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Papst-Kritiker Hochhuth war Persona non grata in Zug
  • Kultur
Der «Stellvertreter» auf der Bühne des Theaters Basel: Pater Riccardo Fontana heftet sich vor dem Papst den Judenstern an. (Bild: Kurt Wyss)

Sein Drama erhitzte Gemüter im Kantonsrat Papst-Kritiker Hochhuth war Persona non grata in Zug

7 min Lesezeit 2 Kommentare 01.06.2020, 05:00 Uhr

Die Zuger Regierung verweigerte am 17. Mai 1963 dem kürzlich verstorbenen Dramatiker Rolf Hochhuth die Aufenthaltsbewilligung. Der Grund war dessen kurz zuvor uraufgeführtes Drama «Der Stellvertreter» über das Schweigen des Papstes zur Shoa.

Als der Zuger Arcadia-Verlag am 7. Mai 1963 ein Gesuch um Erteilung der Aufenthaltsbewilligung für dessen Lektor Rolf Hochhuth sowie seine Familie einreichte, war dieser seit zehn Wochen eine Weltberühmtheit. Dessen im Februar in Berlin uraufgeführtes Drama über das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust provozierte begeisterte Zustimmung in linken und liberalen Kreisen und einen Sturm der Entrüstung unter den konservativen Katholiken (siehe Box).

«Verletzung der religiösen Gefühle»

Bereits am 17. Mai lehnte die Zuger Fremdenpolizei das Gesuch ab. Zwischenzeitlich hatte der zuständige Polizeidirektor Carl Staub, ein Altherr des rechtslastigen Studentenvereins (StV), seine Regierungskollegen konsultiert.

Für den negativen Entscheid wurden zwei Gründe genannt, ein vorgeschobener und ein ehrlicher. Der erste lautete: «Die Zahl der Ausländer im Kanton Zug ist bereits sehr gross.» Der Kanton Zug, der damals seine Karriere als Steueroase startete, hatte 1963 4’208 Aufenthaltsbewilligungen erteilt. 1964 waren es bereits über 5’000.

Der zweite Grund lautete: «Der ‹Stellvertreter› hat im In- und Ausland eine vehemente öffentliche Diskussion verursacht, die im Hinblick auf die Verletzung der religiösen Gefühle des Grossteils der Zuger Bevölkerung eine Aufenthaltsbewilligung nicht als opportun erscheinen lässt.»

Rolf Hochhuth nach einer Lesung seines Buchs «McKinsey kommt» im Duisburger Kleinkunsttheater „Die Säule“, 2005 (Bild: Wikipedia)

«Wirkung auf breite Öffentlichkeit»

Im September, als das Stück erstmals in der Schweiz aufgeführt wurde, reichte der freisinnige Kantonsrat Hans Ulrich Kamer eine kritische Interpellation ein. Auf die Frage, ob «die Persönlichkeiten, welche die Ablehnung des Gesuches verfügten oder veranlassten», das Stück überhaupt gelesen hätten, schrieb die Regierung in ihrer schriftlichen Antwort vom 12. November 1963, dass «weder der Vorsteher der Fremdenpolizei noch der Vorsteher der Justiz- und Polizeidirektion» dies getan hatten. «Dagegen war ihnen die Wirkung des Stücks ‹Der Stellvertreter› auf die breite Öffentlichkeit bekannt.»

Leicht fiel dem Regierungsrat, dem vier Konservative, zwei Freisinnige und ein Sozialdemokrat angehörten, die Antwort nicht. Im fraglichen Dossier des Staatsarchivs findet man fünf verschiedene Versionen, wobei die erste, die Zug als «katholischen» Staat darstellte, die härteste und die definitive die diplomatischste war.

In dieser wird Hochhuth vorgeworfen, «die Persönlichkeit des im Jahre 1959 verstorbenen Papstes Pius XII. arg verzeichnet» zu haben. «Es würde sicher nicht verstanden, wenn einem Ausländer, dessen Werk die religiösen Gefühle der Mehrheit der Bevölkerung beleidigt, Gastrecht geboten würde.»

Da Kamer mit der Antwort nicht einverstanden war, kam es am 21. November zu einer ausführlichen Kantonsratsdebatte. Paul O. Pfister, der Redaktor des Parteiorgans «Zuger Nachrichten», setzte über den Ratsbericht den Titel «Hochhuth verlängert die Sitzung» (ZN 25.11.63).

