Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Pirelli – der Mann mit dem Mundwerk
  • Gesellschaft
  • Gesellschaft
  • Kultur
Sam Pirelli fühlt sich nicht nur bei seinen Katzen wohl - sondern auch auf der Bühne. (Bild: zvg)

Porträt eines Luzerner Unikats Pirelli – der Mann mit dem Mundwerk

8 min Lesezeit 24.05.2015, 05:39 Uhr

Jahrelang machte er sich als Sprecher der Hausbesetzerszene zum Feindbild der Polizei, bis er in eine neue Identität schlüpfte. Inzwischen hat er eine Art Balance gefunden – mit einer Mischung aus Chaos, ungefiltertem Mundwerk und Rock’n’Roll. Sam Pirelli ist stadtbekannt, aber wer kennt ihn eigentlich?

Sam Pirelli hat es seinen Mitmenschen nie leicht gemacht, ihn zu verstehen. Der grossgewachsene Schlenderer, der outfitmässig gern als Cowboy aufkreuzt, aber in dessen Hirn es politisch linker tickt als in allen Linksparteien zusammen, ist ein helles Köpfchen. Für einige ist er «too much», für andere wirkt er zu selbstdarstellerisch, wieder andere finden ihn grossartig. Aber in seiner Multi-Selfie-Individualität ist er zumindest unschlagbar original. Das schaffen nur wenige. Man gebe ihm eine TV-Talkshow, dann würde der helvetische Unterhaltungsbrunz zumindest etwas farbiger. Aber wahrscheinlich würde der Brunz schon am Drogentest scheitern.

Maskeraden-Moderator

Der Cowboy zieht den Colt seines Mundwerks, wann immer es ihm passt, und das Ohr des Monolog-Partners wird immer grösser. Dann wieder steht er als Musiker auf der Bühne und entpuppt sich als zunehmend geiler Gitarrist. Sam Pirelli wurde von ein paar Verwirrten auch schon als Stadt-Original vorgeschlagen, was ihm nicht mal in seiner Verkleidung als Cowboy gerecht würde. Ebenso wenig liesse er sich – auf der andern Seite des Wahnsinns – für Parteiarbeit verpflichten oder in ein Parlament wählen. Pirelli würde als Politiker ungeschminkten Klartext reden, deswegen kann er nie einer sein. Was er denkt, tut er lieber persönlich kund.

«Ich trug eine imposante Irokesenfrisur, für die mich einzelne Bürger mehrmals in die Hölle wünschten.»

So hat er es zum Beispiel als launiger Moderator der langjährigen Impro-Reihe «Joyful Noise» von Fredy Studer gemacht. Seine Ansagen-Performances bezogen sich oft auf politische Aktualitäten, waren philosophisch und literarisch unterfuttert, wurden von Witz und Ironie durchzogen und mit Maskeraden ad absurdum geführt. Ein Teil des Publikums war dann immer genervt, weil sie verdammt nochmal Musik und nicht diesen Schnorri hören wollten, der andere Teil amüsierte sich königlich und spürte, dass hier einer war, der die Gedanken aufmischte und den Egotrip des Überlebens als intelligente Unterhaltung zelebrierte. Manch anderer Langweiler erhält dafür den Prix Walo.

Bieri und Pirelli

Pirelli ist Gitarrist, Korrektor, DJ, Katzenliebhaber, Singles-Sammler, Chaotiker, Barkeeper, Moderator, Verkleidungskünstler, Raucher, Drogenliebhaber, Frauenfreund, Polit-Kommentierer, Cowboy, SVP-Verachter, Psycho Radio Show Unternehmer. Das ist viel, aber im Grunde lässt sich alles auf zwei Figuren reduzieren. Bieri und Pirelli.

Bieri erzählt: «Mit 18 bin ich in die Stadt gekommen. Ich war extrem politisch. Nach der Matura bin ich sofort in der Hausbesetzerszene gelandet. Winkelriedstrasse, Zentralstrasse. Die Stadt wollte eine Ansprechperson, ich gab meinen Namen an und wurde eine Art Sprecher der Besetzerszene. Ich trug eine imposante Irokesenfrisur, für die mich einzelne Bürger mehrmals in die Hölle wünschten. Dann wurde ich Gassenarbeiter. Die offenen Drogenszenen in Luzern und Zürich waren in Hochblüte. Wir haben oft Leute auf dem Platzspitz und später auf dem Letten gesucht. Ich habe in dieser Zeit etliche Tote aufgefunden. Sie lagen auf Toiletten oder in Einfahrten. Das ging unter die Haut.» Mehrmals wöchentlich habe er zu dieser Zeit bewusstlose Junkies reanimiert.

