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Plastik recyclen – auf dem Land, aber nicht in der Stadt
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Im Unterschied zu Pet-Flaschen wird Plastik in Luzern nicht separat gesammelt. (Bild: AURA)

In Luzern rät man: Ab in den Abfallsack Plastik recyclen – auf dem Land, aber nicht in der Stadt

6 min Lesezeit 07.09.2019, 16:00 Uhr

Plastik geniesst in der klimasensibilisierten Gesellschaft einen schlechten Ruf. Eine separate Abfallsammlung gibt es im urbanen Raum Luzern jedoch nicht – im Unterschied zum Hinterland. Die Gründe offenbaren einen grundlegenden Streit über Sinn und Unsinn von Kunststoff-Recycling.

Ein toter Wal am Strand. Verelendet, weil er Plastik schluckte. Solche Bilder wühlen auf, auch im Binnenland Schweiz. Im Zuge der Klimadebatte hat sich das Bewusstsein für den Umgang mit Kunststoff gewandelt. Die Detailhändler zum Beispiel geben Plastiksäcke inzwischen nicht mehr gratis an die Kunden ab.

Und auch der Wunsch, Plastikabfälle zu recyclen, wächst. Vielerorts sind in den letzten Jahren entsprechende Angebote entstanden. Seit einem Jahr beispielsweise wird in zahlreichen Gemeinden im Luzerner Hinterland Plastik separat gesammelt. Für 2.50 Franken kann man einen 60-Liter-Sack kaufen, füllen und bei einer der Sammelstellen abgeben.

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Die Abfälle landen beim Thurgauer Unternehmen Innorecycling. Von dort werden sie ins nahe Ausland gefahren, sortiert und zu Granulat verarbeitet. Daraus entstehen neue Produkte, wie Kabelrohre oder Harassen. Der Rest wird in Zementwerken verbrannt.

«Es läuft wie verrückt», sagt Projektleiter Beat Buchmann. Zahlen explizit für Luzern kann er zwar nicht nennen. Im Durchschnitt der inzwischen schweizweit fast 500 beteiligten Gemeinden käme aber pro Kopf und Jahr 14 Kilogramm Plastik zusammen. Für ihn ist daher klar: In der Bevölkerung sei das Bedürfnis, Plastik dem Kreislauf zuzuführen, sehr gross.  

Nutzen klein, Kosten gross

In der Stadt Luzern allerdings sucht man ein entsprechendes Angebot vergeblich. Denn gemäss Recycling, Entsorgung, Abwasser Luzern (Real) lohnt sich das nicht. Der Zweckverband ist für die Abfallwirtschaft von 22 Gemeinden zuständig – und muss zustimmen, wenn Private in diesem Gebiet Kunststoff sammeln wollen.

Das Bedürfnis der Bevölkerung könne man zwar nachvollziehen, heisst es bei Real. «Eine Sammlung ist aber nur sinnvoll, wenn Kosten und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis stehen», heisst es auf der Webseite.

Eigennutz? Real winkt ab

Ein oft gehörter Vorwurf lautet: Die Abfallbewirtschafter würden sich gegen die separate Sammlung stemmen, weil sie für sich einen Verlust von Brennmaterial befürchten. Dem widerspricht Real: Nur rund drei Prozent der brennbaren Siedlungsabfälle seien Kunststoffe, die separat gesammelt werden könnten. «Die Menge ist also marginal, verglichen mit den übrigen Abfällen», schreibt der Zweckverband. Für Kehrichtverbrennungsanlagen würde es sich im Gegenteil sogar lohnen, wenn weniger Plastik in den Säcken wäre. Denn Kunststoff hat einen enorm hohen Brennwert: Würde er wegfallen, könnte Real für die Energiemenge mengenmässig mehr Abfall verbrennen – und hätte mehr Einnahmen.

Der Zweckverband verweist auf eine Studie, die 2017 im Auftrag von Bund und Kantonen erstellt wurde. Das Fazit: Wer ein Jahr lang seinen Plastik im Haushalt sammelt und recycelt, tut der Umwelt gleich viel zugute, wie wenn er auf eine Autofahrt von 30 Kilometern verzichten würde.

Bund ist skeptisch

«Dem verhältnismässig kleinen ökologischen Nutzen stehen hohe Kosten gegenüber», schreibt Real auf der eigenen Webseite, auf die bei einer telefonischen Anfrage verwiesen wird. Denn der Betrieb einer separaten Kunststoffsammlung sei teuer. Pro Tonne fallen gemäss der Studie Kosten von rund 750 Franken an. Wird der Plastik einfach in den Abfallsack gestopft und verbrannt, seien es 300 Franken.

