<p>Wird in Luzerner Kindergärten bald nur noch auf Mundart unterrichtet?</p>
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Wird in Luzerner Kindergärten bald nur noch auf Mundart unterrichtet? (Bild: ©iStockphoto.com/vgajic)

Luzern PHZ-Rektor warnt vor Mundart-Initiative

4 min Lesezeit 3 Kommentare 25.01.2013, 20:03 Uhr

Wird in Luzerner Kindergärten bald nur noch schweizerdeutsch gesprochen? Das fordert die Junge SVP mit ihrer Initiative «Für Mundart im Kindergarten». zentral+ sprach mit Hans-Rudolf Schärer, dem Rektor der PHZ Luzern. Er ist klar dagegen.

Chindsgi oder Kindergarten? Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch? Geht es nach der Initiative «Für Mundart im Kindergarten» der Jungen SVP Luzern, soll in den Kindergärten künftig nur noch auf Schweizerdeutsch unterrichtet werden. Der Regierungsrat kontert mit einem Gegenvorschlag, mit dem beide Sprachen gleichwertig gefördert werden sollen. Das Thema wird am kommenden Montag, 28. Januar im Kantonsrat diskutiert. Zur Volksabstimmung kommt es voraussichtlich im Herbst diesen Jahres. Auf zentral+ kann bereits heute abgestimmt werden.

Hans-Rudolf Schärer, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) Luzern, erklärt im Interview mit zentral+ die Tücken, Gefahren und Chancen der Initiative – und sagt, weshalb die Initiative abgelehnt werden sollte.

zentral+: Hans-Rudolf Schärer, die Initiative «Ja zu Mundart im Kindergarten» ist ein hochemotionales Thema. Das zeigte sich bereits in Zürich, wo eine gleichlautende Initiative angenommen wurde. Weshalb erhitzt das Thema die Gemüter dermassen?

Hans-Rudolf Schärer: Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits werden bildungspolitische Fragen in der Bevölkerung heutzutage generell intensiver und emotionaler diskutiert als früher. Andererseits ist das Thema «Sprache» in unserer Persönlichkeit emotional verankert: Sprache vermittelt Identität und schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit, ein Heimatgefühl. Und umgekehrt kann sie auch ausgrenzend wirken.

zentral+: Gibt es sachliche Gründe, die für die Annahme der Initiative sprechen?

Schärer: Ich persönlich, lehne die Initiative klar ab. Dennoch soll die Mundart im Kindergarten keinesfalls untergehen. Ich stimme also dem Gegenentwurf des Regierungsrates zu, der Mundart und Hochdeutsch gleichermassen fördern und pflegen will. Ehrlich gesagt sieht die Realität doch bereits so aus: Die meisten Lehrpersonen benutzen heute schon problemlos beide Formen.

zentral+: Was spricht denn konkret gegen die Initiative?

Schärer: Zeitweise hochdeutsch zu gebrauchen gehört generell zur sanften Vorbereitung auf die Primarschule. Studien zeigen zudem, dass der Schuleintritt fremdsprachigen Kindern leichter fällt, wenn sie zuvor Kontakt mit dem Hochdeutschen hatten. Letztlich sollen alle Kinder – ausländische wie einheimische – möglichst günstige Bedingungen haben für den Eintritt in die Schule. Es ist ja so, dass viele Kindergartenkinder eine sehr positive Einstellung zur hochdeutschen Sprache in den Kindergarten mitbringen– aus den Medien, aus Hörbüchern oder aus dem Vorlesen von Geschichten. Rollenspiele machen sie häufig spontan auf Hochdeutsch. Warum sollen Kindergärten an diesem Interesse der Kinder denn nicht anknüpfen dürfen?

zentral+: Was geschieht, wenn die Initiative angenommen wird?

Schärer: Die sanfte sprachliche Vorbereitung auf die Primarschule in gewissen Phasen des Kindergartenunterrichts würde wegfallen. Zudem darf auch die Problematik der verschiedenen Dialekte nicht ausser Acht gelassen werden. Nehmen wir beispielsweise die Zahl Drei. Die wird nur schon in der Zentralschweiz in den verschiedenen Dialekten auf unterschiedlichste Weise ausgesprochen: Drei, Drüü, Drii, Dreu, und so weiter. Werden diese Dialekte vermischt, ohne den «Anker» des Hochdeutschen, wirkt dies sicherlich nicht integrationsfördernd – auch nicht für die einheimischen Kinder. Ein weiterer Aspekt ist, dass es doch relativ viel Lehrpersonal gibt, deren Muttersprache nicht Schweizerdeutsch ist. Was würde eine Annahme der Initiative für diese Personen bedeuten? Müssten sie einen schweizerdeutschen Sprachkurs absolvieren? Das macht einfach keinen Sinn.

zentral+: Es gibt Stimmen, die die Kampagne als fremdenfeindlich bezeichnen. Können Sie das nachvollziehen?

