Pfarreileiter kritisiert Kirchenführung
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Gemeindeleiter Franz Zemp im umgebauten MaiHof. (Bild: Luca Wolf)

Luzerner Theologe zum Fall Bürglen Pfarreileiter kritisiert Kirchenführung

8 min Lesezeit 3 Kommentare 13.02.2015, 19:17 Uhr

Der beliebte Luzerner Seelsorger Franz Zemp spöttelt in einer Schnitzelbankpredigt gegen die Kirchenobrigkeit. Auslöser war der Streit um die Segnung von Homosexuellen in Bürglen. Mit Kritik an «lebensfremden Auflagen» und «jenseitigen Geboten» innerhalb der katholischen Kirche hält Zemp aber auch im Interview mit zentral+ nicht zurück. Der Maihof-Pfarreileiter spricht sich für eine Kirche aus, die näher bei den Leuten ist.

«Einen Vogel haben alle, da wett ich drauf, ob Star oder Papagei, wir nehmens in Kauf.
Nur unsere Kirchenobern meinen meist, bei ihnen seis der Heilige Geist!»

Unterzeichnet mit: Der besorgte und verbohrte Pfarreileiter

Diese Passage stammt aus einem Beitrag im aktuellen Pfarreiblatt der katholischen Kirche Stadt Luzern. Darin macht sich Franz Zemp (49), Pfarreileiter der Maihof-Pfarrei St. Josef, unverblümt über die kirchliche Obrigkeit lustig. Ist ihm, der als sehr liberaler und unorthodoxer Theologe gilt, ob der Causa Bürglen nun endgültig der Kragen geplatzt? In Bürglen hat Pfarrer Wendelin Bucheli bekanntlich ein lesbisches Paar gesegnet, weshalb ihn der Churer Bischof Vitus Huonder abgesetzt hat. Das führte zu grossem Unverständnis in der Öffentlichkeit.

zentral+: Franz Zemp, was ist passiert?

Franz Zemp: (lächelt) Ich schreibe immer zur Fasnacht eine solche Schnitzelbankpredigt, seit zehn Jahren schon. Meistens geht’s dabei gegen die Kirchenobrigkeit. Diese stellt sich gerne so dar, als hätte sie einen direkten Draht zum Heiligen Geist. Das stelle ich in Frage, inspiriert auch durch die Geschichte in Bürglen. Im besagten Artikel geht’s aber auch ums Kaffee trinken bei uns im MaiHof. Das ist ein Symbol für die Entwicklung unserer Pfarrei. Es kommen immer weniger Leute in die Gottesdienste, deshalb versuchen wir auch anders an die Leute heran zu kommen. Etwa mit unserem neuen Bistro, das als Begegnungsort dient.

zentral+: Wie lustig finden Ihre Chefs solche Verse?

Zemp: Ich hatte bislang noch nie negative Rückmeldungen. Den Leuten hier scheint es zu gefallen (lächelt). Wir haben in Luzern eine offenere Kirche als anderswo.

zentral+: Womit wir beim aktuellen Thema sind. Wie stehen Sie zur Segnung von homosexuellen Paaren?

Zemp: Ich glaube, ich würde es einfach machen. Aber wir Seelsorgende stehen hier in einem Spannungsfeld. Einerseits gibt’s die strenge katholische Lehre, andererseits die realen Probleme und Herausforderungen der Leute, die zu uns kommen. Ich bin der Meinung, dass die Kirche für die Leute da sein muss. Lebensfremde Auflagen und jenseitige Verbote führen bloss dazu, dass sich immer mehr Leute von der Kirche entfernen.

«Lebensfremde Auflagen und jenseitige Verbote führen bloss dazu, dass sich immer mehr Leute von der Kirche entfernen.»

Zentral+: Damit verstossen Sie bewusst gegen klare Regeln von oben.

