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«Persönlicher Einsatz bewirkt mehr als grosse Summen»
  • Gesellschaft
Zupackender Unternehmer mit Herz: Guido Fluri. (Bild: Raisa Durandi)

Beinahe 50 Fragen an den Unternehmer Guido Fluri «Persönlicher Einsatz bewirkt mehr als grosse Summen»

13 min Lesezeit 02.04.2017, 05:27 Uhr

Vor kurzem hat er die Rechte für die Miss-Schweiz-Wahl verkauft und ist schon wieder voller neuer Ideen: Guido Fluri, Vater der Wiedergutmachungsinitiative und seit 20 Jahren Unternehmer im Kanton Zug. Im zentralplus-Interview hat der Geschäftsmann mit Glamour-Faktor die wirklich existentiellen Fragen des Lebens beantwortet.

Hinter Guido Fluri liegt ein bewegtes Jahr 2016: Vor zehn Jahren war bei ihm ein gutartiger Hirntumor festgestellt worden und nun musste er sich operieren lassen, weil der Tumor Probleme zu machen begann. Bis zur letzten Minute vor dem Eingriff weibelte Fluri in den Wandelhallen des Berner Bundeshauses für seine Wiedergutmachungsinitiative. Diese hat bekanntlich den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen Solidaritätszahlungen des Bundes beschert (siehe Box).

Gleichzeitig ging aber auch seine Ehe in die Brüche. Der dreifache Vater musste seine familiären Angelegenheiten neu ordnen und fand eine neue Partnerin. 

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Guido Fluri empfängt zentralplus in seinem Family Office in Cham, von wo er seit 20 Jahren die GF Group Holding führt und wo auch die Guido-Fluri-Stiftung ansässig ist. Das «Doktorhaus» ist äusserst stilvoll renoviert – eine schöne Umgebung, um darin den Tag zu verbringen.

1. Herr Fluri, was ist für Sie Schönheit?

Schönheit ist vergänglich. Man sollte sich aus der Schönheit keinen Lebensinhalt machen.

2. Warum haben Sie dann 2012 die Rechte an der Miss-Schweiz-Wahl gekauft?

Das war ein Zufall. Ich bin kein Freund von Monopolen und als das Schweizer Fernsehen der Miss-Schweiz-Wahl den Stecker zog, ist man an mich herangetreten. Es bestand die Gefahr, dass der traditionelle Anlass verschwindet. PR-Leute haben mich davon überzeugt, dass der Anlass eine grosse Aufmerksamkeit erfährt. Ich selber hatte keinen Bezug zum Showbusiness. Ich habe zugesagt, die Veranstaltung mit meiner Gruppe zu übernehmen – unter der Bedingung, dass die Marke sozial ausgerichtet wird.

«Zur Miss-Schweiz-Wahl kommen über 100 Medienvertreter.»

3. Haben Sie Ihre Entscheidung bereut?

Die Aufmerksamkeit für die Veranstaltung sollte für einen guten Zweck genutzt werden – zum Beispiel um im Ausland Herzoperationen bei Kindern zu ermöglichen, die keine Krankenkasse haben. Tatsächlich konnten wir in den letzten drei Jahren ungefähr eine halbe Million an Spenden generieren. Das ist ein schöner Erfolg, den die Boulevard-Medien gerne verschweigen. Aber ich war schlicht nicht in der Lage, dem Thema die nötige Energie zu widmen. Als vergangenes Jahr verschiedene Angebote an mich herangetragen wurden, habe ich mich entschlossen, die Marke zu verkaufen. Das war genau der richtige Zeitpunkt. Und das Geld aus diesem Geschäft fliesst wieder in meine Stiftung.

4. Warum interessieren sich denn die Leute nicht mehr so für die Miss-Schweiz-Wahl wie früher?

Die Frage höre ich seit Jahren, aber die Medienaufmerksamkeit, welche der Veranstaltung zuteil wird, spricht eine andere Sprache (wird etwas lauter). Zur Wahlnacht kommen über 100 Medienvertreter. Man schnödet gern, aber kann es dann doch nicht lassen.

