Viel Stress, tiefer Lohn: Warum diese jungen Menschen trotzdem in die Pflege wollen
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Maik, Lara und Monica bei einem überbetrieblichen Kurs (üK) am Bildungszentrum Xund. (Bild: ida)

Pflegeberuf-Boom: Trotz oder wegen Corona? Viel Stress, tiefer Lohn: Warum diese jungen Menschen trotzdem in die Pflege wollen

5 min Lesezeit 3 Kommentare 13.10.2021, 05:03 Uhr

Sie sind am Anschlag, verdienen schlecht, tragen zugleich eine enorme Verantwortung: Menschen, die in der Pflege arbeiten. Mitten während der Corona-Pandemie ist das Interesse an Gesundheitsberufen so hoch wie nie. Lara, Maik und Monica aus Luzern haben im August ihre Lehre in der Pflege begonnen. Wir haben sie gefragt, warum.

Betten stehen in einer Reihe bereit, darauf liegen Übungspuppen. Oder Mitschüler – wie Maik. Lara hat zuvor das Becken mit Wasser gefüllt, nun wäscht sie das rechte Bein von Maik. «Körperpflege»: Das steht an diesem Donnerstag auf dem Programm des überbetrieblichen Kurses (üK) am Bildungszentrum Gesundheit, kurz «Xund», in Alpnach.

Maik (16), Lara (18) und Monica (15) haben in diesem August ihre Lehre als Fachfrau Gesundheit beziehungsweise Fachmann Gesundheit (FaGe) gestartet. Also mitten während der Corona-Pandemie. In einer Zeit, in der sich das Pflegepersonal über unzählige Überstunden, eine miese Bezahlung und viel Stress beklagt hat. In einer Zeit, in der Pflegefachkräfte klargemacht haben: Applaudieren alleine genügt nicht.

Davon haben sich aber junge Menschen bei der Berufswahl nicht abschrecken lassen. Bei Schulabgängerinnen ist der Pflegeberuf nach wie vor beliebt – ja sogar beliebter denn je: FaGe ist der zweitbeliebteste Beruf nach dem KV. In der Zentralschweiz haben in diesem Sommer 732 Jugendliche eine Lehre in einem Pflegeberuf gestartet. Das ist Rekordwert, teilte Xund mit (zentralplus berichtete). Davon haben 630 die Lehre als FaGe begonnen – darunter Lara, Monica und Maik.

Wir setzen uns mit den drei angehenden Pflegefachleuten an einen Tisch. Denn wir wollen von ihnen wissen: Weshalb haben sie sich gerade während einer Pandemie für den Pflegeberuf entschieden?

Den Menschen helfen

Lara hat genau dann ein Praktikum gestartet, als es mit Corona in der Schweiz losging. «Da habe ich gemerkt, dass das voll meins ist.» Damit meint sie: «Mit und für Menschen zu arbeiten, ihnen helfen und dafür die Dankbarkeit zu spüren.» Mittlerweile arbeitet sie im Luzerner Kantonsspital (Luks) auf dem 13. Stock in einer Privatabteilung.

«Mich macht es glücklich, andere beim Genesungsprozess zu unterstützen.»

Maik, angehender Fachmann Gesundheit

Maik und Monica pflichten ihr bei. Maik arbeitet im Luks auf dem 9. Stock, in der Gefäss- und Viszeral-Chirurgie-Abteilung. Er sagt: «Mich macht es glücklich, andere beim Genesungsprozess zu unterstützen. Beispielsweise, wenn ein Patient nach einer Operation wieder selbständig laufen und zurück ins normale Leben gehen kann.»

Monica arbeitet bei der Spitex Stadt Luzern. «Ich helfe gerne Menschen, die beeinträchtigt sind. Zudem interessiere ich mich sehr für die Anatomie des Menschen und das Medizinaltechnische sagt mir sehr zu.» Allesamt Gründe, die sie in ihrer Berufswahl bestärkten.

Prekäre Situation der Pflege: Mehr Ansporn als Abschreckung

«Seit ich klein bin, war mir klar: Ich will einmal in der Pflege arbeiten», sagt Monica. Jetzt will sie zuerst ihre Lehre abschliessen, als FaGe arbeiten. Aber sie blickt bereits nach vorne. Auch die guten Aufstiegsmöglichkeiten in der Pflege haben sie überzeugt. «Mein nächstes Ziel wäre es, später eine Fachhochschule zu besuchen. Und die Lehre als Fachfrau Gesundheit ist ein guter Start dafür.» Hat sie der Fachkräftemangel, der durch Corona vermehrt in den Fokus gerückt ist, nicht verunsichert? «Vielleicht ein wenig. Aber nicht so sehr, dass er sich negativ auf meine Berufswahl ausgewirkt hätte.»

«Für mich war die Corona-Situation eher eine Motivation, mich für den Pflegeberuf zu entscheiden. Weil ich gesehen habe: Es gibt zu wenig Personal, das bestehende ist am Anschlag.»