«Schmähschrift eines Gotteslästerers»

Kamer schloss sein brillantes Votum, das auch das Drama kritisierte, mit dem Hinweis, dass «sich hier eine Mentalität manifestiert, die lieber mit den Machtmitteln des Staates ficht als mit der Überzeugungskraft des Geistes.»

Von den elf folgenden Rednern wurde Kamer nur vom Sozialdemokraten Emil Rüeger unterstützt. Dieser wies darauf hin, dass die Kirche mit dem Jesuitenpater Riccardo auch durch eine «sympathische Figur» vertreten sei.

Leichte Kritik an der Regierung übte auch der Freisinnige Andreas C. Brunner. Alle anderen neun Redner, sieben Konservative und zwei Freisinnige, überboten die Regierung in ihrer Schärfe gegenüber dem Theaterstück. Der spätere CVP-Polizeidirektor Rudolf Meier betonte, dass der Regierungsrat aufgrund des Gelöbnisses, «nach bestem Gewissen unseren christlichen Staat vor solchen Einflüssen zu schützen», gar «nicht anders handeln» konnte.

Antonio Planzer, der später CVP-Volkswirtschaftsdirektor wurde, nannte den «Stellvertreter» ein «übles Pamphlet und eine Schmähschrift eines Gotteslästerers mit pornographischen Zügen». Dies illustrierte er mit Zitaten: «Leute von der Art Hochhuths verdienten kein Gastrecht im Kanton Zug.»

Der Stellvertreter wurde 2002 von Costa-Gavras unter dem Orginaltitel «Amen» verfilmt (Bild: Screenshot)

«Ein Freund des Menzigerbergs»

Paul Stadlin griff seinen Parteikollegen Kamer scharf an. Und er schloss mit der Bemerkung: «Wenn das Gesuch gutgeheissen worden wäre, so könnte man geradezu davon sprechen, Hochhuth sei für sein Werk prämiert worden.»

Der ebenfalls freisinnige Gottfried Zürcher lobte den Regierungsrat für seine «Zivilcourage, indem er Hochhuth als ‹Persona non grata› bezeichnet habe». Der Menzinger nimmt «Papst Pius XII.» auch als «einen Freund des Menzingerbergs» in Schutz. Tatsächlich hatte der damalige Vertreter des Vatikans in Deutschland, Eugenio Pacelli, in den 1920er-Jahren regelmässig im Sommer das Kloster Menzingen aufgesucht.

Die beiden freisinnigen Papst-Verteidiger wurden gut 28 Jahre später, in einer ähnlichen Debatte, zu ebenso heftigen Bundesrat-Etter-Verteidigern. Stadlin tat es ausserparlamentarisch, Zürcher im Kantonsrat am 30. Januar 1992. Auch hier brachte er den «Menzingerberg», Etters Herkunft, ins Spiel. Dabei postulierte er für die Interpellantin Madeleine Landolt die «rote Karte, was Platzverweis bedeutet». Wie sich «Persona non grata» und «rote Karte» ähneln, haben auch Papst Pius XII. und Bundesrat Philipp Etter auffällige Gemeinsamkeiten.

Die Zuger Hochhuth-Debatte fand in den Schweizer Medien ein erhebliches Echo. Dabei betonten die Freisinnigen den Vorstoss und die Argumente Kamers und die Konservativen die der Zuger Regierung. Die Papstanhänger stellten den «Stellvertreter» als Kampagne gegen den Katholizismus dar.

So erschien am 21. Oktober in den «Zuger Nachrichten» auf der Frontseite ein längerer Text mit dem Titel «Bedauerlicher Rückfall in neue Katholikenhetze». Gleichzeitig versuchte das Parteiblatt, die eigene antisemitische Vergangenheit zu verleugnen.

«Wir schaudern und wenden uns ab»

Dabei hatten die Zuger Nachrichten noch am 10. April 1963 auf der Titelseite unter dem Bild des kreuztragenden Christus den Text «Zum Karfreitag. Ahasver» veröffentlicht. Hier waren Sätze zu lesen wie: «Zwei düstere Gestalten geistern durch die Karwoche. Die eine treffen wir am Donnerstagabend: Judas Iscariot. Die andere Gestalt, Ahasver, der ewige Jude, beherrscht den Freitag. Weil Ahasver Jesus von der Schwelle seines Hauses weggewiesen hatte, kann er keine Ruhe mehr finden. Das ist der Fluch der Herzlosigkeit.»