5. Wo liegt dann das Problem mit der Miss-Schweiz-Wahl?

Die Wahl, wie man sie bis anhin kennt, kostet weit über eine Million Franken. Und seit dem Ausstieg des Schweizer Fernsehens – wohl vor allem wegen Image-Überlegungen in der Chefetage – musste man die gesamte Produktion selber finanzieren. Der Sponsorenmarkt gibt das nicht mehr her. Ausserdem stellt sich der Medienkonsum der Bevölkerung gerade komplett auf den Kopf. Traditionsreiche Formate haben es in diesem Umfeld schwer.

Amtierende Miss Schweiz: Lauriane Sallin bei der Krönungszeremonie 2016.

Amtierende Miss Schweiz: Lauriane Sallin bei der Krönungszeremonie 2016.

(Bild: flickr/TREND MAGAZIN)

6. Sie sind immer gut angezogen. Welches Verhältnis haben Sie zur Mode?

Bekleidung steht für mich als Zeichen meiner Wertschätzung für mein Gegenüber.

7. Warum tragen Sie keine Krawatten?

Ich bin ein offener Mensch im Denken, aber eine Krawatte engt mich ein. Sie will auch etwas verstecken. Ich habe aber nichts zu verstecken.

8. Welche Schuhe tragen Sie?

Ich verkaufe zwar in der Schweiz 100’000 Schuhe pro Jahr über eine meiner Firmen, aber mir sind in erster Linie bequeme Schuhe wichtig. Ich bin nicht auf Marken oder den Preis fixiert.

9. Neben Geschäften mit Immobilien haben Sie mit der Firma Pasito-Fricker auch in die Modeindustrie investiert. Ist das ein lohnendes Business?

Nein, es ist ein vernichtendes Geschäft. Als ich bei Pasito im Jahr 2014 eingestiegen bin, hatte die Firma 15.5 Millionen Franken Schulden. Ich konnte einen Schuldenschnitt erwirken und damit viele Arbeitsplätze retten. Aber es brauchte Restrukturierungen und es braucht sie auch weiterhin, um die Firma in diesem schwierigen Umfeld am Leben zu erhalten. Also nein, es ist kein lohnendes Geschäft. Stichworte sind Frankenstärke und der Einkaufstourismus im Ausland. 13 Milliarden Franken werden im Ausland ausgegeben, ohne dass politisch etwas unternommen würde und dies kostet tausende von Arbeitsplätzen in der Schweiz. Der stationäre Handel trägt das ganze Risiko. Den Letzten beissen die Hunde.

10. Wie bitte?

Der Handel muss zum Beispiel im Sommer Wintermäntel einkaufen und riskiert darauf sitzen zu bleiben, falls die Temperaturen mild bleiben. Und mit dem E-Commerce verdient kaum ein Retailer Geld. Bis man im Online-Handel Gewinn erzielt, sind immense Investitionen notwendig. Diese Rahmenbedingungen bewirken, dass man dauernd und konsequent Kosten einsparen und restrukturieren muss.

«Ich bin jemand, der gerne Verantwortung übernimmt und durch schwierige Situationen geht.»

11. Warum haben Sie Pasito denn gekauft?

Es war eine Schweizer Traditionsmarke mit über 300 Mitarbeitenden und die Besitzer wollten das Unternehmen liquidieren. Ich dachte, vielleicht kann man einen Teil der Arbeitsplätze retten. Irgendwie musste ich in dieses Wespennest reingreifen, es hat mich gejuckt. Ich wusste, dass es schwierig werden würde. Ich wusste, was mich erwartet. Ich bin jemand, der gerne Verantwortung übernimmt und durch schwierige Situationen geht. Vielleicht brauche ich das einfach.

