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Patriotisch, Fetisch, pathetisch
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Die aktuelle Schweizer Nationalhymne ist erst seit 1961 in Verwendung. Vorher sangen die Schweizer nach der selben Melodie wie die Briten. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Neue Nationalhymne auf dem Luzerner Prüfstand Patriotisch, Fetisch, pathetisch

7 min Lesezeit 11.04.2015, 12:01 Uhr

Nicht alle halten etwas von der Idee einer neuen Schweizer Nationalhymne. Trotzdem stehen nun die sechs Favoriten der Ausschreibung fest. Für zentral+ haben Luzerner Historiker, Musiker und Literaten die Ohren gespitzt und ihre Meinungen zu den Vorschlägen abgegeben. Und diese unterscheiden sich überraschend stark.

Ist der Text «Betet, freie Schweizer, betet!» in der Hymne eines säkularen Staates noch zeitgemäss? Die Aktion «CHymne» findet «Nein» und will eine neue Schweizer Nationalhymne. Der Text des «Schweizer Psalms» sei schwierig zu merken, sprachlich sperrig und nicht mehr der Realität entsprechend, heisst es auf der Website der SGG. «Die Schweiz wird nicht in ihrer heutigen politischen und kulturellen Vielfalt abgebildet.» Nach einer Ausschreibung im vergangenen Jahr wurden sechs Favoriten aus über 200 Vorschlägen erkoren. Diese stehen nun online zum Anhören und zur Abstimmung bereit.

Wir haben getestet, wie die Varianten in Luzern ankommen – nicht bei irgendwem, sondern bei musikalischen, historischen und literarischen Experten, die sich unabhängig voneinander mit den sechs Vorschlägen auseinandergesetzt haben.

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Unsere Expertenjury besteht aus:

Nichts Gottgegegebenes

Kurator Christoph Lichtin ist von der Idee angetan und gespannt, was auch immer dabei herauskomme. «Wir nehmen die Hymne an, als wäre sie etwas Gottgegebenes. Ich finde es toll, dass man grundsätzlich darüber nachdenkt, was man hier eigentlich singt und ob es nicht etwas anderes sein könnte», so Lichtin.

Florian Abächerli steht dem Versuch kritisch gegenüber: «Wenn man mit einer Hymne aufgewachsen ist und sie – gerade als ehemaliger Militärmusiker – hunderte Male schon in allen möglichen Stimmen gespielt und gesungen hat, ist es sehr schwierig, sich nur schon auf den Gedanken einer neuen Hymne einzulassen.» Man könne jedoch schon sagen, dass bei der jetzigen Hymne zu wenig Pep drin sei. Das Argument, dass zu viel von Gott die Rede sei, lässt der Musiker jedoch nicht gelten. «Es steht nirgends von welchem Gott.»

Der Theaterschaffende Daniel Korber findet aus anderen Gründen nicht viel Gefallen am Projekt CHymne: «Für mich ist die bestmögliche aller Welten eine Welt ohne Nationalstaaten und Konkurrenzdenken. Ich finde, dafür gilt es zu kämpfen – ganz egal wie lächerlich das vielen scheinen mag. Vor diesem Hintergrund kann ich natürlich auch keinen Favoriten für eine neue Nationalhymne nennen.» Trotzdem hat Korber sich alle Vorschläge angehört und einen davon doch als nicht total daneben empfunden.

 Die Vorschläge und Bewertungen

A

Alessandra Murer stört sich an den vielen Wiederholungen und Floskeln im Text, die sehr abgedroschen klingen würden. «Das könnte textlich ein Kindergartenlied sein», macht Murer ihren Standpunkt klar.

«Die Fixierung auf die Flagge – Fetisch von Fussballfans?»
Beat Portmann, Schriftsteller

Beat Portmann ist dem ersten Vorschlag, abgesehen von einem Punkt, nicht abgeneigt: «Für diesen Vorschlag spricht die Kürze, die Einfachheit. Dass er nicht zu viele hehre Worte gebraucht. Die Fixierung auf die Flagge scheint mir dagegen etwas fadenscheinig – Sinnbild nationaler Identität oder doch eher Fetisch von Fussballfans?»

