Gastbeitrag von Alt-Nationalrat Josef Lang

Die Crypto, ihre Verwaltungsräte und ihre Kritiker

Anti-Apartheid-Demo auf Postplatz am 7. September 1985. (Bild: zvg)

Die Cryptoleaks lösen eine längst überfällige Debatte über die Nähe der Zuger Politik zu fragwürdigen Firmen aus, findet unser Gastautor Josef Lang. Der Historiker und ehemalige Nationalrat erinnert sich an die Zeit, in der die heutigen Erkenntnisse noch als «Hirngespinste» abgetan wurden.

Unser damaliger Weg zur Crypto führte über die Firma Marc Rich. Bei dieser hatten wir 1982 entdeckt, dass sie nach dem Ende der iranischen Schah-Diktatur zur wichtigsten Erdöl-Lieferantin für Südafrika geworden war.

Das veranlasste uns, auch andere Zuger Unternehmen bezüglich Apartheid-Kollaboration genauer anzuschauen. Und so stiessen wir 1983 auf die Geschäftsbeziehungen der Steinhauser Verschlüsselungsfirma mit dem weltweit boykottierten Rassisten-Regime.

Ein Handelsregister-Auszug aus dem Jahre 1983 enthüllte uns die Nähe zwischen der Zuger Stadtregierung und dem Crypto-Verwaltungsrat (VR). Sie sollte ein halbes Jahrhundert bestehen. VR-Präsident war in unserem Entdeckungsjahr Dr. Philipp Schneider, der bereits seit 1952 dem Verwaltungsrat angehörte. Schneider war 1970 dessen Präsident geworden und blieb es bis 1988. 1947 bis 1974 war er Stadtrat für die CVP, die letzten vier Jahre Stadtpräsident.

Die CVP brachte es auf 56, die FDP auf 28 Jahre im Verwaltungsrat

Schneiders indirekter Stadtpräsidiums-Nachfolger und direkter Cryptopräsidiums-Nachfolger wurde Walther A. Hegglin. Der legendäre Ochsen-Wirt war CVP-Stadtrat von 1963 bis 1982, die letzten fünf Jahre Stadtpräsident. In den Crypto-Verwaltungsrat trat er im Mai 1982 ein, ein halbes Jahr vor dem Austritt aus der städtischen Exekutive. 1988 bis 2002 war er VR-Präsident der Crypto, um dann von Georg Stucky abgelöst zu werden.

«Beide Geheimdienste waren sich des politischen Risikos des gemeinsamen Besitzes der Firma eines neutralen Landes bewusst.»

Stucky hatte 1975 bis 1990 dem Regierungsrat und 1979 bis 1999 dem Nationalrat angehört. Der Baarer Freisinnige war 1992 dem Crypto-VR beigetreten, den er 2002 bis 2016 präsidierte.

Nicht zum VR-Präsidenten gebracht hat es Rolf Schweiger, freisinniger Ständerat von 1998 bis 2011. Er hat die letzten vier Crypto-Jahre dem Verwaltungsrat angehört. In der Summe hatten die beiden christdemokratischen Stadtzuger 56 Jahre und die beiden freisinnigen Baarer 28 Jahre der Crypto gedient.

Politisches Risiko war den Geheimdiensten bewusst

Formell gehörte Schneider zu den Gründern der Crypto, die anfänglich von der CIA unabhängig war. Das änderte sich ab Mitte der 1950er-Jahre. 1970 übernahm der CIA die Crypto vollständig – gemeinsam mit dem bundesdeutschen Nachrichtendienst BND.

Dass Schneider im August des gleichen Jahres, wenige Monate vor der Wahl zum Stadtpräsidenten, Crypto-Präsident wurde, dürfte kein Zufall sein. Beide Geheimdienste waren sich des politischen Risikos des gemeinsamen Besitzes der Firma eines neutralen Landes bewusst. Sie wollten sich politisch möglichst gut absichern.

Hat VR-Präsident Schneider gewusst, dass «seine» Firma dem CIA und dem BND gehörte? Und dass sie manipulierte Geräte produzierte und exportierte? Als Aufsichts-Chef müsste er informiert gewesen sein. Sicher hat er während seiner Amtszeit von den firmenintern zirkulierenden Gerüchten erfahren.