Das ist Guido Fluri

Wenn auf jemanden der Begriff «schillernde Persönlichkeit» zutrifft, dann auf den gebürtigen Solothurner Guido Fluri. Geboren als Sohn einer erst 17-jährigen Serviertochter, die später an Schizophrenie erkrankte, Vater unbekannt, wuchs er bei seinen Grosseltern und in verschiedenen Heimen auf. Als Tankstellenwart sparte er sich sein erstes Geld zusammen, kaufte Land und begann eine Karriere als Immobilienunternehmer. Heute ist er in verschiedenen Branchen präsent und hält diverse Beteiligungen. Der scharf kalkulierende Geschäftsmann engagiert sich aber auch persönlich für gemeinnützige Zwecke, die mit seinem Lebenslauf zu tun haben.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Fluri als Vater der Wiedergutmachungsinitiative mit seinem Engagement für Pflege- und Verdingkinder (zentralplus berichtete). Und durch seine Übernahme der Marke Miss Schweiz, die er vor einigen Wochen verkaufte.

12. Sie sind ein ambitionierter Unternehmer. Könnten Sie sich auch ein Leben als Angestellter vorstellen?

Das fällt mir schwer. Dafür steche ich viel zu gerne in Wespennester.

13. Sie investieren viel Zeit und Energie in Ihre Stiftung – so viel wie kaum ein anderer Unternehmer. Warum?

Weil ich überzeugt bin, dass man mit persönlichem Einsatz mehr bewegen kann als mit grossen Summen. Nehmen wir das Beispiel der Wiedergutmachungsinitiative: Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden in unserem Land Kinder ausgebeutet oder Menschen zwangssterilisiert. Und dennoch hatte nie eine wirkungsvolle Aufarbeitung stattgefunden und haben die Opfer dieser Zwangsmassnahmen nie eine Wiedergutmachung erhalten. Um dies zu erreichen, brauchte es mein persönliches Engagement als ehemaliges Heimkind. Stunden über Stunden habe ich mit Bauern- und Kirchenvertretern und Politikern gesprochen – das war nötig.

14. Das könnten doch andere für Sie tun?

Den verschiedenen Anliegen meiner Stiftung bin ich allen aus persönlicher Erfahrung verbunden. Sie haben mit meiner Lebensgeschichte zu tun und ich identifiziere mich deshalb mit den Betroffenen. Das kann man nicht delegieren.

15. Schauen wir uns Ihre Stiftung an. Zum einen setzen Sie sich damit gegen Gewalt an Kindern ein …

Ja, wobei der Begriff «Gewalt an Kindern» sehr pauschal ist und vieles beinhaltet, zum Beispiel auch häusliche Gewalt oder Mobbing. Ich bin in der parlamentarischen Gruppe für fürsorgerische Zwangsmassnahmen, beschäftige mich also nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der gegenwärtigen Situation. Kinder- und Erwachsenenschutz ist immer noch ein wichtiges Thema – und es betrifft, wie die Bezeichnung ja sagt, nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.

16. Dann die Aufklärungsarbeit über Schizophrenie. Wozu?

Schizophrenie wird falsch verstanden. Als ich ein kleiner Bub war, ohne Vater, unehelich geboren und somit von der katholischen Kirche mit etwas Sündigem in Verbindung gebracht, hiess es von meiner Mutter immer, sie sei auf der «Rosegg» (psychiatrische Klinik des Kantons Solothurn, Anm. der Red.). Schizophrenie hatte und hat das Stigma einer Geisteskrankheit. Damit Menschen mit dieser Krankheit leben und in die Gesellschaft eingebunden werden können, haben wir unser Programm entwickelt. Wir versuchen das Ganze auch auf eine internationale Ebene zu hieven und werden in den nächsten Jahren ein Projekt starten.