Rolf Hochhuth stellte sich im Mai 1963 eine Diskussion in der Sendung «Antenne» des Schweizer Fernsehens. (Screenshot)

Der Abschnitt schliesst mit den Sätzen: «Wie muss jeder Karfreitag dem Ahasver zum fürchterlichen Wiedererleben werden. Wir schaudern und wenden uns ab.»

Auch von den Wahrheiten in Hochhuths «Stellvertreter» wandten sich die Konservativen und viele Namensliberale ab. Das Drama war zum «fürchterlichen Wiedererleben» geworden. Beispielsweise einer Boot-ist-voll-Politik, die während des Zweiten Weltkriegs Tausende von Juden in den sicheren Tod geschickt hatte.

Die Abweisung Hochhuths war vor allem ein Akt des Verdrängens.

Was kann man gegen die Wahrheit tun?

Das christliche Trauerspiel wurde am 21. Februar 1963 auf der Freien Volksbühne Berlin unter der Regie von Erwin Piscator uraufgeführt. Im Mittelpunkt des Stücks steht der junge Jesuitenpater Riccardo. Als Attaché des päpstlichen Nuntius in Berlin erfährt er im August 1942 durch den protestantischen SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, einen historisch verbürgten «Maulwurf», von der Vernichtung der Juden.Vergeblich versucht Riccardo im Februar 1943 den bestens informierten und ihm persönlich verbundenen Papst zu überreden, seine Stimme gegen die Shoa zu erheben. Der antikommunistische und deutschfreundliche Pius XII. hält an seinem Schweigen und an dem von ihm als Nuntius im Juli 1933 abgeschlossenen Konkordat mit dem Nazi-Regime fest.

Riccardo heftet sich einen gelben Stern an sein geistliches Gewand und begleitet eine Gruppe römischer Juden, die in Sichtweise des Vatikans verladen worden sind, nach Auschwitz. Dort erleidet der Jesuitenpater stellvertretend für den «Stellvertreter Christi auf Erden» den Märtyrertod.

In katholisch-konservativen Kreisen entfachte die Anklage gegen Pius XII. einen Sturm der Entrüstung. Einer der heftigsten fegte im Herbst 1963 anlässlich der Theater-Aufführungen in Basel, Olten, Aarau und Bern durch die Schweiz. Die erste Protestaktion gegen Hochhuth aber war die Aufenthaltsverweigerung für Hochhuth und seine Familie durch die Zuger Fremdenpolizei.

«Der Stellvertreter», eines der berühmtesten Dramen der Nachkriegszeit, verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal. 2001 kam der gleichnamige Film von Constantin Costa-Gravas ins Kino.
Die deutsche Wochenzeitschrift «Die Zeit» veröffentlichte am 23. April 2020 ein Dossier über die ersten Funde im kürzlich geöffneten Vatikan-Archiv unter dem Titel «Der Papst, der alles wusste – und schwieg». Papst Johannes XXIII., der das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) einberufen hatte, soll kurz vor seinem Tod am 3. Juni 1963 auf die Frage, was man gegen den «Stellvertreter» tun könne, die Antwort gegeben haben: «Was kann man gegen die Wahrheit tun?»

Rolf Hochhuth starb am 13. Mai 2020 in Berlin im Alter von 89 Jahren.

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2 Kommentare
  1. Dörflinger André, 02.06.2020, 02:39 Uhr

    Papst Pius XII starb 1958. Jahr 1959 ist falsch !

    Ich erinnere mich gut an die Nachricht im Radio am SoN 12.X.58 = das war in den damals noch stock-konservativen KK-ETTER-Zeiten eine kleinere Sensation.

    Der Grundfehler des Pacellipapstes war die Ausarbeitung des Konkordates mit den Nazi anno 33.
    Er hätte da zuerst mal seinem Chef, dem Pius XI, ein vehementer Gegner der NS-Bewegung und ab 1933 auch des DUCE, vorschlagen sollen, eine gewisse Zeit zu warten, zu sehen, wie sich der Kerl AH aufführe. Bei den Lateranverträgen 1929 war dieser noch gemàssigter, noch nicht mit AH verbandelt.
    Es hat der ganze WESTEN gegen diesen Kerl AH versagt, allen voran die USA > Roosevelt, der ab 1937 viel vehementer dagegen hàtte vorgehen sollen.

  2. mebinger, 01.06.2020, 18:29 Uhr

    Früher war nicht alles besser

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