Politik
Zuger Mitte auf Verjüngungskurs

Fabio Iten ist nicht mal 30 – und schon Fraktionschef

Fabio Iten, 29-jährig, ist neuer Fraktionschef der grössten Zuger Partei. (Bild: jal)

Der Zuger Kantonsrat nimmt diese Woche nach der Sommerpause wieder den Betrieb auf. Bei der grössten Fraktion, die Mitte, führt neu Fabio Iten das Zepter. Der 29-Jährige hat eine steile Politkarriere hingelegt. Er zeigt weder Angst vor der Verantwortung noch vor klassisch linken Themen – obwohl er früher SVP-Mitglied war.

Es gibt ja diese Politiker, die bereits als Teenager einer Jungpartei beitreten, die politische Ochsentour absolvieren und mit Mitte 20 schon auf reichlich Erfahrung zurückblicken.

Noch keine 30 Jahre alt ist Fabio Iten, neuer Chef der Mitte-Fraktion im Zuger Kantonsrat. Doch ein politisch Früherweckter war der Unterägerer nicht. Erst vor zwei Jahren lancierte er seine aktive politische Karriere. Er wurde auf Anhieb in den Kantonsrat gewählt und führt neu die grösste Fraktion, die CVP, die seit Juni «Die Mitte» heisst. Bereits mit der Wahl der damals 28-jährigen Laura Dittli zur Parteipräsidentin Anfang 2019 bewies die Partei den Mut, jüngere Personen in die Verantwortung zu nehmen.

Ein Telefonanruf lancierte die politische Karriere

«Es ist ein gutes Zeichen, dass jemand unter 30 dieses verantwortungsvolle Amt des Fraktionchefs der grössten Zuger Partei ausübt», sagt Luzian Franzini, Kantonsrat der Alternative – die Grünen (ALG) und selbst noch keine 30 Jahre. Ebenso erfreut ist Itens Vorgänger, Thomas Meierhans: «Ich finde es super, hat die Mitte in Zug einen jungen Frontmann.»

Seine politisch steile Karriere habe er nicht geplant, sagt Fabio Iten. Der 29-Jährige interessiert sich zwar seit Langem für die Politik. Er legte seine Priorität aber zunächst auf die Ausbildung und den Beruf. Dort ist er übrigens auch rasant aufgestiegen: Seit Kurzem ist er in der Geschäftsleitung eines Zuger KMU für Zutritts- und Sicherheitstechnik.

«Ich wünsche mir, dass Fabio Iten die Sicht und Interessen der jungen Generation bei Themen wie der Klimakrise oder bezahlbarem Wohnraum in die Parteigremien und die Fraktion einbringt.»

Luzian Franzini, ALG-Kantonsrat

Politisch lancierte ein Telefonanruf von alt Kantonsrat Arthur Walker seine Karriere: Er bewog ihn 2018 zu einer Kantonsratskandidatur – und Iten wurde zur eigenen Überraschung prompt gewählt. Anfang 2021 dann wollte er eigentlich in der parteiinternen Arbeitsgruppe für die Wahlen 2022 mitarbeiten.

Doch da wurde gerade das Amt des Fraktionschefs frei und Parteikollegen motivierten den jungen Unterägerer, dieses zu übernehmen. Diese Chance packten Fabio Iten, der in seiner Freizeit gerne mit seiner Partnerin im umgebauten Camperbus verreist. «Manchmal braucht man eine Portion Glück und muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Wichtig ist, was man aus den Möglichkeiten macht.»

Dass sein Amt ein Jahr vor den Wahlen auch an Erwartungen gekoppelt ist, will Iten nicht verleugnen. Das Ziel ist klar: Die Mitte soll in Zukunft die stärkste Partei im Kanton Zug bleiben und ihre drei Regierungsratssitze halten. Er spüre aber, dass die Schonfrist in seinem Alter etwas grösser sei. «Als Junger habe ich das Privileg, dass ich auch mal umfallen und wieder aufstehen darf – so lange ich nicht zweimal denselben Fehler mache», so Iten.

Der Unterägerer weiss, wovon er spricht. Denn politisch ist er kein unbeschriebenes Blatt. Als 18-Jähriger trat er zunächst der SVP in Unterägeri bei. Er habe sich allerdings in der Partei nicht aktiv engagiert und sei nach einiger Zeit wieder ausgetreten. Noch heute wird er darauf angesprochen – und kontert keck: «Ich bin reifer geworden – und heute in der richtigen Partei.»

Das Privileg der Jungen: etwas mehr Narrenfreiheit

Fabio Iten gilt bei Ratskollegen als geselliger und freundlicher Mensch. Der bisherige Mitte-Fraktionschef Thomas Meierhans bezeichnet ihn als guten Zuhörer. «Er schafft es hervorragend, den mehrheitsfähigen Weg innerhalb der verschiedenen Meinungen herauszukristallisieren.»

