Plakatverbot: Wirbel um eine blutte Wetterfee
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Blickfang am Bahnhof Zug: Die brave Version des Plakats mit Linda Gwerder. (Bild: zVg)

Zentralschweizer weniger prüde als Zürcher Plakatverbot: Wirbel um eine blutte Wetterfee

7 min Lesezeit 26.07.2017, 10:21 Uhr

Eine TV-Moderatorin wirbt halbnackt für ein Fitnessstudio. Die Stadt Zürich hat das «Unten-ohne-Plakat» wegen angeblichem Sexismus verboten. In Luzern und Zug ist der Anblick der blonden Schönheit – in einer braveren Version – noch erlaubt.

Ein Plakat sorgt im medialen Sommerloch für Schlagzeilen: Linda Gwerder, die blonde Wetterfee von «Telezüri», macht Werbung fürs Fitnessstudio Indigo. Der Wirbel dreht sich um das «Wie».

Die freizügigste Version des Plakats (siehe Bild unten im Text) hing bloss rund einen Tag. Auf dem Plakat ist die schlanke Gwerder «unten ohne» zu sehen; sie bedeckt ihre Intimzone mit der Hand, und eine Brust ist ein wenig zu sehen. Darüber prangt der Slogan «Look better naked». Auf Deutsch «Siehe nackt besser aus!». Oder: Überwinde gefälligst deinen inneren Schweinehund, ab ins Fitness!

Plakat wurde verboten

Die Stadt Zürich hat das Bild auf öffentlichem Grund vergangene Woche verboten. Es sei «ein klarer Fall sexistischer Werbung», schrieb das Amt für Städtebau laut dem Portal blick.ch. Die Allgemeine Plakatgesellschaft (APG) überklebte den Stein des Anstosses daraufhin.

Die Fitnessfirma Indigo zauberte daraufhin eine zweite, bravere Version aus dem Hut, wo Gwerders Körper unter dem Bauchnabel aufhört (Hauptbild oben). Doch auch dieses Foto fand keine Gnade bei den zwinglianischen Sittenwächtern.

Das Bild wurde inzwischen durch eine biedere Version von Gwerder mit Rock ersetzt, das nur in Zürich zu sehen ist.

Gwerder «unten ohne»: Die ursprüngliche Version wurde in Zürich verboten, und auch Luzern äusserte Bedenken.

Gwerder «unten ohne»: Die ursprüngliche Version wurde in Zürich verboten, und auch Luzern äusserte Bedenken.

(Bild: zVg)

In Luzern und Zug hängt die brave Version

Der Rest der Schweiz wundert sich über so viel Prüderie. Zumal Luzern und Zug, wo Indigo für Fitness wirbt, laut anderen Medienberichten keine solchen Verbote erliessen – sie zeigten sich offenbar toleranter.

Eine Nachfrage in den Zentralschweizer Städten ergibt aber, dass die Sache verzwickter ist. Bei den Plakatstellen auf öffentlichem Grund hat die jeweilige Gemeinde mitzureden. Auf Privatgrund nicht. Wenn man jedoch auf Privatgrund negative Auswirkungen auf die Öffentlichkeit befürchtet, zählt die kommunale Meinung aber doch.

In Luzern verwaltet die AGP nur Plakatstellen auf privaten Grundstücken. Für den öffentlichen Grund hat eine andere Firma den Auftrag. Ungewöhnlich ist, dass die APG die Stadt Luzern trotzdem um ihre Meinung angefragt hat.

«Die eine Plakatversion ging nach unserer Beurteilung zu weit.»
Stefan Geisseler, Stadtraum und Veranstaltungen Stadt Luzern

Stadt Luzern war auch gegen Nacktbild

«Wir wurden bezüglich der diskutierten Plakatinhalte angefragt», erklärt Stefan Geisseler vom Bereich Stadtraum und Veranstaltungen der Stadt Luzern. «Es wurden uns zwei Versionen unterbreitet. Die eine Version ging nach unserer Beurteilung zu weit.» (Gemeint ist die freizügige erste Version.) Geisseler: «Die in der Boulevardzeitung ‹Blick› publizierte Version erachteten wir als vertretbar.» (Die unter dem Bauchnabel abgeschnittene Version.)

