Plötzlich wimmelt es von Verschwörungstheorien: So wappnet ihr euch dagegen
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Vor der Migros in Baar wird man zum Gebet ermutigt. Wenn's hilft, spricht wenig dagegen. (Bild: wia)

Luzerner Religionspsychologe zum aktuellen Phänomen Plötzlich wimmelt es von Verschwörungstheorien: So wappnet ihr euch dagegen

7 min Lesezeit 3 Kommentare 12.04.2020, 05:00 Uhr

Plötzlich teilen Facebookfreunde «alternative Theorien»? In Krisenzeiten ist es einigen Menschen ein Anliegen, ihre Weltanschauung publik zu machen. Warum will man uns – fern von jeglicher wissenschaftlichen Grundlage – bekehren und belehren?

Im Treppenhaus hängen Blätter mit wilden Verschwörungstheorien zur Herkunft des Corona-Virus (alles nur falsche Energien und Schwingungen, menschgemachtes Unheil?), an Zuger Gartenzäunen hängen mahnende Schriften, die eine finstere Zukunft prognostizieren. Ermutigende christliche Botschaften werden mit Kreide auf die Strasse gekritzelt, von den «Corona-Wahrheit, die keiner sehen darf!»-Videos auf Facebook ganz zu schweigen. Es scheint, als ob die aktuelle Krise einige Privatpersonen dazu bewegt, ihre Ansichten mit der Welt zu teilen.

Beiträge wie diesen findet man auf den sozialen Medien derzeit zuhauf.

Dass dieses Phänomen genau jetzt auftaucht, kommt nicht von ungefähr, erklärt Sebastian Murken, Religionspsychologe und Dozent an der Universität Luzern.

zentralplus: Warum machen Verschwörungsideen gerade jetzt die Runde?

Sebastian Murken: Grundsätzlich kann man sagen, dass diese Pandemie bestimmte Strukturmerkmale enthält, wie beispielsweise Ungewissheit, eine unklare Gefahr oder auch Unsichtbarkeit. Diese machen es schwer, die Pandemie zu verstehen oder als sinnvoll zu erleben. Dies wiederum kann den Ausschlag geben, nichtwissenschaftliche Theorien heranzuziehen.

zentralplus: Das heisst, wir möchten diese Krise begreifen und suchen Halt in solchen Theorien?

Murken: Genau. Ist man eher religiös geprägt, kann es sein, dass man beispielsweise im Christentum nach einer religiösen Gesetzmässigkeit sucht. Ganz stark passierte das im Mittelalter, bei Pandemien wie etwa der Pest. Deutungen können dann sein: Die Strafe Gottes, ein Zeichen Gottes oder auch die Rache Gottes. Wenn man einer Situation ausgeliefert ist, gerade wenn man diese nicht ganz versteht, liegt es nahe, dass man eine höhere Gesetzmässigkeit dafür verantwortlich macht. Auf psychologischer Ebene spricht man von Coping.

Sebastian Murken

Der deutsche Sebastian Murken ist ausgebildeter Religionswissenschaftler und Psychotherapeut. Seine Doktorarbeit hat Murken zum Thema «Gottesbeziehung und psychische Gesundheit» geschrieben. Murken lebt in Mainz, unterrichtet jedoch auch regelmässig an der Universität Luzern Religionswissenschaften.

zentralplus: Können Sie das erklären?

Murken: Es geht dabei um die Frage, wie wir eine Herausforderung zu bewältigen versuchen. Jeder hat seine eigene Coping-Strategie. Es gibt religiöse, aber auch nichtreligiöse Strategien. Ausserdem unterscheidet man zwischen funktionaler und dysfunktionaler Coping-Strategie. Dabei sagt religiös oder nichtreligiös nichts über funktional oder dysfunktional aus.

zentralplus: Können Sie ein Beispiel nennen?

Murken: Beten zum Beispiel kann beides sein. Wenn jemand statt zu lernen dafür betet, eine Prüfung zu bestehen, ist das nicht zielführend. Zu beten, um die Konzentration fürs Lernen zu finden, ist hingegen durchaus zielführend.

zentralplus: Wir wenden uns also verschiedenen Coping-Strategien zu, um die Corona-Krise gut zu überstehen. Wenn ich jedoch solche öffentlichen Äusserungen lese, die nicht wissenschaftlich fundiert sind, zweifle ich daran, dass dies aus purer Hilflosigkeit gemacht wird.