Schärer: Es ist sicher so, dass es viele fremdsprachige Kinder gibt, die besser Hochdeutsch als Mundart verstehen. Aber es gilt generell: Das Hochdeutsche bildet die Basis für unsere Schriftkultur. Wenn im Kindergarten beide Sprachformen genutzt und gefördert werden, ist dies von Vorteil für alle. Zwar braucht es das Schweizerdeutsche als «erfahrungsnahe» Begegnung mit der Sprache durchaus; jedoch haben alle Kinder auch ein Anrecht darauf, in gewissen Sequenzen auch im Hochdeutsch gefördert zu werden. Dies gilt sowohl für Kinder, die schweizerdeutsch sprechen, als auch für fremdsprachige Kinder.

zentral+: Weshalb soll überhaupt das Volk darüber abstimmen? Sollte nicht jeder Kindergarten für sich selbst und gemäss den eigenen Umständen entscheiden?

Schärer: Wichtig scheint mir einfach, dass im Kindergarten beide Sprachformen vorkommen. Deshalb bin ich für den Gegenvorschlag des Regierungsrats. Die Vorschriften gemäss dem Gegenentwurf sind nicht sonderlich eng gestrickt. Die Lehrpersonen können weiterhin selber entscheiden, wann sie welche Sprachform einsetzen. Das muss auch so sein. Die Vorschriften sagen bloss, dass die Kindergartenlehrpersonen in vernünftigem Umfang beide Sprachformen gebrauchen müssen.

zentral+: Haben Sie das Gefühl, dass die Initianten der Kampagne den Kindergärten einen «politischen Stempel» versuchen aufzudrücken?

Schärer: Könnte sein, dass da eine Strategie dahinter steckt. Sicherlich hat die Politik damit ein Thema entdeckt, das die Leute nicht kalt lässt. Um das generelle Pro und Contra von Reformen geht es dabei wohl kaum – eher um Populismus.

zentral+: Wird der Bildungsbereich allmählich zum «Kampfplatz für politische Ideologien»?

Schärer: Als Kampfplatz sehe ich den Bildungsbereich noch nicht. Jedoch ist es schon so, dass politische Ideologien ihren Weg in die Bildung gefunden haben. Bildungspolitik ist politisch stark umstritten, zumal es keine einheitlichen pädagogischen Haltungen mehr gibt. Die Vorstellungen über das, was «richtige» Erziehung ist, driften teils sehr stark auseinander. Das führt zu heftigen Diskussionen und ruft die Politik auf den Plan. Das ist aber nicht grundsätzlich schlecht. Es hat auch etwas Gutes, wenn sich die Leute kontrovers mit Bildungsfragen befassen.

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3 Kommentare
  1. Marcel Peter, 27.01.2013, 11:01 Uhr

    Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund um die Kindergärtnerinnen zu zwingen stets Schweizerdeutsch zu sprechen. Hier wird nur Stimmung gemacht ohne der Sache zu dienen… leider

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  2. Maria Graf, 26.01.2013, 13:21 Uhr

    Mundart zu sprechen soll im Vordergrund und Hochdeutsch, quasi als Vorbereitung auf die Schule, im Hingtergrund stehen. Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, nehme ich einmal an, sind doch nicht blöd. Die wissen selbst wie sie das Thema Sprache in unserer heutigen Zeit anpacken müssen: sanft und spielerisch. Die brauchen doch dafür kein Gesetzt. Die Initiative hat Emotionen ausgelöst und daraus wurde ein politisches Abstimmungsthema gebastelt. Da wird der Bevölkerung mal wieder ein «Köder» hin geworfen und man kann sich so richtig schön austoben. Ob es dabei wirklich darum geht, Hochdeutsch oder Mundart zu sprechen, bezweifle ich. Viellmehr, vermute ich, geht es um all die Ausländer, die in der Schweiz leben. Die SVP will ein «sauberes Schweizerländle» mit möglich wenig Fremden. Mit der Mundart-Initiative schüren sie mal wieder die Feindlichkeit gegenüber den Ausländern. Leute…fallt nicht darauf herein.

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  3. Paul Rindlisbacher, 25.01.2013, 23:53 Uhr

    Wenn man mit PHZ-Studis spricht, dann beschäftigt diese nicht die Frage nach Mundart oder Standardsprache im Kindergarten, die wollen vielmehr wissen, wie ihr Ausbildungskonzept aussieht. Hiermit scheint man in Luzern überfordert zu sein. Stundenpläne, die zu spät veröffentlicht werden, falsche Raumbelegungen, Studis, die halbe Herbstwanderungen absolvieren müssen zwischen den Vorlesungen. Das wäre eine Recherche wert.

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