«Ich organisierte Demos mit Junkies.»

«Ich setzte mich auch für die Drogenliberalisierung ein, organisierte Demos mit Junkies. Immer wieder wurde ich von der Polizei gefilzt, jede Woche holten sie mich mehrmals auf den Posten, wo ich mich bis auf die Unterhosen ausziehen und stundenlang so warten musste. Das einzige Pulver, das ich jeweils dabeihatte, war die Ascorbinsäure, mit denen die Junkies ihre Schüsse präparieren. Heroin hat mich nie interessiert. Aber die Polizei hat damals alles daran gesetzt, mich fertig zu machen.»

In Halbgefangenschaft

Anfangs der Neunziger machte Bieri mit seiner Zivilschutz-Verweigerung auf sich aufmerksam. Vier Tage dauerte sein Aufenthalt in der Armee, bis er als untauglich erklärt wurde. Aber der Zivilschutz erschien ihm mindestens so sinnlos. Die damals durchgeführte, berüchtigte Übung «Ameise» im Sonnenbergtunnel war nicht wirklich geeignet, seine Bedenken zu entkräften. Mit seinem ellenlangen und faktenreich-pfiffigen Plädoyer holte er auf dem Amtsgericht wegen «günstiger Prognose» eine bedingte Strafe heraus. Das Urteil fällte der spätere Stadtpräsident Urs W. Studer.

Es war die erste bedingte Strafe, die bei einer Zivilschutzverweigerung  ausgestellt wurde, und so kam es zu einem Weiterzug an das Obergericht, wo so viele Leute der Verhandlung beiwohnen wollten, dass die Tür des Gerichtssaals zugesperrt werden musste. Der Zivilschutzverweigerer erhielt 30 Tage unbedingt und sass die Strafe in Halbgefangenschaft im Zentralgefängnis am Löwengraben ab.

Chaotiker und Katzennarr

1995 riss sich Bieri seine Hardcore-Polit-Vergangenheit vom Leib und wurde Pirelli. Es war nicht nur ein Kostümwechsel, sondern auch eine existenzielle Verwandlung. Die letzten Jahre hatten ihn ausgelaugt, der politische Kampf und die Polizeischikanen hatten ihn zermürbt, die Psyche war eine aufgewühlte Bruchbude geworden, der Körper eine Borderline-Schramme ohne Empfindung. Fast zwei Jahre war er quasi arbeitsunfähig.

Dann schaffte er es, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen: Sam Pirelli erblickte das Licht der Welt. «Es war meine Rettung. Ich habe die kranken Teile zurückgelassen und nur meine gesunden, extrovertierten Seiten in der neuen Figur mobilisiert.» Es gab eine Übergangszeit, da er als Rusty Debil, Johnny Cadillac und Pirelli aufkreuzte, in jeweils komplett verschiedenen Garderoben. «Dann bin ich nur noch Pirelli geworden. So sind alle Figuren verschmolzen.»

Strassenmusiker und Korrektor

Zunächst lebte Pirelli ein Jahr lang als Strassenmusiker und lernte bei dieser Gelegenheit seine grosse Liebe kennen. Sie ist nach zehn leidenschaftlichen Jahren wieder entschwunden, aber nie vergangen. Dann jobbte er an der Bar im Magdi und in der Boa, war arbeitslos, machte ein Korrektorenpraktikum beim Tages Anzeiger – «gegen den Widerstand des RAV», wie Pirelli süffisant anmerkt. Er konnte mehrere Weiterbildungen absolvieren, erarbeitete sich den eidgenössischen Fähigkeitsausweis als Korrektor, liess sich in einem kleinen Pensum anstellen, bis er auch dort wegrationalisiert wurde.

«Wo immer ich hingehe, entsteht sofort ein Puff.»

Seit ein paar Jahren arbeitet er als selbständiger Korrektor für Kleinverlage und Textagenturen, mit zunehmend schwindenden Aufträgen und dem latenten Grauen des Mittvierzigers, dass man längerfristig auch hier aus dem Raster zu fallen droht.

Zu Hause in seiner Wohnung im Bernstrassenquartier lebt Pirelli mit vier Katzen, weil er es ohne Katzen nicht aushalten würde. Er spricht von der «bedingungslosen Liebe», die man zu diesen Tieren entwickelt, von ihren Individualitäten und Macken. Er braucht die täglichen Rituale, die mit den Katzen verbunden sind, er liebt ihr weiches Fell, ihre Schlauheit.

