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Péter Nádas: «Mein Interesse für Pflanzen ist fast krankhaft»
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Experimentell, bunt, humorvoll: Peter Nádas zeigt im Zuger Kunsthaus seine digitalen Fotoarbeiten. (Bild: woz)

Interview zur neuen Ausstellung im Zuger Kunsthaus Péter Nádas: «Mein Interesse für Pflanzen ist fast krankhaft»

5 min Lesezeit 21.06.2018, 20:38 Uhr

Im Zuger Kunsthaus ist eine neue Fotoausstellung des weltbekannten ungarischen Schriftstellers Péter Nádas zu sehen. Während Nádas als Literat noch vor Jahren in seinen dicken Romanen über düstere, trostlose Zeitläufe philosophierte, hat er nun als Fotograf die Welt der digitalen Fotografie entdeckt – und viel junges Gemüse an die Wände gehängt. zentralplus interviewte den lebenslustigen 75-Jährigen. 

zentralplus: Herr Nádas, Sie sind nach Zug zurückgekehrt. Macht Sie das glücklich?

Péter Nádas: Natürlich, weil ohne dieses Zuger Kunstmuseum hätte ich eine Menge Sachen nicht erreichen können. Vor sechs, acht Jahren habe ich ja von Herrn Haldemann eine Frage gestellt bekommen, was die Verbindung zwischen Bild und Text sei. Und ich habe auf diese Frage mit der damaligen Ausstellung 2012 geantwortet: Die aktuelle Ausstellung ist eine Fortsetzung dieser Diskussion.

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zentralplus: Sie sind Fotograf und Autor. Das ist speziell. Wie ist es dazu gekommen?

Nádas: Wie es dazu gekommen ist, weiss ich eigentlich auch nicht. Ich weiss aber auch nicht, wie ich entstanden bin. Die ungarische Fotografie und Malerei haben mir sicher dabei geholfen, zu meiner Art von Denken zu kommen. Ich habe nicht nur viel gelesen, ich habe auch viele bildende Künstler gekannt. Als Heranwachsender habe ich durch die Diskussion mit diesen Malern und durch viele Besuche in Museen sehr viel gelernt – vor allem habe ich meinen Blick geschult.

Digitales Gemüse: Nadas' Radieschen sehen so unverschämt knackig aus, dass sie wie ein Werbefoto wirken.

Digitales Gemüse: Nádas’ Radieschen sehen so unverschämt knackig aus, dass sie wie ein Werbefoto wirken.

(Bild: woz)

zentralplus: Als Fotograf machen Sie ja Bilder als Ausschnitte einer Realität. In der Literatur entstehen Bilder durch Imagination und Gedanken. Beeinflussen sich denn diese Bilderwelten gegenseitig?

«Ein Fotograf kann ganz klug oder ganz dumm sein – er nimmt auf, was er sieht.»

Nádas: Nein. Beide Welten haben nichts miteinander zu tun. Schreiben und Fotografieren sind zwei ganz verschiedene Sparten, und es gibt keinen Zusammenhang. Denn ein Fotograf kann ganz klug oder ganz dumm sein – er nimmt auf, was er sieht. Und was er dann exponiert. Das unterscheidet sich gänzlich vom Schreiben. Zum Schreiben benötigt man auch ein Wissen beispielsweise über Soziologie oder Anthropologie.

Im Video erzählt Nádas, wie ihn früher Depressionen am Arbeiten hinderten:

 

zentralplus: Sie haben jetzt die Liebe zur digitalen Fotografie entdeckt. Was fasziniert Sie daran so sehr?

Nádas: Zuerst kann man auch in der tiefen Nacht fotografieren. Als Fotograf der analogen Fotografie habe ich noch gelernt, dass man bei gewissen Bedingungen und Verhältnissen überhaupt nicht fotografieren kann. Jetzt kann ich beispielsweise am Abend unter dem Tisch fotografieren und schauen, was die Füsse meines Gegenübers machen. Das war früher nicht möglich. Im Digitalen ist auch die Farbigkeit ganz besonders. Diese hat allerdings mit der Farbigkeit der Realität nicht viel zu tun. In meiner Seele bin ich aber immer noch ein Fotograf des Analogen. 

zentralplus: Sie haben im Stile holländischer Genremaler Stillleben von Gartenfrüchten und Obst geradezu in appetitliche Porträts verwandelt. Was fasziniert Sie denn so an diesem Grünzeug?

