Politik
Abschaffung der Wehrpflicht

Der Region gehen vielleicht bald die Zivildienstler aus

Institutionen wie ökomobil Luzern und Pro Natura sind von den Zivildienstleistenden abhängig. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stimmt die Bevölkerung am 22. September der GSoA-Initiative zur Aufhebung der Wehrpflicht zu, wäre davon auch der Zivildienst betroffen: Er wäre laut Initiative künftig freiwillig. Für viele der 225 Institutionen in den Kantonen Zug und Luzern, bei denen die «Zivis» ihre Diensttage leisten, könnte das für kaum überbrückbare Lücken sorgen.

Urs Emmenegger hat sich noch gar nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was passieren würde, sollte die Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht Ende September angenommen werden. Bei einem Ja des Volkes würden künftig nicht nur in der Armee ausschliesslich Freiwillige verpflichtet, sondern auch im Zivildienst. Und das würde seinen Betrieb empfindlich treffen: Urs Emmenegger ist Umweltberater bei ökomobil, einem Umwelt- und Kommunikationsbüro in Luzern. Er koordiniert die Einsätze für Zivildienstleister, die ökomobil zusammen mit Pro Natura anbietet. «Ohne die Zivis hätten wir ein grosses Problem», sagt er. «Sie sind für die Pflegearbeiten in Naturschutzgebieten entscheidend.»

Im Sommer sind bei Pro Natura bis zu fünf Zivis pro Monat im Dauereinsatz, um in den Zentralschweizer Naturschutzgebieten sogenannte Neophyten zu bekämpfen: Eingeschleppte Problempflanzen wie die Kanadische Goldrute, welche die einheimische Vegetation bedrängen. Im Herbst schneiden die Zivis Gehölz jeweils oder mähen Wiesen.

Zivildienstleistende in Luzern und Zug

Insgesamt gibt es im Kanton Luzern 188 Einsatzbetriebe, die total 711 Plätze für Zivildienstleistende anbieten. Im Kanton Zug sind es 37 Betriebe mit insgesamt 144 Plätzen.

Zu den grösseren Betrieben im Kanton Luzern gehören das Kantonsspital (bis zu 48 Plätze), ökomobil (32 Plätze) die Stiftung Brändi (19 Plätze) und das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (18 Plätze). Die Vielfalt der weiteren Betriebe ist gross und reicht vom Blindenheim Horw über das Sonderschulheim Marbach bis zu Landwirtschaftsbetrieben im Entlebuch.

Im Kanton Zug bietet ebenfalls das Kantonsspital die meisten Einsatzstellen an (bis zu 20 Plätze), gefolgt von der Psychiatrischen Klinik Zugersee (8 Plätze) und dem Amt für Denkmalpflege und Archäologie (6 Plätze).

Bis zu 32 Einsatzplätze stellen ökomobil und Pro Natura zur Verfügung. Damit gehören sie zu den Institutionen mit den meisten Einsatzplätzen im Kanton Luzern – sie wären besonders betroffen, sollten die Zivildienstleistenden plötzlich fehlen. «Wir sind auf die Zivis angewiesen. Ohne sie könnten wir die Unterhaltsarbeiten nicht mehr machen», sagt Urs Emmenegger.»

Wichtige Stütze im Sozial- und Gesundheitswesen

In der Schweiz jedoch wurde der Zivildienst in den vergangenen Jahren zu einer immer wichtigeren Stütze, vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen. Über drei Viertel der Einsatztage des Jahres 2012 wurden in diesen Bereichen geleistet, hauptsächlich in der Pflege und Betreuung. Darauf folgt der Umweltschutz mit knapp 13 Prozent. Insgesamt leisteten die Schweizer Zivildienstler im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Einsatztage bei über 3’500 Betrieben.

Nachdem der Bund vor vier Jahren mit der Abschaffung der Gewissensprüfung den Zugang zum Militärersatzdienst erleichterte, schnellte die Zahl der Zivildienstleistenden die Höhe. Wurden 2008 rund 1’600 Männer zum Zivildienst zugelassen, waren es im vergangenen Jahr über 5’100. Wie bei ökomobil sind sie vielerorts nicht mehr wegzudenken. Fehlen aber plötzlich Zivildienstleistende, würde das auch in der Zentralschweiz viele Institutionen treffen: Mittlerweile bieten in den Kantonen Zug und Luzern 225 Betriebe insgesamt 855 Einsatzstellen für Zivildienstleistende an.

Zivis übernehmen Verantwortung

Sie übernehmen teilweise verantwortungsvolle Aufgaben, wie etwa beim Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Zivildienstleistende übernehmen vergleichbare Aufgaben wie andere Mitarbeitende, beispielsweise beim Transport von Patienten oder bei der Wartung von medizinischen Apparaturen», sagt Mediensprecherin Agnes Jenowein. Insgesamt bietet das Zentrum bis zu 18 Plätze für Zivis an. Sie arbeiten bei der Pflege und Medizintechnik, aber auch als Unterassistenz- oder Assistenzärzte. Allerdings werde dafür eine entsprechende medizinische Ausbildung verlangt. Ohne Zivildienstleistende müsste das Paraplegiker-Zenrum zusätzliches Fachpersonal rekrutieren und auf einige Dienstleistungen für die Patienten verzichten. «Daher ist der Einsatz von Zivildienstleistenden auch aus finanzieller Sicht interessant», sagt Jenowein.

Mit 35 Einsatzplätzen für Zivildienstleistende ist das Luzerner Kantonsspital die grösste Institution im Kanton Luzern. Auch helfen die Zivis bei der Pflege, sie transportieren Patienten, arbeiten in der Küche oder unterhalten die Gebäude. Anders als bei kleineren Institutionen machen sie dabei jedoch weniger als ein Prozent des Personals aus, weshalb man nicht von ihnen abhängig sei. «Wir würden es aber bedauern, falls die gesetzlichen Grundlagen einen Einsatz in unserem Umfeld nicht mehr zuliessen», sagt Mediensprecherin Angela Lötscher-Zobrist.

Studenten und Asylbewerber sollen in Bresche springen

Auch im Kanton Zug bietet das Kantonsspital mit bis zu 20 Plätzen die meisten Einsatzstellen an – effektiv beschäftigt werden pro Jahr im Schnitt aber rund 10 Zivildienstleistende: in der Küche, beim Transport, bei entsprechender Ausbildung aber auch bei Operationen und der Dialyse. Sollten diese ausfallen, müsste auch hier anderes Personal eingesetzt werden.

Für Urs Emmenegger von ökomobil Luzern bedeuten die Zivis vor allem Kontinuität für eine wichtige Aufgabe. Er rechnet nicht damit, dass die GSoA-Initiative vor dem Volk eine Chance hat. Und wenn doch? «Dann müssten wir für unsere Arbeit nach neuen Lösungen suchen und eventuell mit Studenten, Pensionäre oder Asylbewerber zusammenarbeiten.»

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