Politik

Strom wichtiger als Russland-Boykott?
Gaskraftwerk Perlen ist trotz Ukraine-Krieg nicht vom Tisch

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Kantonsrätin Priska Wismer-Felder findet, erneuerbare Energien sind eine realistische Alternative zu den Gaskraftwerken, die der Bundesrat bauen will.

Der hat fünf Tage vor Kriegsausbruch in der Ukraine Pläne für Gaskraftwerke in der Schweiz angekündigt, um im Notfall die Stromversorgung zu sichern. Jetzt werden die Rufe nach einem Gas-Boykott wegen des Kriegs lauter. Der Bund hält aber an seinen Plänen fest.

Der Aufruhr war gross, als der Mitte Februar mit seiner Notfallstrategie herausplatzte. Bundesrätin Sommaruga verkündete, dass der Bund bis 2025 zwei bis drei neue Gaskraftwerke in Betrieb nehmen wolle. Damit solle die Stromversorgung im Winter sichergestellt werden, falls es zu einem Engpass käme. Als möglicher Standort für ein solches Kraftwerk kommt für den Bund auch die Papierfabrik in infrage.

Grund für die Besorgnis ist das gescheiterte Rahmenabkommen mit der Europäischen Union. Damit war auch ein Stromabkommen verbunden, das die Schweiz besser in den europäischen Strommarkt eingebunden hätte.

Die Idee neuer Gaskraftwerke in der Schweiz war überraschend – und ist es jetzt mehr denn je. Eine merkwürdige Geschichte in sechs Kapiteln.

1. Stimmung hat sich geändert

Der Bundesrat verkündete seine Pläne kurz vor Kriegsausbruch in der Ukraine. Doch jetzt, gut zwei Monate später hat sich die öffentliche Meinung deutlich geändert. Die Rufe nach einem Gas-Boykott und nach Unabhängigkeit von ausländischen, besonders von russischen Energie-Reserven werden immer lauter. Sind die Pläne für ein vor diesem Hintergrund nicht völlig unrealistisch?

«In der momentanen Situation ist die Idee von Gaskraftwerken noch absurder geworden.»

, Luzerner Nationalrat Grüne

So findet beispielsweise der Luzerner Nationalrat Michael Töngi (Grüne) die Pläne des Bundesrats unsinnig: «In der momentanen Situation ist die Idee von Gaskraftwerken noch absurder geworden. Wir müssen unsere Abhängigkeit vom Gas aus klimapolitischen Gründen massiv verringern und uns unabhängig vom Krieg führenden Russland machen.» 

2. In Bern hält man an den Gaskraftwerken fest

Ganz anders klingt es in Bern. Dort hält man an den Plänen vom Februar fest. Das Bundesamt für Energie (BFE) erarbeitet derzeit die Ausschreibung für die Reserve-Gaskraftwerke. Im Juni werden die notwendigen Voraussetzungen für ein solches Gaskraftwerk dem Bundesrat präsentiert. Dann soll die konkrete Planung vorangetrieben werden.

Doch was wenn die Gaslieferungen aus den EU-Ländern in nächster Zukunft derart sinken, dass die Gaskraftwerke nicht nur für wenige Tage eingeschaltet werden müssten? Sind dem Bundesrat die Hürden für den Ausbau der erneuerbaren Energien auch zu gross, um auf die Energiewende zu setzen?

BFE-Sprecherin Marianne Zünd erklärt auf Anfrage, der Ukraine-Krieg habe an der Planung der Reserve-Gaskraftwerke bisher nichts geändert. «Wir beobachten die Entwicklung der Versorgungssituation aber laufend und lassen die Erkenntnisse daraus in die Planung einfliessen.»

3. Der Vorschlag Perlen

Doch zurück zu den Plänen des Bundesrats. Die Sorge um Blackouts im Frühling, wenn die Winterreserven aufgebraucht sind, ist nicht neu. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom), welche die Versorgungssicherheit überwacht, berichtete 2021, dass es schon 2025 zu einem Notfall-Szenario kommen könnte. Es brauche effektivere Alternativen.

Also was nun? Die Elcom hat den Vorschlag der Gaskraftwerke mit dem strengen Zeitfahrplan des Bundesrats gerechtfertigt. Keine andere Energiequelle könnte in so kurzer Zeit mit den genannten Anforderungen einsatzbereit sein.

Auch in Perlen besteht nach wie vor Interesse an einem Gaskraftwerk. Der CEO der Papierfabrik Peter Schildknecht hat bereits im Februar sein Interesse an einem Gaskraftwerk am Standort Perlen öffentlich bekundet (zentralplus berichtete). Und das besteht noch immer, trotz der geopolitischen Entwicklungen.