Dass die Plastik-Verbrennung sinnvoll und vertretbar sei, hält auch eine 2015 von den Zentralschweizer Umweltdirektoren und der Renergia Zentralschweiz AG in Auftrag gegebene Studie fest. Die energetische Verwertung weise ähnliche Nutzwerte auf wie die Verbrennung in der 2015 eingeweihten KVA Perlen. Sprich: Es gibt keinen eindeutigen «Gewinner».

In die Reihe der Skeptiker reiht sich auch das Bundesamt für Umwelt. Die Plastikteile seien oft verschmutzt, heterogen zusammengesetzt oder von minderwertiger Qualität. Der Anteil der Wiederverwertung falle entsprechend tief aus. Das Ziel wäre laut Bafu eine Recycling-Quote von mindestens 70 Prozent. Ein Wert, der noch nicht erreicht wird, dem man sich aber stetig annähert und der laut Forschungsanstalt Empa erreicht werden kann.

Gegner kritisieren weiter, dass die Plastikabfälle zur Sortierung ins Ausland gefahren werden. Denn in der Schweiz gibt es keine entsprechende Anlage. Letztlich gehe es vielmehr um ein Geschäft mit dem schlechten Gewissen der Leute als um den effektiven Nutzen, so der Vorwurf.

«Es geht gar nicht mehr um Fakten, sondern um einen Glaubenskrieg.»

Beat Buchmann, Innorecycling AG

Die Verantwortlichen von Sammelsack sind hingegen überzeugt, dass das Recycling gegenüber dem Verbrennen viele Vorteile habe. Dank der Verwertung werde CO2, Erdöl und Kohle gespart. Die von Real erwähnten Studien sind laut Projektleiter Beat Buchmann aus abfallwirtschaftlicher Sicht korrekt. Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft gehe es jedoch um die Frage, was man aus einer bestimmten Menge Erdöl maximal herausholt. Dafür seien die Systemgrenzen sehr viel weiter gesetzt. Er verweist auf faktenbasierte Ökobilanzen, die zweifellos zum Schluss kämen, dass Kunststoffe aus Umweltsicht separat gesammelt und rezykliert werden sollten.

Haushaltsplastik landet in der Regel im Abfallsack und wird in der neuen KVA Renergia in Perlen verbrannt. (Bild: zvg)

Ohnehin sagt er: «Es geht gar nicht mehr um Fakten, sondern um einen Glaubenskrieg, ob Kunststoff als Brennstoff oder Rohstoff verstanden wird.» Mit Real habe man das Gespräch gesucht, aber angesichts des klaren Standpunkts ohne Aussicht auf Erfolg. «Die Fronten sind verhärtet.»

Dennoch ist Beat Buchmann zuversichtlich, dass sich das ändern wird. «Es braucht einfach noch etwas Zeit, bis ein Umdenken stattfindet.»

Am besten Plastik vermeiden

Auf politischer Ebene ist das Thema jedenfalls nicht vom Tisch, im Gegenteil. Nach mehreren Vorstössen im Parlament wird der Bundesrat einen Bericht erarbeiten, in dem auch das Kunststoffrecycling thematisiert wird.

In Luzern steht die Forderung ebenfalls im Raum. Mittels Postulat will die grüne Kantonsrätin Christina Reusser das Sammeln und das Recycling von Kunststoffabfällen im Kanton Luzern einführen. Denn die Herstellung und Entsorgung von Plastik verursache hohe CO2-Emissionen. Das Recycling käme gemäss Reusser nicht nur dem Klima und der Umwelt zugute, sondern würde auch Arbeitsplätze schaffen.

«Der Hauptfokus muss vielmehr darauf liegen, Plastik möglichst zu verhindern.» 

Jona Studhalter, Co-Präsident Junge Grüne

Der Regierungsrat lehnt das Postulat, das demnächst im Kantonsrat diskutiert wird, allerdings ab. Er hält sich an die Argumentation des Bafu und will den Gemeinden und Verbänden keine Vorschriften machen. Zudem verweist er darauf, dass dank der Abwärme der energieeffizienten KVA in Perlen – wo der Plastik verbrannt wird – jährlich rund 40 Millionen Liter Heizöl eingespart werden. Mit dem heutigen Stand der Technik wäre ein Vorpreschen im Kanton Luzern laut Regierung nicht zielführend und würde nicht zu einer merklichen Reduktion der Umweltbelastung beitragen. Gleichwohl schlägt Luzern die Tür nicht ganz zu: Der Regierungsrat will die Entwicklungen seitens Industrie und Bafu abwarten.

Ob Verbrennen oder Wiederverwerten, in einem Punkt sind sich wohl alle einig: Am besten packt man das Problem an der Wurzel an. Wie Jona Studhalter, Co-Präsident der Jungen Grünen Kanton Luzern, sagt: «Plastik zu sammeln, um dann via Deutschland nach Indonesien oder Malaysia zu exportieren, ist keinesfalls ökologisch. Der Hauptfokus muss vielmehr darauf liegen, Plastik möglichst zu verhindern.» 

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