17. Was tun Sie in Bezug auf Hirntumore?

Wir haben die Interessengemeinschaft Akustikusneurinom IGAN und das europäische Gliomnetzwerk EGN initiiert. Sie helfen den Betroffenen und sind wichtig für die Transparenz. Denn wir haben in der Schweiz bei seltenen Krankheiten oft nur wenige Daten über die Anzahl und die Art der Behandlungen. Mit unseren Plattformen fördern wir diese Transparenz länderübergreifend. Wir haben tausende von Betroffenenberichten gesammelt. Die sind für Mediziner und Betroffene interessant, weil sie den postoperativen Verlauf darstellen und online verfügbar sind. Man wollte uns diese Plattform schon abkaufen, was ich grundsätzlich abgelehnt habe. Wir wollen für die Betroffenen da sein.

«Ernst gemeinte Worte können eine unglaubliche Kraft erhalten.»

18. Wie können Sie für Erkrankte da sein?

Viele Menschen, die selbst einen Hirntumor haben oder einen Angehörigen mit dieser Diagnose, melden sich bei uns mit ihren Fragen und Sorgen. Wir begleiten sie mit Gesprächen und Ratschlägen auf dem Weg von der Diagnose bis zur Heilung oder bis zum Tod. Speziell bei bösartigen Tumoren wie dem Glioblastom, wo die Lebenserwartung ganz schlecht ist, sind das ganz schwierige Situationen. Ich habe gelernt, dass ernst gemeinte Worte in solchen Momenten eine unglaubliche Kraft erhalten.

 

19. Glauben Sie an Vorbestimmung oder Schicksal?

Eigentlich schon, ich bin gläubiger Christ. Ich glaube, dass Menschen, die sich an ihrer Vorbestimmung orientieren, auch ein Leben nach dem Tod haben.

20. Das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen. Warum ist Ihnen Wiedergutmachung wichtig?

Eine Gesellschaft kann nur dann eine erfolgreiche Zukunft aufbauen, wenn sie ihre düsteren Kapitel aufarbeitet. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden Leute in der Schweiz zwangssterilisiert, Kinder ihren Eltern entrissen und fremdplatziert – Sachen, die für junge Menschen absolut unvorstellbar sind und in der schnelllebigen Zeit rasch vergessen gehen. Wiedergutmachung kann diese Dinge nicht ungeschehen machen, aber es anerkennt das Leid, das diese Menschen erlebt haben. Es geht weniger um das Geld, sondern vielmehr um das Zeichen.

21. Die Wiedergutmachungsinitiative hat Sie einem breiten Publikum bekannt gemacht. Wie fühlt es sich an prominent zu sein?

Es ist ein Mittel zum Zweck. Wenn man den Bekanntheitsgrad sinnvoll einsetzen kann, ist es gewiss ein Vorteil. Aber für mein Umfeld und meine Kinder ist es nicht immer toll, wenn sie auf mich angesprochen werden.

22. Also ist es unangenehm?

Ich setze mich mit meinem Gesicht an vorderster Front für meine Anliegen ein und das hat eben auch Nachteile. Aber ich will ja auch einen Nutzen für die Gesellschaft schaffen, in dem ich mich für jene einbringe, die das erdulden müssen, was ich selber erlebt habe.

23. Kennen Sie Joachim Eder, der sich ebenfalls für Heim- und Verdingkinder engagiert (zentralplus berichtete)?

Natürlich, den Zuger Ständerat aus Unterägeri. Ein sehr guter Politiker, der sich in der Wiedergutmachungsfrage als Integrationsfigur erwiesen hat. Er hat sein ganzes Gewicht dafür eigensetzt, dass der Gegenvorschlag zustande kam und war massgeblich daran beteiligt, dass unser Anliegen zum Durchbruch kam. Ich schätze ihn sehr.

24. Nun zu einem neuen Projekt von Ihnen, der Anlaufstelle für Kindes- und Erwachsenenschutz Kescha …

(lacht) Ich habe viele neue Projekte. Das ist nur eins davon, das öffentlich wurde.

25. Die Kesb, die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, ist umstritten, es wird sogar eine Volksinitiative gegen sie vorbereitet. Wie stehen Sie zu dieser Behörde?