Zemp:  Beim Segen-Erteilen geht’s ja um Folgendes: Jemandem den Zuspruch von Gott für ein gutes, erfülltes Wohlergehen geben. Wenn das nun zwei

Seelsorger für Gassenarbeit

Ab August 2015 wird der Theologe Franz Zemp (49) auch die Seelsorgestelle der Gassenarbeit führen, dies als Nachfolger von Sepp Riedener. Als Gemeindeleiter der Pfarrei St. Josef Maihof und Mitglied des Kirchenrates der Katholischen Kirchgemeinde Luzern ist er in Luzern gut bekannt und vernetzt. Zemp wird weiterhin als Gemeindeleiter im MaiHof - Pfarrei St. Josef mit 70 Stellenprozenten tätig bleiben.

homosexuelle Menschen wünschen, die sich entschieden haben, gemeinsam zu leben und auch die Sexualität gemeinsam zu teilen, soll ihnen die Kirche das ermöglichen. Das entspricht auch dem Willen von Jesus. Dieser hat gesagt, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen soll und nicht irgendwelche Gesetze. Zumindest in unserer Pfarrei haben wir uns deshalb auch verabschiedet vom klassischen Bild der sturen Gemeinschaft von Gläubigen. Wir sind ein Netzwerk von Christen, welche die Botschaft von Jesus im Alltag umsetzen wollen. Der Gottesdienst spielt dabei nicht die wichtigste Rolle.

zentral+: Heute wird alles mögliche gesegnet: Weinflaschen, Motorräder, Waffen, Tiere, Riesenräder, Tunnels, Fussballplätze, …

Zemp: … Alpen … (lächelt)

zentral+: … Alpen? Sehr schön. Aber homosexuellen Paaren, die den Wunsch nach einer Segnung haben, verweigert man dies. Für viele Wankelmütige ist das bloss ein weiterer Beleg, wie die katholische Kirchenobrigkeit am Volk vorbei lebt. Das muss frustrierend für Sie sein?

Zemp: Manchmal schon. Es treten pro Jahr immer wieder Personen aus unserer Pfarrei aus, weil sie homosexuell sind. Und gerade erst gestern morgen hat mir jemand seinen Kirchenaustritt mitgeteilt, wegen dem was in Bürglen passiert ist. Deshalb ist es mir umso mehr ein Anliegen zu schauen, wo die wirklichen Bedürfnisse der Leute sind und darauf eingehen zu können. Wichtig für mich ist auch, was diese Leute für eine Motivation haben, nicht ob der Bischof das erlaubt. Wir müssen die Leute besser bei ihren heutigen Problemen abholen können. Das betrifft auch Geschiedene, die wieder heiraten. Nach offizieller katholischer Kirchenlehre dürften sie nicht mehr zur Kommunion gehen. Das finde ich heikel. In unserer Pfarrei gibts auch viele Geschiedene, wir stossen die doch nicht aus.

«Es treten pro Jahr immer wieder Personen aus unserer Pfarrei aus, weil sie homosexuell sind.»

zentral+: Haben Sie selber auch schon homosexuelle Paare gesegnet?

Zemp: Nein. Ich hatte vielleicht zwei Anfragen in den letzten zehn Jahren, zur Segnung kam es dann aber aus verschiedenen Gründen nicht. Diese kleine Anzahl hat sicher damit zu tun, dass sehr viele Homosexuelle aus der Kirche ausgetreten sind.

zentral+: Wie viele andere katholische Luzerner Gemeindeleiter vertreten so eine aufgeschlossene Haltung wie Sie?

«Die meisten von uns Seelsorgern verstehen gewisse Entscheide der Obrigkeit nicht mehr.»

Zemp: (überlegt) Ich denke, dass es eine Mehrheit ähnlich sieht. Die meisten von uns Seelsorgern verstehen gewisse Entscheide der Obrigkeit nicht mehr. Zumal die Kirchenleitung in letzter Zeit wieder vermehrt versucht, die reine offizielle römisch-katholische Lehre durchzusetzen. Bürglen dient denen als Exempel.

zentral+: Es läuft also weiterhin auf eine Spaltung der konservativen und der aufgeschlossenen Kreise hinaus?

