Politik

Zuger Stadtparlament
Freies Fabulieren im Grossen Gemeinderat

Gerade mal zwei Traktanden waren für die letzte Sitzung des Zuger Stadtparlamentes vorgesehen. Aber die Politiker liessen sich nicht lumpen. Und nutzten den ungewohnten rednerischen Freiraum dazu, angestauter Redelust ihren Lauf zu lassen. Eine Märchenstunde im Grossen Gemeinderat.

Es hätte die kürzeste Sitzung aller Zeiten werden können: Gerade mal zwei Geschäfte wollte das Zuger Stadtparlament am Dienstagabend besprechen. Zwei völlig unkontroverse noch dazu. Beide sollten später fast einstimmig durchgewinkt werden. Aber nicht so schnell. Denn die Sitzung startete um halb sechs. Und das traditionelle Weihnachtsessen des Rates erst um sieben. «Wir haben also noch Zeit zu überbrücken», sagte SVP-Parlamentarier Philip C. Brunner. «Deswegen erzähle ich Ihnen jetzt eine Anekdote.»

Es sollte nicht die einzige bleiben. Das Vakuum war da. Die Politiker hatten Redefreiheit. Kein Chance mehr, sie zu stoppen.

Traktandum eins: Um den Ornithologischen Verein ging es dem Stadtparlament, darum, ob er seine jährlichen Beiträge von 130’000 Franken plus 8’000 Franken Ausbildungszulage für die nächsten Jahre wieder bekommen sollte. Damit er sich weiter mit professionellen Tierpflegern um die städtischen Volièren und das Hirschgehege kümmern könne.

CVP-Politiker Hugo Halter nutzte die Gelegenheit, einen Vortrag über die verschiedenen Hirschsorten zu halten. Dass der Damhirsch zum Hochwild gehöre etwa, weil die mittelalterliche Jagd darauf der Obrigkeit vorbehalten war, und das Reh zum Niederwild, weil da jeder durfte. Beides paarhufige Säugetiere und schmackhafte Delikatessen, liest Halter vor. «In diesem Sinne wünsche ich mir, dass Sie der Vorlage zustimmen. Waidmanns Dank.»

«Wir müssen sie nur selten einsperren»

Für Willi Vollenweider von der SVP-Fraktion war die Vorlage Gelegenheit, ein poetisches Stück über moderne Kinder und den Stadtrat zu schreiben: «Die Kinder können in der Volière lernen, dass es auch noch eine Natur gibt. Und dass die Tiere da anders aussehen als die im Gameboy. Wir müssen ihnen einfach erklären, was zuerst da war.» Ein Fest im Saal. «Aber wir haben ja auch grosse Tiere in der Stadt, und die kommen ein Mal im Monat ins Ratsgebäude. Sie haben 40 Pfleger, die sich sehr liebenswürdig um sie kümmern», sagt er, und der Rat fühlt sich verstanden.

«Wir müssen sie nur selten einsperren», sagt er, und die Stadträte verbergen das Grinsen hinter Händen. «Nur einmal in dieser Legislatur ist eines ausgeflogen und nicht mehr aufgetaucht», sagt Vollenweider. «Wir konnten es aber durch ein schönes Exemplar derselben Sorte ersetzen.»

Das rote Pochetteli

Ob es Finanzchef Karl Kobelt etwas ausmacht, als schönes Exemplar derselben Sorte wie sein Vorgänger Ivo Romer bezeichnet zu werden, muss offen bleiben: Er lässt sich nichts anmerken. Philip C. Brunner nutzt die Gelegenheit, um mit erhobenem Zeigefinger Lob zu verteilen: An den GGR. «Nur weil wir schon 2010 mit Sparen angefangen haben, können wir uns das jetzt locker leisten, diese Tradition fortzuführen. Alle anderen Gemeinden sind jetzt daran, ihre Papiere nach einer Sparmöglichkeit zu durchforsten. Wir können uns das leisten.»

