Politik
Schützenhilfe für Skeptiker-Szene

Emmer Ex-GLP-Politikerin übt Verständnis für Massnahmen-Kritiker

Nach Grossens Aussage zum Outing von Ungeimpften tituliert Skeptiker-Szene GLP als «Grundrechtsgegner und Freiheitsfeinde». Emmer Ex-GLP-Politikerin Monica Beckmann zeigt Verständnis: «Es zeigt den Unmut der in allen Altersgruppen vorhanden ist.» (Bild: bic/GLP)

Die Forderung des Schweizer Grünliberalen-Präsidenten Jürg Grossen nach einer Kennzeichnung von Ungeimpften hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Emmer GLP-Einwohnerrätin Monica Beckmann ist daraufhin aus der Partei ausgetreten. Die Skeptiker-Szene nutzt ihren Austritt als Schützenhilfe – Beckmann selbst zeigt dafür Verständnis.

Ungeimpfte sollen künftig öffentlich geoutet werden: Das zumindest, wenn es nach dem Schweizer Grünliberalen-Präsidenten Jürg Grossen geht. Der Berner Nationalrat fordert, dass Angestellte, die in Spitälern, Altersheimen und Kindertagesstätten arbeiten und nicht geimpft sind, für alle ersichtlich gekennzeichnet werden sollen. Damit löste er einen Sturm der Entrüstung aus.

In Luzern ging der Massnahmen-kritische Verein «Mass-voll» daraufhin im Zuge eines unbewilligten Protest-Marsches auf die Barrikaden (zentralplus berichtete). Grossens Aussage sorgte aber nicht nur im Lager der Massnahmen-Kritiker für Gegenwehr. Auch in den eigenen Reihen hagelte es heftige Kritik. Die Emmer GLP-Einwohnerrätin Monica Beckmann hat in diesem Zusammenhang gar ihren sofortigen Austritt aus der Partei bekanntgegeben, wie die «Luzerner Zeitung» berichtete.

Partei-Austritt von Emmer GLP-Politikerin ist «ein bedauerlicher Einzelfall»

Die Ex-GLP-Politikerin ist empört über die dahingehende Haltung des Schweizer GLP-Präsidenten. «Herr Grossen vertritt mit seiner Aussage aus meiner Sicht keine liberalen, also freiheitlichen Werte», sagt Beckmann zu zentralplus. Die neu parteilose Politikerin zeigt sich darüber erstaunt, dass Grossens Vorschlag bisher «von GLP-Seite unwidersprochen und unkommentiert geblieben ist».

Bei den Grünliberalen des Kantons Luzern bedauert man Beckmanns Austritt aus der Partei. Gemäss dem Co-Präsidenten handelt sich «um einen bedauerlichen Einzelfall». «Uns liegen keine anderen Austritte in Zusammenhang mit Jürg Grossens Aussage vor», so Michel Rudin.

Beckmanns Partei-Austritt ist für Rudin jedoch nur bedingt plausibel. «Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, dass es aufgrund einer unglücklich getätigten Aussage gleich zu einem Partei-Austritt kommt. Aber wenn für Frau Beckmann mit der Aussage von Herrn Grossen eine rote Linie überschritten wurde, dann gilt es das zu akzeptieren», so Rudin weiter. Der Luzerner GLP-Co-Präsident fügt an: «Man muss sich mit seiner Partei identifizieren können. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss man seine Konsequenzen ziehen.»

Grossens Aussage über Kennzeichnung Ungeimpfter war lediglich «unglücklich formuliert»

Rudin selbst hält daran fest, dass Grossens Aussage über die Kennzeichnung Ungeimpfter lediglich «unglücklich formuliert» gewesen sei. Dem Luzerner GLP-Co-Präsidenten ist es daher ein Anliegen, die Haltung der Partei ins richtige Licht zu rücken.

«Die eigentliche Absicht, die hinter der Aussage von Jürg Grossen steckt, ist für mich klar: In einer Situation, in der die Covid-Fälle wieder zunehmen, suchen wir im Spannungsfeld zwischen Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen und der Gesundheit der Bevölkerung – die an vorderster Stelle steht, händeringend nach Lösungen», so Rudin. Er appelliert an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen, um dazu beizutragen, dass die Covid-Fallzahlen wieder sinken. «Es soll jedoch keinen Impfzwang geben. Es braucht Freiwilligkeit.»

Auch wenn die Grünliberalen mit Beckmanns sofortigem Austritt aus der Sektion Emmen-Hochdorf ihren einzigen Sitz im Emmer Parlament verlieren, zeigt sich Rudin über die Zukunft der Partei im Kanton Luzern unbesorgt. Beckmann selbst kann sich zum jetzigen Zeitpunkt eine Rückkehr zur GLP nicht vorstellen: «Für mein Empfinden gab es zu Jürg Grossens Äusserung zu wenig offenen Widerspruch aus der GLP selbst.»

Corona-Skeptiker nutzen Beckmann-Rücktritt für ihre Zwecke

Allerdings wird Beckmanns Partei-Austritt in Corona-Skeptiker-Kreisen für deren Zwecke instrumentalisiert. So schreibt eine «Mass-voll»-Anhängerin über den Rücktritt der Emmer GLP-Einwohnerrätin auf Twitter: «Eine mutige Politikerin distanziert sich von den Grundrechtsgegnern und Freiheitsfeinden.»

Beckmann sieht den Tweet eigenen Angaben zufolge gelassen, obwohl sie mit ihrem Austritt der Skeptiker-Szene ungewollt Schützenhilfe leistet. «Jeder, ganz besonders Junge, dürfen, nein sie müssen die Gesellschaft und Politik in Frage stellen dürfen. Überstürzte Handlungen, Äusserungen und Tweets gehören halt manchmal dazu», so die Ex-GLP-Politikerin.

«Es zeigt den Unmut, der in allen Altersgruppen vorhanden ist und aus meiner Sicht zu wenig ernst genommen wird.»

Monica Beckmann

Sie zeigt gar Verständnis für den Tweet der Corona-Skeptiker. «Es zeigt den Unmut, der in allen Altersgruppen vorhanden ist, nicht nur bei den Jungen. Ein Unmut und auch Ängste, die aus meiner Sicht zu wenig ernst genommen werden beziehungsweise herabgesetzt und lächerlich gemacht werden. Das ist kontraproduktiv und schüttet nur Öl ins Feuer», sagt Beckmann.

Anders ist hingegen die Haltung der Grünliberalen des Kantons Luzern. Dennoch sieht Parteipräsident Michel Rudin davon ab, auf Konfrontation zu gehen: «Auch wenn ich den Inhalt des Tweets nicht teile, so leben wir in einem Land mit Meinungsfreiheit und das ist gut so. Gerade in der Pandemie ist es von zentraler Bedeutung, einen Diskurs aufrechtzuerhalten. Im Fokus müssen jedoch stets Fakten stehen.»

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