 Kommentare
  1. Richard Scholl, 26.01.2022, 17:08 Uhr

    Mit dem Bild der noch gebauten Vogelkollisionsgefahr haut man den Sack und meint den Esel: Bürogebäude von Steuerzahlern. Es geht auch um die Profilierung von politischen Tugendwächtern , die keine andere Sorgen haben. Beispielsweise die unkontrollierte Massenweinwanderung, die indirekt zu diesen Bauten führt.

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  2. Hegard, 26.01.2022, 10:57 Uhr

    Wie viele Vögel werden von den gutgenährten Hauskatzen nur aus Spieltrieb getötet,auch da fühlt sich keiner verantwortlich

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