Christoph Lichtin bringt die selbe Kritik: «Die Fahne so zentral zu thematisieren scheint mir etwas weit hergeholt. Ausserdem wirkt es etwas gar patriotisch.» Florian Abächerli hingegen findet, diese Version sei zu wenig patriotisch. «Man muss nicht in einer Nationalhymne darüber singen, wie weltoffen man als Land ist, oder vorgibt zu sein.»

B (Lichtins und Murers Favorit)

Das Projekt

Beim Wettbewerb sind 208 Beiträge eingegangen. Die Jury entschloss sich, sechs Beiträge der Öffentlichkeit zu präsentieren, aus welchen bis am 15. Mai 2015 drei Finalisten erkoren werden.

Von Juni bis August 2015 kann online über die Finalisten abgestimmt werden. Und am 12. September 2015 findet das Finale live auf SRF 1 statt. Während der Sendung kann weiter abgestimmt werden. Der Sieger-Beitrag wird dann der zuständigen Behörde als neue Hymne vorgeschlagen.

Lichtin hat hier seinen Favoriten gefunden: «Wir das Volk und die Freiheit – ein recht schöner Text, der historisch spannend ist und uns, das Volk, in den Fokus setzt.» Und auch Murer stellt B oben aufs Treppchen: «Eine rhythmische Veränderung, aber melodisch immer noch nahe am Original. Gefällt mir. Textlich ist diese Version etwas offener gestaltet, sehr malerisch.»

Portmann hingegen kritisiert am Vorschlag B die altertümliche, hölzerne Sprache, auch wegen der Reime. «Bei all den Beschwörungen, nett zueinander zu sein, könnte der Eindruck entstehen, es solle hier ein besonders meuchlerisches Volk besänftigt werden.»

Abächerli macht ebenfalls keine Luftsprünge. «Die Melodie ist im positiven Sinne etwas spritziger. Den Text dieses Vorschlags finde ich ganz ok», so der Musiker.

C

Die Version C kommt bei allen unseren Jurymitgliedern nicht gut weg. Christoph Lichtin kritisiert vor allem den holprigen Beginn. «Der Text an sich ist etwas schwierig», findet der Kurator. Derselben Meinung ist auch Alessandra Murer: «Eine ganz komische Satzstellungen, kombiniert mit noch komischeren Aussagen.» Portmann erinnert diese Version an neuere Kirchenlieder. «Wie in Vorschlag B ist auch hier die pädagogische Absicht spürbar», so der Autor.

Handycap, Romantik und dubiose Gefühle

D (Portmanns und Abächerlis Favorit)

Vorschlag D ist Portmanns Favorit. «Weil schlicht, kurz und knapp. Trotzdem hat er etwas Feierliches, was mit der rhythmisierten Sprache zu tun hat. Er hat diese unaufgeregte Selbstverständlichkeit, die ich als typisch für das schweizerische Nationalbewusstsein begreife. Wir sind uns wohl unserer Stärke bewusst, aber lass uns davon kein Aufhebens machen», führt der Autor aus. Dass zum Schluss noch Gott herangezogen wird, möge irritieren, man könne dies aber als Verweis auf die Tradition verstehen. «Als Metapher für das Vertrauen in unser Schicksal und eine gewisse Demut darüber, dass es uns so gut geht.»

Bei Lichtin und Murer hingegen findet die Melodie dieser Variante keinen Anklang. «Sie ist nicht eingängig, das ist ihr Handycap. Wenn schon eine andere Melodie, dann wäre ich dafür, die alte wieder zu nutzen: God Save the Queen», so Lichtin.

Florian Abächerli könnte sich jedoch mit diesem Vorschlag anfreunden. «Meiner Meinung nach ein guter Text, der genau den Nerv der Zeit trifft.» Zur Meldodie ist Abächerli hier komplett anderer Meinung als Lichtin. Man könne sich diese schnell und gut merken.

E (Korbers Favorit)

Dieser Vorschlag ist der Favorit von Daniel Korber. «Diese Version ist wenigstens nicht heuchlerisch. Dort ist neben der Schönheit der Natur nur die Rede von einem vagen Traum, den es zu wahren gilt: Der Traum, dass jeder gestalten, in Freiheit sich entfalten, Geborgenheit finden kann. Er bleibt anständig und bescheiden im Konjunktiv», so Korber. Und auch musikalisch sei dieser Vorschlag der kurzweiligste. «Aber eben eigentlich: Fight the power!», so unser Punk unter den Juroren.