Murken: Es gibt viele Endzeitreligionen, welche auf die Wiederkunft Jesu warten. Der Zustand der Welt gilt als Anzeichen dafür, dass es dereinst zur Apokalypse kommt und nur die Gläubigen gerettet werden. Für solche Religionen kann die heutige Zeit als Bestätigung dienen. Wenn dann auch noch der Impuls kommt, noch mehr Leute zu «retten», also zu missionieren, dann geht es eher um ein Anknüpfen an die aktuelle Hilflosigkeit.

zentralplus: Das dürfte gut funktionieren, sind wir doch im Moment ziemlich verletzlich.

Murken: Das stimmt. Und Religion ist etwas, was Halt und Trost gibt. Gerade habe ich gelesen, dass Online-Gottesdienste ein Hoch erleben. Einige sagen, das werde das Modell der Zukunft.

«Kritisch wird es dann, wenn man glaubt, einem könne nichts passieren, da man durch den Glauben geschützt sei.»

Sebastian Murken, Religionspsychologe

zentralplus: Was spricht für diese Entwicklung?

Murken: Dafür spricht das, was Religion zu leisten vermag. Aus meiner Warte als Religionspsychologe kann ich bestätigen, dass Religion Verbundenheit, Trost und alternative Erklärungsmodelle liefert.

zentralplus: Was spricht dagegen?

Murken: Kritisch wird es dann, wenn Religion die Deutungshoheit übernimmt. Also wenn etwas, was aus weltlicher Sicht sinnvoll ist, bewusst unterlassen wird. Ganz nach dem Motto: Uns kann nichts passieren, wir sind durch den Glauben geschützt.

zentralplus: Wenn also etwa ein Churer Weihbischof die Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit in den Wind schiesst, weil er nicht nachvollziehen kann, dass man durch die Mundkommunion Unheil oder Ansteckung erwarten könne. Dies, weil er eher auf den Schutz Gottes zähle.

Murken: Genau. Interessant ist ja, dass nachweislich bei religiösen Versammlungen viele Menschen angesteckt wurden. Etwa in Südkorea. Dort hat eine kranke Frau bei einem Gottesdienst gleich Dutzende Menschen angesteckt. Diese Gottesdienste wurden lange nicht abgesagt, schlicht weil die Gottesgewissheit grösser war. In Moscheen, wo sich die Menschen das Gesicht und die Füsse mit dem gleichen Wasser waschen, ist das Virus schnell verteilt.

Zwar keine Verschwörungstheorie, dafür Schwarzmalerei. Und das will man der Welt mitteilen.

zentralplus: Abgesehen von religiösen Nachrichten, die nun vermehrt die Runde machen, trifft man ja auch auf Verschwörungstheorien. Auf Facebook werden sie rege geteilt. Stichwort: Jede Grippe ist schlimmer. Aber auch Flugblätter mit esoterischem Charakter sieht man immer mal wieder. Vor einigen Wochen erhielt ich ein Mail, in dem mir geraten wurde, vor allem orange Lebensmittel gegen das Virus zu essen. Sind Menschen, die seltsame Theorien verbreiten, einfach psychisch labil?

Murken: Nein, das kann man so nicht sagen. Die Grundfrage, die uns im Moment umtreibt ist die, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Sobald man diese Frage nicht einfach beantworten kann – und das ist im Moment der Fall – wird es interessant. So kann man die Situation eben beispielsweise religiös deuten: Dies ist Gottes Strafe! Oder man interpretiert die Lage damit, dass sich die Erde zu wehren beginnt, weil wir sie schlecht behandeln. Oder man sieht die Pandemie als «Virus der Rentenversicherung» und findet alles gar nicht so schlimm. Für eine solche Haltung braucht es keine labile psychische Persönlichkeit. Das kann einfach kritisches Denken sein, das auf Abwege gerät.

zentralplus: Inwiefern?

Murken: 2004 etwa entwickelte die WHO die Richtlinien bezüglich dem Umgang mit Pandemien, weshalb in Deutschland und anderen Ländern für Milliarden Medikamente zur Bekämpfung der Schweinegrippe gekauft wurden. Später stellte sich heraus, dass die Autoren dieser Richtlinien zeitgleich auch von Pharmakonzernen bezahlt wurden. Die Frage, wie unabhängig die WHO ist, ist demnach durchaus berechtigt. Doch kann man damit auch übers Ziel hinausschiessen. Verschwörungstheorien beginnen oft bei belegbaren Fakten und werden dann weiterentwickelt.

