Patrick Grinschgl: «Die Zelte retten nicht die ganze Gastrobranche»
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Die Luzerner Restaurants blicken einem besonderen Winter entgegen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stadt Luzern macht Coronaausnahmen Patrick Grinschgl: «Die Zelte retten nicht die ganze Gastrobranche»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 18.11.2020, 05:00 Uhr

Die Stadt Luzern kommt der Gastronomie entgegen: Zelte und Überdachungen sind diesen Winter erlaubt. Zwei Beizen stehen schon in den Startlöchern – das könnte trotz der Coronakrise für einen Hauch Fasnachtsstimmung sorgen.

Unter der Egg, mitten im November: Die Gäste sitzen draussen, tunken ihr Brot ins Fonduecaquelon oder stossen miteinander an. Wer fröstelt, erhält ein warmes Kirschkernkissen, eine Decke oder einen Fellmantel.

So ähnlich könnte es diesen Winter auch andernorts aussehen. Die Stadt Luzern erlaubt es Restaurants, unkompliziert Zelte oder Verglasungen aufzustellen. Luzern folgt damit anderen Städten, die der Gastrobranche auf diesem Weg durch die kalte Coronazeit helfen wollen (zentralplus berichtete).

Weiterhin verboten bleiben Heizpilze. Das schreibt das kantonale Energiegesetz vor, diesbezügliche Bemühungen für eine Ausnahme scheiterten im Kantonsrat (zentralplus berichtete). Ebenso verboten sind Elektroheizungen. Doch gerade die Restaurants Unter der Egg zeigen, dass es andere Wege gibt. Nebst Decken und Fellen könnten Heizkissen, mit denen die Stühle gewärmt werden können, eine Option sein.

Zwei Restaurants gehen voran

Bereits haben zwei Restaurants ihr Interesse für ein winterliches Aussenangebot angemeldet, sagt Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen: Das «Bistro du Théatre», das jeweils an der Fasnacht eine Art Chaletanbau betreibt, möchte auch diesen Winter einen solchen aufbauen. Ebenso hegt das Hotel Schlüssel am Franziskanerplatz bereits konkrete Pläne für einen Aussenbereich im Winter. «Wir hatten weitere telefonische Anfragen und sind jetzt gespannt, welche Ideen noch an uns herangetragen werden», sagt Lütolf.

«Wir sind zufrieden, dass die Stadt tut, was sie kann, um unsere Branche zu unterstützen.»

Patrick Grinschgl, Gastroverband

Beim städtischen Gastroverband stösst die liberale Haltung der Stadt auf positive Resonanz. «Wir sind zufrieden, dass die Stadt tut, was sie kann, um unsere Branche zu unterstützen», sagt Präsident Patrick Grinschgl. So könne jeder Unternehmer selber entscheiden, ohne von den Behörden im Vornherein abgeblockt zu werden. 

Er warnt aber vor zu hohen Erwartungen: «Die Zelte retten nicht die ganze Gastrobranche.» Denn erstens könne nicht jeder Betrieb den Aussenraum sinnvoll nutzen. «Und zweitens ist nicht jeder bereit zu investieren, wenn man die Summe bis Ende März bereits amortisiert haben muss – und wenn als ständiges Damoklesschwert ein erneuter Lockdown über uns schwebt.»

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Ähnlich äussern sich andere Gastronomen im Gespräch mit zentralplus. Beispielsweise Simone Müller-Staubli, Geschäftsführerin mehrerer Restaurants und Mitinitiantin der Gastro- und Hotelagentur Schatz AG. «Die Unsicherheit bleibt: Geht man das Risiko ein, etwas zu bauen, wenn der Bund vielleicht im Dezember oder Januar wieder alle Betriebe schliesst?»

Zudem empfinde sie es als Widerspruch, wenn die Behörden der Bevölkerung gleichzeitig empfehlen, möglichst wenige Menschen zu sehen und zu Hause zu bleiben. «Man müsste es an einen Aufruf koppeln: Ihr könnt mit gutem Gefühl essen gehen, denn die Schutzkonzepte funktionieren», so Müller-Staubli. Grundsätzlich sei aber jeder Entscheid in Richtung mehr Freiheiten für die betroffenen Unternehmen ein positiver. 