Im Parlament ist er bislang eher im Hintergrund geblieben. Viel zu reden gab sein Vorstoss für die Abschaffung der Sperrstunde im Gastgewerbe. «Im Alltag als Kantonsrat nehme ich Fabio Iten als einen Politiker wahr, der pragmatisch aktuelle Sachprobleme lösen will», sagt Luzian Franzini, der mit Iten in derselben Kommission sitzt. «Die grossen Fragen der Gegenwart und Zukunft hat er jedoch weniger im Blick.»

Er wünsche sich, dass Fabio Iten die Sicht und Interessen der jungen Generation bei Themen wie der Klimakrise oder bezahlbarem Wohnraum in die Parteigremien und die Fraktion einbringe «und so auch zum Ausgleich der rechtsbürgerlichen Zuger Mehrheitsverhältnisse beiträgt».

Keine Angst vor linkem Stempel

Dass Iten die nötige Offenheit mitbringt, zeigt sich bei den anstehenden Herausforderungen für den Kanton Zug. Für den Unterägerer sind dies einerseits die Folgen der Corona-Krise. Andererseits die Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen Attraktivität von Zug. «Unsere Steuerpolitik ist der richtige Weg. Aber dank des Erfolgs ist es zur Herausforderung geworden, die Interessen der grossen Unternehmen, der Bauern, der KMU und der breiten Bevölkerung unter einen Hut zu bringen», so Fabio Iten.

Dabei spiele die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine entscheidende Rolle. Mit dem Vorstoss zur bedarfsgerechten Einführung von Tagesschulen sei der Weg geebnet worden, damit in Zukunft alles aus einer Hand angeboten werde.

«Für uns ist die SVP derzeit in einigen Forderungen zu radikal.»

Fabio Iten, Die Mitte

«Weiter müssen wir zum Beispiel verhindern, dass sich die einheimischen Jungen das Leben hier nicht mehr leisten können.» Mit welchen konkreten Mitteln, lässt er offen: Dazu brauche es breite Diskussionen ohne Scheuklappen und Angst vor «linken» Themen wie bezahlbaren Wohnungen.

Rechts der Mitte reagiert man teilweise verwundert über den Kurs der Partei. Er schätze Fabio Iten als freundlichen und sympathischen Politiker, sagt der neue SVP-Präsident Thomas Werner. Aber: «Dafür, dass er bis kurz vor seiner Wahl in den Kantonsrat noch SVP-Mitglied in Unterägeri war, scheint er mir unter dem Druck der tonangebenden Mitte-Mitglieder etwas gar stark nach links abzudriften. Das klären wir zwei aber in Ägeri bei einem feinen Kafi-Zwätschge.»

Er verortet sich in der Mitte der Mitte

Dass die Mitte in Zug nach links gerutscht sei, hält Fabio Iten für parteipolitische Propaganda der Rechtsbürgerlichen. Letztlich sei dies immer eine Frage der Perspektive. «Für uns ist die SVP derzeit in einigen Forderungen zu radikal, es fehlt der Wille zur Kompromissbereitschaft», entgegnet er.

Für Iten ist unbestritten, dass die CVP das Erfolgsmodell Kanton Zug geprägt hat. Dies werde mit der Mitte-Politik weiterverfolgt und dürfe nicht durch populistische Forderungen von links und rechts in Gefahr geraten. «Es braucht Lösungen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den bürgerlichen Parteien.»

«Für mich ist Fabio Iten ganz klar ein bürgerlicher Politiker, der auch gut querdenken kann.»

Thomas Meierhans, Kantonsrat Die Mitte

Selber verortet er sich genau im Zentrum der Partei: «Mir ist Sicherheit wichtig, gleichzeitig bin ich ein weltoffener Mensch. Ich bin wirtschaftsorientiert, verschliesse mich aber nicht vor Klimainvestitionen. Ich würde sagen, ich bin das Ebenbild der Mitte-Partei.»

Sein Nachfolger widerspiegle die Mitte hervorragend, bestätigt der bisherige Fraktionschef Thomas Meierhans. «Für mich ist Fabio Iten ganz klar ein bürgerlicher Politiker. Einer, der gut querdenken kann und der sich bewusst ist, dass es im Staatswesen auch Solidarität braucht.» 

Meierhans sieht das Amt des Fraktionschefs durchaus auch als Sprungbrett für die politische Karriere. Darauf angesprochen, winkt Fabio Iten ab. Er hege zurzeit keine weiteren politischen Ambitionen. Doch er selber weiss am besten: Ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort, muss man nur die Chance packen.

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