«Über Sinn nachzudenken, ist ein Luxus, den man sich erst erlauben kann, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind.«

zentralplus: Wie gesagt. Viele Menschen sind derzeit verletzlich und vielleicht auch empfänglich für diese Theorien. Welchen Umgang damit würden Sie denn raten? Sprich, wie kann man sich davor schützen?

Murken: Nun, die kann ich natürlich nur von meinem persönlichen Standpunkt aus geben. Und für mich gibt es drei wichtige Punkte. 1. Die Wissenschaft anerkennen. 2. Den kritischen Geist nicht verlieren. 3. Auch die Chancen sehen. Sich auch zu hinterfragen, worum es einem im Leben geht und was für uns Sinn stiftet. Diese Gedanken kann man sich jedoch nur machen, wenn es einem ökonomisch gut geht. Über Sinn nachzudenken ist ein Luxus, den man sich erst erlauben kann, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind.

zentralplus: In der Schweiz sind diese zum Glück bei den allermeisten Menschen gedeckt. Trotzdem haben viele Leute Ängste. Bleibt uns nichts anderes übrig, als diese ein Stück weit auszuhalten?

Murken: Gibt es denn eine Alternative? Natürlich muss man die aushalten. Ich bin ja selber auch Psychotherapeut und habe teilweise am Telefon mit Patienten Sitzungen. Dort zeigt sich im Moment sehr stark, dass insbesondere die Ängste aktualisiert werden, mit denen man sowieso ausgestattet ist. Wenn jemand etwa zu Schuldgefühlen neigt, hat man eher Angst, jemanden anzustecken. Ähnlich ist es bei einer Veranlagung zu Existenzängsten.

«Transzendenten Trost braucht es nicht zwingend für ein zufriedenes und gelingendes Leben.»

zentralplus: Dann wirkt diese Pandemie sozusagen wie eine Lupe unserer psychischen Struktur?

Murken: Genau. Man nennt das Amplifikation. Interessant fand ich das bei Patienten, die eher introvertiert sind und nur wenige soziale Kontakte haben. Denen geht es nun plötzlich sehr gut, weil ihnen die Isolation weniger zusetzt. Andere merken hingegen, wie schlecht sie allein sein können.

zentralplus: Und wenn man nun derart verunsichert ist, dass man anfängt, zu glauben, obwohl man sich nicht als religiös bezeichnet: Ist das negativ zu werten?

Murken: Überhaupt nicht. Wer ein religiöses Referenzsystem durch religiöse Erziehung in der Kindheit zur Verfügung hat und dieses aktivieren kann, der findet darin Halt und Trost. Doch das passiert in der Regel nicht, wenn man schon immer Atheist gewesen ist.

zentralplus: Glauben Sie, diese Ausnahmesituation ist für Atheisten schwieriger zu ertragen als für Gläubige?

Murken: Das ist eine weitreichende Frage: Haben Religiöse einen Vorteil? Auf das Ganze gesehen glaube ich nicht. Vielleicht merkt man als Atheist eher, wie wichtig einem der Familienzusammenhalt ist. Transzendenten Trost braucht es nicht zwingend für ein zufriedenes und gelingendes Leben.

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3 Kommentare
  1. Elmyr, 14.04.2020, 06:27 Uhr

    …und das sind gleich wieder Verschwörungstheorien – mehr Vertrauen würde uns allen gut tun…

  2. Andreas Peter, 12.04.2020, 13:07 Uhr

    Mich kümmert weniger die Frage, „warum die Dinge so sind, wie sie sind“ sondern mehr, wofür diese Krise missbraucht werden wird.
    z.B. Abschaffung des Bargelds, weniger Datenschutz, weniger Föderalismus, Einschränkung der persönlichen Freiheit, mehr „allmächtiger Staat“ etc. pp.
    Viele Interessengruppen melden ja schon an, dass „nachher“ alles anders sein wird.
    Wir müssen da aufpassen, unliebsame Veränderungen kommen gerne durch die Hintertür, wenn alle mit etwas anderem beschäftigt sind.

    1. Hugo Ball, 12.04.2020, 18:08 Uhr

      Richtig und scharf analysiert. Leider ist das erst der Anfang! Ohne beherzte Gegenwehr im Sinne einer radikalen Aufklärung und Redemokratisierung gehen wir düsteren Zeiten entgegen. Leider interessiert das nur eine Randgruppe. Die überwiegende Mehrheit ist bereits durchdringend und erfolgreich und unumkehrbar tiefenindoktriniert. Selbstbestimmung und wahrhaftige politische Partizipation wird wohl bald nur noch eine sinnentleerte Worthülse und frommer Wunsch sein!

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