Als man noch über Pflanzenkübel stritt

Diesbezüglich hat sich in der Stadt Luzern einiges bewegt. Noch vor wenigen Jahren diskutierte man über die Zahl der Pflanzentöpfe vor Eingangstüren und über Kerzen auf dem Brunnenrand einer Restaurantterrasse (zentralplus berichtete).

«Kritische Stimmen blieben bislang weitgehend aus.»

Mario Lütolf, Stadt Luzern

Das seien Einzelfälle gewesen, die medial für Aufsehen sorgen und teilweise politisch instrumentalisiert wurden, sagt Mario Lütolf. Und dennoch: «Es stimmt: bis vor ein, zwei Jahren waren gewisse Vorgaben strenger – aber das hat nichts mit Corona zu tun.» 

Es gab politische Vorstösse, Entscheide im Stadtrat, Workshops mit Gewerbevertretenden. Grundlagen zur Nutzung des öffentlichen Grund wurden gelockert und seither gelten für Geschäfte und Gastroterrassen zum Teil neue Rahmenbedingungen (zentralplus berichtete). «Nur wurde das in der Wahrnehmung völlig überlagert vom Lockdown im Frühling und von der einsetzenden Coronadiskussion», so Lütolf.

Mario Lütolf von der Stadt Luzern zieht ein positives Zwischenfazit.

In der Bevölkerung zumindest schien das Ferienflair diesen Sommer gut anzukommen. Über 100 Gastrobetriebe nutzten das Angebot, zusätzliche Fläche zu bespielen. «Die Erfahrungen sind gut», bestätigt Lütolf. «Kritische Stimmen, die sich beispielsweise über Lärm, Konsumzwang oder übernutzte Räume beschwerten, blieben bislang weitgehend aus.» Der Stadtrat hat deshalb bereits beschlossen, dieses Angebot bis Ende 2021 zu verlängern.

Keine Partymeile, aber vielleicht etwas mehr Italianità

Es ist derzeit noch zu früh, um zu beurteilen, welche Massnahmen über die Coronakrise hinaus bestehen bleiben. Laut Mario Lütolf werden die Diskussionen im nächsten Jahr nähere Erkenntnisse bringen.

Die Luzerner Stadträtin Franziska Bitzi Staub gab sich noch diesen Sommer in einem Interview mit zentralplus eher zurückhaltend: «Wenn man die ganze Stadt zu einer Partymeile macht, ist die Erholung für die Daheimgebliebenen nicht dieselbe.» Trotzdem schloss auch sie nicht aus, dass sich neue Türen öffnen könnten.

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1 Kommentare
  1. CScherrer, 18.11.2020, 09:32 Uhr

    Nachvollziehbar, dass eine gewisse Unsicherheit bleibt. Dennoch sollte die Branche zur Kenntnis nehmen, dass die Gastronomie am lautesten nach einer Öffnung gerufen hat. Schutzkonzepte sind in den meisten Restaurants, Bars in der Stadt Luzern makulatur. Mittlerweile sind in den meisten Restaurants sämtliche Tische wieder aufgestellt. Schnell kann man feststellen, dass diejenigen Betriebe, welche vor der Pandamie erfolgreich und etabliert waren, auch jetzt gut funktionieren. Die Stadt kommt der Branche entgegen, lässt Innovationen ohne den administrativ grossen Bewilligungsaufwand zu. Gemotzt wird von den Verbandsangestellten trotzdem. Gerade in der Stadt Luzern, wo viele Gastrobetriebe dicht gedrängt aufeinander folgen, wäre es an der Zeit, dass man sich zusammensetzt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Gemeinsam seid ihr stärker und vermutlich auch kreativer. Dazu kommt, dass so die Chance grösser ist, dass solche Aussenzelte etc. einheitlich daher kommen und nicht jeder weiter zur Verschandelung dieser Stadt beiträgt.
    Das ewige Reklamieren der Verbandsverantwortlichen nervt und ist schon lange nicht mehr glaubwürdig. Lasst die Gastronomie kreativ und innovativ, aber nicht nörgelnd sein.

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