Lara, angehende Fachfrau Gesundheit

In Laras Familie arbeiten die Eltern und ihre ältere Schwester bereits in der Pflege. Obwohl Betroffene seit Jahren die Arbeitsbedingungen in der Pflege kritisieren: Lara hat das in ihrer Berufswahl sogar noch gestärkt: «Für mich war die Corona-Situation eher eine Motivation, mich für den Pflegeberuf zu entscheiden. Weil ich gesehen habe: Es gibt zu wenig Personal, das bestehende ist am Anschlag. Das war ein Ansporn für mich.» Manchmal habe sie sich schon gedacht: Jetzt bin ich auch an der Front. Bereut hat sie ihren Entscheid nicht. «Ich bin immer noch glücklich in dem, was ich mache. Auch wenn ich jetzt nicht voraussagen kann, wie die Situation für mich in ein paar Jahren ist.»

Interessante Laufbahnperspektiven

Maik haben die Medienberichte nicht verunsichert. Zu Beginn war seine Mutter etwas skeptisch. Bis sie ihrem Sohn Mut gemacht hat. «Sie findet es stark von mir, dass ich mich trotz der Umstände und den kritisierten Arbeitsbedingungen für diesen Beruf entschieden habe.» Auch er blickt nach vorne. Von den Laufbahnperspektiven in der Pflege fühlt er sich angesprochen. Nach der abgeschlossenen Lehre als FaGe liebäugelt er damit, den Pflegefachmann HF zu absolvieren.

Die Statements der Lernenden bestätigen, was der stellvertretende Direktor vom Xund-Bildungszentrum sagt: «Gesundheitsberufe sind attraktive Berufe mit Menschen für Menschen und es bieten sich interessante Laufbahnperspektiven», so Tobias Lengen. «Aufgrund der Pandemie ist zudem der Wert und die Bedeutung der Gesundheitsberufe so präsent in der Gesellschaft wie kaum je zuvor.»

Lara, Maik und Monica stehen auf und gehen zurück in den Kursraum. Schliesslich steht für heute noch einiges auf dem Programm.

Angehende Pflegefachkräfte: Maik, Monica und Lara.

Pflegeinitiative fordert bessere Arbeitsbedingungen

Jedes Jahr geben gut 2’000 Pflegerinnen ihren Beruf auf. Gewerkschaften und Gesundheitsverbände wollen die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern und haben deswegen die Pflegeinitiative gestartet, über die am 28. November abgestimmt wird. Sie verlangt, dass der Bund die Arbeitsbedingungen in den Spitälern, Heimen und Spitexorganisationen verbindlich regeln soll. Zudem fordert die Pflegeinitiative, dass der Bund Vorgaben zur Höhe der Löhne oder für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen sollte. Bundesrat und Parlament geht die Initiative zu weit. Sie stellen ihr einen indirekten Gegenvorschlag gegenüber.

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3 Kommentare
  1. Pflegefachfrau HF, 13.10.2021, 08:12 Uhr

    Ich arbeite selbst seit 2 Jahrzehnten in der Geriatrie.
    Für mich ist es erschreckend zu hören, dass es einen Boom gibt. Warum wohl wechseln so viele in die Pflegeausbildung? Weil es zurzeit sehr schwierig ist, eine andere Ausbildung starten zu können. Viele Branchen sind in der Krise und können keine Auszubildenden einstellen. Die Pflege aber ist ein sicherer Wert, es hat freie Ausbildungsplätze und mehr als genug Stellenangebote für danach. Nur frage ich mich, wie es in 5 Jahren aussieht, wenn sich das Ganze erholt hat? Wer bleibt dann bei diesen Arbeitsbedingungen noch auf der Pflege? Wer arbeitet weiterhin unter solchen Arbeitsbedingungen? Oder ist es dann bequemer wieder in den eigentlichen Wunschberuf zu wechseln? Die Bedingungen müssen sich bis nach der Krise drastisch ändern, sonst sehe ich schwarz für die Pflege bis ins Jahr 2030…. Pflegenotstand besteht, der Markt für Arbeitskräfte ist ausgetrocknet, das ist ein Fakt.

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    1. Peter Bitterli, 13.10.2021, 10:45 Uhr

      Klingt in seiner logischen Widersprüchlichkeit wie Gewerkschaftsdoktrin versus Realität. Das wird es denn auch wohl sein.

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    2. Sandra Klein, 13.10.2021, 12:19 Uhr

      Es ist sogar zu hoffen, dass noch ganz viele in der Pflege bleiben werden. Und ebenso positiv, dass viele den Beruf erlernen, da wir ansonsten tatsächlich den von Ihnen beschworenen Pflegenotstand erleben werden. Der Beruf ist gut bezahlt, wird von den Patienten geschätzt und ist krisenresistent. Da gibt es ganz andere Jobs mit viel schlechteren Rahmenbedingungen…

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