Dieselbe Frage stellt sich bezüglich seinem mehrjährigen Stadtrats- und Verwaltungsratskollegen Hegglin. Von diesem weiss man dank dem Minerva-Bericht, dass er im Mai 1994 als VR-Präsident gemeinsam mit dem VR-Mitglied Stucky von Crypto-Direktor Michael Grupe informiert wurde. Stucky führte dann wenige Tage später das berühmte Gespräch mit Bundesrat Villiger. Selbst wenn man Hegglin zugesteht, vor 2004 nichts gewusst zu haben, bleibt die Tatsache, dass er als Mitwisser noch acht Jahre lang den Verwaltungsrat präsidierte.

Zur Person
Josef Lang (1954) hat 1981 über die Basken unter Franco promoviert. 1982 bis 1994 gehörte er dem Grossen Gemeinderat an, 1994 bis 2004 dem Kantonsrat und 2003 bis 2011 dem Nationalrat. Seit 2012 lebt er in Bern. Nächstens erscheint von ihm im Verlag Hier und Jetzt ein Buch über die Geschichte der Demokratie in der Schweiz (1700 bis 2020). Am Schluss kommt er auch auf die Crypto-Affäre zu sprechen.

Die umstrittene Frage der Neutralität

Es gibt da noch eine weitere Frage: Die gleichen Politiker und Kreise, die mit einer Firma verbunden waren, welche die Neutralität der Schweiz schwerstens verletzte, hatten in den 1980er-Jahren die GSoA-Initiative für eine Schweiz ohne Armee heftigstens bekämpft.

Ihr Argument lautete: «Unsere Armee ist die legitimste der Welt, weil sie der Verteidigung der Neutralität dient.» Einige gingen noch weiter: «Das Völkerrecht verpflichtet unser Land zum bewaffneten Schutz der Neutralität.»

Heute hört man aus denselben Kreisen, dass wir doch schon immer wussten, dass die Schweizer Neutralität eine sehr relative war. Hatten Schneider, Hegglin und Stucky, als sie erfuhren, dass die Crypto ausländischen Geheimdiensten gehörte und die Neutralität für den Verkauf manipulierter Geräte systematisch missbrauchte, eine einzige Sekunde an all die Neutralitäts-Beschwörungen im Anti-GSoA-Kampf gedacht?

Der Zuger Politiker Jo Lang. (Bild: zvg)

Unsere Hauptkritik war die Kollaboration der Crypto mit dem Apartheid-Regime

Die alternativen Crypto-Themen waren die Exporte von Geheimdienstgeräten in Länder wie Südafrika und Saudiarabien. Zudem forderten wir deren gesetzliche Neudefinierung als militärische Güter.

Darüber informierten wir in Flugblättern, Medienmitteilungen und anderen Publikationen. Dazu führten wir 1985 und 1994 zwei grössere Veranstaltungen durch.

Am 7. September 1985 organisierten wir in der Stadt Zug eine Demonstration gegen Firmen, die mit dem Apartheid-Regime geschäfteten. Die Crypto hatten wir auch im Fokus, aber die 14 Stationen des Kreuzwegs, wie wir die Aktion nannten, befanden sich alle in der Stadt Zug. Steinhausen war für eine solche Demo zu weit weg.

Trotzdem wurde die Crypto mit Stacheldraht abgesichert, als ob sie vor einer Erstürmung hätte geschützt werden müssen. Diese absurde Massnahme sagte nichts aus über unsere Gefährlichkeit, aber viel über das schlechte Gewissen der Firmenverantwortlichen.

Geladene Stimmung an der Anti-Apartheid-Demo

Es ist davon auszugehen, dass auch die beiden Verwaltungsräte Schneider und Hegglin in die Vorbereitungen gegen die Anti-Apartheid-Demo einbezogen worden waren. Mindestens Schneider muss sich mit unserem Kreuzweg auseinandergesetzt haben.

«Am Strassenrand wurden wir von Wutbürgern angeschrien.»

Dessen neunte Station lag an der Bahnhofstrasse 10 und hiess Metall und Rohstoff AG. Der ehemalige Stadtpräsident Schneider, der damals 18 Verwaltungsratsmandate hatte, war ihr Vizepräsident. VR-Präsident der Metall und Rohstoff war der freisinnige Kantonsrat Paul Stadlin. Derselben Partei gehörte der Polizeidirektor Urs Kohler an, dessen Mannen uns Demonstrierende auf provokative Art und Weise fotografierten. Die Fotos mussten nach heftigen Protesten vernichtet werden.

Überhaupt war die Stimmung gegen die Anti-Apartheid-Demo, an der etwa 300 Personen teilnahmen, sehr geladen. Am Strassenrand wurden wir von Wutbürgern angeschrien. Viele rechtsbürgerliche Männer waren auch deshalb enerviert, weil ihre Frauen und Kinder Produkte aus Südafrika boykottierten und mit unserem Protest sympathisierten.