Zemp: Das könnte sein. Wobei auch beide Seiten Platz haben sollen. Mich beschäftigen aber fast noch mehr die vielen Kirchenaustritte. Dieser Exodus führt auch zu grossen Finanzproblemen der Kirche. Dabei hätten wir solche Chancen als Kirche. Wir können den Menschen Halt und Verständnis geben, ihnen eine Gemeinschaft bieten, wo sie sich wohl fühlen.

zentral+: Viele Jüngere treten auch aus der Kirche aus, weil sie mit ihren Kirchensteuern ganz sicher nicht die konservative Obrigkeit unterstützen wollen.

Zemp: Von den Steuern gehen nur etwa 10 Prozent an die Landeskirche und ans Bistum (Basel), der Rest bleibt in Luzern. Hier engagieren wir uns für die Kirchengemeinde, für die Jugendarbeit, für Obdachlose in Form von Personal und Infrastruktur.

 


 

Anbei noch ein paar Auszüge aus Zemps launisch-witzig-kritischer Schnitzelbankpredigt, die er diesen Sonntag, 15. Februar um 10 Uhr im Kirchensaal MaiHof halten wird. Der Gottesdienst wird untermalt mit Handörgeliklängen, einem Fasnachtsprogramm für die Kleinen, einem närrischen Apéro für die Grossen und viel Kafi (auch Entlebucher Kafi, für die, die wollen).

 

Wären‘s in Bürglen Töffs gewesen,

hätten wir keine Schlagzeilen gelesen.

Gilt denn Segen eher Maschinen und Dieben,

als zwei Menschen, die sich lieben!?

 

Ein Hohn für die aufgeschlossene Welt,

die Homosexuelle nun anerkennt.

Auch Jesus würde das nicht gefallen,

da können die Bischöfe noch lange lallen.

Aber für die Römer gibt es nur das Eine,

dass Mann und Frau sich ewig vereine,

nota bene mit Trauschein unter kirchlichem Dach,

sonst geht gar nichts, sagen die Männer vom Fach.

 

Auch der Geschiedenen soll sich keiner erbarmen,

es gilt: Kommunionverbot mit verschränkten Armen!

Und Liebe ohne Trauschein, das geht wirklich nie,

sagt nach wie vor die römische Orthodoxie.

 

Dies gab schon unserem Udo selig den Gong,

drum schrieb er im seinem revolutionären Song:

Dass jungen Menschen geraten wird: «Zieh’n Sie hier aus!»

«Eine wilde Ehe paßt nicht in dieses ehrenwerte Haus!»

 

Der Papst kennt sich aus – in der Tierwelt,

er einen Vergleich mit den Kaninchen anstellt.

Neulich auf den Philippinen

hat er zwischen zwei Terminen

die Christenheit belehrt,

wie man sich katholisch vermehrt.

Er wolle die Menschheit nicht belügen,

aber aus seiner Sicht – drei Kinder genügen.

Man solle nicht übertreiben wie die Hasen,

die ständig Junge hätten in kurzen Phasen.

 

Aber was soll dieser päpstliche Rat,

er doch Widerspruch in sich hat?

Hasen vermehren sich unbürokratisch,

grad richtig vorbildlich katholisch,

verstossen nicht gegen das Verbot der Pille,

das wär doch genau nach Vatikans Wille.

 

Schleierhaft, welcher Gedanke in Franz‘ Kopf rollt.

Ob er wohl die Verhütung liberalisieren wollt?

Freuen müsste sich der Vatikan ernsthaft

über ne gleichgeschlechtliche Partnerschaft,

da ist der Kindersegen entschieden kleiner,

nur checkt das im Vatikan wohl keiner.

Und auch die Pille – die andere Frag

sind für Schwule und Lesben keine Plag.

Aber eben: Unverständlich ist die Kirche meist,

obwohl sie sich beruft auf den heil‘gen Geist!

 

Aber sonst, der Papst, der gute Franz

überzeugt ja eigentlich voll und ganz.