Eigentlich könnte Pirelli ja auch mit Menschen zusammenleben, denkt man. Und Pirelli antwortet, ohne dass er die Frage gehört hat, er habe das auch schon versucht, zumal es ihm nicht an tollen Frauenbekanntschaften mangle, aber als Chaot sei er dafür leider denkbar ungeeignet. «Ich bin extrem unordentlich. Wo immer ich hingehe, entsteht sofort ein Puff. Ich kämpfe immer wieder dagegen, aber es geht so schnell. Mit mir lebt das Chaos. Es hat sich auch viel Material angesammelt. Zum Beispiel über 4’000 Bücher. Mit andern Worten: Ich bin sehr wohnuntauglich.»

Country und Surf

In den letzten Jahren ist es um die aufrührerische und politische Seite von Pirelli ruhiger geworden. Bei der Aktion Freiraum hatte er sich noch an den Diskussionsrunden beteiligt. Das alles ist schon lange zwischen Resignation und Ohnmacht zerbröselt. Viele Zeitgenossen haben sich in die privaten Konsumräume zurückgezogen. Pirellis Mundwerk funktioniert immer noch geschmeidig und ungefiltert, die Ansichten sind pointiert geblieben, aber wer will sie noch hören? «Linke Positionen sind innerhalb der Linken verwässert und gesamtgesellschaftlich leider zunehmend uninteressant geworden. Man geht nicht mal mehr abstimmen. Da fehlt mir einfach das Verständnis.»

Pirelli in Aktion

Pirelli in Aktion

Umso präsenter hat sich Pirelli in der Kulturszene als DJ und Musiker eine Nische geschaffen. Seine Psycho Radio Show ist eine moderierte DJ-Performance-Disco, in der ausschliesslich Singles gespielt werden, Pirelli sich mehrmals verkleidet, in einer Mischung aus Fachwissen und Kalauern die Musik moderiert und auch mal in basisdemokratischer Manier das Publikum abstimmen lässt, wie es stilmässig weitergehen soll.

«Wenn du nicht mehr gesehen wirst, wirst du nicht mehr gebucht.»

Pirelli hat inzwischen 10.000 Singles aus allen denkbaren Gebieten und Epochen gesammelt. Doch das Business lief auch schon besser. Eine Zeit lang habe er sehr wenig Geld gehabt und daher auf den Ausgang verzichten müssen. «Wenn du nicht mehr gesehen wirst, wirst du nicht mehr gebucht.» Aber da ist auch das Alter. «Mit 47 bist du einfach weniger gefragt.» Dafür ist er mächtig stolz, dass ihn das B-Sides Festival dieses Jahr als DJ gebucht hat. «Für mich ist das ein Ritterschlag!»

Als Musiker fiel Pirelli zum ersten Mal in seiner Rolle als singender und Gitarre spielender Rusty Debil mit den Debil Brothers auf, denen er ein Country Outfit mit der passenden Musik verpasste. Mit «Ring of Fire» und «Ghost Riders in the Sky» ritten sie in die Dämmerung und Pirelli brachte mit seinem sonor sinkenden Bariton den Sonnenuntergang in 3D auf die imaginäre Leinwand zurück. Dann kam die Ära «Der Triumph des guten Geschmacks» – nur Eigenkompositionen, alles auf Deutsch, in verschiedenen Stilrichtungen. Mit gemischtem Erfolg: «Einerseits war die Musik fetzig und läss, anderseits waren die Texte sehr wortreich und ausgefeilt.

Text oder Tanz

Die Leute wussten nie so recht, ob sie jetzt tanzen oder sich wie bei ‹Jazz und Lyrik› auf den Text konzentrieren sollen.» Heute hat er mit The Raiders oft the lost Bark eine neue Country-und Rockabilly-Truppe am Start, als reines Spassprojekt. Die andere Band, die zunehmend wichtig und auch richtig gut geworden ist, heisst Intoxica. Sie wurde von Saitenmeister Dani Glinz, der hier Schlagzeug spielt und der souveränen Bassistin Nadine Schnyder gegründet. Pirelli kann hier als Gitarrist seine Vorlieben für Surf, Sixties-Garage und Soul ausleben.

Pirelli zieht eine Zigarette aus seiner Silberdose, alle sind vorgedreht, elegante, dünne Stängel, er knipst das Benzinfeuerzeug an. Zwei Stunden Gespräch sind wie im Nu vergangen, die spontanen Formulierungen zur Seinslage und zum Rest der Welt verliessen das Mundwerk in druckreifen Sätzen. Der Cowboyhut wippt zufrieden. Mit langen Schritten geht Pirelli der Stadt entgegen.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.