Umso unverständlicher war die Haltung der Zuger SP. Sie boykottierte die Demo, weil sie dagegen war, die Kritik an der Apartheid mit der Kritik an deren zugerischen Helfershelfern zu verknüpfen. Zu diesen gehörte die Crypto.

Im Casino nannte der Crypto-Direktor die Aussagen Strehles und Bühlers «Hirngespinst

Auch mit unserer zweiten Veranstaltung vom 7. Oktober 1994 im Zuger Casino hatte die Zuger SP ihre liebe Mühe. Die Sozialistisch-Grüne Alternative (SGA) führte das Meeting gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft für Rüstungskontrolle und ein Waffenexportverbot (ARW) durch.

Diese war durch die Zürcher SP-Nationalrätin Barbara Häring vertreten. Der Titel der ARW/SGA-Veranstaltung lautete: «Zuger Waffenconnections – wie lange noch?» Dabei ging es auch um die Fragen: Sollen die Crypto-Geräte als Waffen gelten? Und: Haben sie eine Hintertür? Dazu sprachen Res Strehle und Hans Bühler.

Der Wirtschaftsjournalist Strehle hatte kurz zuvor das Buch «Verschlüsselt» veröffentlicht. Es war die Geschichte des während neun Monaten im Iran eingesperrten Crypto-Verkäufers Bühler. Dieser hatte – ohne sein Wissen – der dortigen Regierung manipulierte Verschlüsselungsgeräte verkauft.

Kurz nach seiner Rückkehr wurde er von der Crypto entlassen, was ihn seelisch noch härter traf als die psychische Folter im Gefängnis. In der anschliessenden Diskussion ergriff auch Grupe-Nachfolger Armin Huber das Wort. Der neue Crypto-Direktor bezeichnete die Aussagen von Strehle und Bühler als «Hirngespinste».

Da kaum davon auszugehen ist, dass er nicht wusste, wem seine Firma gehörte und was für Geräte sie wem verkaufte, muss er uns belogen haben. Aber da die Beweise damals noch nicht auf dem Tisch lagen, konnte Huber sehr wohl Zweifel säen.

Jetzt wird endlich offen über die Crypto AG diskutiert: Jürg Spörndli (Ex-Crypto-Ingenieur), Chris Blumer (Tochter von Hans Bühler), Josef Lang und Res Strehle (Journalist) an einem Podium des Kulturvereins Kosmos am 23.02.2019. (zvg) (Bild: zvg)

Das Drei-Affen-Prinzip funktioniert nicht mehr

Die Alternativen, die einzigen Kritiker der Crypto, solange es diese noch gab, haben nun aufgrund der Cryptoleaks zwei Vorstösse eingereicht. Einer stellt Fragen an die zuständige Aufsichtsbehörde, das Obergericht, zur Passivität der Zuger Staatsanwaltschaft.

Es stimmt zwar, dass nachrichtendienstliche Fragen Bundessache sind. Aber Betrug und Datenklau sind es nicht. Der zweite Vorstoss fordert die Regierung heraus mit Fragen zur Verflechtung der Zuger Politik mit der Crypto, zu den Cryptoleaks, aber auch zum Brand «Crypto-Valley». Wer die Crypto-Affäre als etwas Schwerwiegendes einschätzt, geht davon aus, dass dieser Brand verbrannt ist.

«Der Fingerzeig nach Zug ist völlig richtig, die nationale Entlastung aber falsch.»

Aber vielleicht ist die Erschütterung über die jüngsten Enthüllungen genügend stark, dass zusätzlich zu den seit jeher kritischen Alternativen und zur SP auch Bürgerliche auf Distanz gehen. Nicht nur zur Firma, sondern auch zu deren Verwaltungsräten.

Es ist etwas im Gange, das die bisherige Drei-Affen-Praxis schwieriger macht. Es gibt, wie sich beispielweise in der Neuen Zürcher Zeitung lesen lässt, die Tendenz unter Bürgerlichen, sich national zu entlasten, indem auf den Standort der fraglichen Firma verwiesen wird.

Der Fingerzeig nach Zug ist völlig richtig, die nationale Entlastung aber falsch. Es braucht auf beiden Ebenen, im Kanton und im Bund, eine vollständige Aufklärung. Und zwar über die Besitzverhältnisse und die Hintertüren, aber endlich auch über die damalige Crypto-Kollaboration mit dem Apartheid-Regime.

Hinweis: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gast- und Meinungsbeitrag.

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