Er redet Klartext und würde sich getrauen,

notfalls auch mal auf den Tisch zu hauen.

Bänker, Korrupte und Reiche hat er vertrieben,

und sich einer armen Kirche verschrieben.

Er führt sie kompetent

mit griffigem Argument.

 

Aber die Kurie ist bald im Eimer,

Papst Franz klagt, sie habe Alzheimer.

 

Beim Thema Sex in Rom,

steht die Kurie unter Strom.

Krankhaft verteidigt sie die alte Lehre,

nur kommt die Menschheit in die Quere.

 

Wir haben die Bettgeschichten wirklich satt,

zumal der Kreis frommer Männer kei Ahnig hat,

Aber sie lieben die Geschichten mit den Hormonen,

ich glaube, das sind ihre liebsten Dämonen,

die werden gepflegt und kultiviert,

die Männerriege sich darin gern verliert.

 

Eine Synode reichte nicht letzten Oktober,

diese Jahr geht’s weiter mit dem Gestöber.

Warum weibeln Bischöfe derart in Rom,

sind vernarrt in Pillen und Kondom?

Jesus hätte solche Dämonen vertrieben,

und keine Enzyklika darüber geschrieben.

Mich beschleicht allmählich das Gefühl,

in der Kurie seien K-O-Tropfen im Spiel!

 

Wir brauchen weder blinde Idealisten

noch engdenkende Fundamentalisten,

distanzieren uns von Dschihadisten,

verschone uns vor untätigen Statisten,

ihr Leut, wie wärs mit frohen Christen!

Gesucht sind Männer und Frauen,

die sich zu wehren getrauen,

und zwar jahrein – und jahraus

für ein ehrenwertes Gottesaus!

 

Ich gesteh, mich verdriesst das Verse schmieden

der kirchliche Inhalt scheint mir fast übertrieben

doch leider liefert das römische Personal

so viel fasnachtswürdiges Material

ich konnte es – bei Gott – nicht lassen

über so viel Schmutz zu spassen…

Drum verzeiht mir meine Possen

ich hoffe halt, ihr habts genossen!

 

Und der liebe Gott wird schon alles richten,

drum höre ich jetzt auf mit Dichten.

Nachher könnt ihr dem Kaffeetrinken frönen,

und noch mehr über die Kirche klönen.

Und nicht aufhören mit der ewigen Lästerei

Ein Kern Wahrheit ist doch immer dabei.

 

Drum seien wir nicht sparsam

mit kirchlichem Ungehorsam!

Den braucht’s in unserer Institution,

sonst verlässt uns die frohe Vision

die Jesus mal hatte von dieser Welt

in der das wirkliche Leben zählt!

Gemeindeleiter Franz Zemp im umgebauten MaiHof.

Gemeindeleiter Franz Zemp im umgebauten MaiHof.

(Bild: Luca Wolf)


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3 Kommentare
  1. Stefan Waldis, 15.02.2015, 13:26 Uhr

    Ich war heute um 10.00 Uhr im MaiHof im Kirchensaal… es war unbeschreiblich super…
    Franz, herzlichen Dank für deine grosse Arbeit!

  2. Werner Raymond Duss, 13.02.2015, 22:01 Uhr

    Vernünftige Seelsorger wie Herr Zemp gibt es einige in der katholischen Kirche. Ich verstehe aber nicht wieso man nicht den Arbeitgeber wechselt, wenn man nicht mehr zufrieden ist. Das geht in der Wirtschaft ja auch. Es gibt doch noch Alternativen zur katholischen Kirche. Die christkatholische Kirche und auch die reformierte Kirche haben weniger konservative Ansichten. Meiner Meinung nach ist aber sowieso jede Kirche überflüssig. Ich denke lieber selber.

  3. Markus Inderbitzin, 13.02.2015, 21:36 Uhr

    …an den Herrn Zemp. So würde Kirchgang durchaus Spass machen! Und Recht hat er, durchaus.

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