Er findet die Pläne sehr attraktiv und wartet nun auf die weiteren Schritte des Bundesamts für Energie (BFE), das für die Ausschreibung zuständig ist.

4. Das Problem mit den Gaskraftwerken

Doch in Gaskraftwerken werden fossile Brennstoffe verarbeitet, die nicht gerade auf der Favoritenliste der Klimastrategie stehen.

Zudem sind für den Bau der neuen Gaskraftwerke 690 Millionen Franken veranschlagt. Für den Luzerner Nationalrat Michael Töngi (Grüne) ist das eine zu teure Massnahme: «Die Gaskraftwerke sollen ja nur an wenigen Tagen pro Jahr in Betrieb sein, was eine Verschwendung hinsichtlich der Investitionen bedeutet.»

Eine ähnliche Haltung vertritt auch die Luzerner Nationalrätin (Die Mitte). Sie kritisiert die teure Lösung des Bundesrats. Erneuerbare Energien böten genug attraktive Möglichkeiten. Sollte es dann doch zum Einsatz von Gaskraftwerken kommen, fordert sie, dass diese ausschliesslich mit erneuerbarem Biogas betrieben würden.

Michael Töngi im Vordergrund. Hinter ihm unscharf die Altstadt. Er hält Gaskraftwerke zur Sicherung der Stromversorgung im Notfall absurd und kritisiert den Bundesrat.
Nationalrat Michael Töngi findet die Pläne des Bundesrats für Reserve-Gaskraftwerke fehl am Platz.

5. Wieso also keine erneuerbaren Energien?

Die Kritik am Rückgriff auf Gas ist besonders brisant, da der Ausbau von erneuerbaren Energien nur langsam vorangeht. «Statt Geld in Gaskraftwerke zu investieren, müssen wir massiv erneuerbaren Energien fördern und Sparanreize schaffen», erklärt Töngi.

Es besteht der Fehlanreiz, Solaranlagen kleiner als möglich zu bauen, da nur der selber verbrauchte Strom rentabel ist.

Michael Töngi, Luzerner Kantonsrat (Grüne)

Ein Problem seien auch die vielen wirtschaftlichen Hürden im Bereich der erneuerbaren Energien. «Es besteht der Fehlanreiz, Solaranlagen kleiner als möglich zu bauen, da nur der selber verbrauchte Strom rentabel ist und jede Einspeisung ins Netz ein Verlustgeschäft ist», führt der Luzerner Nationalrat aus (zentralplus berichtete).

Priska Wismer-Felder (Die Mitte) setzt sich besonders für die Förderung der Windenergie ein. Die Nationalrätin ist letztes Jahr mit ihrem Vorschlag, auf dem Stierenberg im Kanton Luzern drei Windräder zu bauen, auf grossen Widerstand gestossen (zentralplus berichtete).

Nationalrätin Priska Wismer-Felder präsentiert ihre Pläne für ein Windrad auf dem Stierenberg.
Windenergie wäre eine attraktive Alternative zu Gaskraftwerken. Nationalrätin Priska Wismer-Felder (Die Mitte) hat letztes Jahr ihr Windrad-Projekt auf dem Stierenberg vorgestellt.

Gegenüber zentralplus hatte sie sich beklagt, dass die Bewilligung für ein neues Windkraftwerk in der Schweiz oft mehr als zehn Jahre in Anspruch nehme. Deswegen flössen die Investitionen in erneuerbare Energien eher ins Ausland.

6. Wie werden wir unabhängig in der Stromversorgung?

Priska Wismer-Felder (Die Mitte) betont die grosse Abhängigkeit vom Ausland. «Es geht nicht nur ums Gas. Wir sind auch im Bereich von Erdöl und Uran zu 100 Prozent auf das Ausland angewiesen. Um die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern, müssen wir auf einheimische und erneuerbare Energiequellen wie Wasser, Sonne, Wind, Biogas und Geothermie setzen», sagt sie.

Sie ist überzeugt, dass das Potenzial der Windenergie unterschätzt wird. «Windenergie-Anlagen produzieren zwei Drittel ihres Stromertrags im Winterhalbjahr, also genau dann, wenn die Gefahr einer Stromversorgungslücke am grössten ist», erklärt die Kantonsrätin.

Zu sehen ist das Windrat Entlebuch mit Abendstimmung.
Das aktuelle Windenergie-Konzept des Bundes sieht 30 bis 60 Windenergie-Anlagen im Kanton Luzern vor. Doch wann können sie gebaut werden?

Kantonsrat Michael Töngi (Grüne) plädiert für einen noch stärkeren Ausbau der Speicherwasserkraft. Für Engpässe in der Stromversorgung wird sie heute schon genutzt. Zudem müssten die vorhandenen Investitionen endlich in erneuerbare Energien gesteckt werden.