«Auf privaten Publikationsflächen in Luzern wurde das hier thematisierte Plakat angebracht», fügt Geisseler hinzu. Zum Verbot der Zürcher Behörden will sich der Luzerner nicht äussern. Die rechtliche Lage sei in jeder Stadt anders, laut Geisseler gibt es in Luzern aber einen Passus zur «Würde des Menschen», den man berücksichtige.

«Die Stadt Zug hat die Bewilligung noch gar nicht erteilt.»
Thomas Gretener, Sprecher der Stadt Zug

In Zug vermietet die APG sowohl die öffentlichen wie die privaten Plakatflächen. Laut Thomas Gwerder von der Kommunikation der Stadt Zug werde bei heiklen Inhalten auf öffentlichem Boden die Meinung des Stadtrats eingeholt. «Die Stadt Zug hat die Bewilligung noch gar nicht erteilt», sagt Gretener, «die Sache ist noch in Abklärung, weil viele Personen in den Ferien sind.» – Laut Auskunft der APG hat diese darauf verzichtet, das Plakat auf öffentlichem Grund zu zeigen.

SBB verweist auf die AGP

Auf Privatgrund ist das Plakat aber momentan zu sehen. Auch die SBB lassen das Plakat zu, denn die Bahnhöfe gelten als Privatgrund. Stellung nehmen wollen die Bundesbahnen aber nicht zum Sujet der halbnackten Frau. Ein SBB-Mediensprecher verweist auf die APG, welche die Werbeflächen vermietet.

Nadja Mühlemann von der Medienstelle der APG betont, dass die Plakatgesellschaft keinerlei Zensur ausübe (siehe Kurzinterview im Kasten). Ansonsten verstosse die Plakatgesellschaft gegen die Meinungsäusserungsfreiheit. Grundsätzlich werde ein Plakat deshalb zuerst einmal aufgehängt. Doch es wird ebenfalls der Stadt oder Gemeinde vorgelegt. Diese könne ein heikles Sujet verbieten, dann befolgt die APG diese Order und überklebt die Plakate wieder.

Mit Rock: «Zwinglianische» Version des Plakats, die ausschliesslich in Zürich plakatiert wurde.

Mit Rock: «zwinglianische» Version des Plakats, die ausschliesslich in Zürich aufgehängt wurde.

(Bild: zVg)

Zwei Versionen aufgehängt

Die Situation hat jetzt zu einer Vielzahl an Plakatversionen in den drei Städten geführt. Das Plakat «Linda Gwerder unten ohne, mit der Hand auf der Scham» ist nirgends anzutreffen. «Die Städte Zürich und Luzern haben es verboten», erklärt Mühlemann von der APG. Zug habe sich dem Entscheid «angelehnt», fügt sie hinzu. Das heisst, es gab in Zug einen informellen Kontakt, aber laut Stadt keinen offiziellen Entscheid.

Das Sujet «Gwerder mit dem unter dem Bauchnabel abgeschnittenen Körper» hat Zürich ebenfalls verboten. Luzern hat es zugelassen, Zug habe sich dem Entscheid von Zürich wiederum angelehnt.

Und was meinen Frauen dazu?

Und was meinen Stellen, die sich mit Gender- oder Frauenanliegen beschäftigen, zur Sache mit der nackten Haut? Susanne Bamert von der Frauenzentrale Zug sagt nach Rücksprache mit ihrer Präsident: «Dieses Thema liegt nicht im Fokus der Frauenzentrale.» «Wir gehen aber davon aus, dass Frau Gwerder schon gewusst hat, worauf sie sich einlässt.» Privat finde sie das abgeschnittene Bild nicht anstössig. Die erste Version sei aber «grenzwertig».

«Die Frage zwischen sexistisch und sexy ist immer sehr schwer zu beurteilen.»
Manuela Weichelt, Zuger Landammann

Frau Landammann Manuela Weichelt nimmt die Verwaltung in Zürich in Schutz und erklärt, die Sache sei anders gelaufen als dargestellt. «So wie ich informiert bin, hat Zürich das Plakat aufgrund eines Verfahrensfehlers verboten. Das Plakat musste abgeändert werden und sollte der Stadt nochmals vorgelegt werden, dies haben die Verantwortlichen unterlassen.»

Sexistisch oder sexy: Wo liegt die Grenze?