Und dann ist nicht mehr ganz sicher, ob das noch Lob ist oder schon Kritik: «Und der Stadtpräsident kann jetzt ganz entspannt dasitzen, er hat sich herausgeputzt mit dem roten Pochetteli. Er kann schwarze Zahlen präsentieren.» Ergebnis der Debatte? Der Ornithologische Verein bekommt den jährlichen Zustupf auf weitere fünf Jahre zugesichert. Und Dank von allen Seiten.

Das Zuger Ufer den Zugern?

Die zweite Vorlage ist der politischen Formulierfreudigkeit nicht weniger zuträglich. Es geht um den Campingplatz im Brüggli, ein Postulat der SVP-Fraktion brachte das Thema auf den Tisch. Da gibt es einen kurzen Bruderkampf unter den linken Fraktionen. Der Alternative Politiker Urs E. Meier empfindet die «unansehnlichen» Campingwagen der ausländischen Gäste als Zumutung, und sagt, man solle doch das wenige zur Verfügung stehende Seeufer den Zugerinnen und Zugern zugute kommen lassen.»

Das kann Urs Bertschi (SP) nicht nachvollziehen. «Das Zuger Seeufer den Zugern? Und dann kommt statt der Touristen einfach eine Horde Expats? Das finde ich nicht wünschenswert.» Das Gefecht ist schnell beendet, auch weil eigentlich alle dasselbe wollen. Statt der fixen Standplätze soll ein Zeltplatz möglich sein. FDP und SVP wollen dem Besitzer des Landes, der Korporation, gar nicht erst dreinreden: «Der Besitz ist uns heilig», sagt Jürg Messmer (SVP).

Zelt als Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot

Kein Grund, nicht noch mehr Anekdoten zu erzählen: Ein Zeltplatz sei die erste Möglichkeit für Jugendliche, aus dem Elternhaus zu entkommen. «Und die eigenen vier Wände des Zimmers neu schätzen zu lernen, nachdem man die Gesellschaft der Mitjugendlichen und die eigenen Kochkünste hat aushalten müssen», sagt SP-Mann Louis Bisig. Und Michèle Kottelat (GLP) erzählt von ihren eigenen Erfahrungen im Zelten: «Zu meiner Studentenzeit bin ich auf Reisen durch Europa zur angefressenen Camperin geworden», sagt sie, und will dem Rat schmackhaft machen, sich auf alternative, nicht sesshafte Lebensformen einzulassen.

Als Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot. Allerdings ohne Chance. Ihren Antrag, das Postulat noch nicht abzuschreiben, im Hinblick auf solche Debatten, muss sie fallen lassen, weil es nicht ganz klar ist, ob sie so einen Antrag überhaupt stellen darf. Er ist offenbar auch nicht so wichtig: Das Postulat zum Campingplatz wird zur Kenntnis genommen und abgeschrieben. Und am Schluss macht sich der Rat gutgelaunt auf zum Weihnachtsessen. «Man darf nicht alles so ernst nehmen», hatte Vollenweider bei seiner Vogel-Geschichte noch gesagt. Auch ein GGR hat sich zum Ende seiner vier Jahre mal eine Märchenstunde verdient.

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3 Kommentare
  1. bikedani, 19.11.2014, 21:22 Uhr

    Danke für diesen feinsinnigen Artikel. Guter Ausgleich zum eher holzschnittartigen Journalismus der lokalen Printmedien.

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  2. Jolanda Spiess-Hegglin, 19.11.2014, 14:11 Uhr

    Sehr unterhaltsam geschriebener Bericht aus dem GGR von Falco Meyer. Offenbar gönnt man sich da und dort mal ein Spässchen an der Parlamentssitzung. Kann auch mal eine ganze Sitzung dauern, durchaus. Thematisch sehr vielseitig, auch übers Sparen macht man Sprüchli. Ich verzichte jetzt darauf, hier auszurechnen, wieviel das Sitzungsgeld für diese Märchenstunde mit dem Grossen Gemeinderat ausmacht. Man kann den Betrag bestimmt irgendwo wieder einsparen. Frohe Advendszeit!

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  3. Pirelli, 19.11.2014, 13:17 Uhr

    Fein und unterhaltsam geschrieben, ein Lichtblick. Merci!

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