Er fordert auch von der kantonalen Verwaltung ein stärkeres Bekenntnis zur Energiewende (zentralplus berichtete). Der Kanton soll seinen hohen Gewinn 2021 in die Förderung von erneuerbaren Energien investieren. Die Interpellation der Parteikollegin und Kantonsrätin Korintha Bärtsch, ob ein Gaskraftwerk in Luzern mit der Energiestrategie vereinbar ist, ist derzeit noch beim Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement hängig.

Verwendete Quellen
  • Mailaustausch mit Kantonsrat Michael Töngi
  • Mailaustausch mit Priska Wismer-Felder
  • Telefonat mit Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik beim Bundesamt für Energie
  • Telefonat mit Peter Schildknecht, CEO der CPH Holding.
  • Pressekonferenz des Bundesrats vom 17. Februar 2022
  • Konzept der Elcom Spitzenlast-Gaskraftwerke bis 2025
Weitere Quellen
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5 Kommentare
  1. Hegard, 01.05.2022, 10:25 Uhr

    Auch aus den ARAs kann man Biogas(Faulgas) gewinnen.
    Was nicht billig (noch nicht)ist, aber lagerfähig.
    Die Biogasanlagen (Gülle/Grünabfälle) sind noch nicht ausgereizt und würden nebenbei Strom,Fernwärme,(aber mit Gasturbine)
    Wasserstoff,Humus,Dünger produzieren.
    Zudem nicht Wetterabhängig, jederzeit abrufbar bei Engpässen.
    Was Gas Import nicht ersetzt,aber noch weniger Abhängigkeit leistet.
    Zudem nicht die schöne Natur verschandelt,sondern schon bestehende Anlagen.
    Normale Gasturbine würde nur die Abhängigkeit von Import Abhängigkeit fördern
    Vorbildlich in Perlen find ich wie Industrie Flächen ausgenutzt werden.Siehe Logistic Zenter Aldi.
    VertikaleWindgeneratoren könnte man zB im Urnerland in der Industrielandschaft ausbauen,Sie sind zwar (noch) weniger leistungfähig,aber brauchen weniger Industrie Fläche aber nicht die sehenswürdige Natur.
    Mann sollte sich nicht nur auf alte Technik verlassen.
    Sondern erneuerbare Strom Industrie fördern.
    Auch der Ottomotor hat sich technisch Fortschrittlich verbessert

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  2. Gegenwind, 01.05.2022, 08:50 Uhr

    Wie kann man bloss Gaskraftwerke und Windräder gleichstellen? Da muss nicht einmal die berühmte Flaute erwähnt werden, um diese Absurdität aufzuzeigen.

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  3. Tell, 01.05.2022, 07:04 Uhr

    «Es besteht der Fehlanreiz, Solaranlagen kleiner als möglich zu bauen, da nur der selber verbrauchte Strom rentabel ist.» Das ist genau der Punkt. Ich wollte auf einem Gewerbegebäude mit 1500 m2 Solarstrom erzeugen. Doch die Einspeisevergütung liegt über 50% unter dem Konsumentenpreis und ist so gering, dass die Anlage nur tiefrot betrieben werden könnte. Das ist das Resultat der völlig verfehlten Energiepolitik, welche das Schweizer Stimmvolk mit der Ablehnung des CO2-Gesetzes bzw. mit der Ablehnung der Verursacherprinzipes selber verschuldet hat. Zudem: Für mich unverständlich, dass immer noch an Gaskraftwerken herumgedacht wird. Die aktuelle Zeitenwende in der europäischen Energiepolitik belehrt uns eines Besseren.

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    1. Léonard, 01.05.2022, 11:17 Uhr

      Der Preis, den der Konsument für den Strom bezahlt, besteht nicht nur aus dem Preis für die Energie. Dieser macht bloss etwa 40% des Endpreises aus, der Rest sind Netznutzungskosten und allerlei Abgaben. Das EW hat die Einspeisevergütung korrekt kalkuliert. Sonst müsste es den Strom viel teurer verkaufen, d.h., die Konsumenten würden Ihre Stromproduktion subventionieren, dies zusätzlich zu den Förderbeiträgen für die PV-Anlage.

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      1. Tell, 01.05.2022, 14:41 Uhr

        Ich sage nicht, daß EQ sei schuld, sondern die Politik bzw. wir alle. Solange das Verursacherprinzip für fossile Energie nicht eingeführt ist, kann PV nicht mithalten. Eben gerade deshalb war ja die Ablehnung des CO2-Gesetzes so enttäuschend. Her und Frau Schweizer denken ausschließlich ans Portemonnaie. Der Leidensdruck, den klimatischen und ökologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, war noch viel zu klein. Vielleicht öffnet dieser elende Krieg und die Abhängigkeit von russischer Energie endlich Augen.

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