Ihre persönliche Meinung will sie trotz Nachfrage nicht äussern. Die Regierungsrätin verweist aber auf die Lauterkeitskommission und die behandelten Fälle, wo sich Leute über sexistische Werbung beschwerten. «Die Frage zwischen sexistisch und sexy ist immer sehr schwer zu beurteilen», schreibt Manuela Weichelt an zentralplus.

Und was sagt die fotografierte TV-Moderatorin Linda Gwerder selbst zu ihrem skandalumwitterten Auftritt? Es habe sie keine grosse Überwindung gekostet, freizügig vor der Kamera zu posieren, erklärte sie. «Ich finde, wir sind alle nackt geboren, ich habe kein Problem mit Nacktheit, solange es nicht sexualisiert wird. Natürlich sind die Bilder sexy, aber nicht vulgär.»

«Eine Provokation wollten wir mit dieser Kampagne nicht erreichen. Das Ziel war eine sehr ästhetische Darstellung.»
Diego Menzi, Marketingchef Indigo

Fitnesszentrum «überrascht»

Hat das Fitnesszentrum die Sache bewusst so eingefädelt, um Aufmerksamkeit zu erregen? «Eine Provokation wollten wir mit dieser Kampagne nicht erreichen», versichert der Marketingchef des Fitnessstudios Indigo, Diego Menzi, gegenüber zentralplus. Es habe ihn «überrascht», dass man die Kampagne mit Sexismus in Verbindung bringe, die Stadt Zürich berufe sich aufs Diskriminierungsverbot.

Laut Menzi wurden in Luzern 13 Plakate, in Zug 15 und in Zürich 16 aufgehängt. Kunden und Bekannte haben laut Menzi positiv auf die Kampagne reagiert. «Unser Ziel war es, die Kampagne sehr ästhetisch darzustellen. Mit der Message ‹look better naked› wollten wir sagen, dass man sich in einem gesunden Körper auch wohler fühlt.»

Das Fitnessstudio freut sich über die Diskussionen, welche seine Plakatkampagne auslöste. «Dass es schliesslich so einen Medienrummel gibt, ist natürlich überwältigend», sagt Menzi offenherzig.

Wer sich selbst ein Bild von der Sache machen will, muss sich beeilen. Die Kampagne ist laut APG demnächst zu Ende. Auf einigen privaten Grundstücken könnten Autofahrer die erotische Wetterfee, die zur Fitness animiert, allenfalls noch erblicken.

Was sagt die Allgemeine Plakatgesellschaft zum «Fall Gwerder»?

zentralplus: Frau Mühlemann, was sind die APG-Regeln bei «sexuellen Themen»?

Nadja Mühlemann*: Plakatwerbung darf nicht lügen und nicht täuschen, sie darf aber auffallen, unterhalten und provozieren. Die APG|SGA übt keine Zensur aus. Sie kann ein Plakat nur dann verweigern, wenn es gegen Recht und Lauterkeit verstösst. Die Verantwortung für die Einhaltung der geltenden Gesetze liegt gemäss unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen aber beim Auftraggeber des Plakats.

zentralplus: Wurde die APG überrumpelt mit dem Medienwirbel um die Indigo-Kampagne?

Nadja Mühlemann: Nein. Bei solchen Themen verfolgen wir einen Standardprozess. Durch unsere Verträge mit Städten und Gemeinden sind wir dazu angehalten, heikle Sujets den Behörden vorzulegen. Diese entscheiden im Einzelfall, ob das Plakat auf öffentlichem Grund weiter ausgehängt werden darf oder nicht. Das haben wir auch in diesem Fall getan. Die vom Aushang betroffenen Städte Zürich, Luzern und Zug wurden angefragt, die erhaltenen Rückmeldungen haben wir berücksichtigt. Bei Beschwerden von Privatpersonen zur Plakatgestaltung verweisen wir zudem an die Schweizerische Lauterkeitskommission.

zentralplus: Gab es vergleichbare Fälle in der Vergangenheit?

Nadja Mühlemann: Ja. Es gab einen vergleichbaren Fall, die «Love Life»-Kampagne des Bundesamts für Gesundheit zur Aidsprävention. Diese hat 2014 ebenfalls ein grosses Echo in den Medien ausgelöst.

*Nadja Mühlemann leitet die Medienstelle der APG/SGA.

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