Grundsätzlich brauchen wir einen starken Kindes- und Erwachsenenschutz. Schauen Sie: In der Schweiz haben wir 127‘000 Kesb-Fälle und 16‘000 Scheidungen bei den Ehegerichten. In einem grossen Teil dieser Fälle geht es um Streitigkeiten zwischen den Eltern oder unter den Angehörigen, beispielsweise die Regelung des Besuchsrechts oder der Eintritt einer dementen Person in ein Heim. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Elternteil oder ein Angehöriger mit der Regelung nicht einverstanden ist. Wenn die Eltern oder die Familie selber eine einvernehmliche Regelung finden, braucht es keine behördliche oder gerichtliche Regelung.

«Wir kümmern uns um die aufgestaute Emotionalität.»

26. Wozu gibt es die Ombudsstelle Kescha?

Es geht um eine Verständigungshilfe zwischen den Behörden und Betroffenen. Wir greifen nie in ein Verfahren der Kesb oder des Gerichts ein. Aber wir wollen helfen, Eskalationen zu vermeiden. Die Kommunikation ist in dieser Frage der Schlüssel zum Erfolg. Man muss mit den Leuten reden.
Wir kümmern uns um die aufgestaute Emotionalität. Entsprechend will unser Angebot die Kesb stärken und sicher nicht schwächen.

27. Wie ist die Nachfrage nach dieser Dienstleistung?

Jedes Mal, wenn wir in einem Medium erwähnt werden, läutet auf der Kescha permanent das Telefon.

28. Wie darf man sich die Kescha-Arbeit konkret vorstellen?

Wir hören zu, wir beraten, wir begleiten.

29. Wie hilft das den Betroffenen von Kesb-Entscheiden?

Menschen, die solch tiefen Einschnitte bewältigen, müssen eng betreut und mit vielen Worten begleitet werden. Wenn einer Frau das Kind weggenommen wird, so bleibt sie dennoch die Mutter des Kindes. Wir wollen das Verständnis fördern, dass bei ihr vielleicht Veränderungen nötig sind und Wege aufzeigen, was eine Erziehungsberechtigte tun muss, um wieder die Obhut für ihr Kind zu bekommen, oder was sie auf dem Weg dorthin für ihr Kind tun kann, weil sie als Mutter nach wie vor wichtig ist.

30. Wie bringen Sie zeitlich all Ihre Geschäfte und Engagements unter einen Hut?

Ich habe gute Leute und profitiere von einer guten Organisation im Hintergrund. In erster Linie bin ich Unternehmer. Nur wenn meine Unternehmen Gewinn ausweisen, kann ich auch Geld in die Projekte meiner Stiftung investieren. In der Regel fliessen jedes Jahr 20 bis 30 Prozent in diese Projekte.

31. Was bedeutet Ihnen Familie?

Die Familie ist das höchste Gut.

32. Haben Sie noch Zeit für Ihre Kinder?

Ich nehme mir jeden Mittwochnachmittag für sie frei. Sie sind auch ab und zu am Mittagstisch bei uns im Büro. Der Bezug zu den Kindern, eine gesunde Autorität und eine werteorientierte Erziehung sind mir wichtig. Aber die bedingungslose Liebe zu ihnen steht an oberster Stelle.

33. Sie haben Ihren Vater nicht gekannt, sind jetzt aber selber Vater. Ist diese Tatsache von Bedeutung für Sie?

Nein, denn ich weiss ja nicht, wie es mit meinem Vater gewesen wäre. Insofern ist es nicht relevant. Natürlich: Ich habe meinen Vater nie gesehen, aber hege keinen Groll gegen ihn. Es ist einfach, wie es ist.

34. Haben Sie Vorbilder in der Erziehung?

Nein, in der Erziehung nicht, in meinen Werten schon.

«Man kann nur noch über die eigenen Werte Vorbild sein.»