«Die Sammlung zur Sammlung»

Die Ausstellung von «Péter Nádas – Autor auf Reisen» ist vom 22. Juni (Vernissage, 18 Uhr) bis zum 2. September im Zuger Kunsthaus zu sehen. Neben der Nádas-Fotoschau ist auch noch die Ausstellung «Die Sammlung zur Sammlung» zu sehen – zeitgenössische Interpretationen historischer Werke, unter anderem mit Exponaten von Klimt, Hoffmann, Picasso, Kiesler, Schiele und Wotruba. Nach der letzten Ausstellung 2012 im Zuger Kunsthaus hat Nádas bereits einen Teil seines fotografischen Werks dem Museum überlassen. Weitere Fotos folgen.

Nádas: Dieses Grünzeug sind schliesslich alle meine eigenen Erzeugnisse. Zusammen mit meiner Frau habe ich diese Produkte auf unserer Datscha herangezogen. Wir bauen eigentlich alles Mögliche in unserem Garten an, angefangen von Kartoffeln bis zu Chicoree. Ich bin seit meiner Kindheit sehr an Pflanzen, an Tieren und natürlich auch an Menschen interessiert (lacht). Mein Interesse für Pflanzen ist dabei fast krankhaft. Ich möchte wissen, wie die Pflanzen wachsen und unter welchen Umständen sie das machen. Ich habe inzwischen darüber viel gelernt. Und ich habe mich ganz einfach gefreut, meine Pflanzen zu fotografieren. Pflanzen stehen mir ganz nahe.

zentralplus: Diese neuen digitalen Obst- und Gemüsewelten wirken überaus harmonisch. Im Gegensatz dazu schaudert’s einen noch immer etwa in ihrem Roman «Parallelgeschichten» wegen vielen wüsten Szenen. Hat bei Ihnen persönlich auch ein Sinneswandel stattgefunden?

Nádas: Nein, nein, das ist kein Sinneswandel. Ohne Freude kann man auch nicht die düsteren Seiten des Lebens zeigen. Und erstmals in meinem Alter habe ich Lust gehabt auf diese sonnige Lebensfreude. Mir macht es Spass, diese Üppigkeit zu zeigen.

zentralplus: Sie wirken mit Ihren 76 Jahren sehr vital. Spiegelt sich diese Vitalität auch in Ihren neuen Bildern wider?

Himmel-Tryptichon: Wie in mittelalterlicher Symbolik hat Nadas den Blick nach oben ausgerichtet – wodurch der Szenerie etwas Sakrales anhaftet.

Himmel-Tryptichon: Wie in mittelalterlicher Symbolik hat Nádas den Blick nach oben ausgerichtet – wodurch der Szenerie etwas Sakrales anhaftet.

(Bild: woz)

Nádas: Ja. In meinen Büchern habe ich früher über andere Seiten des Lebens gesprochen, die auch sehr politisch bedingt waren. Und das war dann oft sehr düster und ab und zu trostlos (siehe Video).

«Da müssen Sie Angela Merkel und die Verantwortlichen der Europäischen Union fragen.»

zentralplus: In Ihren Büchern wird auch ein Stück Zeitgeschichte und Politik reflektiert. Zum Beispiel die ungarische Revolution 1956. Oder der Mauerfall 1989. Wie geht’s Ihnen heute mit Viktor Orban und seiner populistischen Regierung in Ungarn?

Nádas: Da müssen Sie Angela Merkel und die Verantwortlichen der Europäischen Union fragen. Insbesondere die Verantwortlichen der Volksparteien und die Familie der Volksparteien. Offenbar haben diese die Apartheid-Politik wichtiger gefunden als die Demokratie. Und was kann ich dazu noch sagen, wenn die europäischen wie auch die ungarischen Wähler lieber Parteipolitik wählen als die Demokratie?

zentralplus: Aber was sagen Sie zu Viktor Orban als dem politischen Führer Ungarns?

Nádas: Ich kann dazu nichts mehr sagen. Ich habe 20 Jahre lang meine Essays über die politische Wetterlage im In- und Ausland geschrieben. Und ich habe lange Zeit die europäischen Politiker und Geschäftsleute gewarnt. Eigentlich vergebens. Jetzt habe ich dazu nichts mehr zu sagen. Im Herbst erscheint übrigens ein Essayband von mir bei Rowohlt. Dort steht, was ich in den letzten 20 Jahren alles dazu geschrieben habe.

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