«Der Text trieft nur so von Romantik.»
Alessandra Murer, Sängerin

Portmann muss diesem Vorschlag ebenfalls ein Kompliment aussprechen: «Geschickt gemacht: Freiheit, Geborgenheit und Friede sind Begriffe, mit denen alle etwas anfangen können.» Lichtin ist hingegen nicht begeistert: «Die neue Melodie und der Rhythmus sind zwar spannend und witzig gemacht, aber das Warum erschliesst sich mir nicht. Und der Text trieft nur so von Romantik.»

Abächerli nimmt diese Melodie und auch den Text als abgehackt und periodisch nicht einheitlich war. «Ich denke nicht, dass es jemanden gibt, der diese Hymne gerne auswendig lernt», so der Musiker.

Und Alessandra Murer stellt sich bei dieser Version so einige Fragen: «Der Refrain in moll beginnend? Soll das etwa als dramatisches Mittel eingesetzt werden? Macht in Bezug auf den Text überhaupt keinen Sinn! Und wem genau sollen wir danken?»

F

Beat Portmann erinnert diese Version mit seinen hochgegriffenen Metaphern an das Pathos der alten Hymne. «Einerseits wieder dieser pädagogische Gestus – Gleichheit, Vielfalt, Eintracht in der Verschiedenheit – andererseits wird dann doch an so dubiose Gefühle wie den Nationalstolz appelliert.» Was aber überhaupt nicht gehe sei das «Schweiz, mein Land, ich liebe dich», so Portmann.

Murer bläst ins selbe Horn: «Ich finde die Schweiz zwar auch super und bin froh hier zu sein, aber muss man in einer Hymne wirklich Schweiz, mein Land, ich liebe dich singen?»

Und auch Lichtin ist kritisch. «Hier werden vor allem in der französischen Variante die Werte der Revolution von 1848 hochgehalten. Das ist zwar ganz interessant, aber doch etwa 150 Jahre zu spät», so der Historiker. Abächerli empfindet den Text vor allem zu hochstehend. «Ein Text sollte auch für nicht Akademiker gut verständlich sein.»

Ehrlichkeit oder Heuchelei

Und zum Schluss eine Liste der «heuchlerischsten» Sätze aus den Beiträgen – herausgesucht von Daniel Korber:

Beitrag A: stark ein Volk, das Schwache stützt
Beitrag B: Jung und alt müh’n sich um Frieden
Beitrag C: Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit machen uns’re Herzen hilfsbereit
Beitrag D: Allem Leben hier Freiheit zu erfahren, dafür stehen wir
Beitrag F: Friedenswiege du für die ganze Welt

«Solche Sachen muss man doch vorfinden können, bevor man davon singen darf», betont Korber.

Rechtliche Situation

Es stellt sich bei diesem Projekt auch die Frage, wer schlussendlich darüber entscheiden darf, ob die neue Hymne überhaupt eine Chance hat.

Lukas Niederberger, Geschäftsführer der SGG erklärt: «Diese Antwort weiss eigentlich niemand mit absoluter Gewissheit.» Die jetzige Nationalhymne stehe jedoch rechtlich auf recht wackligen Beinen. Der Bundesrat erklärte am 1. April 1981 den «Schweizerpsalm» als offizielle schweizerische Nationalhymne. «Der Bundesrat besass jedoch keine ausdrückliche Verfassungskompetenz, eine Nationalhymne zu bestimmen. Denn die Bestimmung der Nationalhymne ist gesetzlich nicht verankert. Auch in der neuen Bundesverfassung ist die Bestimmung der Nationalhymne kein Thema», erklärt Niederberger.

Grundsätzlich gilt aber laut Verfassung, dass alles, was gesetzlich nicht verankert ist, durch die Bundesversammlung und nicht mehr vom Bundesrat entschieden wird. «Erste Indizien weisen darauf hin, dass die gesamte Bundesversammlung zuständig wäre. Regierung wie Parlament hätten zudem die Möglichkeit, diese Frage mit einem referendumsfähigen Beschluss dem gesamten Stimmvolk zur Entscheidung vorzulegen», so Niederberger.

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