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Pianohaus Röllin: Es hat sich ausgeklimpert
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Bereits sind die Fenster abgedeckt, die Innenräume sind leer. (Bild: wia )

Zug: Internet beschleunigt das Ende nach 70 Jahren Pianohaus Röllin: Es hat sich ausgeklimpert

4 min Lesezeit 04.11.2016, 18:00 Uhr

Das Musikgeschäft Röllin in Zug hat den Betrieb nach über 70 Jahren eingestellt. Für das Ehepaar, welches den Laden in zweiter Generation geführt hatte, war der Entscheid kein leichter. Und was wird aus dem stattlichen Gebäude an der Zeughausgasse?

Die Schaufenster des Pianohauses Röllin sind mit Packpapier abgedeckt. Späht man daran vorbei, blickt man in einen leeren Verkaufsraum. Hier werden keine Klaviere und Gitarren mehr verkauft, keine Noten mehr empfohlen, hier hat die Musik ausgespielt. Der Aushang an der Türe bestätigt die Vermutung. «Eine Ära geht zu Ende», steht da. Das Ehepaar Röllin bedankt sich bei den Kunden fürs entgegengebrachte Vertrauen und die Kundentreue und erklärt, dass man Ende August in den Ruhestand getreten sei.

Ruhe ist bei den Röllins jedoch noch keine eingekehrt. «Bis Ende Oktober mussten wir das ganze Haus räumen – das habe ich dem neuen Eigentümer versprochen», erklärt Wolfgang Röllin, der Geschäftsführer des Pianohauses und obendrein bisheriger Besitzer des ganzen Gebäudes an der Zeughausgasse 6.

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Haus wird verkauft

«Und weil das Haus vier Stöcke hat, gab es da einiges zu tun», ergänzt seine Frau Ruth, die das Geschäft mit ihrem Mann zusammen geführt hat. 1979 übernahm Wolfgang Röllin den Laden von seinem Vater, der diesen seit 1942 an derselben Adresse geführt hatte. Gewohnt hatte die Familie in den oberen Etagen des stattlichen Hauses. Dieses wurde nun an einen Immobilientreuhänder verkauft. Und damit ist auch eine gewisse Emotionalität verbunden. «Ich erinnere mich etwa daran, dass ich mit sechs Jahren fand, es sei eine gute Idee, mich vom obersten Stock abzuseilen – mit einem Wollseil. Meine Mutter fuhr gerade mit dem Auto heran, als ich etwa auf halber Höhe war. Als ich heil unten angekommen war – mit mehr Glück als Verstand –, gab’s zuerst mal eine schallende Ohrfeige.»

An der Tür zum Geschäft hängt ein Hinweis darauf, dass man den Laden zwar geschlossen habe, dass man jedoch noch immer per E-Mail erreichbar sei.

An der Tür zum Geschäft hängt ein Hinweis darauf, dass man den Laden zwar geschlossen habe, dass man jedoch noch immer per E-Mail erreichbar sei.

(Bild: wia)

In die Fussstapfen des Vaters

Viele Stunden hat Röllin im Laden seines Vaters verbracht. In den 60er-Jahren absolvierte er eine Lehre als Klavierbauer und -stimmer in Biel, um nach einigen Jahren Auslanderfahrung in die Fusstapfen des Vaters zu treten.

Eine Arbeit, in der automatisch auch gewisse Erwartungen mitschwangen. «Ich musste all die Instrumente spielen, die ich verkauft habe. Das war häufig frustrierend. Wäre nicht von Anfang an klar gewesen, dass ich den Laden meines Vaters übernehmen würde, wäre ich wohl eher Designer oder Grafiker geworden.» 1984 begann Röllins künftige Frau Ruth im Laden zu arbeiten, dies vor allem im Büro. Erst drei Jahre später heiratete das Paar.

Andere Kunden, andere Moral

Die Branche habe sich stark gewandelt, seitdem Wolfgang Röllin das Geschäft Ende der 70er übernommen hat. Die Bedrohung durchs Internet sei gross. «Wir haben zwar am Schluss grössere Umsätze generiert, aber nicht mehr verdient», erklärt Röllin. Seine Frau ergänzt: «Heute hat der Kunde andere Vorstellungen und eine andere Moral als früher. So gab es immer wieder Leute, die liessen sich zwar von uns beraten, kauften dann aber das gewünschte Digital-Piano übers Internet im Ausland. Und sobald ein Problem auftauchte, standen sie wieder bei uns auf der Matte.»

Auch mussten die Röllins während der Räumung ihres Ladens Tausende Musiknoten wegwerfen. «Die waren in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr gefragt. Im Internet findet man heute sozusagen alles gratis», so Wolfgang Röllin. Diese Entwicklungen werde man nicht vermissen, so ist sich das Paar einig. Und doch: «Wir haben den Job gern gemacht, hatten auch super Kunden, mit denen wir über die Jahre ein persönliches Verhältnis aufgebaut haben.»

Ruth und Wolfgang Röllin vor dem Musikgeschäft, das sie während fast 40 Jahren geführt haben.

Ruth und Wolfgang Röllin vor dem Musikgeschäft, das sie während fast 40 Jahren geführt haben.

(Bild: wia)

Der Entscheid, den Laden nun zu verkaufen, sei zwar kein leichter gewesen, «doch haben wir dadurch die Möglichkeit, uns etwas früher Pensionieren zu lassen», sagt der Ladenbesitzer und blickt zu seiner Frau. – Die beiden scheinen keineswegs unglücklich zu sein über ihren Entscheid. «Auch wenn diese letzte Zeit äusserst anstrengend war mit dem Verkauf und der Räumung der Ladenfläche.» Die kommenden zwei bis drei Jahre nehme man noch Garantiefälle entgegen. Man wolle zudem per E-Mail noch für die Kunden erreichbar bleiben, «damit etwa noch gültige Gutscheine eingelöst werden können», so Wolfgang Röllin.

Zwei, die sich ergänzen

Ob es denn keine Option gewesen wäre, den Laden zu verkaufen? «Nein. Es gibt noch genügend Musikgeschäfte. Abgesehen davon ist es schwierig, geeignete Ladenbetreiber zu finden. Um einen solchen Laden zu führen, muss man den Träumer ablegen, sonst funktioniert’s nicht», sagt Herr Röllin. Und seine Frau pflichtet ihm bei. «Wir sind ersetzbar», ergänzt seine Frau, ganz ohne Wehmut.

Vielleicht liegt das daran, dass beide bereits konkrete Vorstellungen davon haben, was sie künftig machen werden. «Schon lange beschäftige ich mich in meiner Freizeit mit der Fotografie, unter anderem auch für Werbungen», erklärt Wolfgang Röllin. Diese Tätigkeit werden wir nun vertiefen. Er sagt: «Meine Frau hat ein ausgezeichnetes Auge für Bildausschnitte.» Und sie sagt: «Nur das Technische interessiert mich nicht. So ergänzen wir uns beim Fotografieren, wie wir das  bereits vorher im Laden gemacht haben.»

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