35. Und welches sind Ihre Vorbilder?

Für mich sind christliche Werte zentral. Die Botschaft der Nächstenliebe, die bedingungslose Liebe und was das bedeutet: Eben dass man keine Vorwurfserziehung praktiziert. Es gibt mit der Reizüberflutung in unserer Gesellschaft, vor allem wegen der Digitalisierung, so viele äussere Einflüsse, die auf die Kinder einprasseln, dass man nur über die eigenen Werte noch Vorbild sein kann.

36. Sie werden als gläubiger Katholik beschrieben?

Ich bin Christ.

37. Waren Sie am Sonntag in der Messe?

Sagen wir’s so: Ich nehme mir Zeit, um mit Gott in Zwiegespräch zu treten. Letzten Sonntag war ich in der Kapelle Eggispühl in Hertenstein. Ich finde immer wieder Bezüge zum Wanderprediger Jesus, aber erlaube mir die Institution Kirche gleichzeitig auch mit einer kritischen Grundhaltung zu betrachten.

38. Warum diese kritische Haltung?

Ich vermisse nach wie vor einen Dammbruch im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.

 

39. Wie meinen Sie das?

Ich hätte mir für die Wiedergutmachungsinitiative noch mehr Unterstützung gewünscht. Man sollte Mauern abreissen und nicht aufbauen.

40. Welche Mauern?

Es wirkt an der Basis befremdlich, wenn die Kirche jenen Missbrauchsopfern, die im Gotteshaus missbraucht worden sind, sagt: Wir haben eine Anlaufstelle, kommt zu uns in die Kirche. Man erwartet von den Opfern, dass sie am Ort ihres Missbrauchs wieder anklopfen.

41. Ihre Meinung zu Papst Franziskus?

Nun, nach den Erwartungen von Reformen, die ja angekündigt worden sind, ist man doch ein wenig ernüchtert.

«Die Politik hat es nicht vermocht  die Verkehrssituation zu entschärfen.»

42. Sie sind nun seit 20 Jahren im Kanton Zug. Was mögen Sie hier?

Die Landschaft ist schön. Die Distanzen in die grösseren Städte sind kurz. Das steuerliche Klima ist gut. Die Menschen sind freundlich. Ich fühle mich im Kanton Zug sehr wohl.

43. Was nervt Sie hier?

Der Verkehr ist eine Katastrophe. Die Politik hat es in den vergangenen 10 oder 15 Jahren nicht vermocht, eine Veränderung zu bewirken und die Verkehrssituation zu entschärfen.

44. Sie haben drei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich?

Mir wäre wichtig, dass Menschen, die Zwangsmassnahmen erfahren, seelische Verletzungen erlitten und auch im hohen Alter noch Abgründe mit sich herumtragen, dass diese Menschen ihren Frieden finden. Ich wünsche mir, dass wir bei Hirntumoren medizinischen Fortschritt bewirken können, deutliche Lebensverlängerungen möglich werden und die Sterblichkeit gesenkt werden kann. Ich wünsche mir ausserdem, dass Menschen mit Schizophrenie besser in die Gesellschaft integriert werden können und sie eine höhere Wertschätzung erfahren. Das sind meine spezifischen drei Wünsche für meine Projekte.

«Ich lebe nicht auf diesem Planeten, um einfach nur zu konsumieren.»

45. Sie sind nun 50 Jahre alt. Was tun Sie mit dem Rest Ihres Lebens?

Ich lebe nicht auf diesem Planeten, um einfach nur zu konsumieren. Ich habe Aufgaben zu erfüllen. Ich nenne dies Sinnbild meines Lebens, und dieses Sinnbild will ich weiterverfolgen. Das werde ich tun, solange ich lebe – bis der Deckel auf die Kiste fällt.

Halbinsel Hertenstein: Hier ist Fluri privat oft anzutreffen.

Halbinsel Hertenstein: Hier ist Fluri privat oft anzutreffen.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

 

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